Tabea Schwarze, 20.9.2019

Von der begehrten Leihgabe zum spektakulären Neuankauf

Ein Großteil der Vorbereitungszeit auf eine Große Landesausstellung wie Hans Baldung Grien. heilig | unheilig fließt neben der Forschung und wissenschaftlichen Aufbereitung der Inhalte in die Verhandlung mit potenziellen Leihgeber*innen. Manchmal kommt es aber anders als geplant:

So war es ein wichtiger Meilenstein, als Kurator Dr. Holger Jacob-Friesen den britischen Privatsammler und Besitzer der Fragmente des Werks Lot und seine Töchter als Leihgeber für die Ausstellung im Spätherbst gewinnen konnte. Schließlich ist die im Untertitel der Ausstellung verankerte Ambivalenz zwischen dem Heiligen und dem Unheiligen in diesem Werk ganz besonders präsent: Das Gemälde zeigt die biblische Geschichte Lots, der nach seiner Flucht aus Sodom von seinen Töchtern betrunken gemacht und zum Inzest verführt wird. Im Hintergrund erstarrt seine Frau zur Salzsäule, da sie verbotenerweise auf Sodom zurück geblickt hat.

Foto der zusammengesetzten Fragmente des Baldung-Gemäldes Lot und seine Töchter

Überraschend verkündete der private Besitzer jedoch wenig später, das Werk umgehend verkaufen zu wollen. Aufgrund der Wichtigkeit der Gemäldefragmente für die Ausstellung und der Seltenheit, in der Werke Alter Meister wie Hans Baldung Grien auf dem Kunstmarkt zur Verfügung stehen, wurden in der Kunsthalle schnell auf die neue Situation reagiert: Mit viel Energie wurden Gutachter gesucht und gefunden sowie Unterstützer*innen für den geplanten Ankauf gewonnen.

Mit Hilfe der Museumsstiftung Baden-Württemberg, der Ernst von Siemens Kunststiftung sowie einer privaten Mäzenin, die anonym bleiben möchte, konnten die drei Fragmente des Werkes für die Kunsthalle erworben werden. Erstmals präsentiert werden sie – nach notwendigen Restaurierungsmaßnahmen – in der Ausstellung Hans Baldung Grien. heilig | unheilig.

Übrigens: Dass das Werk fragmentiert ist, wird entweder auf die so erzielte Wertsteigerung (drei Baldung-Gemälde erzielen einen höheren Preis als eines), oder der Anstößigkeit des Themas zurückgeführt. Während das Gemälde schon vor vielen Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten zerlegt worden sein muss, konnte seine ursprüngliche Gestalt und damit auch sein initiales Thema, erst zu Beginn der 2000er Jahre Dank einer restauratorischen Untersuchung herausgefunden werden.

Bis zu diesem Zeitpunkt war der rechte Teil, der Lots zur Salzsäule erstarrende Frau zeigt, überstrichen und um 90 Grad gedreht an die liegende Tochter Lots angebracht. Der auf diese Weise vereinzelte liegende Akt erinnerte an Cranachs Nymphen. Lot (hier als Lott betitelt) und die zweite Tochter existierten daneben als eigenständige Bildnisse.

Erst durch eine Infrarotreflektographie, die Kenntnis des Berliner Lot-Fragments sowie die zueinander passenden Fugen der Fragmente, konnten die einzelnen Teile weitestgehend zusammengeführt werden. Der vierte Teil, der die zweite Tochter Lots zeigt, ist nur durch Reproduktionen bekannt. Es stand dem Kunstmarkt zur Zeit des Ankaufs nicht zur Verfügung

Foto der Direktorin Prof. Dr. Pia Müller-Tamm, die demonstriert, wie das vierte Fragment des Lot-Gemäldes aussieht