Dr. Astrid Reuter, 10. Dezember 2021

Zeichnen, kennen, verstehen – ein Plädoyer fürs Ausprobieren

Mehr als 22.000 Zeichnungen werden im Karlsruher Kupferstichkabinett aufbewahrt. Hemmschuh oder Motivation, um selbst wieder einmal zum Stift zu greifen?

Vor kurzem habe ich ein Weihnachtsgeschenk für meine Nichte erworben: Es ist eine Art illustriertes Tagebuch. Angesichts der wie nebenher entworfenen Skizzen und Notizen habe ich darüber nachgedacht, wann ich eigentlich zum letzten Mal flüchtige Gedanken oder Beobachtungen in Linien übersetzt habe. Meine Schulhefte sprechen noch von dem Wunsch, Formen zu erfinden; Ausdruck eines spielerischen Bedürfnisses nach Bildern oder quälender Langeweile. Auch in den Mitschriften an der Uni finden sich ab und an rasche Skizzen von Bildkompositionen – als Hilfe zum genaueren Hinsehen und als Erinnerungsstützen. Heute scheint die Hand ihre selbstverständliche Routine verloren zu haben. Die Schrift wird krakeliger, die gezeichnete Linie erscheint ungelenk. Der Bildschirm ersetzt in der Regel das Papier, ein gezieltes Tippen die regelmäßigen Schreib- und die ausgreifenden Zeichenbewegungen.

Beim Gang durch unsere Museumsräume bin ich manches Mal Menschen begegnet, die über ein Papier gebeugt saßen oder auch stehend, mit wenigen Strichen das Gesehene in einem Notizheft festhielten. Ist es nicht verwunderlich, dass wir so selbstverständlich über unsere Eindrücke sprechen, sie aber nur selten in Formen übersetzen?

Das Zeichnen als Memotechnik ist immer wieder im Gespräch. Darüber hinaus lehrt uns das eigene Tun das Sehen. Auch Kennerschaft war einst ganz selbstverständlich mit eigenem künstlerischen Arbeiten verbunden. Markgräfin Karoline Luise von Baden, auf die wichtige Sammlungsbestände der Kunsthalle zurückgehen, ist dafür ein Beispiel. Noch bevor sie selbst aktiv Werke auf dem europäischen Kunstmarkt erwarb, zeichnete und malte sie, kopierte zahlreiche Werke, probierte unterschiedliche Techniken aus – von der Rötelkreide zum Pastell bis zur Arbeit mit Öl und der Radierung. Sie blieb neugierig. Und fand in dieser Tätigkeit ein Fundament für das eigene Urteilen und möglicherweise eine emotionale und intellektuelle Befriedigung, die weit darüber hinausging.

Vielleicht sind wir bildersatt, vielleicht trauen wir der eigenen Hand nicht mehr angesichts der Perfektion des Vorhandenen? Aber es lohnt, sich an die Momente selbstvergessenen Tuns zurückzuerinnern, die uns als Kinder so beglücken konnten. Die Weihnachtstage könnten Gelegenheit bieten, Papier und Stifte wieder einmal herauszuholen. Probieren Sie es aus!