Odilon Redon - Baum, nach links geneigt

Baum, nach links geneigt

Odilon Redon

Jahr:
um 1875
Ort:
nicht ausgestellt

Beschreibung

Ein schief in der Landschaft stehender Baum mit einem durch Unwetter gebrochenen Stamm ist Gegenstand dieser Zeichnung von Odilon Redon. Trotz der witterungsbedingten Verletzung wächst ein neuer Ast aus seinem Riss, zarte Zweige mit kleinen Blättern verweisen auf seine anhaltende Lebenskraft.

Der Bildausschnitt blendet die Baumkrone aus und konzentriert sich auf den fest verwurzelten Stamm. Mit dieser Fokussierung gewinnt der Baum eine sinnbildliche Dimension als Gleichnis für das Leben und seine Vergänglichkeit.

Das Blatt ist charakteristisch für die Phase von Odilon Redons »Noirs«, wie er selbst seine schwarzen Darstellungen von etwa 1870 bis 1890 nannte. Es gehört zu einer Serie von sehr ähnlichen Werken mit einer komplexen Technik. Sie sind Teil einer künstlerischen Richtung im 19. Jahrhundert, die sich – teils im Umfeld der sogenannten »Schwarzen Romantik« – mit den verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten dunkler Zeichenmedien und druckgrafischer Techniken beschäftigte.

Redons setzte dabei häufig verschiedene schwarze Stifte ein, darunter Kohle- und Kreidearten, Conté crayon oder schwarzes Pastell. Zunächst bedeckte er das Papier mit – teils pulverisierter – Kohle. Anschließend wischte und radierte er mit Brot, Karton, Bürsten, Schwämmen oder der Hand Graustufen aus der dunklen Fläche. Helle Linien entstanden durch das Herauskratzen mit scharfen Werkzeugen, dunkle Flecken, Striche und Konturen durch den Auftrag schwarzer Stifte.

Redon bearbeitete das Papier also in einem kontinuierlichen Wechselspiel von Farbauftrag und Farbabnahme und sprühte zwischendurch Fixative auf die empfindliche Oberfläche. Die Wirkung dieser vielschichtigen Technik ist ein verschwommenes Flimmern und die Suggestion eines Bildes, das einer Erscheinung gleicht, die jederzeit verschwinden könnte.

Redons Zeitgenoss*innen nannten ihn »Prinz der Träume«. Für den Symbolisten Redon, der seine Motive zwischen detaillierter Naturbeobachtung und visionärer Fantasie entwickelte, waren das Unbewusste und der Traum wesentliche Inspirationsquellen. In seinem Kunstverständnis bildeten Wahrnehmung und Empfindung eine unlösbare Einheit.

Künstler*in
Odilon Redon
Titel
Baum, nach links geneigt
Entstehungszeit
um 1875
Technik
Kohle gewischt radiert fixiert
Material
rötlich-braun Papier
Inventarnummer
1984-13
Abteilung
Kupferstichkabinett
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