Der alte Fall des Anio in Tivoli
Beschreibung
Claude Gellée wurde nach seiner Herkunft Le Lorrain – der Lothringer – genannt. Er gilt als der bedeutendste Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts und beeinflusste die Malerei bis weit in das 19. Jahrhundert. Seit seiner endgültigen Übersiedlung nach Rom 1626 gewann er hochrangige kirchliche und aristokratische Auftraggeber*innen.
Ausgesprochen vielseitig in der Anwendung unterschiedlicher Techniken, entwickelte Lorrain auch in der Zeichnung eine einzigartige Meisterschaft. Die Verwendung teurer Papiere und Materialien unterstreicht die hohe Wertschätzung, die der Künstler seinen Zeichnungen beimaß. Einen großen Teil dieser Arbeiten bewahrte er zeitlebens sorgfältig in Skizzenbüchern und Klebebänden und gab nur selten welche aus der Hand. Etwa 1.200 Blätter von seiner Hand haben sich erhalten, nur wenige davon befinden sich heute in deutschen Sammlungen.
Auf dem vorliegenden Blatt skizzierte Lorrain mit lockerer Feder die große Kaskade des Flusses Aniene (lateinisch: Anio) in Tivoli. Mit dem Pinsel in verdünnter Tinte lavierte er anschließend seine Darstellung. Die flotte Federführung und die summarische Wiedergabe des Landschaftsausschnittes lassen auf die Entstehung in der Natur schließen. Die eigenhändige Nummerierung am rechten Rand scheint das zu bestätigen: Sie gehört zum Nummernsystem von Lorrains sogenanntem »Tivoli-Buch« – der Name leitet sich von dem Großteil der darin enthaltenen Motive ab. Das Buch wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt aufgelöst.
Tivoli, nordöstlich von Rom, suchte Lorrain oftmals während der Sommermonate auf, in denen Rom von Hitze und Krankheiten heimgesucht wurde. Die vor Ort entstandenen Zeichnungen sind von ausgesprochen malerischem Charakter. Die Strichführung ist mal tastend, mal spielerisch. In den abgestuften Helligkeitswerten der Pinsellavierungen nutzt Lorrain den Papiergrund als zusätzliche Farbkomponente. Das Licht, das von rechts einfällt, erzeugt eine Abendstimmung. Lorrains Augenmerk liegt vollständig auf der atmosphärischen Wiedergabe flüchtiger Phänomene wie Licht, Luft und Wasser.
Daten und Fakten
| Titel | Der alte Fall des Anio in Tivoli |
|---|---|
| Künstler*in | Claude Gellée gen. Lorrain |
| Entstehungszeit | 1640/41 |
| Inventarnummer | 1981-72 |
| Maße Blatt | H 20,7 cm B 29,9 cm |
| Material | Papier elfenbeinfarben |
| Technik | Feder in Braun Pinsel in Braun |
| Gattung | Zeichnung |
| Abteilung | Kupferstichkabinett |
Nachdem Claude Gellées Eltern gestorben waren, ging er in jungen Jahren vermutlich zuerst nach Freiburg im Breisgau, wo sein Bruder als Intarsienkünstler lebte. Nach Rom scheint er zunächst als Pastetenbäcker gekommen zu sein, bevor er eine künstlerische Ausbildung erhielt.
-
sehen denken träumen. Französische Zeichnungen aus der Kunsthalle Karlsruhe
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 29.9.2018 – 13.1.2019
-
1983: Die französischen Zeichnungen 1570 - 1930
Johann Eckart von Borries
Kritischer und erläuternder Katalog -
1982: Erwerbungsbericht 1981 der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Kupferstichkabinett
-
1819: Liber Veritatis ... after the original designs of Claude Lorrain
Richard Earlom
-
1968: Claude Lorrain
Marcel Roethlisberger
The Drawings -
2010: Viaggio in Italia
Reuter, Astrid (Hg.)
Künstler auf Reisen, 1770 - 1880; 11.9. - 28.11.2010, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe -
2018: sehen denken träumen
Schäfer, Dorit (Hg.); Reuter, Astrid (Hg.)
Französische Zeichnungen aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe