Antiker männlicher Torso und zwei antike Köpfe
Beschreibung
Die fünf fragmentarischen Figurenstudien von Georges Seurat auf diesem Blatt zeigen eindrücklich, wie intensiv sich der Künstler mit Gipsabgüssen antiker griechischer Skulpturen auseinandersetzte. Das Akt- und Anatomiestudium war zentraler Bestandteil der Akademieausbildung: Zunächst wurde nach zweidimensionalen Vorlagen gezeichnet, dann nach antiken Gipsabgüssen, bevor die Arbeit vor dem lebenden Modell folgte.
Die Umsetzung eines dreidimensionalen Vorbildes in zweidimensionale Linien stellt eine außerordentliche Herausforderung dar. Durch verschiedene Kunstgriffe erzeugt Seurat die Illusion von Plastizität und Räumlichkeit: Er arbeitet vor allem mit Dreiviertelansichten, bei denen er die abgewandte Seite der Körper nur andeuten muss. Mit schräg gesetzten Schraffuren markiert er Verschattungen und modelliert so die Körperoberflächen. In der Studie des Kopfes unten links setzt Seurat die Schraffuren so dicht, dass hellere und dunklere Flächen entstehen, die die Plastizität der Haare und Gesichtszüge wirkungsvoll hervorheben.
Das Blatt entstand vermutlich noch während Seurats Schulzeit, als er verschiedentlich Zeichenkurse besuchte und klassische Aufgaben bearbeitete. Die teils unsicheren, oftmals unterbrochenen Umrisslinien deuten auf eine noch fehlende Routine bei zeichnerischen Übungen hin. Gleichzeitig lassen sich bereits Interessen erkennen, mit denen Seurat die Kunstgeschichte nachhaltig beeinflussen sollte: Die konstruktive Erfassung und Vereinfachung von Volumina. In der Malerei führte er diesen Ansatz mit dem Aneinandersetzen von farbigen Punkten – dem neoimpressionistischen Pointilismus – fort, in der Zeichnung durch eine Auflösung des Linearen zugunsten ineinanderfließender Flächen.
-
sehen denken träumen. Französische Zeichnungen aus der Kunsthalle Karlsruhe
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 29.9.2018 – 13.1.2019
-
1983: Die französischen Zeichnungen 1570 - 1930
Johann Eckart von Borries
Kritischer und erläuternder Katalog -
1982: Erwerbungsbericht 1981 der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Kupferstichkabinett
-
1946: Georges Seurat
John Rewald
-
1959: Seurat
Henri Dorra/John Rewald
L'oeuvre peint, biographie et catalogue critique -
1961: Seurat et son oeuvre
C. M. de Hauke
-
2000: Helldunkel, Raum und Form
Peter Paquet
Georges Seurat als Zeichner -
2018: sehen denken träumen
Schäfer, Dorit (Hg.); Reuter, Astrid (Hg.)
Französische Zeichnungen aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe