Streifzüge durch die Moderne. Neuerwerbungen aus der Sammlung Herbert und Barbara Molderings
Dr. Judith Rauser, Kuratorin für die Sammlung Fotografie, schreibt im Kunsthallen-Blog über die besondere Bedeutung der Neuerwerbung für die Kunsthalle.
In den letzten Jahren hat sich die Kunsthalle Karlsruhe in Ausstellungen wiederholt der Fotografie gewidmet. Zugleich wuchs auch der Sammlungsbereich Fotografie in kleineren und größeren Schritten. So gelang es im Jahr 2022, rund 14 100 historische Fotografien aus der Privatsammlung des Konstanzer Literatur- und Medienwissenschaftlers Prof. Dr. Bernd Stiegler zu erwerben.
Auch 2026 gibt es für Karlsruhe wieder Grund zu feiern: Die Kunsthalle konnte dank der erneuten Förderung durch die Museumsstiftung Baden-Württemberg 277 bedeutende Fotografien aus der Sammlung von Herbert und Barbara Molderings ankaufen. Das Kölner Sammlerehepaar schenkte der Kunsthalle in selbem Zuge rund 330 weitere Arbeiten und rund 250 Erst- und Vorzugsausgaben von Fotobüchern, Künstler*innenbüchern und Inkunabeln der Fototheorie. Eine Bibliothek zur Geschichte der Fotografie und zu den in der Sammlung vertretenen Künstler*innen sowie das wissenschaftliche Archiv von Herbert Molderings sind ebenso Teil der umfangreichen Schenkung. Der Sammlungsbereich Fotografie wird damit um ein Konvolut erweitert, das nicht nur durch die Qualität der künstlerischen Arbeiten beeindruckt, sondern auch als intellektuell durchdrungenes, beziehungsreiches Gesamtpaket zur Fotogeschichte.
Leben mit und für die Fotografie
Wer sich für die Fotografie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessiert, kommt an der Person Herbert Molderings nicht vorbei. Als (inzwischen emeritierter) Professor für Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum, aber auch als Kurator von Fotoausstellungen und Publizist zählt er zu den Wissenschaftler*innen, die seit den 1970er-Jahren die Fotografie als künstlerisches Medium erforscht haben. Was heute selbstverständlich scheint, nämlich dass die Fotografie als Kunstform in Ausstellungen und Sammlungen ihren Ort hat, war für Kunstmuseen und aus akademischer Sicht damals noch nicht Gang und Gäbe. Erst die Arbeit einer Reihe von Kunst- und Literaturwissenschafter*innen und Fotohistoriker*innen etablierte den Status der Fotografie als Medium, das anderen Kunstgattungen in nichts nachsteht.
Aus Herbert Molderings‘ »Grundlagenforschung« zur Fotografie der Moderne ergab sich für das Sammlerpaar, das zeitweilig in Paris lebte, ein Netzwerk von Kontakten zu Fotograf*innen, Publizist*innen, Agenturinhaber*innen und deren Nachfahren. Inzwischen ist die Vielzahl der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätigen Fotograf*innen verstorben. Doch Molderings gelang es, zahlreiche dieser Akteure – ob Man Ray, Umbo oder Florence Henri – in teils hohem Alter noch kennenzulernen. Auf diesen Kontakten basierten aber nicht nur die fotohistorischen Recherchen, sondern es entstanden intensive Freundschaften und zugleich die in fünf Jahrzehnten zusammengetragene Privatsammlung. Sie umfasst Werke von Künstler*innen der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Sehens, unter anderem von August Sander, Albert Renger-Patzsch, Umbo, Ilse Bing, Germaine Krull oder T. Lux Feininger, Heinz Hajek-Halke oder Fritz Block. Französische oder in Frankreich tätige Künstler*innen sind mit Eugène Atget, Brassaï, André Kertész, Florence Henri und insbesondere Man Ray vertreten. Einen zweiten Schwerpunkt bildet die konzeptuelle Fotografie seit den 1970er-Jahren mit Arbeiten unter anderem von Bernd und Anna Blume, Floris M. Neusüss, Pidder Auberger, Bogomir Ecker und Jochen Gerz. Auch mit diesen Fotograf*innen pflegten und pflegt das Sammlerpaar Freundschaften, die oftmals durch gemeinsame Ausstellungsprojekte wuchsen.
