Sich bückender Akt (Dodo)
Beschreibung
Die Tuschfederzeichnung »Sich bückender Akt (Dodo)« von Ernst Ludwig Kirchner zeigt Doris Große, vom Künstler liebevoll »Dodo« genannt, unbekleidet in seinem Atelier. Bis zu Kirchners Wegzug aus Dresden nach Berlin war sie über mehrere Jahre hinweg nicht nur seine Lebensgefährtin, sondern auch eines seiner wichtigsten Modelle.
Im Hintergrund deuten schnelle, gestische Pinselstriche ornamental und figürlich gestaltete Textilien sowie Vorhänge an, die die außergewöhnliche Ausstattung von Kirchners Atelier erkennen lassen. Vermutlich handelt es sich um vom Künstler selbst bemalte Vorhänge und Paravents, die aus seiner Faszination für Kunsttraditionen verschiedener Weltregionen hervorgingen.
Doris Große wird handwerkliches Geschick und ein ausgeprägtes Gespür für Materialien nachgesagt. Insofern ist es naheliegend, dass sie maßgeblich an der Gestaltung von Kirchners Atelier in der Berliner Straße beteiligt war. Darüber hinaus unterstützte Große ihren Lebensgefährten Kirchner nicht nur emotional, sondern auch finanziell.
Der Künstler zeigt sie hier in gebeugter Haltung, als flüchtige Momentaufnahme mitten in der Bewegung, während sie nach einem Gegenstand am Boden greift. Die spröde Linienführung der Tuschfederzeichnung verweist auf eine stilistische Veränderung um 1910, in der Kirchner zu einer kantigeren, härteren Strichführung fand. Die rote Farbe auf dem gelben Papier unterstreicht seine ausgeprägte Freude an intensiven Farbwirkungen.
Ernst Ludwig Kirchner gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der klassischen Moderne in Deutschland. Als Gründungsmitglied der Künstlergruppe »Die Brücke«, die zwischen 1905 und 1913 in Dresden und Berlin aktiv war, strebte er nach »Unverfälschtheit« und »Unmittelbarkeit« im künstlerischen Ausdruck. Die »Brücke«-Künstler lehnten akademische Konventionen bewusst ab und arbeiteten ohne professionelle Modelle. Stattdessen porträtierten sie Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld.
Um den Akt in seiner natürlichen Bewegung und seinem unmittelbaren Ausdruck zu erfassen, praktizierten sie die sogenannten Viertelstundenakte, die gemeinschaftlich in Kirchners Atelier in der Berliner Straße in Dresden-Friedrichstadt stattfanden. Die enge Verbindung von Alltag und künstlerischer Produktion sollte den Modellen eine ungezwungene, freie Bewegung ermöglichen.
In dieser Zeit gewann Kirchners Atelier zunehmend an Bedeutung als Ort der Erotik, Kommunikation und künstlerischen Inspiration. Wiederholte Besuche im Völkerkundemuseum Dresden beeinflussten nachweislich die Gestaltung des Ateliers und belegen Kirchners intensive Auseinandersetzung mit Formensprachen aus verschiedenen Weltregionen.
Daten und Fakten
| Titel | Sich bückender Akt (Dodo) |
|---|---|
| Künstler*in | Ernst Ludwig Kirchner |
| Entstehungszeit | um 1910 |
| Inventarnummer | 2025-3 |
| Maße Blatt | H 29,2 cm B 21,8 cm |
| Material | Papier gelb |
| Technik | Rohrfeder Pinsel Tusche Gouache |
| Gattung | Zeichnung |
| Abteilung | Kupferstichkabinett |
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