Baby Steps
Beschreibung
»Baby Steps« greift auf ein Paar Kinderschuhe aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zurück und macht deren industrielle Vergangenheit sichtbar. Die Schuhe wurden im VEB »Banner des Friedens« in Weißenfels produziert, einem Großbetrieb der sozialistischen Leichtindustrie. Die Produktion beruhte vor allem auf der Arbeit von Frauen. Viele dieser Arbeiterinnen standen in einem Zwei-Schicht-System über lange Stunden am Fließband. Niedrige Löhne und steigende Vorgaben zu Produktionsquoten bestimmten ihren Alltag.
Die in Vietnam geborene und in Deutschland aufgewachsene Künstlerin Sung Tieu verknüpft dieses materielle Erbe mit den wenig erzählten Geschichten vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen. Seit den 1980er-Jahren wurden diese für mehrere Jahre in die DDR entsandt. Ihre Arbeitskraft war dringend benötigt, das Leben der vietnamesischen Arbeiter*innen außerhalb der Betriebe jedoch streng reglementiert. Durch die Präsentation der Schuhe als Readymade – zur Kunst erklärten Objekten des Alltags – macht Tieu die oft vergessenen sozialen und politischen Bedingungen sichtbar, aus denen diese scheinbar gewöhnlichen Objekte hervorgegangen sind.
In »Baby Steps« untersucht Tieu die politischen, ökonomischen und sozialen Folgen der industriellen Produktion in der DDR, indem sie ein alltägliches Konsumgut als historisches Dokument neu kontextualisiert. Die Kinderschuhe stehen dabei für ein System, das Mangel verwaltete und zugleich auf international vernetzte, aber asymmetrisch organisierte Arbeitsmigration angewiesen war. Zentral ist Tieus Auseinandersetzung mit dem Anwerbeabkommen zwischen der DDR und Vietnam von 1980. Es regelte die zeitlich befristete Beschäftigung junger Vietnames*innen in volkseigenen Betrieben der DDR.
Während offiziell von »Ausbildung« und »sozialistischer Solidarität« die Rede war, prägten strikte Kontrolle, ökonomische Abhängigkeit und räumliche Isolation den Aufenthalt in der DDR. Die Unterbringung in regulierten Wohnheimen und die Beschränkung sozialer Kontakte markierten ein System, das Integration eher verhinderte, als sie zu ermöglichen.
Die Präsentation der Schuhe als Readymade legt diese politischen Dimensionen offen. Die Objekte erscheinen nicht nur als Spuren industrieller Produktion, sondern als stille Zeugnisse einer Arbeitswelt, der prekäre Bedingungen, Monotonie und Überwachung strukturell eingeschrieben waren. Tieu öffnet damit den Blick auf Geschichten, die in offiziellen Erzählungen meist fehlen. Gleichzeitig stellt sie Fragen nach den Folgen dieser spätsozialistischen Migrationspolitik, die bis heute nur unzureichend aufgearbeitet ist. Der Titel »Baby Steps« verweist sowohl auf das Objekt selbst als auch auf die zögerlichen Schritte, mit denen diese verdrängte Geschichte langsam ins öffentliche Bewusstsein vordringt.