Die Welt in Bildern. Die Sammlung Bernd Stiegler
Dr. Leonie Beiersdorf, Kuratorin und Leiterin der Abteilung Sammlung und Wissenschaft, beleuchtet die Bedeutung der Fotografie in der Sammlung der Kunsthalle und gibt Einblick in die vielfältige Sammlung Stiegler.
Warum die Fotografie warten musste
Wie viele Fotos haben Sie heute schon betrachtet, aufgenommen oder geschickt bekommen? Fotografie ist für uns allgegenwärtig – vertraut und selbstverständlich.
In der Sammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe war sie hingegen lange eine Ausnahme. Zwar erhielt das Museum bereits 1884 aus großherzoglichem Besitz rund 15.000 fotografische Reproduktionen bedeutender europäischer Kunstwerke. Die technisch anspruchsvollen Aufnahmen der Firma Adolphe Braun dienten der kunsthistorischen Forschung. 1982 wurde dieser Bestand an das Bildarchiv Foto Marburg abgegeben. Danach gelangten nur noch selten und eher vereinzelt Fotografien in die Sammlung.
Diese Zurückhaltung war keineswegs eine Karlsruher Besonderheit. Dass Kunstmuseen Fotografien über Jahrzehnte hinweg nur zögerlich sammelten, hängt mit der traditionellen Hierarchie der Künste zusammen. Seit der öffentlichen Bekanntgabe des fotografischen Verfahrens im Jahr 1839 stand die Fotografie unter dem Vorbehalt, lediglich Wirklichkeit abzubilden, statt eigenständige künstlerische Bilder hervorzubringen. Als technisch-gewerbliches Verfahren fand sie deshalb früher Eingang in Kunstgewerbemuseen als in klassische Gemäldesammlungen. Auch in Karlsruhe, wo die Malerei seit der Museumsgründung das Leitmedium war und mit Hans Thoma von 1899 bis 1920 noch ein Maler an der Spitze des Hauses stand, blieb die Fotografie außerhalb des eigentlichen Sammlungskanons.
Diese historische Trennung wirkte nach: Obwohl die Fotografie international längst als Kunstform anerkannt ist, werden Malerei und Fotografie in der Kunstgeschichtsschreibung oft noch getrennt betrachtet. Neuere bildwissenschaftliche Ansätze stellen diese Grenzziehung infrage. Sie betrachten Bilder über traditionelle Gattungsgrenzen hinweg und fragen nach ihren spezifischen Kontexten und Funktionen, ihrer Verbreitung und Rezeption. Damit geraten auch die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Fotografie und den anderen bildenden Künsten stärker in den Blick.
Dieser erweiterte Blick auf die Bildgeschichte bildet auch den Hintergrund für einen Neubeginn an der Kunsthalle: 2022 erwarb das Museum mit Unterstützung der Museumsstiftung Baden-Württemberg rund 14.100 Fotografien aus der Sammlung von Bernd Stiegler. Damit etablierte es die Fotografie als eigenständiges Sammelgebiet.
Große Namen, ungewöhnliche Bilder
Bernd Stiegler ist Professor für Neuere deutsche Literatur im medialen Kontext an der Universität Konstanz und ein international ausgewiesener Kenner der Fotografiegeschichte. Rund 25 Jahre lang hat er Fotografien zusammengetragen, vor allem aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sein Interesse gilt nicht allein der Fotografie als Kunst, sondern ebenso ihren vielfältigen Gebrauchsweisen: Wie vermitteln Bilder Wissen? Wie prägen sie unsere Vorstellungen von der Welt? Bernd Stieglers Entdeckerfreude ließe sich in den Worten der viktorianischen Porträtfotografin Julia Margaret Cameron spiegeln: “The capacity for delight is the gift of paying attention.”
