Die Via Mala in Graubünden
Beschreibung
Die von steilen Felswänden gerahmte Via Mala wird in Joseph Anton Kochs Gemälde »Die Via Mala in Graubünden« zu einer Bühne des Erhabenen. Die tief eingeschnittene Schlucht, historisch als gefährlicher Alpenübergang bekannt, erscheint zugleich bedrohlich und faszinierend.
Kleine Figuren am schmalen Wegesrand verdeutlichen die überwältigende Kraft der Natur, der der Mensch nur wenig entgegenzusetzen hat. Koch verbindet genaue Naturbeobachtung mit idealisierender Komposition. So entsteht kein bloß topografisches Landschaftsbild, sondern ein Sinnbild für Aufbruch, Risiko und Demut vor der Schöpfung.
Das Gemälde »Die Via Mala in Graubünden« entstand 1804 im Auftrag des Kunstsammlers Karl Friedrich Emich Freiherr von Uexküll-Gyllenband. Er förderte den belesenen Künstler über viele Jahre freundschaftlich und finanziell. Uexküll-Gyllenband unterstützte deutsche, insbesondere württembergische Künstler*innen, von denen zahlreiche in Rom lebten und arbeiteten.
Koch, der bereits 1794 erstmals nach Italien gereist war und sich ab 1795 dauerhaft hier niederließ, entwickelte sich zu einer zentralen Persönlichkeit im Kreis der sogenannten Lukasbrüder.
»Die Via Mala in Graubünden« zählt zu den frühen Hauptwerken Kochs und entstand in einer Phase intensiver Auseinandersetzung mit der alpinen Landschaft. Die Schlucht bot dem Künstler ein ideales Motiv zur Darstellung der Ästhetik des Erhabenen. Ihre tektonisch komplexen Felsformationen setzte Koch mit großer Präzision um und ordnete sie zu einer klaren, beinahe architektonischen Komposition. Topografische Genauigkeit verbindet sich hier mit moralisch-ideellen Vorstellungen, die die Landschaftsmalerei dieser Zeit zunehmend prägten.
Eine zentrale Rolle spielt das Licht-Schatten-Spiel, das die dramatische Wirkung des Gemäldes bestimmt. Gebündeltes Licht lenkt den Blick in die Tiefe der Schlucht, während dunkle Partien den Eindruck von Gefahr verstärken. Daraus entsteht eine dynamische Spannung zwischen Bedrohung und Weite.
Die schmalen Wege, die über den Abgrund führen, waren historisch gefürchtet. Koch nutzt dieses Motiv bewusst als Sinnbild menschlicher Anstrengung. Die Staffagefiguren – Wandernde, Tiere, ein Hirte – dienen nicht nur der Belebung der Szene. Sie markieren Größenverhältnisse und verdeutlichen, wie fragil der Mensch in dieser Natur erscheint. So wird den Betrachtenden auch ermöglicht, sich in die Szene hineinzuversetzen und die Gefährlichkeit des Passes nachzuempfinden.
Das Gemälde steht exemplarisch für Joseph Anton Kochs Rolle als Wegbereiter einer idealisierenden Alpenmalerei. Es zeigt, wie er traditionelle Kompositionsprinzipien mit einer neuen Aufmerksamkeit für natürliche Strukturen verbindet und die Gebirgswelt zu einem Träger existenzieller Bedeutung formt.
Daten und Fakten
| Titel | Die Via Mala in Graubünden |
|---|---|
| Künstler*in | Joseph Anton Koch |
| Entstehungszeit | 1804 |
| Inventarnummer | 2783 |
| Maße Bildträger | H 116,0 cm B 89,0 cm |
| Maße Rahmen | H 129,0 cm B 102,5 cm T 8,3 cm |
| Material | Leinwand |
| Technik | Ölfarbe |
| Gattung | Gemälde |
| Abteilung | Neue Malerei (nach 1800) |
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