Ein Musentempel im Schlossgarten
Die Zeichnung Weinbrenners von 1806 zeigt die repräsentative Fassade und Seitenansicht des Hoftheaters in einem frühen Entwurfsstadium.
Der Aufbau des Theaters
Im Grundriss des Erdgeschosses ist die Anordnung der verschiedenen Bereiche zu sehen: die Bühne (oben im Grundriss), der Zuschauer*innenraum mit den Sitzreihen und den Logen (in der Mitte) und das Foyer (unten im Grundriss). Über dem Plan vermerkte der Architekt, dass das Theater bis zu 1800 Plätze bieten sollte. Viel Aufmerksamkeit widmete Weinbrenner der Überlegung, wie die Plätze für die bestmögliche Sicht auf die Bühne organisiert sein sollten. Er entschied sich für eine halbrunde Anordnung in Form einer Lyra, die die Sitzreihen im Parkett umschließt.
Vor und hinter den Kulissen
Der gezeichnete Längsschnitt durch das Theater zeigt alle Bereiche auf einen Blick: das Foyer und den Festsaal darüber, den Zuschauer*innenraum mit drei Galerien und die Bühne, die Unterbühne und den hohen Dachstuhl.
© Prof. Dr.-Ing. Julian Hanschke Die digitale Rekonstruktion des Längsschnitts nutzt die vielen Informationen in Weinbrenners Zeichnung und erzeugt daraus eine dreidimensionale Ansicht. Es scheint, als könnte man noch weiter in die verschiedenen Räume des Theaters hineinblicken oder darin umherwandeln.
Wo man sich trifft
Blickt man in der Rekonstruktion in Richtung des Eingangsbereichs, sind im Erdgeschoss das Foyer mit seinen Säulen und im ersten Stock der geplante, aber nicht ausgeführte Konzert- und Kasinosaal mit den vorgelagerten Erschließungsbereichen zu sehen. Die zahlreichen Besucher*innen schätzten das Theater nicht nur als Ort von Bildung und Unterhaltung, sondern auch als Ort des gesellschaftlichen Lebens.
© Prof. Dr.-Ing. Julian Hanschke Die Rekonstruktion des großen Konzert- und Kasinosaals zeigt die Ausstattung mit ägyptisch inspiriertem Skulpturenschmuck, gemalten Stoffdrapieren an den Wänden, einem antiken Fries am oberen Wandabschluss und einem großen Deckenleuchter. Das Deckengemälde ist hier basierend auf einer Skizze aus dem Umkreis Weinbrenners
(KIT, saai) angedeutet, um die Raumwirkung zu veranschaulichen.
Rekonstruierte Pracht
Wie hätte die Loggia des großen Kasinosaals aussehen sollen? Dieser Rekonstruktionsversuch nähert sich der verlorenen Architektur an: Die gemalte Kassettendecke und der breite Figurenfries sind digital ergänzt und basieren auf einer vergleichbaren Ausstattung in Weinbrenners Haus der Museumsgesellschaft (ebenfalls zerstört).
© Prof. Dr.-Ing. Julian Hanschke Vorhang auf
Weinbrenners Zeichnung zeigt den Querschnitt des Theaters mit Blick auf die Bühne, eingerahmt von dem blau und golden leuchtenden Vorhang. Der Bühnenprospekt zeigt den Karlsruher Marktplatz mit Weinbrenners bekanntesten Bauten, obwohl diese teils erst viele Jahre nach der Anfertigung der Zeichnung vollendet wurden. Am Ende der Blickachse erhebt sich der Turm des Schlosses.
Wie Illusion entsteht
Die digitale Rekonstruktion verbindet viele Details aus verschiedenen Zeichnungen zu einem Blick weit in den Bühnenraum. Die gestaffelten Kulissen aus immer kürzer werdenden Säulen verstärken den Effekt der Tiefe. Komplettiert wird die Illusion durch den gemalten Ausblick in den Stadtraum.
© Prof. Dr.-Ing. Julian Hanschke Logenplätze
Basierend auf Weinbrenners Zeichnung öffnet die digitale Rekonstruktion den Blick durch den Zuschauerraum: im Mittelpunkt der drei Galeriengeschosse die großherzogliche Loge, die von roten Vorhängen gesäumt wird. Die Ausstattung wurde vorwiegend als Malerei auf Holz und Stuck ausgeführt, die marmorierten Stein, Textilien und bronzene Schmuckelemente imitierte.
© Prof. Dr.-Ing. Julian Hanschke
Auch die Dekoration der Decke im Zuschauer*innenraum bereitete Weinbrenner in einer
detailreichen Zeichnung mit antiken Groteskenmotiven vor. Die einzelnen Segmente der gemalten Dekoration täuschen ein gespanntes Stoffsegel statt einer flachen Decke vor.
Vergängliche Pracht
Eine nach Augenzeugenberichten angefertigte Zeichnung zeigt den Moment, in dem Weinbrenners Theater zerstört wurde: 1847 löste die Gasbeleuchtung während einer Vorstellung einen Brand aus, dem zahlreiche Personen wegen versperrter Fluchtwege zum Opfer fielen. Die Ausstattung des Theaters mit leicht brennbaren Materialen und fehlende Löschmittel sorgten dafür, dass der Bau vollständig niederbrannte.
Abbildung: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVa 600