5-Sterne-Bewertung von Goethe: Plan zum Karlsruher Hoftheater von Friedrich Weinbrenner

Mit 16 Jahren ging meine Leidenschaft für Kunst so richtig los. Wenn es damals in Museen Treuepunkte gegeben hätte, hätte ich mir als Teenager locker ein Pfannen-Set von WMF verdient. Was mich so fasziniert hat, war, wie gigantisch die Bandbreite von Kunst ist. Ey, ich mein‘: Es gibt altehrwürdige Skulpturen aus Marmor, aber halt auch Meisterwerke aus Müll. In der Kunst ist einfach alles möglich. Kurz nach dem Abi dachte ich dann, ich hätte schon eine Menge Kunst gesehen und die Vielfalt kennengelernt. Aber dann stieß ich plötzlich auf ein Video des Künstlers Gordon Matta-Clark, der einfach Häuser in der Mitte durchgeschnitten hat – also inklusive Inneneinrichtung und allem. Das wären Häuser, die abgerissen werden sollten und in tagelanger, harter Arbeit hat Matta-Clark vom Fundament bis zum Dach ernsthaft Häuser durchgeschnitten, sodass man einen richtigen Cut in der Mitte sah wie bei einer Torte, die man in der Mitte teilt – wie eine perfekt gezogene Linie. Das war für mich eine völlig neue Perspektive auf Architektur und Kunst. Und bei dem Werk dieser Kunstsnack-Folge musste ich sofort an Matta-Clark denken. Denn wir haben es heute mit einem Querschnitt zu tun, also einer architektonischen Zeichnung mit dem Titel „Plan zum Karlsruher Hoftheater: Querschnitt mit Blick auf die Bühne“. Das Werk stammt von dem Architekten und Stadtplaner Friedrich Weinbrenner und entstand im Jahr 1806, also vor mehr als 200 Jahren. Seinem Schaffen widmet die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe übrigens gerade eine spannende Ausstellung, die noch bis zum 14. Juni 2026 läuft. Sehr sehenswert! Aber dann schauen wir uns Weinbrenner jetzt mal näher an, denn seine Werke prägen das Stadtbild von Karlsruhe bis heute. Eines seiner Häuser war sogar Jahrelang ein Kegel-Center. Naja, viel Spaß!

Intro

Podcasts haben ja immer den Nachteil, dass man nichts sehen kann. Aber da haben wir natürlich vorgesorgt. Wenn ihr euch das Werk der heutigen Folge in Ruhe anschauen wollt, kein Problem! In den Shownotes ist ein Link zur Abbildung. Aber jetzt kommt wie immer erst mal die Bildbeschreibung.

Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung

Auf der architektonischen Zeichnung dieser Folge sehen wir einen Entwurf für das Karlsruher Hoftheater. Dieser Bau existiert heute allerdings nicht mehr, 1847 brach dort ein Feuer aus. Nach dem Brand wurde nach den Plänen eines Schülers von Weinbrenner ein neues Theater erbaut. 1970 dann erhält Karlsruhe statt des Hoftheaters einen Neubau an einem anderen Standort. Weinbrenners Entwurf ist also wie eine kleine Zeitreise zurück an den Beginn des 19. Jahrhunderts, als das Hoftheater geplant wurde.

Wir sehen einen Querschnitt und blicken auf die Bühne, die von Vorhängen gesäumt ist. Wir gucken also vom Publikumsraum aus. Das Theater hat ein gewöhnliches, spitz zulaufendes Dach, Anbauten links und rechts, neben der Bühne sind Logen – so weit, so normal. Aber Weinbrenner malt hinten im Bühnenraum keine Wand, sondern einen Ausblick und öffnet damit einen fiktiven Raum. Als wäre hinter der Bühne alles verglast. Wir sehen den Marktplatz von Karlsruhe, das wichtigste Stadtplanungs-Projekt von Weinbrenner. Auch hier handelt es sich noch um Entwürfe. Weinbrenner malt also seinen Marktplatz-Entwurf in den Theater-Entwurf rein – eine Art architektonisches Easter Egg.

