Stammspieler des Impressionismus: Junimorgen bei Pontoise von Camille Pissarro

Der Künstler dieser Folge wurde auch als „Vater der Impressionisten“ bezeichnet und trotzdem kennen ihn nicht viele: Camille Pissarro. Aber dafür ist Kunstsnack ja da, um euch die Geheimtipps vorzustellen und um euer Wissen zu erweitern. Und ja, auch andere Künstler wurden als Väter des Impressionismus bezeichnet, also diese Strömung hatte wirklich mehrere Väter, aber nur wenige mussten so strugglen wie Pissarro. Seine finanzielle Lage war schwierig, einmal rettete ihn ein Freund knapp vor einer Zwangsversteigerung und seine Familie konnte er von der Kunst mehr schlecht als recht ernähren, sie lebten größtenteils am Existenzminimum. Pissarro war also ein heimlicher Held und Hustler der Kunstgeschichte.

Im Gegensatz zu seinem finanziellen Stress steht das Gemälde der heutigen Folge, denn das ist sehr entspannt und harmonisch, quasi ein Beruhigungstee in Bildform: Das Werk trägt den Titel „Junimorgen bei Pontoise“ aus dem Jahr 1873. Das Werk befindet sich in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und ist ein absolutes Highlight der Sammlung. Pissarro war so etwas wie die gute Seele des Impressionismus, er war für diese Kunstrichtung essentiell und das schauen wir uns jetzt näher an. In diesem Sinne: Let’s go!

Intro

Schaut euch das Bild dieser Folge gerne in Ruhe an, in den Shownotes ist ein Link zur Abbildung. Und jetzt kommt wie immer eine kurze Bildbeschreibung.

Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung

Kurz zur Erinnerung: Das Bild dieser Folge trägt den Titel „Junimorgen bei Pontoise“. Pontoise ist eine kleine Stadt in Frankreich, nordwestlich von Paris. Und genau so einen idyllischen, französischen Sommermorgen bietet uns dieses Bild – es ist wie ein kleiner Kurzurlaub. Wir sehen eine hügelige Landschaft. In der Mitte ist ein Weg mit ein paar Menschen und Vieh. Drum herum sind Felder und Wiesen mit ein paar gelben Blüten zwischendrin und sind sogar ein paar rote Mohnblüten. Außerdem gibt es auf dem Bild noch ein paar Gebäude und Bäume. Der Himmel ist hell mit ein paar fluffigen Wolken. Hier ist die Welt gefühlt noch in Ordnung: entschleunigt und entspannt. Ein Ort, an den man fahren würde, um kein Internet zu haben. Hier wird das einfache Landleben gemalt, ganz unaufgeregt.

Insgesamt wirkt das Bild sehr warm, frisch und luftig-leicht. Das kommt durch die Malweise zustande, denn die ist richtig locker. Das Bild ist nicht gestochen scharf, man kann die einzelnen Pinseltupfer noch gut erkennen. Es wirkt wie schnell hingeworfen, mühelos und fix aus dem Handgelenk. Diese Malweise ist typisch für den Impressionismus und um den geht’s jetzt.

Epochen-Check

Pissarro ist ein Vertreter des Impressionismus – so wie Renoir oder Monet. Oder die Künstlerinnen Berthe Morisot und Mary Cassatt. Der Impressionismus entstand in den 1860er Jahren und dauerte bis ins 20. Jahrhundert hinein. Worum ging’s? Man wollte Atmosphäre und flüchtige Momente einfangen, statt aufwändig erzählte Geschichten darzustellen. Das war damals durchaus radikal. Der Impressionismus war getrieben von der Frage: Wie malt man Licht? Wir alle wissen: Mit einer lächelnden Sonne oben in der Bildecke. Aber der Impressionismus wollte es noch exakter einfangen. Also wählte man eine strichelige Malweise. So wurde das Flirren des Sonnenlichts festgehalten. Deshalb sind die impressionistischen Bilder auch oft sehr hell und farbenfroh.

