Abbildung des Gemäldes Gruppenbildnis eines Vaters mit zwei Söhnen des Malers Karl Philipp Schwab
Lutz Seiler

Zitronenpelargonie

Sebastian Mirow liest Lutz Seiler
Mit freundlicher Genehmigung von Linon. Medien für Museen.
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Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlages.

Wenn die Söhne etwas nicht verstehen, beginnt der Vater mit Erklärungen, und zwar von allem Anfang an, bei den Grundlagen, wie er es nennt, den Voraussetzungen, im Urschleim des Weltwissens. „Was wollt ihr einmal ohne die Grundlagen tun, ohne Kenntnis der Dinge, auf die alles aufbaut, auf denen einfach alles beruht?“ Durch knappe klare Fragen, bestechend in ihrer Logik und Pädagogik, führt er die Kinder dann heraus aus ihrem Dämmerdunkel, Schritt für Schritt, aber die Schüler bleiben stecken, straucheln, öfter als es logisch wäre, und also kehrt der väterliche Lehrer – die gewissenhafte Weltanschaung befiehlt es ihm geradezu – zum Urschleim zurück. Fragen, welche die Grundregeln des Rechnens mit gebrochenen Zahlen betreffen, werden wiederholt gestellt, einmal so und einmal so, nur leider etwas harscher jedes Mal. Die väterliche Stimme ist viel lauter jetzt, als er es je im Sinn gehabt („Das rechnen mir die Affen auf dem Jahrmarkt aus…“, „Herr Gott im Himmel, lieber Scholly…“ oder „Klapp endlich deine Augen auf…“), während die Köpfe der Kinder sich tiefer beugen über ihre Papiere und Rechenschieber. Das allgemeine Rauschen hat schon begonnen in ihren Schädeln („Den Kopf wohl nur zum Haareschneiden…“), dann der erste Schrei. Aus irgendeiner Höhe saust die Faust auf ihren Tisch, die Tinte spritzt, die Federn springen. Ein Schlag, der auch den großen, langgestreckten Zweig der Citruspelargonie knickt, die sie, die liebe Köchin, für das Herbarium beschafft und schon beschriftet hat mit einem Etikett: Pélargos, grch. Storch, Blüte storchenhaft, 200 Arten, 1600 in Europa, 1700 in Schwaben, verw. als Parfüm, Gewürz, Arznei, bei Reibung der Blätter starker Geruch, hilft beim Denken.

Aber jetzt hilft gar nichts mehr. Der Blick verschwimmt, der Jüngste weint ganz unverhohlen. Längst ist der Vater aufgesprungen, er atmet schwer durchs Zimmer, auf und ab, zum Fenster und zum Tisch zurück; Zitronengeruch.

Gut. Der Vater selbst ist einmal Sohn gewesen, und ja, damals wurden noch ganz andere Saiten aufgezogen, aber was heißt Saiten…

„Nicht gewusst, hieß nicht gelernt, versteht ihr das?“

Die Söhne schweigen lieber. Während der Vater an den eignen Vater denkt, an die allein für ihn bestimmte Beute aus den Befreiungskriegen…

„Kennt ihr den Siebenziehmer?“

„Nein.“ Ein leises, fast unhörbares Nein.

„Sieben mal sieben Lederstreifen über Beine oder Rücken oder beides, je nachdem, sind neunundvierzig Peitschen oder zweimal neunundvierzig sind schon achtundneunzig“, so rechnet es der Vater vor, „während ich an diesem Tische gestanden, ohne Hemd oder Hose, je nachdem, und es gestehen sollte.“

„Was denn gestehen, lieber Vater?“

„Nicht gelernt zu haben.“

„Und haben Sie es zugegeben?“  

„Erst nein. Dann ja.“

„Warum?“

„Weil der Vater recht hatte damit.“

Die Söhne schwiegen wieder. Der Kleine drehte am Globus, die Erdachse quietschte.