Die Querschnittzeichnung in der Kunsthalle Karlsruhe Der Querschnitt ist übrigens aquarelliert, also mit Wasserfarben farbig gefasst. Bei der Darstellung des Markplatzes handelt es sich um eine sogenannte Grisaille-Technik, das heißt es wurde gemalt mit Pinsel und Tusche in Grautönen. Das Theater ist eine FederzeichnungMarktplatz wiederum ist freihändig mit Bleistift gezeichnet und ohne Farben. Die Gebäude auf dem Marktplatz zeichnen sich vor allem durch eines aus: viele Säulen. Und damit kommen wir zu Weinbrenners Architekturstil.

Der Epochen-Check

Weinbrenners Architekturstil zählt zum Klassizismus. Dabei nahm man häufig antike Tempelarchitektur zum Vorbild, also viele Säulen und darüber ein Dreiecksgiebel. Man wollte geradlinige, schlichte Gebäude kreieren, ohne Schnörkel und Klimbim . Im Klassizismus ging’s um Klarheit und Eleganz. Damit ihr euch klassizistische Architektur besser vorstellen könnt: Typisch für diesen Baustil ist das Brandenburger Tor oder das Weiße Haus in den USA.

Der Klassizismus war allerdings eine Epoche, die sich auf alle Künste erstreckte und da wir ja hier ein Kunstpodcast sind, hole ich kurz mal aus. Also, der Klassizismus dauerte etwa von 1750 bis 1840. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die verschütteten Städte Herculaneum und Pompeji wiederentdeckt, was zu einem großen Antike-Hype führte. Der Klassizismus stand zudem ganz im Zeichen der Aufklärung, die im 18. Jahrhundert aufkam. Die Aufklärung war wie Justus Jonas von den Drei Fragezeichen und stellte Vernunft und rationales Denken an oberste Stelle. Es wurden Forderungen nach mehr individuellen Freiheiten und nach Menschenrechten laut. Das Ziel war eine aufgeklärte Gesellschaft, die auf Bildung, Gleichheit und Gerechtigkeit basieren sollte. Als ein Vorbild diente die Antike, weil man in ihr den Ursprung von Vernunft, Demokratie und Freiheitsdenken sah.

Antike Themen und Motive wurden in der Kunst immer wieder aufgegriffen und abgewandelt, das Motto könnte man zusammenfassen mit „Fortschritt durch Rückbesinnung“,. Man wollte eine rationale und vernunftbasierte Kunst erschaffen, die Tugenden vermitteln und moralisch belehren sollte. Die Werke wurden schlichter, die Kompositionen klarer und die Wirkung nüchterner. Klassizistische Kunst zeichnet sich durch eine zurückgenommene Farbigkeit und ruhige Posen aus. Ein bekanntes Beispiel ist das berühmte Goethe-Porträt Goethe in der römischen Campagna des deutschen Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Es hängt im Frankfurter Städel Museum und gehört zu dieser Stadt wie Wolkenkratzer und Apfelwein.

Also, zusammengefasst ging’s im Klassizismus um Einfachheit und Klarheit. In der Malerei und Bildhauerei bedeutete das: neutrale Gesichtszüge, verhaltene Gesten, keine überbordenden Emotionen und das Ausstrahlen von. Allein der Kleidungsstil der Dargestellten auf klassizistischen Bildern erinnert an Asterix bei den Römern. Also wirklich Antikehype durch und durch – auch in der Architektur.

Wer hätte das gedacht? Faszinierender Funfact

Da ich Goethe eben schon erwähnt hab, hier ein kleiner Funfact: Goethe sagte über das Karlsruher Theater von Weinbrenner (ich zitiere): „Das Theater, bey einer Vorstel-lung, auch bey Tage hat mir sehr wohl gefallen.“ Also eine solide 4- bis 5-Sterne-Bewertung von Goethe. Damit kann man doch arbeiten.

Ein weiterer Funfact: Die Dimensionen des Karlsruher Theater waren krass. 1800 Menschen fanden dort Platz und das bei nur 8000 Personen, die in Karlsruhe lebten. Ziemlich überdimensioniert, aber es zeigt, was dieser Bau eben auch für eine Bedeutung genossen hat.