Die Kunstschaffenden wollten Lichtstimmungen optimal studieren und malten deshalb viel draußen. Dieses Vorgehen war noch ziemlich neu, denn lange fertigte man zwar Studien in der Natur an, malte die eigentlichen Gemälde im größeren Format dann aber im Atelier. Der Impressionismus war wie meine Mutter, die früher ständig in mein Zimmer kam und meinte: „Geht mal an die frische Luft!“ Das Werk der heutigen Folge „Junimorgen bei Pontoise“ malte Pissarro draußen. Er wollte einen flüchtigen Moment einfangen und musste deshalb schnell arbeiten. Perfektes Licht, perfekte Wolken – das alles kann halt auch schnell wieder vorbei sein. Das Bild bietet keine Geschichte, sondern eine Stimmung. Damit widersprach es ziemlich den verbreiteten Erwartungen an die Kunst.

Pissarros Landschaftsbild entstand 1873 und damit ein Jahr vor der ersten Impressionismus-Ausstellung. Hier zeigte Pissarro auch das Bild dieser Folge. Diese neu gegründete Künstlervereinigung entstand aus dem Wunsch nach Unabhängigkeit vom Pariser Salon, der im 19. Jahrhundert als wichtigste Institution des französischen Kunstbetriebs galt. Auf den Salon gehe ich später nochmal näher ein aber jetzt erstmal zum Impressionismus. Die erste impressionistische Ausstellung fand 1874 im ehemaligen Studio des Fotografen Nadar statt. Das war kein Zufall, denn der Austausch zwischen Fotografie und Impressionismus war eng. Die Aufgabe, die Welt möglichst detailgenau wiederzugeben, übernahm seit den 1840er Jahren die Fotografie. Das bot der Malerei die Freiheit, neue Wege zu gehen. Die Kunstschaffenden betonten den eigenen Pinselstrich, als würden sie sagen wollen: „Guckt mal, das hier ist GEMALT!!!“ Zugleich ließen sie sich von der Fotografie inspirieren. Angeschnittene Motive, unkonventionelle Blickwinkel und beiläufige, schnappschussartige Momente tauchten nun auch in Gemälden auf. Außerdem wirkten viele impressionistische Gemälde unscharf. Das Publikum war so etwas nicht gewohnt, für sie muss diese neuartige Malerei gewirkt haben, als hätte jemand vergessen, seine Brille aufzusetzen.

Generell gab es viel Kritik an der Ausstellung. Über ein Werk von Monet schrieb der Kunstkritiker Louis Leroy einen satirischen Artikel über Monets Werk und ließ eine fiktive Figur sagen: „Eine Tapete im Embryonalstadium ist weiter gediehen als dieses Seestück!“ Monets Werk trug den Titel „Impression, Sonnenaufgang“ und wurde damit namensgebend für den Impressionismus. Auch wenn es den Begriff vereinzelt schon vorher gab. Auf jeden Fall wird deutlich: Der Impressionismus war etwas Neues und Rebellisches. Und Pissarro war eine Schlüsselfigur, wie ihr gleich merken werdet.

Background-Check: Hintergrund Infos

Pissarro spielte für den Impressionismus eine zentrale Rolle. Er gewissermaßen der Stammspieler dieser Kunstströmung, denn er war der einzige Künstler, der an allen acht Impressionismus-Ausstellungen teilnahm. Ihr alle kennt diese eine Person aus eurem Umfeld, die einen Freundeskreis zusammenhält, die vieles organisiert und die Fäden in der Hand hat. Das war Pissarro für den Impressionismus. Er führte die Kunstschaffenden maßgeblich zusammen, sodass gemeinsame Impressionismus-Ausstellungen entstehen konnten. Er überredete, networkte, vermittelte. Später organisierte er sogar impressionistische Abendessen, auch wenn er selbst nicht immer dabei sein konnte. Pissarro beriet außerdem junge Künstlerinnen und Künstler, er war eine Art Mentor, unterstützte aber auch finanziell.