Ikonen und Entdeckungen
Das Sammlerpaar tätigte die Käufe meist von privaten Verkäufer*innen aus ihrem Umfeld, wenn nicht sogar Freundeskreis, und selten über Galerien oder Auktionen. So erwarben sie etwa ein Konvolut mit Werken von Man Ray, Denise Bellon und anderen Künstler*innen des Surrealismus von dem Schriftsteller und Künstler Marcel Jean. Dieser war ebenfalls Mitglied der Künstlergruppe der Surrealisten gewesen und hatte 1959 die Histoire de la peinture surréaliste (übersetzt als Geschichte des Surrealismus) vorgelegt, für die die Vintage-Abzüge als Bildvorlagen dienten.
Eine weitere, buchstäblich schwindelerregende Werkgruppe umfasst 15 Vintage Prints des US-amerikanischen Fotografen Lewis W. Hine. Sie zeigen die Bauarbeiter beim Bau von Wolkenkratzern wie des Empire State Buildings in heute unvorstellbaren Arbeitsbedingungen. Diese Abzüge stammen, wie viele weitere in der Sammlung Molderings, aus dem Nachlass der einst in Paris ansässigen Fotoagentur Photos-Archives Service. Die Agentur war auf den Vertrieb von Bildern internationaler Fotograf*innen spezialisiert, darunter auch deutsche Fotograf*innen, die in den 1930er-Jahren nach Frankreich emigriert waren. Insofern manifestieren sich die Netzwerke der Avantgarden zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur in den künstlerischen Beziehungen etwa zwischen Berlin und Paris, sondern auch in den Vertriebswegen der Bilder.
Die Individualität der Sammlung Molderings macht weiterhin aus, dass nicht nur die erwartbaren großen Namen der Fotogeschichte vertreten sind, sondern ebenso Künstler*innen, die aus unterschiedlichen Gründen bislang durch das Raster »der Fotogeschichte« fielen: so beispielsweise eine Aufnahme, die den Bewegungsablauf einer gehenden Person abbildet, wie man sie vom Pionier der Chronofotografie Étienne-Jules Marey kennt. Sie stammt jedoch von Georges Demenÿ, der zeitweilig als Mareys Assistent tätig war und dessen eigenständiges fotografisches Arbeiten noch in Mareys Schatten steht. Andere in der Sammlung vertretener Fotograf*innen, wie etwa die beiden Frankfurter Schwestern Nini und Carry Hess, wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Ihr Werk ist daher nur in Bruchteilen überliefert und in wenigen Fotosammlungen repräsentiert.
Einen wertvollen Part der Sammlung bilden ebenso richtungsweisende Fotobücher der Moderne, darunter zahlreiche Künstlerpublikationen Man Rays, Karls Blossfeldts Urformen der Natur, August Sanders Antlitz der Zeit, Brassaïs Paris de nuit und Voluptés de Paris oder Claude Cahuns Aveux non avenus.
Ein Schatz von Werken und Wissen
Ähnlich wie im Fall von Bernd Stiegler, der zentrale Beiträge zur Mediengeschichte der Fotografie ebenfalls anhand der Werke seiner Privatsammlung erarbeitete, geht mit der Sammlung Herbert und Barbara Molderings zum zweiten Mal auch ein Stück Forschungsgeschichte der Fotografie in den Museumsbestand ein. Für die Kunsthalle Karlsruhe bedeutet der Erwerb weit mehr als die chronologische Fortführung der Stiegler-Sammlungsbestände, die schwerpunktmäßig der Zeit des 19. Jahrhunderts und den vielfältigen Anwendungsgebieten der Fotografie gewidmet sind, als das neue Medium seine Möglichkeiten entdeckte und sich als Kunst zu etablieren versuchte.
