Die Darstellung der Mutter, die den Arm um ihren kleinen Sohn legt, gehört zu den ersten Blättern des
reichen druckgrafischen Werks von Mark Chagall (1887–1985). Sie ist Bestandteil einer Folge von 20
Radierungen, die der Künstler 1923 zu seiner Autobiografie „Mein Leben“ schuf und welche Chagalls Kindheit und Jugend im jüdischen Viertel von Witebsk (Weißrussland) illustriert. Es sind fantastische, traumartige Bilder, die dem poetischen Charakter von Chagalls Erzählung entsprechen.
Der Erzählung Chagalls zufolge hatte seine Mutter Feiga-Ita in der Familie die Fäden in der Hand und
besserte das schmale Einkommen des Vaters, der 32 Jahre lang Fische verpackte, mit einem kleinen
Geschäft auf. Der Künstler zeigt sie als energische, wohlbeleibte und gutmütig lächelnde Frau, die mit
beschwingtem Schritt ihren Sohn lenkt. In ihren fragmentierten Umrissen verkörpern die Figuren eine
schwerelose, behände Leichtigkeit, ohne Anbindung an irgendeine Umgebung und losgelöst von jeglicher Erdenschwere. Es ist die aufscheinende Erinnerung an eine verschwundene Welt, die der Künstler grafisch erfasst.