Aber obwohl Pissarro so ein unermüdlicher Motivator war, blieb sein eigener Erfolg überschaubar. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass er das Leben der einfachen Bevölkerung malte, den ländlichen Alltag. Viele impressionistische Bilder zeigten hingegen das Leben der Upperclass. Und die kaufte nun mal Kunst. Da wurde sich halt lieber ein Bild von einem geselligen Umtrunk gekauft als von einem Acker. Lieber Lunch als Landschaft, lieber Bourgeoisie als Bauern. Und wenn Pferde auf den Bildern waren, dann am liebsten beim Pferderennen. Pissarro ging hier gegen den Trend, er misstraute dem kapitalistischen Kunstmarkt. Seine Motive waren schwer verkäuflich und erzielten niedrigere Preise.

Mittlerweile hat sich das geändert. Pissarro ist längst im hochpreisigen Segment angelangt. Sein Auktionsrekord beträgt stattliche 23,7 Millionen Euro, aber zum Beispiel Monet liegt mit 94 Millionen Euro weiterhin deutlich drüber. Ok, ich habe jetzt viel über Pissarro gesprochen, dann werfen wir doch mal einen kurzen Blick auf sein bewegtes Leben.

Wer hat‘s gemacht? Künstler im Spotlight

Camille Pissarro war ein französischer Künstler, wurde aber 1830 auf der Karibikinsel Saint Thomas geboren. Er stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie und erlebte daher immer wieder antisemitische Anfeindungen. Als junger Mann zog Pissarro nach Paris und widmete sich der Landschaftsmalerei. Er bewarb sich vielfach für den Pariser Salon – den hatte ich ja vorhin schon erwähnt, jetzt gehe ich mal ein bisschen näher darauf ein. Im 19. Jahrhundert führte an dieser Institution kaum ein Weg vorbei! Der Salon war eine regelmäßig stattfindende, staatlich organisierten Ausstellung. Hier wurden Umsätze generiert und erfolgreiche Karrieren besiegelt. Um die besten Plätze gab es regelmäßig Streitereien, selbst zu Bestechung soll es gekommen sein. Am Salon konnte man nicht einfach so teilnehmen, es gab eine Jury, ähnlich wie bei Deutschlandsucht den Superstar, die die Einreichungen zuließ oder abschmetterte. Die Salon-Jury war auch ähnlich streng unterwegs wie Dieter Bohlen. Pissarro wurde vor allem anfangs vom Salon oft abgelehnt, später dann aber auch immer wieder angenommen. Seine Karriere wurde von diesem Wechsel zwischen Ablehnung und Annahme wesentlich geprägt – ein Auf und Ab.

Während des Deutsch-Französischer Krieges floh Pissarro nach England. Nach der Rückkehr war sein Haus geplündert; zahlreiche Werke waren zerstört. Anschließend zog Pissarro mit seiner Familie nach Pontoise, wo das Bild dieser Folge ja auch entstand. Er lebte hier in Pontoise für zehn Jahre und der Ort hatte großen Einfluss auf sein Schaffen. 1903 starb Pissarro dann in Paris. Der berühmte Künstler Paul Cézanne sagte über ihn: „Der Alte Pissarro war für mich wie ein Vater. Er war ein Mensch, den man um Rat fragen konnte, und so etwas wie der liebe Gott“. Und mit diesen netten Worten beenden wir diese Folge von Kunstsnack. Danke euch fürs Zuhören. Ich hoffe, ihr hattet Spaß und konntet ein bisschen was mitnehmen. Bis bald zur nächsten Folge, macht’s gut, Ciao.

Newsletter

Auch während der sanierungsbedingten Schließung informieren wir Sie hier über die Geschehnisse hinter den Kulissen der Kunsthalle.