Ruisdaels Landschaftsgemälde Große Baumgruppe am Wasser
Jacob Isaackszoon van Ruisdael: Große Baumgruppe am Wasser

Marion Poschmann

Bäume der Erkenntnis

Marion Poschmann liest Marion Poschmann
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Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlages.

Luft

Geröllwolken, Rollwolken, quellende Wolkenformen
die schnell aufeinanderfolgen in unablässigem Aufhellen
Anschwellen, ständig verändert und mit der Textur von
Puder, Übermut

oder wie Spuren im Staub, ganze
Staubgebäude, in denen sich Fernweh ansammelt
anstaut wie Unmengen Flusen, wie lautlose Detonationen
der Sehnsucht, und abermals

weitere weiche Bleibebemühungen, plötzlich ein grelles
Kirschblütenweiß und von stürmischen Böen zerwühlt
oder kochende Laken, die wieder ins dunklere Wasser

absacken
grollende Trümmertransporte, bellende Winde, und bald
der Gestaltwandel aber und langer Atem

Laub

Hutewald, heißt es, unendlich verzögertes
Hinsinken, heißt es, aus zitternden Linien Laub und
die Lichter wie eingefriedet, zu winzigen Spiegeln gerahmt
was wohl Blendung war, Blatt über Blatt, oder ewiger Vorbehalt

noch einen Sommer lang die Lebensform Sofa
Hügel und Hain
wo wir wieder, wo vielfach wie dumpfer Schotter, wie altes
Begehren die Eicheln fielen, wo lichtgemästetes Vieh wiederkäute

die Bäuche voll Cumulus, voller Stratus, voll Spiegelbildern
ein Finden und Finden
ein Ort aber, Ort unter Bäumen, wo Bäume

Säumnisse sind
aber später doch, und unhaltbar, zunächst
noch nicht

Ruisdaels Landschaftsgemälde Große Baumgruppe am Wasser
Jacob Isaackszoon van Ruisdael: Große Baumgruppe am Wasser
Licht

sie überzogen den Himmel wie maßlose Moose
Polster aus Feuchtigkeit, reines Als Ob, diese
Baumpartien im Habitus Eichenhain, oft
war es so, daß es sich wiederholte, daß nachgiebige

majestätische Kronen, daß gegen das Licht, daß es moderte
thronte, auf daß lange Flüge über die Auen, über
zerbrochenen Birkenstämmen, geknicktem Schilf und
verrottetem Astwerk

zwei Wildenten landeten sanft auf dem Wasser
wie fallendes Laub, aber oft war es so, daß wir
formvollendete Omen mit heimlicher Furcht

betrachteten
nahe am Ufer und ganz wie damals
schon gilb in der klaren Herbstluft

Über die Autorin

Foto der Autorin Marion Poschmann

Geboren wurde Marion Poschmann 1969 in Essen. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Slavistik in Bonn und Berlin. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Peter-Huchel-Preis 2011, den Ernst-Meister-Preis 2011, den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2013, die Thomas-Kling-Poetikdozentur 2015, den Deutschen Preis für Nature Writing 2017 sowie den Klopstock-Preis für neue Literatur.
Zuletzt erschienen bei Suhrkamp u.a.: Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien (2016), Die Kieferninseln. Roman. (2017) sowie Nimbus. Gedichte. (2020).

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