Strippenzieher der Kunst: Sphärisches Thema (2. Variation) von Naum Gabo

Woran denkt ihr bei künstlerischer Bildhauerei? Vermutlich an Skulpturen aus Naum massiver Bronze oder beeindruckende Werke aus Marmor. Vielleicht denkt ihr aber auch an Büsten von irgendwelchen wichtigen Leuten, die ernst durch die Gegend gucken, als würden sie spielen: Wer zuerst lacht, hat verloren. Tja, für diese Folge Kunstsnack müsst ihr eure Vorstellungen von Bildhauerei über Bord werfen. Denn der Künstler, um den es heute geht, hat plastische Kunst ganz anders gedacht. Die Rede ist von Naum Gabo. Er selbst hat mal gesagt (ich zitiere): „Bis jetzt haben die Bilderhauer der Masse den Vorzug gegeben und (…) dem Raum wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt.“ Das hat Naum Gabo definitiv anders gemacht. Sein Werk aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe ist alles andere als massig, sondern echt filigran.

Die Arbeit trägt den etwas sperrigen Titel „Sphärisches Thema (2. Variation)“. Für mich klingt das so, als könnte das auch der Name von irgendeinem Hippie-Song sein – „Sphärisches Thema (2. Variation)“. Naja, Gabos Werk stammt aus dem Jahr 1937/38, ist also etwa 90 Jahre alt. Trotzdem wirkt es immer noch frisch und modern. Warum das so ist, das schauen wir uns jetzt an. Let’s go!

Intro

Bitte tut mir einen Gefallen: Schaut euch das Werk der heutigen Folge an. In den Shownotes ist ein Link zur Abbildung. Wir haben es nämlich mit einem abstrakten Objekt zu tun, das sehr schwer zu beschreiben ist. Ich probiere es natürlich trotzdem, aber selbst angucken hilft. Vertraut mir.

Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung

Bevor ich euch das Werk beschreibe, möchte ich ganz kurz noch eine Begrifflichkeit klären: den Unterschied zwischen Skulptur und Plastik. Bei einer Skulptur wird Material abgetragen, man schlägt also Holz oder Marmor ab. Bei einer Plastik wird Material aufgebaut beziehungsweise verformt, zum Beispiel Tonschichten. Die Arbeit dieser Folge besteht aus Kunststoff, der zusammengefügt wurde, also ist es eine Plastik. Man kann aber auch Objekt sagen. Gabo sprach vor allem von „Raumgebilden“.

Kommen wir zur Beschreibung: Insgesamt hat das Werk „Sphärisches Thema (2. Variation)“ von der Silhouette her etwas Tropfenförmiges. Im Zentrum ist dunkler Kunststoff. Von diesem Zentrum gehen sehr viele durchsichtige Stäbe aus – ein bisschen wie ein strahlenförmiges Spinnennetz. Und diese dünnen Stäbe enden alle in einem umlaufenden, geschwungenen Außenband. Das Außenband ist ebenfalls aus durchsichtigem Plexiglas. Die Plastik wirkt durch die vielen Streben sehr dynamisch und leicht. Sie besteht ja auch aus wenig Material. Damit ihr euch das besser vorstellen könnt, mich erinnert das Kunstwerk an eine dreidimensionale Fahrradspeiche, die in sich verdreht ist beziehungsweise. auf die jemand eingetreten hat. Aber ein Material, das hier zum Einsatz kommt, sollten wir uns jetzt mal genauer anschauen. Denn das ist ziemlich erstaunlich.

Wer hätte das gedacht? Faszinierender Funfact

Ich hatte ja gesagt, dass das Objekt dieser Folge im Zentrum aus einem schwarzen Material besteht. Das ist Baskelit. Das ist alles andere als ein klassisches Kunstmaterial. Baskelit stammt aus der Industrie, es war der erste industriell hergestellte Kunststoff. Seine Eigenschaften: steinhart und hitzebeständig. Daraus wurden früher Griffe für Töpfe oder Pfannen gemacht. Baskelit wurde auch für die Herstellung von Telefonen und Lichtstrahlern benutzt. Und Gabo machte dann aus diesem Kunststoff Stoff für Kunst.

Gabo benutzte nicht nur unübliche Materialien für seine Werke, er war auch einer der Ersten, der ein kinetisches Kunstwerk schuf. Es handelte sich dabei um Kunst, die durch Bewegung entsteht. 1919/1920 entwickelte er seine sogenannte „Kinetische Konstruktion“. Die bestand aus einer aufrechtstehenden Metallstange und einem Motor, der die Stange zum Vibrieren brachte. Durch die schnelle Bewegung entstand eine wabernde Form. Ihr kennt das, wenn ihr eine Gerte super schnell durch die Luft kreisen lasst, dann sieht es ja auch aus wie eine plastische Form. Gabo nannte seine Arbeit deshalb auch „Stehende Welle“, weil die vibrierende Form ihn daran erinnerte. Ihr seht also: Gabo war ein experimentierfreudiger Typ. Und damit passte er sehr gut zu einer wichtigen Kunstströmung.

