Dr. Johanna Scherer, 31. Januar 2020

Der „digitale Hochaltar“: Eintauchen in Baldungs Bilderwelten

Das faszinierend selbstbewusste Selbstbildnis Hans Baldung Griens ist nur eines der zahlreichen spannenden Details, die auf seinem Hauptwerk – dem 1516 geschaffenen Hochaltar im Freiburger Münster entdeckt werden können.

Der wandelbare Altaraufsatz, der sich nach wie vor an seinem ursprünglichen Aufstellungsort im Chor des gotischen Kirchenraums in Freiburg befindet, war der bedeutendste Auftrag in der Karriere des Renaissance-Malers. Er zählt zu den wichtigsten Altarwerken in der deutschen Malerei Anfang des 16. Jahrhunderts.

Um dieses zentrale Werk Baldungs in der Großen Landesausstellung in seiner Vielfalt und Detailtiefe zugänglich machen zu können, entschied sich das Baldung-Team schon früh für eine digitale Adaption des Altars.

Während die originalen Altartafeln im Freiburger Münster meist nur aus einem recht großen Abstand heraus betrachten werden können, gibt der digitale Hochaltar in der Baldung-Ausstellung den Besucher*innen die Möglichkeit, das Werk bis ins kleinste Detail zu erkunden und vollständig in Baldungs Bildwelten einzutauchen.

Als wissenschaftliche Volontärin im kuratorischen-Team war ich für die inhaltlich-konzeptionelle Entwicklung des digitalen Exponats verantwortlich. Für mich war die Zusammenarbeit mit den Projektbeteiligten ein sehr spannender Prozess, bei dem die unterschiedlichen Perspektiven und Kompetenzen, insbesondere die technischen und kunsthistorischen, produktiv zusammenwirken konnten. Hier wurde u.a. die intuitive Nutzungsoberfläche ausführlich diskutiert.

Abbildung des digitalen Hochaltars in der Großen Landesausstellung Hans Baldung Grien

Das Ergebnis ist ein imposanter Touchscreen, auf dem die Ausstellungsbesucher*innen über ein Navigationsfeld die unterschiedlichen Zustände des Wandelaltars aufrufen können: Den geöffneten – der ist normaler Weise nur zur Weihnachtszeit in Freiburg zu sehen – und den geschlossenen Zustand, aber auch die bemalte Rückseite. Auf diese Weise wird die Wandelbarkeit des Altars durch die Klappflügel verdeutlicht. Zudem können Besucher*innen schrittweise immer tiefer in das Werk eintauchen, indem die einzelnen Tafeln der geöffneten und geschlossenen Vorderseite und die der Rückseite ausgewählt werden können und so zahlreiche Details zur Auswahl angeboten werden. Auch kurze Texte zur Einordnung werden stets bereitgestellt. Nutzer*innen können aber auch völlig frei über den Touchscreen ins Bild zoomen und auf eigene Faust faszinierende Details finden. Mein Lieblingsdetail ist einer der zahllosen kleinen Engel der Marienkrönung, der neugierig unter dem Mantelzaum der Maria hervorlugt.

Ohne die tatkräftige Unterstützung des Projekts durch die Erzdiözese Freiburg wäre das Exponat in seiner jetzigen Form nicht umsetzbar gewesen: Spontan erklärte man sich in Freiburg nämlich bereit, neue, extrem hochauflösende Fotografien des Werks anzufertigen. Insbesondere aufgrund der schwer zugänglichen Rückseite des Altars ist dies kein leichtes Unterfangen. Dass sich der Aufwand gelohnt hat, zeigen die begeisterten Reaktionen der Besucher*innen, von denen auch die Kolleg*innen im Aufsichtsdienst der Ausstellung zu berichten wissen. Aus diesem Grund freuen wir uns ganz besonders, dass der digitale Hochaltar, der durch Erzbischof Hermann Stiftung finanziell unterstützt wurde, auch nach der Karlsruher Ausstellung weiterhin gezeigt wird: Nämlich im neu entstehenden Münsterforum, direkt hinter dem Freiburger Münster, das im April 2020 eröffnet wird.