Seine Sammlung zeichnet sich durch eine enzyklopädische Vielfalt aus. Sie vereint Werke von Pionieren wie William Henry Fox Talbot, Gustave Le Gray, Édouard Baldus und Henry Peach Robinson mit Aufnahmen von Felice Beato und John Thomson. Zu ihren Raritäten zählen Fotografien von Carol Szathmari, einem Wegbereiter der Fotografie in Rumänien. Auch das frühe 20. Jahrhundert ist vertreten: mit der um 1900 in Europa und den USA florierenden Kunstfotografie, dem sogenannten Piktorialismus, sowie den modernen Arbeiten von Albert Renger-Patzsch, Germaine Krull und Willi Moegle.
Doch erschöpft sich der Reichtum der Sammlung weder in berühmten Namen noch können diese adäquat spiegeln, welche Qualität und Fülle sie jenseits des bekannten Foto-Kanons birgt. Die Sammlung umfasst Porträts und Akte, Landschaften und Architektur, Kunstreproduktionen und wissenschaftliche Aufnahmen. Hinzu kommen spezielle Konvolute und Mappen, etwa aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, Theater- und Tierfotografien sowie überraschende Bildmontagen. Seltene Einzelstücke wie Daguerreotypien, Ambrotypien und Ferrotypien machen die technischen Anfänge des Mediums anschaulich. Zahlreiche Alben und Mappen bewahren ganze Bildfolgen. Zu den herausragenden Beständen gehören zwei der vier seltenen Bände von John Thomsons Illustrations of China and Its People (1873).
Die Motive führen rund um den Globus. Ob frühe japanische Porträts in Cases aus Kiriholz, Aufnahmen der Antiken in Rom, mit zeitgenössischen Graffiti versehen, oder Bilder von verschleierten Frauen in den Straßen von Algier – sie eröffnen Einblicke in vorwiegend, aber nicht ausschließlich, europäische Bild- und Denkwelten des 19. Jahrhunderts. Eine Seilschaft auf einem Gletscher erscheint wie eine kunstvoll komponierte Zeichnung in extremer Natur. Und eine kuriose Fotomontage aus einem Würzburger Atelier zeigt einen Mann, der mitten in einem Bierglas sitzt. Schon früh konnte die Fotografie Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern auch spielerisch verändern.
Neue Bilder, neue Perspektiven
Die besondere Prägung der Sammlung verdankt sich nicht zuletzt Bernd Stieglers intensiver wissenschaftlicher Arbeit. In zahlreichen Forschungsprojekten und Publikationen untersucht er die Beziehungen zwischen Literatur, Kunst, Naturwissenschaften und Fotografie. Dieser fächerübergreifende Ansatz entspricht dem Charakter vieler Fotografien des 19. Jahrhunderts: Sie entstanden im Spannungsfeld von Kunst, Gewerbe und Wissenschaft und lassen sich dementsprechend auch heute noch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten.
Die konkrete Werkauswahl aus Bernd Stieglers umfangreicheren Beständen nahmen der Sammler und die Kunsthalle gemeinsam vor. Ein Ziel war es, den besonderen Charakter der Sammlung zu bewahren. Zugleich sollten Verbindungen zu den Beständen der Kunsthalle im Bereich von Malerei, Plastik, Zeichnung und Druckgrafik möglich sein.
Damit eröffnet der Erwerb weit mehr als ein neues Sammelgebiet. Die Fotografie, eine neue Bildform des 19. Jahrhunderts, stellte die überlieferten Vorstellungen von Kunst und Bild grundlegend infrage. Sie veränderte das Verhältnis von Abbild und Wirklichkeit und forderte die traditionellen Bildkünste heraus. Zugleich war ihre Geschichte von Beginn an eng mit derjenigen der etablierten visuellen Künste verflochten. Mit der Sammlung Stiegler gewinnt die Kunsthalle deshalb nicht nur einen bedeutenden fotografischen Bestand. Sie erschließt auch neue Perspektiven auf ihre über Jahrhunderte gewachsene Sammlung und die vielfältigen Beziehungen zwischen den Künsten.