Dr. Astrid Reuter, 18. Februar 2022

Künstlerinnen der Kunsthallen-Sammlung – meine persönliche Top 10 + 1

Heute sind Frauen aus dem Kunstbetrieb nicht wegzudenken. Doch auf wessen Schultern stehen sie?

Schaut man in die Sammlung der Karlsruher Kunsthalle, so erscheint die Zahl der Künstlerinnen im Vergleich zu den zahlreichen männlichen Namen bescheiden. Aber es gibt sie durchaus und es werden mehr. Erst kürzlich gelang die Erwerbung eines Selbstbildnisses der französischen Künstlerin Marie Guilhelmine Benoist (1768–1826), in dem sich biographischer und gesellschaftspolitischer Wandel in unerwarteter Weise verbinden.

Der bildlich thematisierte Atelierwechsel der jungen Künstlerin – von Elisabeth Vigée-Lebruns als Vertreterin des Ancien Régîme zu Jacques-Louis David, dem zukünftigen Maler Napoleons – wird zum Zeichen für den Umbruch vom Rokoko zum Klassizismus.

Die hier vorgestellte Auswahl von zehn Frauen ist nicht repräsentativ. Sie spiegelt persönliche Entdeckungen, Interessen und Vorlieben.

Von der Schönheit der Welt: Clara Peeters

(Antwerpen um 1588/90 – nach 1821 Antwerpen)

Prachtvolle Gegenstände, kulinarische Köstlichkeiten und exotische Raritäten – die Stillleben der flämischen Malerin Clara Peeters verstehen, den Blick zu fesseln. Es ist die Freude an ausgesuchten Details, die aus der Betrachtung ein Erlebnis werden lässt. Die Natur und die Dinge wetteifern ungeachtet ihrer Vergänglichkeit um die Aufmerksamkeit. Allein die Kunst sichert die Langlebigkeit. Sie triumphiert und mit ihr die Malerin, die sich in den kugelförmigen Buckeln des Pokals vielfach spiegelt. Clara Peeters, die Anfang des 17. Jahrhunderts in der prosperierenden Stadt Antwerpen arbeitete, gehört zu den frühen Stilllebenmalerinnen.

Abbildung des Gemäldes Stilleben mit Blumen und Goldpokalen von Clara Peeters

Bildnisse, so zart wie Puder: Rosalba Carriera

(Venedig 1675 – 1757 Venedig)

Das Pastell galt lange Zeit als weibliche Technik und wird verschiedentlich auch heute noch als eine solche bezeichnet. Zu denjenigen, die der subtilen Kunst zu einer Blüte verhalfen, gehörte die Venezianerin Rosalba Carriera. Während ihres Parisaufenthaltes 1721 leitete sie dort eine regelrechte „Pastellmode“ ein. Vor allem Bildnisse wurden in Pastell ausgeführt, da die samtige Oberfläche der Beschaffenheit der Haut besonders nahekommt. Die fragile Technik barg jedoch auch Gefahren. Unachtsame Berührungen oder Erschütterungen konnten die Kreideoberflächen nachhaltig beschädigen. Neben der obligatorischen Verglasung beschäftigte man sich daher im 18. Jahrhundert intensiv mit der Frage eines festigenden Überzugs, dem sogenannten Firnis. Rosalba Carriera gab ihren Werken zum Schutz auf Reisen Gebete mit auf den Weg – und noch heute verlassen die kostbaren und empfindlichen Werke der Künstlerin nur selten ihre angestammten Plätze.

