Gritta von Toll, 24. Mai 2021

Bürgerliche an der Macht: Von der Mätresse zur Monarchin

Die Königshäuser zogen schon immer ein großes Interesse auf sich. Die freie Redakteurin und Adelsexpertin Gritta von Toll geht der ungebrochenen Faszination auf den Grund und zeigt die Geschichte der Madame de Pompadour als die der ersten und einflussreichsten bürgerlichen Geliebten eines Monarchen.


Im vergangenen Monat verfolgten Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt, wie Philip, Duke of Edinburgh in Windsor zu Grabe getragen wurde. Königliche Ereignisse dieser Art, allen voran die Hochzeiten, belegen, wie sehr die Welt des entmachteten europäischen Adels noch immer fasziniert.

Trotz der etablierten Demokratien und der Anpassung an ein bürgerliches Leben, hat der Adel noch viel Anziehendes zu bieten und wird mit einem Lebensstil assoziiert, der wie ein Märchen erscheint. Und das Beste ist: Sogar waschechte Prinzen und Prinzessinnen sind heute tatsächlich auch für “Normalsterbliche” zu haben und Bürgerliche sind Teil jeder königlichen Familie und tragen die Krone oder werden dies eines Tages tun.Gerade die traditionsbewusste englische Krone hatte sich damit schwer getan und Anfang der 1980er Jahre noch ein letztes Mal versucht, ihrem Thronfolger mit Lady Diana Spencer eine standesgemäße Ehefrau an die Seite zu stellen. Wie das Ganze endete, ist allgemein bekannt.

Im Frankreich des 18. Jahrhunderts war es hingegen ein Ding der Unmöglichkeit, als Bürgerliche*r in die Königsfamilie einzuheiraten. Ehen auf dieser Ebene wurden ausschließlich zwischen ebenbürtigen Häusern geschlossen. Liebesheiraten waren nicht vorgesehen. Selbst die oberste Mätresse des Königs, eine offizielle Position am Hof von Versailles, hatte “gefälligst” aus Adelskreisen zu stammen und die noblen Familien rissen sich darum, ihre schönsten Töchter im Bett des Königs zu platzieren, wodurch sie sich lukrative Posten erhofften.

1745 geschah dann aber das bis dato Unfassbare: Ludwig XV. verliebte sich in die Bürgerliche Jeanne-Antoinette Le Normant d’Etiolles, geborene Poisson, die der Welt der Bankiers und Steuerpächter entstammte, einer aufstrebenden Schicht des Bürgertums, die dem Adel und auch dem Staat regelmäßig finanziell unter die Arme griff. Die verheiratete junge Frau war durch ihren Charme, ihre Schönheit und Bildung und ihr schauspielerisches Talent bereits ein kleiner Star in den Salons von Paris.

Doch all das reichte ihr nicht. Jeanne-Antoinette strebte nach Höherem, nachdem ihr als kleines Mädchen prophezeit worden war, sie würde einmal die Geliebte des Königs werden. Und genau das wurde sie dank der ihr mitgegebenen und angeeigneten Tugenden. Jeanne-Antoinette trennte sich von ihrem verdattertem Ehemann und zog nach Versailles, um dort die Position der Maitresse-en-titre einzunehmen.

Das Leben, das die zur Marquise de Pompadour – und später auch zur Herzogin – aufgestiegene Jeanne-Antoinette in Versailles führte, war, nach ihrer eigenen Aussage, “schrecklich”: Jeden Tag musste sie um die Gunst des Königs kämpfen, Intrigen abwehren und Konkurrentinnen aus dem Feld schlagen.

Doch schaffte es die Marquise wie niemand sonst, den zu Melancholie neigenden König zu zerstreuen. Und das führte zu etwas noch Unglaublicherem, als ihr Aufstieg zur Mätresse an sich: Sie behielt ihre Position auch, nachdem die erotische Komponente ihrer Tätigkeit 1751 ad acta gelegt wurde und sie nur noch die beste Freundin Ludwigs XV. war, über dessen amouröse Abenteuer sie allerdings ein wachsames Auge behielt.

Um den lüsternen Ludwig bei Laune zu halten, wurde ein verschwiegenes Haus in Versailles gekauft, in dem regelmäßig neue junge Mädchen einquartiert wurden, mit denen sich der Monarch die Nächte um die Ohren schlagen konnte, die jedoch keine Gefahr für dessen offizielle Mätresse darstellten. Die berühmteste dieser Gespielinnen, Louise Murphy, wurde der Nachwelt von François Boucher als Ruhendes Mädchen überliefert.

Gemälde Bildnis der Madame de Pompadour von François Boucher, entstanden 1756.

Die Macht Madame de Pompadours wuchs indessen ins Unermessliche. Auch den Porträts, die die besten Maler jener Zeit von ihr schufen, ist diese Veränderung anzumerken: Hatte sich die Marquise zuvor noch als Jagdgöttin Diana oder Sultanin malen lassen, bevorzugte sie nun Porträts, die ihre – bereits verblassende – Schönheit zelebrierten oder die sie als die umfassend gebildete Frau zeigten, die sie tatsächlich war. Eines dieser Porträts, gemalt von François Boucher im Jahr 1756, zeigt sie auf dem Höhepunkt ihrer Macht, als sie in den Stand einer Herzogin erhoben wurde und bevor ihre unglückselige Einmischung in den Siebenjährigen Krieg ihre Reputation endgültig ruinieren sollte.

Allgemein gilt die Marquise de Pompadour als Inbegriff der verschwenderischen und machtbesessenen Mätresse. Tatsächlich gab sie hohe Summen für ihre Schlösser aus, sah sich selbst allerdings als Förderin der Künstler und der Philosophen, mit denen sie bereits in ihren Pariser Jahren verkehrt hatte und die ihre Lehrer gewesen waren. Auch dies wollte sie mit ihrem neuen Porträttypus unterstreichen. Doch forderte das anstrengende Leben in Versailles mit seinen ständigen Machtkämpfen seinen Tribut und die von jeher unter einer schwachen Konstitution leidende Marquise starb 1764 im Alter von nur 42 Jahren.

Im Zeitalter der Liebesheiraten in den Königshäusern ist das Vorhandensein einer neuen Madame de Pompadour eher unwahrscheinlich und das Auffliegen einer solchen Liaison – man denke nur an die Ménage-à-trois von Charles, Diana und Camilla – könnte zur ernsthaften Bedrohung einer Monarchie werden, die heute von der Gunst des Volkes abhängig ist. “Nach uns die Sintflut” ist da keine Option.

Außerdem sind es gerade die bürgerlichen Ehefrauen, die heute das Rückgrat der Königshäuser darstellen und oft beliebter sind, als so mancher Blaublüter, der mit seinen Eskapaden in die Schlagzeilen geraten ist. Sie gelten als bodenständig, sympathisch und im besten Fall als stilsicher.

Galten Bürgerliche wie eine Jeanne-Antoinette Poisson früher als Eindringlinge in eine vom Adel beherrschte Welt, sind die bürgerlichen Fürstinnen und Fürsten von heute ein wichtiger Garant für die Daseinsberechtigung und den Fortbestand einer modernen Monarchie.