Stella Ivanova, 20. August 2021

Landschafts- und Naturdarstellungen: Von der Antike bis zur Neuzeit (Teil 1)

Im Alltag begegnet uns die Natur an vielen Orten. Ob in städtischen Parkanlagen, bei ausgedehnten Waldspaziergängen oder eben auch beim Museumsbesuch. “Inventing Nature” zeigt Pflanzen in der Kunst der vergangenen 500 Jahre. Kunstgeschichtsstudentin Stella Ivanova geht der Frage nach, woher das nicht abreißende Interesse von Künstler*innen an Naturdarstellungen rührt.

Antike Philosophen wie Aristoteles nahmen an, dass der Mensch durch die Beobachtung der Welt lernt, wie diese funktioniert. Die Aufgabe der Kunst, im Sinne der handwerklichen Arbeit, der “téchne”, bestand nach Aristoteles darin, die Natur zu imitieren. Die Idee der Nachahmung blieb in der Kunst für viele Jahrhunderte – wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung zentral. Während in der Antike Kunstfertigkeit durch objektive, naturnahe Darstellung demonstriert wurde, lag der Fokus im Mittelalter auf der Symbolkraft der Naturdarstellung. Im Mittelalter war Kunst vor allem im Kontext der religiösen Andacht ein wichtiges Element. In der Tradition der christlichen Ikonografie, der symbolischen Bildsprache, sind die Natur und die Vielfalt der Pflanzenwelt beliebte Motive, um Göttlichkeit darzustellen. Betrachter*innen sollten Spiritualität und Seelenheil durch die Betrachtung der Schöpfung erlangen: “per visibilia ad spiritualia”. So diente die Naturbeobachtung nach antikem Verständnis der allgemeinen Erkenntnis der Welt, nach mittelalterlichem Verständnis aber der Erkenntnis des Heilsplans des Schöpfers.

Abbildung des Kupferstichs Noli me tangere von Martin Schongauer entstanden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

In der historischen Betrachtung lassen sich von der Antike bis zur frühen Neuzeit drei Hauptfunktionen des frühen Landschaftsbildes benennen, die den ästhetischen Genuss mit inhaltlichem Gehalt verbinden:

1. Die Repräsentation der Macht Gottes, die beispielsweise in der Mitteltafel des Genter Altars deutlich wird: In Jan van Eycks Anbetung des Lammes wird durch die Darstellung von paradiesischer Schönheit und Vielfalt der Pflanzenwelt die umfängliche Macht des Schöpfers unterstrichen. Allein auf der Mitteltafel finden sich mehr als 30 unterschiedliche, heimische und exotische Bäume, Sträucher, Blumen und Kräuter. Auffällig ist die botanisch korrekte Darstellung dieser. Mit dieser exakten Imitation der Natur sollte die göttliche Schöpfung einmal mehr gewürdigt werden. In dieser Tradition gewinnen genaue Naturbeobachtung und Perspektiven immer mehr an Bedeutung.

2. Die politische Darstellung eines Herrschaftsgebietes wie sie beispielhaft in einem Fresko Ambrogio Lorenzettis zu sehen ist, stellt eine weitere Funktion der Landschaftsdarstellung dar. Im Saal der Neun im alten Rathaus von Siena schuf der Künstler von 1337 bis 1339 das mehrteilige Fresko, welches die Folgen von guter und schlechter Regierung zeigen sollte. Die Folgen der guten Regierung werden am Beispiel des Landes illustriert: Anstelle einer paradiesischen Natur sind hier landwirtschaftliche Nutzflächen und arbeitende Bauern dargestellt, die für das friedliche, gesättigte und ertragreiche Leben der Stadtbewohner*innen unerlässlich waren.

3. Auch die Kosmographie, die Beschreibung der Erde, welche bestimmte Regionen sowie deren Flora und Fauna aufzeichnet, reiht sich in diese funktionalen Aufgaben des frühen Landschaftsbildes ein. Ein Beispiel hierfür stellt die Ebstorfer Weltkarte dar. Die mittelalterliche Radkarte zeigt eine kreisrunde Darstellung der damals bekannten Welt auf 30 zusammengenähten Pergamentblättern mit einem insgesamten Durchmesser von 3,57 Metern. Mittelpunkt dieser Karte ist Jerusalem. Weltkarten, die im Mittelalter bis hin zur frühen Neuzeit hergestellt wurden, sollten nicht nur topographisch visualisieren, sondern historisches, mythologisches und theologisches Wissen der Zeit wiederspiegeln. In der Ebstorfer Weltkarte sind das Paradies, die Arche Noah, sowie der Turm zu Babel gekennzeichnet, außerdem begrenzen Kopf, Hände und Füße Christi die Karte – die Welt wurde so symbolisch zum Leib Christi. Das alles verdeutlicht, dass es sich hier um ein Zeugnis des stark religiös geprägten Weltverständnisses der Zeit, nicht aber um eine wissenschaftliche Karte im heutigen Sinne handelt.

Jenseits dieser drei Hauptfunktionen von Landschaftsdarstellungen gab es lange Zeit keine Nachfrage und keinen Bedarf an reinen Naturdarstellungen in der Kunst, obwohl die Auseinandersetzung und Darstellung, der den Menschen umgebenden Welt immer Bestandteil der Wissenschaft und darstellenden Kunst blieb.