Wittgenstein's Cabin 10
Beschreibung
Während der Corona-Pandemie entwickelte Dionisio González die Werkgruppe »Wittgensteinʼs Cabin«. Inspiriert ist sie durch den österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein. Wittgenstein ließ sich im Jahr 1914 nach eigenem Entwurf eine 59 Quadratmeter kleine Hütte auf einem Felsvorsprung mit Blick auf Europas längsten und tiefsten Fjord, den Sognefjord in Norwegen, bauen. Er suchte die völlige Abgeschiedenheit und Stille, um sich sehr konzentriert mit Problemen der Logik und Sprachphilosophie zu befassen. Der Rückzugsort war nur im Sommer per Boot oder im Winter übers Eis des Eidsvatnet-Sees erreichbar.
González fotografierte den Fjord mehrfach, um später eine am Computer generierte, futuristisch anmutende Architektur ins Bild zu integrieren.
Das Werk von Dionisio González fragt nach modernen und zukünftigen Formen des Rückzugs, der Isolation – nicht nur in Pandemiezeiten – und thematisiert die Sehnsucht nach Schutz in der Wildnis und gleichzeitig einem Leben im Einklang mit der Natur. Wittgensteins »Hütte« wäre heutzutage vielleicht kaum noch ein einfaches Holzhaus, von dem aus das benötigte Wasser mit Eimer und Seilwinde aus dem Fjord nach oben gezogen werden muss. Gonzálezʼ Simulation gewährt mehr Komfort.
Sein organisch geformtes Gebäude ist vom Berggipfel auf die Grenze zum Wasser hinuntergewandert. Die akkumulierten Grundformen dieser Behausung muten einerseits wie eine Ansammlung rundgeschliffener Kiesel an, die durch die Kräfte des Wassers geformt zu sein scheinen. In ihrer Eiförmigkeit erinnern die Baukörper gleichzeitig auch an Zellhaufen oder Fischlaich. Und außerdem kommen Assoziationen zu U-Booten auf – sie haben amphibischen Charakter.
González kombiniert diese biomorphen Partien mit geradlinig modernistischen Bungalowelementen aus Holz, Metall und Glas. Sie knüpfen an Wittgensteins Affinität zum Neuen Bauen an. Das Gebäude passt sich der Natur und dem Charakter des Riffs in Form, Farbe und Material an. Es erstreckt sich über künstlich angelegte Inseln. Diese Inseln eröffnen zudem nutzbaren Außenbereich zum Wohnen und Leben – sie könnten auch darauf ausgelegt sein, einem steigenden Wasserspiegel zu trotzen.
Resilienz ist ein wiederkehrendes Thema in den Gonzálezʼ Architekturvisionen. Der Künstler lehrt als Professor an der Fakultät der Schönen Künste der Universität von Sevilla. Seine Werke wurden international ausgestellt, unter anderem im Museum of Contemporary Art, Cleveland, USA, dem Museo Centro de Arte Reina SofÃa, Madrid, im Museum of Contemporary Photography, Chicago, dem Museo de Arte Moderno de Bogotá (MAMBO), Bogotá, Kolumbien, im Museo de Arte de Sao Paulo (MASP), Sao Paulo, Brasilien und dem Museum of Contemporary Art (MOCCA), Toronto, Kanada gezeigt.
Architektur trifft auf unberührte Natur
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Ist es ein Raumschiff? Ein U-Boot? Fischlaich? Oder doch ein gigantischer Zellhaufen? Die eiförmigen Baukörper schmiegen sich organisch weich wie durchs Wasser rundgewaschene Steine aneinander.
Die künstlichen Inselpartien, auf denen sie stehen, sind sanft ins Riff integriert und passen sich optimal der bewaldeten, steinigen Umgebung an.
Wittgensteins kontemplativer Ort zum Nachdenken
Dionisio González generiert für seine Bildserie Wittgenstein’s Cabin eine computersimulierte Architektur und fügt sie in Fotografien ein. Der Namensgeber dieser Bildserie ist der 1951 verstorbene Philosoph Ludwig Wittgenstein, der nach Orten völliger Abgeschiedenheit, Schönheit und Stille für seine philosophischen Denkprozesse suchte.
Einen solchen fand er in Norwegen. Im Jahr 1914 ließ er sich nach eigenem Entwurf eine kleine Hütte auf einem hohen Felsvorsprung bauen – abgelegen und schwer erreichbar. Von hier aus fiel der Blick auf Europas längsten und tiefsten Fjord, den Sognefjord, den Sie in diesem Werk sehen.
Isolation als Inspiration
Anknüpfend an Wittgenstein, geht González der Frage nach, wie sich der Philosoph heute oder in der Zukunft situieren würde und welches Potential Isolation birgt.
Die Hütte ist vom grün bewaldeten Berg auf die Grenze zum Wasser hinuntergewandert. Das dichte Wolkenband und die steilen Berge erstrecken sich über die gesamte Bildbreite und unterstreichen den Eindruck der Isolation, ohne dass ein unheilvolles Gefühl aufkommt.
Wittgenstein‘s Cabin scheint angepasst an die Natur, ein moderner und resilienter Schutzort für Einsiedler.
Daten und Fakten
| Titel | Wittgenstein's Cabin 10 |
|---|---|
| Künstler*in | Dionisio González |
| Entstehungszeit | 2021 |
| Inventarnummer | F 34 |
| Maße Bildträger | H 110,0 cm B 240,0 cm |
| Material | Canson Baritado Diasec |
| Technik | Inkjet-Druck |
| Genre | Architektur |
| Gattung | Fotografie |
| Abteilung | Kupferstichkabinett |
Wittgenstein hielt sich vor allem in den 1930er-Jahren längere Zeit in seiner Hütte auf, insgesamt fünf Aufenthalte sind bekannt. Die Einwohner*innen Skjoldens nannten das von dem Österreicher bewohnte Domizil spaßhaft Østerrike. Nach Wittgensteins Tod 1951 wurde die Hütte 1958 abgebaut und in Skjolden verändert wiedererrichtet. Norwegische Gelehrte nahmen ab 2014 die Aufgabe in Angriff, die Hütte zu restaurieren und an ihren ursprünglichen Standort zu überführen. Dies gelang ihnen im Jahr 2018.