Dr. Johanna Scherer, 1. September 2019

heilig | unheilig

Beim Lesen des Untertitels „heilig | unheilig“ unserer Großen Landesausstellung zu Hans Baldung Grien, mag sich manch eine*r gefragt haben, was sich genau dahinter verbirgt. Auch im Team wurde der Titel intensiv diskutiert:

Die Gegenüberstellung von „heilig“ und „unheilig“ klingt natürlich gut, aber ist „unheilig“ überhaupt ein Wort? Gab es nicht vor nicht allzu langer Zeit eine Musikband mit diesem Namen? Was werden die Besucher*innen damit verbinden?

Zumindest laut Duden ist die Definition eindeutig: „unheilig“ bedeutet so viel wie: „nicht heilig; nicht gerade fromm, christlich“. Allerdings sagt das noch nichts darüber aus, was das mit dem Künstler Hans Baldung Grien zu tun hat.

Mit der Gegenüberstellung der beiden Adjektive im Untertitel soll das weite Spektrum thematisiert werden, das Baldung in seinen Bildern abdeckt und dabei die große Spannung zum Ausdruck zu bringen, die zwischen den thematischen Polen des Werks besteht: Konkret bezieht sich das auf die Spannung zwischen den traditionellen, sakralen Bildwelten Baldungs und den neuen, weltlichen Themen, die er mitunter äußerst drastisch darstellte. Viele Werke Baldungs, wie etwa seine Serie der Wildpferde, erscheinen uns heute provokant und geradezu modern.

Detail des Gemäldes Adam und Eva von Hans Baldung Grien

heilig

Für Baldung, wie für jeden Maler des Spätmittelalters und der Renaissance, waren Aufträge für religiöse Bildwerke – sei es für Kirchen, sei es für die private Nutzung – eine zentrale Einnahmequelle. Zwar gingen solche Aufträge mit der Einführung der Reformation in Straßburg zurück und neue Bildthemen, etwa aus der antiken Mythologie, gewannen nun noch stärkere Bedeutung.

Letztlich schuf Baldung jedoch auch zur Zeit der Reformation und bis an sein Lebensende Bilder von der Jungfrau Maria und von Heiligen. Ob er selbst ein Anhänger der Reformation war, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Dass er ein sehr gläubiger Mensch gewesen sein muss, lässt sich jedoch an zahlreichen Werken, die eine tiefempfundene Frömmigkeit ausdrücken, erahnen.

Dabei waren seine Themen zwar traditionell, nicht jedoch Baldungs Umsetzung: Innovative und expressive Holzschnitte wie zum Beispiel die Bekehrung des Saulus, sollten die gläubigen Betrachter*innen vor allem auf einer affektiven Ebene berühren.

Abbildung von Hans Baldung Griens Holzschnitt, der sieben wilde Pferde zeigt

unheilig

Mindestens genauso wichtig wie die sakralen Bilder sind in Baldungs Werk weltliche Themen, die ebenfalls eine große Vielfalt besitzen. Ein roter Faden lässt sich dennoch erkennen: Man geht wohl nicht zu weit, wenn man behauptet, dass Baldungs Werk ein ausgeprägtes Interesse für das Sündhafte des Menschen, für seine Triebhaftigkeit, aufweist. Diese thematisierte Baldung jedoch häufig quasi indirekt, etwa in den bereits erwähnten Wildpferden und vor allem in den Hexen-Darstellungen. Doch auch die vielen Darstellungen des Sündenfalls gehören zu diesem Themenkreis. An diesem Punkt wird deutlich, dass sich die Gegenüberstellung bzw. Trennung „heilig⎟ unheilig“ nur bis zu einem gewissen Grad aufrecht erhalten lässt: Denn wo genau sollte man beispielsweise Adam und Eva, die biblischen Stammeseltern, die der Sünde verfallen sind, hier einordnen?

So werden auch die Besucher*innen der Ausstellung eine große Bandbreite zwischen diesen Polen sehen können und feststellen, dass es bei Baldung zahlreiche Schattierungen, Zwischenbereiche und Ambivalenzen gibt. Und nicht selten scheint bei ihm beides auch in eins zu fallen, das Heilige und das Unheilige.