„Die Väter haben recht, man versteht es nur eben erst später. Aber gut, jetzt lasst uns Träume hören.“

Der Vater schlug das Buch auf, das an jedem Morgen schon bereit lag auf dem Tisch, er nannte es das „Traum- und Küchenbüchlein“. Das ganz Unglaubliche an der Sache war, dass der Vater alles mitschrieb, einfach alles, was die Kinder ihm erzählten, als wäre er ihr Sekretär. Seit einiger Zeit begannen die Träume des älteren Sohnes (er war dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten) wie reine Mathematik; sie ähnelten den Textaufgaben aus ihrem Unterricht:

„10 Hasen hüpften um einen Baum…“ oder

„3 Wölfe wollten einen Fuchs fangen. Dann sahen sie den Bären…“ oder

„8 Läuse haben 6 Kinder gebissen…“ Und so weiter.

Der Vater zweifelte nicht, er schrieb, denn das war doch ihr schönstes Beieinandersein, sie alle drei und alle Träume, auch die der Algebra, sogar die ausgedachten Träume. Sicher, er hatte die Schatten gesehen unter den Augen. Die Hilflosigkeit des großen Sohnes war sein tiefster Schmerz. Der Jüngere (die versöhnlichen Bögen der Augenbrauen – der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten) träumte anders von den Dingen:

„Wir hatten das Haus neu bekommen. Aber unsere liebe Mutter war schon im Himmel, und Sie, Herr Vater, haben im Garten umgegraben. Plötzlich lag da ein armer kleiner Neger in der Erde. Sie haben mich gerufen, dann haben Sie ihn ausgegraben, ganz vorsichtig, mit dem Spaten des Gärtners, und dann haben Sie dem Negerlein einen schönen warmen Brei gebracht. Ich habe ihn gewaschen und angezogen mit meinen Sachen, alles passte, wie gemacht. Dann haben wir ihn auf Vaters Chaiselongue gelegt, in den Musiksalon. Wir haben ihm Essen und Trinken gegeben und einen Tee mit Zitrone.“ Wie selbstvergessen rieb der Kleine an dem Zweig, der halb zertrümmert vor ihm lag. Der Duft war stark und wunderbar. „Dann habe ich mich zu ihm gesetzt und seinen Bauch gestreichelt, weil er Schmerzen hatte. Dann hat er bei uns gelebt, ich meine, wie wir, wie richtige Leute. Aber dann kam seine eigene Mutter und hat ihn abgeholt. Sie sagte, sie hätte die ganze Zeit aus der Ferne zugeschaut und sich diese und jene Gedanken gemacht – wie alle Eltern es tun, nicht wahr, Herr Vater?“

Der Vater schrieb, schrieb alles auf, weshalb er jetzt nicht sprechen konnte. Ob er nicht doch wieder heiraten sollte? Die Köchin vielleicht?

Am Ende legt er die Feder beiseite und das Postkutschenspiel beginnt, gleich in vollem Galopp. Die Kinder kreischen. Der Vater ist Kutscher und Kutsche zugleich, vor allem aber ist er das Pferd, ein Bärenpferd mit breiten Hufen, die durch die Kurven stampfen; die Kinder, die jetzt auf seinen Oberschenkeln reiten, werden auf und ab, hin und her geworfen. Man kann sich wirklich kaum noch halten in der Kutsche, die Stimmen springen, ein Gejodel und Gejohl – die schlechten Wege durch das Land machen alles unverständlich. Dann ist die Grenze erreicht. Das Bärenpferd wiehert, ein Posten taucht auf. Die Kinder kramen nach ihren Papieren, zuerst der Passierschein (ein tränenverschmiertes Übungsblatt voller gebrochener Zahlen), dann das Zertifikat des Hofes (rasch wird der geknickte Zweig der Pelargonie abgezupft und vorgezeigt).

„Zitrone, oh!“ Der Posten verbeugt sich und wünscht gute Reise.

Über den Autor

Porträt des Schriftstellers Lutz Seiler

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera geboren. Er studierte Germanistik in Halle und Berlin. Seit 1997 ist er Leiter des Peter-Huchel-Hauses in Wilhelmshorst. 2003 erhielt er den Bremer Literaturpreis für vierzig kilometer nacht, Gedichte, 2007 den Ingeborg-Bachmann-Preis für Turksib, 2010 den Deutschen Erzählerpreis für Die Zeitwaage und 2012 den Rainer-Malkowski-Preis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, 2014 den Deutschen Buchpreis für Kruso sowie 2020 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Seiler ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Berliner Akademie der Künste. Zuletzt erschien der Roman Stern 111 im Suhrkamp-Verlag.

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