Das Martyrium
Beschreibung
Max Beckmanns Lithographienfolge "Die Hölle" von 1919 zählt zu den Meilensteinen moderner Druckgraphik. Auf dem internationalen Kunstmarkt sind die zehn bildmäßig großen Steindrucke entsprechend begehrt. Nun wird "Das Martyrium", Blatt 4 der Serie, angeboten, nach dem die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe aus mehreren Gründen schon seit Jahren sucht: Es handelt sich um eine Art Gegenstück zur Darstellung "Die Nacht", die sich seit 1962 in der
Sammlung befindet. Beide Werke entwerfen das Bild der grausamen Gegenwart, an der Beckmann litt - die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg, in der Gewalt, Leid, Not und Zwang kein Ende nahmen. Im "Martyrium" bezieht sich Beckmann auf die Umstände der Peinigung und Ermordung von Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919. Doch hat er kein politisches Ereignisbild, keine modeme Historie, nicht Reportage oder Manifest im Sinn. Er hebt das Geschehen vielmehr auf eine allgemeinere Ebene, indem er sich mit seiner Komposition an die "Kreuzaufnagelung" vom Meister der Karlsruher Passion anlehnt. Die formalen Parallelen sind verblüffend und machen deutlich, wie faszinierend ein spätmittelalterliches Bild des Leidens in einer Situation neuen Elends war. Beckmann ist mit seinem "Martyrium" eine noch heute berührende, aufrüttelnde Metapher für die Fried- und Gnadenlosigkeit des
20. Jahrhunderts gelungen.
Doch trotz aller Traumatisierung bedeutete der Erste Weltkrieg für Beckmann eine künstlerische Neuorientierung, ja Befreiung. Er ließ seinen weichen malerischen, dem Spätimpressionismus verpflichteten Stil hinter sich und fand zu einem flächigen Bildbau mit harten, kantigen Formen. Schwerkraft und Perspektive, Anatomie und Proportionen, Plastizität und Räumlichkeit sind keine Gesetze mehr, die den Künstler binden, sondern Werkzeuge, die er frei handhabt. Die grotesk verzerrten Figuren, das Fehlen von Ebenmaß und Harmonie sind - wie ein Kritiker schon 1920 feststellte - ein Greuel für klassisch geschulte Augen. Der Kunst aber öffneten sich auf diese Weise völlig neue Aussichten und Möglichkeiten.
H. J.-F.
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Kunsthalle@ZKM. Ein neuer Blick auf die Sammlung
Highlight-Präsentation ZKM 29.04.2023 - 01.09.2023
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1962: Max Beckmann. Die Druckgraphik
Klaus Gallwitz
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1990: Max Beckmann. Catalogue raisonné of his prints
James Hofmaier
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1974: Max Beckmann - "Das Martyrium"
Christian Lenz
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2015: Erwerbungsbericht
Jacob-Friesen, Holger