Abbildung des Gemäldes Rosalba Carriera

Künstlerin und Kennerin: Karoline Luise von Baden

(Darmstadt 1723 – 1783 Paris)

Heute vor allem als kritisch abwägende und international vernetzte Kunstsammlerin bekannt, die mit ihren Erwerbungen einen entscheidenden Grundstock der Karlsruher Sammlung legte, überrascht die Markgräfin mit eigenen Zeichnungen und hervorragend ausgeführten Kopien. Sie beherrschte sowohl die Pastell- als auch die Ölmalerei und erlernte zudem druckgrafische Techniken. Zu ihren Lehrern gehörte der Genfer Pastellmaler Jean-Étienne Liotard, der ein Porträt der jungen Prinzessin an der Staffelei anfertigte, das in der Kunsthalle zu sehen ist. Seine begabte Schülerin erwies sich als ausgesprochen lernwillig: Ihre Unterrichtsnotizen haben sich im Generallandesarchiv in Karlsruhe erhalten. Praktische Kenntnisse und die für ihre Erwerbungen nötige künstlerische Urteilskraft waren für Karoline Luise untrennbar miteinander verbunden.

Gemälde der Prinzessin Karoline Luise von Hessen-Darmstadt von Jean Etienne Liotard

International erfolgreich: Angelika Kauffmann

(Chur 1741 – 1807 Rom)

In Chur geboren, bei ihrem Vater ausgebildet, früh nach Italien gereist, Gründungsmitglied der Royal Academy in London und höchst erfolgreich in Rom. Angelika Kauffmann zählt zweifellos zu den namhaften deutschen Künstlerinnen. „Miss Angel“ genannt, ging sie als „weiblicher Raffael“ in die Kunstgeschichte ein, war mit Joshua Reynolds, einem der wichtigsten englischen Maler des 18. Jahrhunderts, gut bekannt und stand in engem Austausch mit Johann Wolfgang Goethe. „The whole world is angelicamad“ – Die enorme Popularität ihrer Werke spiegelt sich in den Porzellanen, die mit ihren Kompositionen verziert wurden, und der großen Zahl an Reproduktionsstichen, die bereits zu Lebzeiten ihre Werke verbreiteten. Die Kunsthalle besitzt 95 dieser Grafiken, einige von ihnen kamen bereits im 18. Jahrhundert in die Sammlung. Damals stand kurzzeitig der Vorschlag im Raum, die Künstlerin zur Gründung einer Kunstakademie nach Karlsruhe zu holen.

Fragen der Autorschaft: Marguerite Gérard

(Grasse 1761 – 1837 Paris)

Im Jahr 1979 erwarb die Kunsthalle ein Werk von Marguerite Gérard: Schlaf Kindlein, schlaf. Das feinmalerisch ausgeführte Gemälde bezeugt die enge Orientierung der Künstlerin an der niederländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts. Im südfranzösischen Grasse geboren, zog sie nach der Heirat ihrer Schwester – einer ausgebildeten Miniaturmalerin – mit dem Künstler Jean-Honoré Fragonard nach Paris und lebte dort im Haushalt des Paares. Die räumliche Nähe und gewisse Parallelen in ihrem Schaffen zu Fragonard führten zu Unsicherheiten bei der Zuschreibung ihrer Werke: War Fragonard an ihrer Entstehung maßgeblich beteiligt? Diese Frage wurde auch im Hinblick auf das Karlsruher Bild gestellt, ein zeitgenössischer Reproduktionsstich gibt jedoch die Künstlerin als alleinige Autorin an.

Abbildung des Gemäldes "Schlafe, mein Kind" von Marguerite Gérard

Offiziell immatrikuliert: Marie Ellenrieder

(Konstanz 1791 – 1863 Konstanz)

In der Stephanskirche in Karlsruhe ist ein großformatiges Altargemälde von der Hand Marie Ellenrieders zu bewundern und auch die Kunsthalle bewahrt mehrere Gemälde und Zeichnungen der Künstlerin. Die meisten von ihnen kamen als sogenannte Pflichtbilder in die Sammlung, zu deren Abgabe Marie Ellenrieder als besoldete Hofmalerin aufgerufen war. Die Künstlerin führte ein für ihre Zeit ungewöhnliches Leben: Sie war im Jahr 1813 als erste Studentin in der offiziellen Immatrikulationsliste der Münchner Kunstakademie gelistet, reiste zwei Mal für viele Monate nach Italien und führte zahlreiche repräsentative Werke mit religiösen Inhalten aus.

