Gossip und große Kunst: Bildnis der Nana Risi von Ferdinand Keller
Heute geht’s um Ferdinand Keller. Der hat 57 Tore in der ersten Bundesliga erzielt! Aaaaber das hier ist ja kein Fußball-Podcast. Es geht hier nicht um den Fußballer Ferdinand Keller, sondern um den gleichnamigen Maler Ferdinand Keller. Also Bilder statt Blutgretschen und Ausstellungen statt Abseits. Aber auch der pinselnde Ferdinand Keller hat mit seiner Kunst stattliche Erfolge gefeiert. Der württembergische König war zum Beispiel dermaßen beeindruckt von einem seiner Werke, dass er Keller den persönlichen Adelstitel verlieh. Wir schauen uns heute ein Porträt von ihm an: das „Bildnis der Nana Risi“ aus dem Jahr 1869. Das Gemälde befindet sich in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und es zieht einen direkt in den Bann. Also, nicht lang schnacken – Podcast anpacken! Los geht’s.
Intro
Bevor wir starten ein kurzer Hinweis: Schaut euch das Bild dieser Folge gerne selbst an. In den Shownotes ist ein Link zur Abbildung.
Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung
Das „Bildnis der Nana Risi“ zeigt eine Frau von hinten. Wir sehen sie von den Schultern aufwärts, den Kopf hat sie so eingedreht, dass man ihr Profil noch erkennen kann. Sie hat fein geschwungene Gesichtszüge und trägt goldene Ohrgehänge. Ihre langen schwarzen Haare hat sie so kunstvoll geflochten, dass sie wie eine große Lakritzschnecke aussehen. Auch im Haar hat sie eine goldene Spange und um den Hals trägt sie drei dünne Goldketten. Das Gold sticht auf dem Bild besonders hervor, weil die Farbigkeit insgesamt sehr reduziert ist. Die Frau steht vor einem gräulich melierten Hintergrund, der mich ein bisschen an diese Fotohintergründe erinnert, vor denen man als Kind posieren musste, wenn der Schulfotograf kam.
Die dargestellte Frau hat eine beiges Tuch mit weißem Blumenmuster locker über die Schulter geworfen, sodass ihr Nacken weitestgehend zu sehen ist. Von dem gesamten Bild geht eine sehr ruhige Wirkung aus. Gedeckte Farben, harmonische Komposition, präzise Malweise – dieses Werk lässt einen durchatmen und die Eleganz genießen. Aber die Geschichte um das Modell dieses Bildes war alles andere als ruhig, wie ihr gleich hören werdet.
Kurioses aus der Kunstwelt
Die Frau, die Keller malte, war nicht irgendjemand, sondern Nana Risi – ein legendäres, römisches Modell. Bitte merkt euch den Namen: Nana Risi. Entdeckt wurde Risi durch den Maler Anselm Feuerbach, dem wir Folge 52 von Kunstsnack gewidmet haben. Ja, es geht heute um Ferdinand Keller, aber wir müssen hier einen kurzen Exkurs zu Anselm Feuerbach machen. Vertraut mir, das lohnt sich. Denn es geht gleich um ordentlich Gossip und das lieben wir doch bei Kunstsnack!
Also, Feuerbach war ein angesehener Maler im 19. Jahrhundert, in Rom lernte er Risi bei einem Spaziergang kennen. Er hat sie also gewissermaßen auf der Straße gescoutet. Risi wurde aber nicht nur Feuerbachs Modell, sondern auch seine Haushälterin und Geliebte. Es ist echt auffällig, wie viele Maler damals mit ihren Modellen was hatten. Da wurden auch Machtpositionen ordentlich ausgenutzt. Und Feuerbach hatte einen ziemlichen Schatten, wenn’s um Risi ging. Er muss extrem eifersüchtig gewesen sein. So soll sie ihm versprochen haben, dass niemand außer Feuerbach sie malen dürfe, auch zukünftig. Feuerbach schrieb dazu an seine Mutter über Risi (ich zitiere): „Die Person hat mir zuliebe alle und die größten Anträge abgewiesen, und ich habe das heilige Versprechen, daß, wenn ich ihr Arbeit gebe bis zu meiner Abreise, ich sicher sein kann, daß ich der letzte bin, dem es vergönnt ist, sie zu malen.“ Wow, vöölig absurd! Aber diese weirde Exklusivitätsvereinbarung hat auf jeden Fall gar nicht geklappt, wie das Bild dieser Folge beweist. Denn 1869 hat ja Ferdinand Keller Risi gemalt. Insgesamt lebte Risi etwa fünf Jahre mit Feuerbach zusammen und verließ ihn dann.
