Barbara Bauer, 28. August 2020

Bouchers Faszination für Muscheln

Fast neigt sich der Sommer dem Ende zu, aber noch treibt es viele ans Wasser und ganz besonders gerne an den Strand. Auch wenn die Reiseaktivitäten dieses Jahr sehr eingeschränkt sind, ist es immer eine Freude mit Muscheln als schöne Urlaubserinnerung in den Alltag zurück zu kehren. Die Begeisterung für die Schalentiere ist keine neue:

Im 18. Jahrhundert finden sich Muschelformen vor allem im asymmetrischen Ornamentmotiv der Rocaille, einer Gestalt, die namensprägend für eine Stilrichtung der europäischen Kunst wurde. Im Zeitalter des Rokoko war die so genannte Konchyliologie – die Kunde von Schalen und Muscheln – eine beliebte Beschäftigung der gehobenen Bürgerschicht.

Auch der Rokoko-Künstler François Boucher, dem wir im Herbst eine umfassende (und übrigens die erste monografische Ausstellung in Deutschland) widmen, war ein bekennender Sammler von gewundenen Gehäusen aller Art. In den spiralförmigen Drehungen fand er oftmals Inspiration für seine Werke. Für das kuratorische Team war es deshalb spannend zu untersuchen, welchen Einfluss die Naturaliensammlung auf sein künstlerisches Schaffen hatte und welche Arten er in seinen Gemälden darstellte.

Abbildung der Muschel "Das Riesenohr von Neuholland"

Doch wie kann man heute nachvollziehen, welche Muscheln den Maler besonders in ihren Bann zogen?
Unsere Recherche begann mit der Suche nach Beschreibungen der Sammlung des Künstlers. Erste Hinweise bot der Verkauf seines Besitzes nach dessen Tod 1771: Der Kunsthändler Pierry Remy beschreibt im Nachlasskatalog beispielsweise unter der Objektnummer 1628 eine „sehr seltene und hervorragend erhaltene Wellhornschnecke“ als „pavillon orange“, die einen besonders hohen Preis erzielte. Während hier das „orange Gehäuse“ Indiz zum Aussehen gibt, sind die Angaben häufig weniger eindeutig.

Zudem haben sich die damals verwendeten Bezeichnungen bis heute teils erheblich geändert und sind stetigen Wandel unterworfen. Auch die französischen Begriffe geben dabei leider nur selten einen Hinweis auf die deutschen Bezeichnungen. Abhilfe konnte ein Blick in zeitgenössische Publikationen schaffen: Die damals weitverbreitete Lehre zur Konchyliologie des Franzosen Antoine-Joseph Dezallier d’Argenville beschreibt detailliert die verschiedenen Schalen und präsentiert diese auf illustrierten Tafeln.

Durch den Bezug von Wort (der französischen Bezeichnung im Verkaufskatalog) und Bild (der Zuordnung auf den Tafeln) konnten einige Schalen aus der Sammlung Bouchers identifiziert werden. Im Folgenden suchten wir nach dieser Auswahl in den Sammlungen von Naturkundemuseen.

Abbildung der Muschel mit der Bezeichnung das Riesenohr von Neuholland

In dieser Detektivarbeit, die mit der gängigen kunstgeschichtlichen Recherche wenig gemein hat, unterstützten uns die Kolleg*innen des Staatlichen Museums für Naturkunde Karlsruhe. Das Museum besitzt eine beeindruckende Sammlung an Schalen, aus der wir eine erste Vorauswahl getroffen haben.

Keine leichte Aufgabe, denn die vielen Formen, Farben und Größen haben auch in uns eine Faszination für Muscheln geweckt. Die deutschen Bezeichnungen, die so genannten Trivialnamen der Schalentieren, sind teils Beschreibungen der visuellen Form: Während der lapidare Name Riesenmuschel vor allem auf die Größe anspielt, verweist die echte Wendeltreppe auf die besondere gewundene Form, die bereits im 18. Jahrhundert faszinierte oder beschreibt wie Das Riesenohr von Neuholland den Fundort.

Wir freuen uns in der Ausstellung François Boucher – Künstler des Rokoko eine kleine Auswahl an Schalentieren präsentieren zu dürfen und danken ganz besonders Dr. Hubert Höfer, Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe für die fachkundige und freundliche Unterstützung.