Barbara Bauer, 14. Mai 2021

Täuschend echte Nachahmung

Welche Möglichkeiten hatten Kunstliebhaber*innen im 18. Jahrhundert, wenn sie ihre Appartements zeitgemäß mit Werken François Bouchers einrichten wollten, die gewünschten Zeichnungen aber bereits vergriffen waren?

Boucher arbeitete seine gesamte Karriere hindurch eng mit Pariser Grafikwerkstätten zusammen. Diese Kooperationen trugen wesentlich zu seinem Erfolg bei, da seine Kompositionen das Interesse einer breiten Käuferschicht weckten. Welche Reproduktionsgrafiken waren beim Publikum besonders beliebt?

Mitte des 18. Jahrhunderts führten neue Erfindungen zu einem regelrechten Aufschwung von Reproduktionstechniken. Besonders beliebt war die Kreidemanier, eine Verfeinerung bereits existierender Tiefdruckverfahren. Anstelle einer Radiernadel, mit der feine Linien auf der zuvor vorbereiteten Radierplatte erzeugt werden, nutzten die Grafiker*innen ein kleines Rädchen mit Zähnen(„Roulette“), dessen Erhebungen zahlreiche punktartige Vertiefungen bewirken. Auf diese Weise entstehen unterbrochene Linien, die rot eingefärbt die breiten Striche einer Rötelkreide imitieren. Der Kunstkritiker Dennis Diderot zeigte sich 1765 begeistert von der Technik, die „dem Druck den Anschein gibt, der Kreidestift habe auf den feinen Erhöhungen des Papiers seine [pudrigen] Moleküle hinterlassen.“

Ansicht von Werken in der Boucher-Ausstellung

In der Werkstatt des Grafikers Gilles Demarteau wurden ab Beginn der 1760er-Jahre mehr als 300 Zeichnungen Bouchers in diesem aufwendigen Verfahren reproduziert. Die Kooperation war für beide Seiten profitabel: Boucher erreichte durch dieses künstlerisches Medium ein wesentlich größeres Publikum, als dies allein durch den Verkauf von Zeichnungen möglich gewesen wäre. Zugleich ließ die große Nachfrage nach Werken Bouchers erfolgversprechende Verkaufszahlen erwarten.

Durch eine Weiterentwicklung des Verfahrens konnten realitätsgetreue Darstellungen mehrfarbiger Pastellzeichnungen erreicht werden. In einem langwierigen Druckprozess, für den eigens entwickelte Farben verwendet wurden, gelang es, den Verlauf der Farbtöne übereinander gelegter Kreideschichten nahezu authentisch wiederzugeben.

Ansicht der Boucher-Ausstellung

Die Technik der Pastellmanier wurde von Zeitgenoss*innen sehr geschätzt, da hier im Unterschied zum empfindlichen Pastell die Darstellungen vor Abrieb geschützt und leichter zu transportieren waren. Die gerahmten Druckgrafiken wurden neben Zeichnungen in den Appartements der Oberschicht präsentiert. Die Illusion war so überzeugend, dass aus der Distanz auch für Expert*innen kaum ein Unterschied festzustellen war. Diese Grafiken nach Boucher finden sich heute in Museen und Privatsammlungen weltweit und faszinieren als hochqualitative Werke des 18. Jahrhunderts.

Seitdem haben sich technische Möglichkeiten erheblich erweitert. Der Wunsch, die eigenen vier Wände mit Kunstwerken zu schmücken, bleibt bestehen. Faksimiles von Werken aus musealen Sammlungen sind in allen Preisklassen und Qualitätsstufen zu erwerben. Digitale Reproduktionstechniken und in großer Auflage maschinell gedruckte Grafiken bedürfen heute anderer technischer Voraussetzungen. Sind die Wiedergabe spezifischer Materialeigenschaften und exakte Farbtreue weiterhin die Kriterien für möglichst genaue Imitationen?