Dr. Tamara Engert, 18. August 2021

MusPaed, KiMu, KV – Gedanken zu einer Museumsaufgabe und ihren Namen gestern, heute, morgen

Im Vorfeld eines Umzugs heißt es pragmatisch sein. Der Großteil der Arbeit lässt sich mit der berühmten Anweisung aus Aschenputtel zusammenfassen: die guten ins Töpfchen (den Umzugskarton), die schlechten ins Kröpfchen (den großen Container vor der Tür).

Aber immer wieder gibt es diesen Moment eines kuriosen Funds, der Gedanken über das Hier und Jetzt und die Zukunft der eigenen Aufgabe lostritt…

 

Vermittlung – ein Netzwerk

Ordner sichten, ausmisten, sich schwarze Finger holen. Und dann plötzlich ein irakischer Briefkopf über einer Anfrage aus dem Jahr 1978:

“Through Mr. XY I have happily learnt about the existence of child’s Museum at your town. He advised me in a recent message to get in touch with you to have a catalogue and some information on your museum as we are preparing the establishment of child’s Museum in our country to acquaint the young generation with the ancient civilizations of our ancestors.”

Man staunt nicht nur über Informationswege und Reichweite in einer Zeit vor Twitter und Newsfeed, sondern auch über den kollegialen Austausch, der keine Grenzen zu kennen scheint.

Ja, es war, ist und wird mit Blick auf die Zukunft immer unerlässlicher sein, sich mit Kolleg*innen auszutauschen, über den Tellerrand zu schauen, sich zu vernetzen. Vor allem, weil besagter Tellerrand im Alltag manchmal erschreckend nah zu rücken droht! Umso schöner, dass das Netz der Vermittler*innen ein so stabiles und gleichzeitig agiles ist – ein reger Austausch von Ideen, Impulsen, Berichten über geglückte und gescheiterte Projekte findet über Häuser-, Regional- und Sprachgrenzen hinweg statt und beflügelt für Zukünftiges.

Vermittlung – eine Standortsuche

Neben den Ordnern wollen hunderte Publikationen umgezogen werden. Denn über die Jahrzehnte ist eine eigene Vermittlungs-Bibliothek herangewachsen. Doch welche Vorstellungen verbinden sich mit der Signatur „MusPaed“, kurz für Museumspädagogik, die auf den Rücken dieser Bücher erscheint?

Auf dem Foto sind verschiedene Bücher zum Thema Kindermuseum und Kunstvermittlung zu sehen.

Versuch einer Standortbestimmung! Die Problematik, die eigene Aufgabe, ihren Namen und Platz zu definieren, zieht sich offensichtlich durch die Geschichte der Disziplin. Die wahllos herausgegriffenen Bände deuten auf einen der Gründe dafür. Denn sie zeigen, dass es sich gerade nicht um eine Disziplin, sondern um viele handelt, die bei uns aufeinandertreffen: künstlerische Praxis, (Kunst-)Pädagogik, Kunstgeschichte, Kunstwissenschaft, Museologie… Alle mit ihren berechtigten jeweiligen und gemeinsamen Zielen. Alle mit ihren eigenen Perspektiven und Methoden.

Unser Referat wird auch morgen noch der richtige Ort im Museum sein, all die erwähnten Felder aufeinandertreffen zu lassen. Aber auch der Ort, sich ihrer Unterschiede bewusst zu werden und ihre jeweiligen Potenziale sinnvoll zu nutzen: Malstube (in Zukunft vielleicht eher Atelier, Kreativraum oder Laboratorium?!) und Ausstellungssaal sind beides Räume der Kunstvermittlung, aber sie weisen den Besucher*innen genauso wie den Kunstwerken jeweils andere Rollen zu, aktivere und passivere. Hat man einmal selbst ausprobiert, mit einem Spachtel Ölfarben auf der Leinwand zu mischen, vermittelt sich Chardins Stillleben auf einer anderen Ebene als bei der Teilnahme an einer kunsthistorischen Führung.

Zielsetzungen, Methoden und Abläufe dürfen und müssen hinterfragt werden: Wie stehen die Auseinandersetzung mit einem Werk und das eigene kreative Tun im Verhältnis zueinander? Was nehmen Besucher*innen für sich mit, was suchen sie bei uns? Was wollen, was sollten wir als Museum mitgeben bei diesem oder jenem Angebot: kulturhistorisches Wissen, die Erinnerung an einen guten Moment, ein Gespür für verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten, das Erlebnis, beim Wiedergeben eigener Gedanken über den eigenen Schatten gesprungen zu sein?

Es wird weiter unsere Aufgabe sein, hier immer wieder selbstkritisch und hellhörig für die Reaktionen unseres Publikums an Stellschrauben zu drehen. Dazu werden uns gerade die kommenden Ausstellungen in neuen räumlichen Konstellationen und neuen Rahmenbedingungen Gelegenheit geben. Wir sind schon mehr als gespannt darauf, gemeinsam die Möglichkeiten auszuloten!

Vermittlung – Erziehung?!

Die Bücher mit der Signatur „MusPaed“ werden mit dem Umzug in die Kunstbibliothek der Kunsthalle eingegliedert. Mitarbeiter*innen des Hauses wie Besucher*innen werden sie als Teil des Kunst-Kosmos wahrnehmen können. Kunstvermittlung und Museumspädagogik werden als Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen, als Ideenschmieden, als Laboratorien, aber auch als Bereiche wissenschaftlicher Forschung sichtbarer!

