Dr. Astrid Reuter, 6. Februar 2021

Zeichnend sehen

Eine kraftvoll schwingende Linie oder ein zögerlich-vorsichtiger Strich, eine samtige Fläche oder eine lose andeutende Schraffur.

Die zeichnende Hand folgt einer Bewegung, erzeugt haptische Plastizität ebenso wie Atmosphäre. Zeichnungen faszinieren, weil sie uns so unmittelbar am künstlerischen Denk- und Arbeitsprozess teilnehmen lassen. Wie in einem handschriftlichen Brief zählt nicht nur der konkrete Inhalt. Der Charakter der Linie, die Geschwindigkeit der Ausführung erlauben Rückschlüsse auf die Verfasstheit des Zeichnenden und die Ausdrucksqualität des dargestellten Themas.

Bouchers zeichnerisches Werk hat uns von Anbeginn an fasziniert. Seine Studien sind von großer Lebendigkeit. Immer wieder sind humorvolle Details zu entdecken. Die Vielfalt der verwendeten Techniken entspricht den dargestellten Themen: So suggeriert der warme Farbton der Rötelkreide den Körper, während der kontrastvolle Einsatz von Schwarz und Weiß das Spiel von Licht und Schatten sichtbar macht.

Boucher war ein leidenschaftlicher Zeichner. Eigenen Angaben zufolge schuf er um die 10.000 Werke auf Papier. Ihre Nachfrage bei den Zeitgenossen war groß. Sammler*innen studierten die Werke gemeinsam mit dem Künstler im Atelier und schmückten mit von ihnen erworbenen Blättern die Wände ihrer eigenen Kabinette.

Das Zusammenspiel des geschöpften Papiers mit Linien und Flächen lädt zu einem sinnlichen Betrachtungserlebnis ein, in dem sich die zwischen dem Künstler und den Betrachtenden liegende Zeit auflöst. Eine solche Annäherung braucht den direkten Kontakt mit dem Werk. Die aktuell im Dunkel des Museums hängenden Werke warten auf Besucher*innen!