Weibliche Halbfigur mit großer Blüte und Profilkopf
Beschreibung
Die intensiven Pastellfarben und komplementären Farbkontraste, die Odilon Redon in diesem Blatt einsetzt, sind charakteristisch für die stilistische Wende seines Werks in den 1890er-Jahren. In dieser Phase löst eine lichte und starke Farbigkeit die dunkle Bildwelt seiner »Noirs« ab. Trotz dieses Wandels hielt Redon an seiner Bildsprache des Traumhaften fest.
Die beiden blauen Figuren auf dem Pastell besitzen keine erkennbare Standfläche – wie der »Baum, nach links geneigt« (Inv. 1984-13) seiner Kohlezeichnung. Die Köpfe tauchen wie schwerelos im leuchtenden Nebel vor den Augen der Betrachtenden auf, als könnten sie sich jederzeit wieder auflösen.
Solche Schwebezustände durchziehen Redons Werk. Sie spiegeln die naturwissenschaftlichen Diskurse des 19. Jahrhunderts. Mikroskope ermöglichten damals auf neuartige Weise detaillierte Blicke auf bislang verborgene Organismen und Strukturen. Aquarien machten Unterwasserwelten sichtbar. Gleichzeitig förderten Schriften wie Eduard von Hartmanns »Philosophie des Unbewussten«, die 1877 auf Französisch erschienen war, Diskussionen über irrationale und unsichtbare Kräfte.
Vor diesem Hintergrund erscheint Redons Pastell als eine traumhafte, vielschichtige Vision: Eine Blütenform verwandelt sich in einen Vogel, dessen gekrümmter Schnabel sich einer weiblichen Figur zuneigt. Die Frau mit bekränztem Haupt und klassischem Gewand erinnert an eine mystische Priesterin, die einem geisterhaften Kopf lauscht. In beiden Figuren wurden reale Ähnlichkeiten zu Redons Ehefrau und seinem Sohn gesehen, deren Züge der Künstler wiederholt in seinen Bildern aufnahm.
Mit seiner Hinwendung zur leuchtenden Farbwelt des Pastells steht Redon trotz aller Individualität einigen Zeitgenossen nahe, darunter insbesondere Edgar Degas und Édouard Manet, die ihrerseits dem Impressionismus eng verbunden waren. Redons eigene Bildwelt, die aus zahlreichen vergangenen und zeitgenössischen Quellen schöpfte, wurde schließlich zukunftsweisend für den Surrealismus, für den das Unterbewusstsein und der Traum ebenfalls elementare Bestandteile der Kunst waren.
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Daten und Fakten
| Titel | Weibliche Halbfigur mit großer Blüte und Profilkopf |
|---|---|
| Künstler*in | Odilon Redon |
| Entstehungszeit | um 1890 |
| Inventarnummer | 1979-8 |
| Maße Blatt | H 46,2 cm B 47,9 cm |
| Maße Rahmen | H 60,8 cm B 62,7 cm T 3,8 cm |
| Material | Naturpapier graublau Vergépapier |
| Technik | Pastellkreide Kohle |
| Gattung | Zeichnung |
| Abteilung | Kupferstichkabinett |
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