Abbildung des Selbstbildnisses von Marie Ellenrieder

Künstlerin und Künstlerfrau: Alice Trübner

(Bradford 1875 – 1916 Berlin)

„Jedenfalls gehört Alice Trübner zu den in der Tat interessantesten deutschen Malerinnen.“ schrieb der Kunstkritiker Hans Rosenhagen 1905 in einer Ausstellungsrezension. Die zu dieser Zeit dreißigjährige Künstlerin hatte in München unter anderem bei Max Slevogt und in Frankfurt bei Wilhelm Trübner studiert, den sie im Jahr 1900 heiratete. Nur drei Jahre später zog sie mit ihrem Mann nach Karlsruhe, wo dieser eine Professur an der Kunstakademie erhielt. Alice Trübner trat als selbstbestimmte Frau hervor und ging auch in ihrer Kunst eigene Wege. Die befreundete Else Lasker-Schüler widmete ihr ein Porträtgedicht, in dem es heißt:

„Sie thronte einen Himmel hoch
Über die Freunde.

O sie war eine Sternin –
Schimmer streute sie von sich.

Eine Herzogin war sie
Und krönte den armseligsten Gast.

Manchmal aber kam sie vom West:
Ein Wetter in Blitzfarben“

Abbildung des Gemäldes Schloss Hemsbach bei Weinheim von Alice Trübner

Inspiration Paris: Paula Modersohn-Becker

(Dresden 1876 – 1907 Worpswede)

Paris ist bis heute ein Sehnsuchtsort und war schon in früheren Zeiten für zahlreiche Künstler und Künstlerinnen ein vielversprechendes Ziel. Paula Modersohn-Becker verbrachte dort ihre fruchtbarste künstlerische Zeit. Die Intensität, mit der sie die Stadt erlebte und die Kunst geradezu in sich aufsaugte, spiegelt sich in ihren Tagebucheinträgen. Während die Antike sie in ihrer „eisigen Objektivität“ erdrückte, wurde der Louvre ihr „A und O“, in dem sie oft „nach Herzenslust badete“. Zu den großen Pariser Entdeckungen gehörte für Paula Modersohn-Becker die Kunst Paul Cézannes, dessen Einfluss sich auch in dem kleinen Karlsruher Stillleben zeigt.

Abbildung von Paula Modersohn-Beckers Obst- und Gemüsestillleben

Künstlerin und Museumsfrau: Hilla von Rebay

(Straßburg 1890 – 1967 Westport/Connecticut)

Die Kunsthalle besitzt ein Gemälde von Hilla von Rebay, das 1951 als Schenkung der Künstlerin in die Sammlung kam. Rebay, Cousine des damaligen Direktors Kurt Martin, war 1927 in die USA übergesiedelt und wirkte maßgeblich am Aufbau der Sammlung und der Einrichtung des Guggenheim Museums in New York mit. Ihr Interesse galt der gegenstandslosen Malerei von Künstlern wie Wassily Kandinsky, dessen Werke einen prominenten Platz im 1959 eingeweihten Museum einnahmen. Während der Planungen des bis heute ikonischen Gebäudes stand Hilla Rebay in engem Austausch mit dem Architekten Frank Lloyd Wright.

Mit Papier und Schere: Hannah Höch

(Gotha 1889 – 1978 Berlin)

Papier, Schere und Klebstoff – mehr brauchte es für die Künstlerin nicht, um Realität und Fiktion zu neuen Welten zu verbinden. Hannah Höch ist eine Meisterin der Collage. Sie verzahnt banale Nebensächlichkeiten so miteinander, dass der Boden des Vertrauten zu schwanken beginnt. Ihre Werke sind humorvoll, ironisch und grotesk, nachdenklich und manches Mal auch bitter. Sie war eng mit dem Dadaisten Kurt Schwitters befreundet und über Jahre hinweg (bis zu einer schmerzhaften Trennung) mit dem Berliner Künstler Raoul Hausmann liiert.

Ihre Karlsruher Collage ist nach dem Kanon Was müssen das für Bäume sein… benannt und Schwitters gewidmet.