Der Epochen-Check

Naum Gabo wird zu der Kunstrichtung Konstruktivismus gezählt. Der Begriff Konstruktivismus leitet sich vom lateinischen „constructio“ ab, was „Zusammenfügung“ bedeutet und die Kunst von Gabo recht treffend beschreibt. Der Konstruktivismus entstand Mitte der 1910er Jahre, vor allem in Russland, und dauerte bis in die 1930er Jahre an. Die konstruktivistische Kunst verabschiedete sich gänzlich davon, irgendetwas Gegenständliches darzustellen oder anzudeuten. Es ging um pure Abstraktion, die einfach für sich stehen sollte. Oft haben wir es mit geometrischen Formen zu tun. Man könnte sagen: Der Konstruktivismus zeigte klare Kante.

Die Herangehensweise an die Kunst war weniger emotional und intuitiv. Man ging eher rational und nüchtern an die Werke heran. Es ist ein bisschen, als wäre der verkopfte Erste Detektiv Justus Jonas von den Drei Fragezeichen unter die Künstler gegangen. Der Konstruktivismus wurde auch von der Geschichte geprägt: 1917 führten die russischen Revolutionen zum Zusammenbruch des Zarenreichs und Lenin übernahm die Macht. Malerei, Architektur und Bildhauerei sollten zusammenwirken und mit funktionalen Formen eine neue, sozialistische Gesellschaft aufbauen. Man dachte utopisch und groß! Der Künstler Wladimir Tatlin zum Beispiel dachte so groß, dass er einen 400 Meter hohen Turm plante, aber mehr als ein 20-Meter-Modell wurde nicht daraus. Auch Gabo wollte die Kunst in den Alltag bringen und allen Menschen zugänglich machen. Deshalb entwarf er viele Werke für den öffentlichen, städtischen Raum.

Der Konstruktivismus war davon getrieben mit der traditionellen Kunst zu brechen. Das ging so weit, dass der Künstler Kasimir Malewitsch einfach nur ein „Schwarzes Quadrat auf weißen Grund“ malte. Maximale Abstraktion also! Kurz darauf setzte er noch einen drauf und malte ein weißes Quadrat auf weißen Grund. Ein echter Augenschmaus! Gabo wiederrum probierte viel herum, deshalb heißt das Werk dieser Folge ja auch „Sphärisches Thema (2. Variation)“ – es ist also die zweite Version. Insgesamt gibt es mehrere Fassungen in verschiedenen Materialien und Größen. Bei seinen Experimenten hatte Gabo schon vorher festgestellt: Plexiglas lässt sich gut biegen und erzeugt eine leichte Wirkung. Das eignete sich super für seine Bestrebungen das Thema Plastik neu zu denken. Die abstrakte Kunst des Konstruktivismus war super für Gabo, denn er wollte neue Formen kreieren – unabhängig davon, dass die irgendwas Gegenständliches darstellen sollten. Ihm ging es nicht um’s Nachbilden, sondern um’s Erfinden. Kleiner Merksatz zu dieser Kunstströmung also:
Der Konstruktivismus hielt es real
Und setzte voll auf’s Formenspiel

Kurioses aus der Kunstwelt

Eigentlich hieß Naum Gabo mit Nachnamen Pewsner. So wie sein Bruder Antoine, der auch Künstler war. Anfangs hatten die beiden ein gutes Verhältnis und tauschten sich künstlerisch viel aus. Aber dann wurden beide immer mehr zu Rivalen. Deshalb gab sich Naum 1915 den Namen Gabo, damit man ihn nicht mit seinem Bruder verwechselte. Vorher hatten ja beide den Nachnamen Pewsner. Hui, also ein richtiger Brüder-Beef in der Kunst. Generell hatte es Gabos Biografie echt in sich – werfen wir mal einen Blick auf seinen Werdegang.

Wer hat‘s gemacht? Künstler im Spotlight

Naum Gabo wurde 1890 in Brjansk im russischen Zarenreich geboren. Mit Autoritäten hatte Gabo es nicht so. Zum Beispiel musste er sie Schule vorzeitig verlassen, weil er ein Spottgedicht über den Rektor geschrieben hatte. Und mit 17 wurde er verhaftet, weil er sozialistische Schriften verbreitet hatte. Gabo studierte dann zuerst Medizin in München, wechselte aber bald und studierte Ingenieurwesen. Hier wurde er mit mathematischen Modellen vertraut, was seine künstlerische, abstrakte Arbeit stark beeinflussen sollte. Nebenbei besuchte Gabo kunsthistorische Vorlesungen. Er reist dann nach Italien und beschließt ganz bescheiden: Die Kunst muss revolutioniert werden. Ab dann widmet er sich der Aufgabe, frischen Wind in die Bildhauerei zu bringen. Und das zog er bis zu seinem Tod durch! Nach vielen unterschiedlichen Lebensstationen verstirbt Gabo dann 1977 in Waterbury in den USA.

Gabos Objekte sind bis heute super faszinierend, weil die Formen oft so dynamisch sind und die Werke so feingliedrig daherkommen. In seiner Kunst verwendete Gabo deshalb später Nylonfäden oder bei dem Werk dieser Folge eben dünne Kunststoffstreben. Man kann also durchaus sagen: Gabo war ein Strippenzieher der Kunst. Das ist mein Schlusswort. Ich hoffe, die Folge hat euch gefallen. Bis bald wieder bei Kunstsnack, macht’s gut, Ciao.

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