Fächerstudie
Beschreibung
Ernest Meissonier, der von seinen Zeitgenossen gleichermaßen hochgeschätzte wie vielkritisierte französische Maler von Historien- und Genrebildern, war zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn als Fächermaler tätig. Ob bemalt oder bedruckt, waren Fächer während des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil der modischen Toilette aristokratischer und bürgerlicher Frauen. Über seine praktische Funktion hinaus fasziniert bis heute die Kommunikation mittels des Fächers: einerseits die Bilder, die die teils luxuriösen Objekte zieren, andererseits die gestische Sprache mithilfe des Accessoires.
Meissoniers Zeichnung zeigt einen aufgeschlagenen Briséfächer mit federverzierten Rand. Doch fehlt auf den Bildfeldern über den mit stilisiertem Blumendekor geschmückten Stäben der Entwurf für eine originelle Dekoration. Stattdessen fügte der Künstler in den nicht vom Fächer eingenommenen Bereichen des Blatts Genreszenen ein, die dessen Gebrauch in verschiedenen Erdteilen chiffreartig illustrieren. Sie zeigen oben links eine Gruppe von Frauen und Männern in spanischer Tracht unter südlicher Sonne, oben rechts eine andere Gruppe vor Fachwerkbauten und gotischer Kirche sowie europäisch geprägte Vorstellungen des osmanischen und asiatischen Alltags in den unteren beiden Bildbereichen.
Als junger Fächermaler präsentiert Meissonier mit dieser Zeichnung mehr als eine Illustration für den nächsten Auftrag. Die humor- und fantasievolle Bildidee arbeitet mit verschiedenen Stadien der Ausgestaltung, indem sie dem fein gezeichneten, aber leeren Fächer kontrastierend die detailreichen, mit flüssigem Pinsel angelegten ›Randzeichnungen‹ gegenüberstellt. Diese besitzen einen Grad der Ausführung, der das Blatt nicht als unvollendete Gedankenstütze erscheinen lässt, sondern als durchdachte – und signierte – Komposition, die mit dem Kontrast zwischen Ausgeführtem und Offenem die Imagination anregt. Ebenso spielt der Künstler mit den räumlichen Ebenen und greift das Verbergen und Dahinter-Blicken auf, das den Gebrauch des Fächers charakterisiert.
Die minutiöse Feinmalerei, die Meissonier in späteren Jahren berühmt machen sollte, löste den unter Zeitgenossen intensiv diskutierten Impuls aus, aus der größtmöglichen Nähe zum Bild mehr erkennen zu wollen.
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Vorlegesaal 23.07. - 31.10.2021