Und vier Jahre nach der Trennung entstand das Werk dieser Folge, das „Bildnis der Nana Risi“. Und jetzt noch fix zu Feuerbach und Keller: die beiden kannten sich zwar flüchtig aus Karlsruhe, lernten sich aber so richtig in Rom kennen, für Keller war das ein wichtiger Einfluss. Aber auch bei ihm schob Feuerbach sehr komische Filme. Er soll beispielsweise verlangt haben, dass Keller außer ihm keine anderen Kontakte haben solle. Hier ein sprechendes Zitat von Keller: „Durch die Freundschaft mit Feuerbach war mir versagt, mit irgendeinem anderen Künstler zu verkehren – er würde dies nie geduldet haben.“
Gleichzeitig schien Feuerbach nicht so begeistert zu sein, dass Keller in das Atelier direkt nebenan zog. Feuerbach schrieb seiner Mutter: „Damit ich Karlsruhe ja nicht vergesse, hat sich der junge Keller neben mir zum Überflusse eingenistet. Doch werde ich mir in allen Dingen eine gute Dosis Indifferenz anschaffen.“ Junge, Junge, das scheint echt hoch hergegangen zu sein. Aber bevor wir jetzt dauernd von Feuerbach sprechen, schauen wir uns die Biografie von Ferdinand Keller noch mal an.
Wer hat‘s gemacht? Künstler im Spotlight
Ferdinand Keller wird 1842 in Karlsruhe geboren. 15 Jahre später geht sein Vater mit der Familie nach Brasilien, er ist Bauingenieur. In den Tropen bringt sich Keller selbst das Zeichnen und Aquarellieren bei. Die Zeichnungen von der brasilianischen Natur sind so gut, dass er nach der Rückkehr damit an der Großherzoglichen Kunstschule in Karlsruhe angenommen wird. Zunächst widmet sich Keller der Landschaftsmalerei, malt dann aber vor allem Menschen und zeigt darin eine besondere Meisterschaft. Das sieht man ja auch auf dem „Bildnis der Nana Risi“.
1867 ist dann Kellers großer Durchbruch. Er zeigt sein Gemälde Tod Phillipps II bei (Trommelwirbel) der Pariser Weltausstellung. Hallöchen! Das ist echt ne Ansage. Bei diesem Bild zeigt sich schon eine Spezialität von Keller: Theatralik. Einige von Kellers Bilder haben so viel Melodramatik wie von einer Theater-AG, die komplett auf die Tränendrüse drückt. Andere sind wirkmächtig inszeniert wie auf einer Bühne. Zum Beispiel das Gemälde mit dem griffigen Titel Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden reitet am Abend der Schlacht von Slankamen in das Zelt des sterbenden Mustafa Köprili – den Titel kann man sich easy merken. Und auf diesem Bild sieht man sich aufbäumende Pferde, kämpfende und tote Soldaten, Schlachtengetümmel – das Bild sieht aus, als hätte man an der spannendsten Szene eines Actionfilms auf Pause gedrückt. Das über 3×5 Meter große Werk befindet sich übrigens auch in der Kunsthalle Karlsruhe.
Keller geht außerdem in die Lehre. 1870 wird er Dozent an der Kunstschule Karlsruhe. Funfact: Eigentlich war Anselm Feuerbach, den ihr ja schon kennt, für die Stelle vorgesehen. Aber seine Forderungen waren überzogen und so wurde Keller der Dozent. 1873 wird Keller dann Professor. Er hatte ein ziemlich konservatives Kunstverständnis – moderne Strömungen mochte er nicht, sodass seine Schüler immer weniger wurden. Als er 1913 in den Ruhestand geht, ist seine Kunst ziemlich überholt. 1922 verstirbt er dann.
Also nochmal kurz zusammengefasst: Keller war einer der angesagtesten Maler des 19. Jahrhunderts, aber später in seinem Leben entsprach er nicht mehr dem Zeitgeist. Ich finde es spannend, dass man in der Kunstgeschichte immer wieder beobachten kann, wie sich der Geschmack und Mode ändern und wie dadurch einige Karrieren verblassen. Heutzutage ist Keller gar kein großer Name mehr, ich kannte ihn vor dieser Podcast-Folge zumindest nicht. Und das ist das Tolle, dass man in der Kunst andauernd Entdeckungen machen kann – das sind manchmal so richtige Indiana-Jones-Momente und das „Bildnis der Nana Risi“ ist genau so einer. Also, Abenteuer-Hut auf und ab in die Kunstgeschichte! Ich wünsche euch viel Spaß beim Entdecken in der Sammlung der Kunsthalle Karlsruhe. Wir sind hier am Ende und hören uns bald mit der nächsten Folge von Kunstsnack. Bis dahin macht’s gut, Ciao.