Die Museumsaufgabe, die die Bücher nachzeichnen, heißt heute in der Kunsthalle Kunstvermittlung (kurz KV). Hervorgegangen ist das heutige Referat aus der Erziehungsabteilung. Welchen Wandel im Selbstverständnis allein die Begriffe nachzeichnen!  Nein, Erziehung kann und wird 2022 keine Überschrift für unsere Aufgabe sein. Es kann nicht darum gehen, zu „ziehen“, sondern Bewegungen aus dem Publikum aufzunehmen, ihnen mögliche Richtungen aufzuzeigen. Schon gar nicht soll es darum gehen, Relevanz zu postulieren, sondern darum, sie gemeinsam mit unserem Publikum herausbilden! Es ist nicht mehr die Zeit der Fragebögen, in der man im Ausstellungssaal wie auf der Schulbank möglichst viele richtige Antworten finden sollte. Viel mehr interessieren uns Ihre Fragen – auch auf die Gefahr hin, Antworten schuldig zu bleiben, aber immer in der Hoffnung, ein gutes Gespräch zu führen…

Vermittlung – Wahrnehmen von Bedürfnissen

Noch so ein Fund, in dem Erziehung als Vokabel vorkommt. Darüber hinaus regt die folgende Passage aber noch andere Gedanken an. Sie stammt aus dem Jahr 1973, als man im Rahmen des Weltkinderjahres bei dem Ausruf „Ganz Karlsruhe wird kinderfreundlich“ feststellte:

„Kinder sind Kinder, meinen viele, für manche sind Kinder jedoch nur ein Ballast. Wir meinen aber, sie sind die zukünftigen Bürger unserer Stadt. Als junge Bürger sollten sie betrachtet, behandelt und gefördert werden. […] Öffentliche Anlagen, Museen, Restaurants und vieles andere könnte für Kinder reizvoller gestaltet werden, wenn die Verantwortlichen sich öfters auch für kindliche Bedürfnisse interessierten. Viele Vorurteile müssen abgebaut werden. Wohl die meisten Erziehungsschäden entstehen, weil Erwachsene über die Bedürfnisse der Kinder nicht nachdenken.“

Ja, wir müssen uns ganz unbedingt weiterhin und immer mehr für spezifische Bedürfnisse interessieren! Aber spezifische Bedürfnisse beruhen nicht nur auf unterschiedlichen Generationen von Besucher*innen, sondern – vielleicht noch viel stärker – auf individuellen Interessen und Erfahrungen, auf kultureller Prägung, auf eigenen Neigungen… Auf sie mit den passenden Angeboten, Formaten, Tools, Workshops, Gesprächen, Aktionen… zu reagieren, ist und bleibt die Herausforderung und Motivation unserer Disziplin(en).

Vermittlung – Kindermuseum?

Ein Plakat für eine ehemalige Ausstellung im Kindermuseum. Der Titel lautet "Von 5 bis 105"

„Von 5 bis 105“, so hieß einmal eine Ausstellung im damaligen „KiMu“ (Kindermuseum). Aber eigentlich könnte so auch unser Referat heißen. Denn Kunstvermittlung ist nicht gleich Kinderprogramm! Genauso wenig, wie Lernen, Neugierde, Lust an der Entdeckung Privilegien der Kindheit sind.

Die Kunstvermittlung der Kunsthalle erhielt vor 50 Jahren in einem damals visionären Schritt eigene Ausstellungsflächen, die seither explizit für ein junges Publikum bespielt werden können. Es ist ein großes Glück, einen eigenen Ort zu haben, an dem die Freude am Spiel, an der Rolle, am Imaginieren ausgelebt werden. An dem jugendliche Skepsis und Kritik stattfinden, kindliche Lautstärke und Unbändigkeit nicht als Störung empfunden werden. An dem die Werke einen zusätzlichen Rahmen durch eigenes Tun bekommen.

Aber neben diesem durch vier Wände umfassten Ort gibt es einen nicht baulich definierten Raum der Kunstvermittlung. Er ist riesig, zieht sich durch das gesamte Museum, durch alle Abteilungen und ihre Tätigkeiten. Er wird sichtbar an der Wand einer Ausstellung, dem schnell skizzierten Mitschrieb bei einem Vortrag, dem Schmunzeln in der „Kachel“ einer Online-Veranstaltung, der mit Stolz nach Hause getragenen Eigenkreation aus einem Künstler*innen-Workshop…

Ver-Mittlung

„MusPaed“, „KiMu“, „KV“. Tatsächlich erscheint „Kunstvermittlung“ für unsere heutige und zukünftige Aufgabe als passender Name: Wir sind Zwischenglieder, wollen Menschen und Werke – unter dem Vorzeichen kultureller und gesellschaftlicher Herausforderungen – darin unterstützen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir sind fachkundige Impulsgeber*innen, Moderator*innen, Dolmetscher*innen, da jede*r Besucher*in, aber auch jedes Werk eine eigene Sprache spricht.

Dabei kommunizieren wir über verschiedene zeitlose und zeitgemäße Medien, aber auch wortlos – mit Düften, Klängen, Kleidern: sich in ein Korsett binden zu lassen vor Frans Pourbus‘ Damenportrait, ein nicht definierbares Rauschen zu hören vor Max Ernsts Wald, Sand durch die Hände rieseln lassen vor Eugen Brachts Wüste…

Verschiedene Schlüssel in einer Kiste

Die Zugänge sind so vielfältig wie die Menschen und Werke, und wir freuen uns unbändig darauf, wenn alles ausgemistet, umgezogen und wieder ausgeräumt ist, wenn Töpfchen und Kröpfchen versorgt sind, gemeinsam wieder Schlüssel zu erproben und zu sehen, ob und welche Türen sich öffnen!