Mit dem wissenschaftlichen Archiv von Herbert Molderings steht eine umfangreiche Forschungsdokumentation als Grundlage für die zukünftige kuratorische Arbeit zur Verfügung – ein seltener Glücksfall, denn die alltägliche museale Arbeitspraxis erlaubt es kaum, über Jahre hinweg vergleichbare Tiefenrecherchen anzustellen. Korrespondenzen, Künstler*innen-Interviews und Erwerbungsunterlagen ermöglichen die weitere Untersuchung der Werke und ihrer Provenienzen; zugleich dokumentieren sie einen inzwischen selbst historischen Abschnitt der Wissenschafts- und Institutionsgeschichte der Fotografie.
Um die Werke, die Bibliotheks- und Archivbestände für die museale Arbeit, für die weitere Forschung und Ausstellungen benutzbar zu machen, sind hinter den Kulissen eines Museums viele, für die Öffentlichkeit meist unsichtbare Schritte notwendig. Die verschiedenen Bestände werden in den kommenden Jahren aufbereitet und die Fotografien sukzessive in der Sammlung online der Kunsthalle verfügbar gemacht werden. Zur Wiedereröffnung des sanierten Hauptgebäudes ist eine große Sonderausstellung aus Beständen der Sammlung Fotografie geplant. Dank der Themenvielfalt der Fotosammlung sind zahlreiche Anknüpfungspunkte nicht nur zur Sammlung Stiegler, sondern auch zu anderen Sammlungsbereichen gegeben, die über die bekannten Schwerpunkte der Kunsthalle – etwa die französische Kunst und die Neue Sachlichkeit – hinausgehen.
Fotografie im Jahr 2026
Der Umstand, dass die Sammlung Molderings im Jahr 2026 in die Museumssammlung der Kunsthalle eingehen soll, war nicht im Blick auf äußere Bedingungen hin geplant. Doch wird womöglich in der Rückschau dieses Jahr nicht nur als das 200-jährige Jubiläum der ersten fotografischen Aufnahme durch Joseph Nicéphore Niépce in die Fotoannalen eingehen, sondern auch als eines, in dem die Anwendungen der künstlichen Intelligenz in der Bildproduktion rasante Entwicklungssprünge vollzogen. Das Spannungsfeld zwischen dem Versprechen der analogen Fotografie, dass das Abgebildete wahrhaftig so stattgefunden habe, und der Flut digitaler Bilder, deren Autorschaft und Wirklichkeitsbezug kaum mehr einzuordnen ist, wird das Verstehen von Bildern noch viele Jahre herausfordern.
Die Funktion von Fotografie in Museumssammlungen ist daher auch im Blick auf die vielbeschworene Bild- und Medienkompetenz hin zu denken: Mit Beständen der historischen Fotografie wie in den Sammlungen Stiegler und Molderings lassen sich Perspektiven aufzeigen, die über monografische und ästhetische Fragen hinausgehen und die kritische Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Bildern in den Fokus rücken. Bereits die frühe analoge Fotografie benutzte Verfahren, die Wirklichkeiten konstruieren, von der einfachen Retusche über die Kolorierung bis hin zur komplexen Fotomontage. Verfremdungen etwa durch Belichtungsexperimente in der Dunkelkammer gehörten zum Handwerkszeug der surrealistischen Fotografie. In den Aufnahmen von Künstler*innen wie Bernd und Anna Blume scheint die Fotografie dagegen die absurdesten Situationen zu beglaubigen, die das Künstlerpaar mit fliegenden Tassen und stürzenden Möbeln herbeiführte. Der große Themenkomplex von Inszenierung, Konstruktion und Manipulation wird – anhand der analogen wie der digitalen Fotografie – nicht zuletzt für die Generationen der digital natives als zukünftigen Museumsnutzer*innen ein Themenfeld bleiben, in dem die Sammlung Fotografie zum gemeinsamen Schauen, Austauschen und Bewusstwerden über die Wirkmacht der Bilder einzuladen vermag.