Wie wurde das Werk beeinflusst? Interessante Inspirationen

Ganz im Sinne des Klassizismus wurde Weinbrenners Theater von antiken Bauten beeinflusst. Eine Inspiration für den Publikumsraum war das Amphitheater – also ein runde Anordnung der Sitzplätze. In der Zeichnung der Kunsthalle Karlsruhe kann man auch etliche Säulen sehen, die in den Innenraum eingepasst sind. Außerdem finden sich viele elegante Ornamente.

Ein anderer Einfluss war der Zeitgeist Anfang des 19. Jahrhunderts, denn nun kam der öffentliche Theaterbau in Mode – nicht mehr Fürst und Hofstaat standen im Vordergrund, sondern die gesamte Bevölkerung. Alle sollten gleich gut hören und sehen können, sodass man Theater als solches neu denken musste – und das war eine Spezialität von Weinbrenner. Übrigens war Weinbrenner selbst großer Theater-Fan, das Projekt lag ihm also am Herzen.

Wer hat‘s gemacht? Künstler im Spotlight

So, jetzt habe ich ständig von Friedrich Weinbrenner gesprochen, schauen wir uns doch fix mal seine Biografie an. 1766 wurde Weinbrenner in Karlsruhe geboren. Er machte zunächst eine Zimmermannslehre und studierte dann Architektur in Wien, Dresden und Berlin. Außerdem macht er eine ausführliche Reise nach Italien, wo er – ihr könnts euch denken – sich vielen antiken Bauwerke widmete.

1797 war Weinbrenner zeitweise wieder in Karlsruhe, dann in Straßburg und Hannover. 1800 kehrte er schließlich endgültig in seine Heimatstadt Karlsruhe zurück und machte dort richtig Karriere. Er wurde Badischer Baudirektor, 1807 dann Oberbaudirektor. Das heißt, er war verantwortlich für eine Menge Bauten. Dazu gehörten Wohngebäude, öffentliche Bauten wie Rathaus, Kirchen und Synagoge, Hofbauten wie das Markgräfliche Palais und die strategische Stadtplanung. Man kann zusammenfassen: Weinbrenner war Karlsruhes Bob der Baumeister! Das Ganze war nötig, denn Karlsruhe wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Hauptstadt des Landes Baden. Vorher war Karlsruhe eine kleine Markgräfliche Residenz und dann ab 1806 Zentrum eines Großherzogtums – also Level up. Und da musste Karlsruhe natürlich war hermachen. Genau das war Weinbrenners Aufgabe: die neue Bedeutung der Stadt auch architektonisch im wahrsten Sinne zu untermauern. Damit war Weinbrenner über Jahrzehnte beschäftigt. Außerdem war Weinbrenner als Lehrer tätig, schrieb ein architektonisches Lehrbuch und setzte sich sehr für Denkmalschutz ein. 1826 starb er dann in Karlsruhe.

Kunst-Hotspot Karlsruhe

Von Weinbrenners zahlreichen Bauten ist heutzutage kaum noch etwas erhalten, manches wurde allerdings rekonstruiert – z.B. das Rathaus oder die Evangelische Stadtkirche, die um den Marktplatz herum angeordnet sind. Selbst wenn man heute nicht mehr so super viel davon sieht: Weinbrenner hat Karlsruhe städtebaulich auf die Karte gebracht. Um 1790 beschrieb ein Schriftsteller Karlsruhe noch als „schöne Stadt“, jedoch seien die meisten Häuser „nur von Holz und größtentheils nur von einem Stockwerke, mit Mansarden“. Das hat Weinbrenner verändert und repräsentative Architektur nach Karlsruhe gebracht.

Das sogenannte Alte Promenadenhaus von ihm gibt es in etwas veränderter Form auch heute noch in Karlsruhe. Allerdings ewar es jahrelang ein Kegel-Center und nun soll es verkauft werden. Also falls ihr mal 1,9 Millionen Euro übrig habt – hier ist eure Chance. Weinbrenner hat es aufgebaut und jetzt wird hier abgeräumt. So ist halt der Lauf der Zeit. Zum Abschluss noch mal der Hinweis: Bis zum 14. Juni läuft in Karlsruhe die Ausstellung „Friedrich Weinbrenner. Klassisch gegenwärtig“. Hier kriegt ihr einen lebhaften Eindruck in ein echtes Architektur-Brain! So, damit sind wir durch. Danke fürs Zuhören, macht’s gut, Ciao.

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