Frühstücksstillleben mit Silbertazza
Kunsthalle x KUNST + Kaviar
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Ein Tisch. Ein schlichtes Mahl. Brot, Glas, Silber, eine angeschnittene Zitrone. Kein großes Drama, kein überbordender Prunk. Im Vergleich zu vielen anderen Stillleben des 17. Jahrhunderts scheint hier alles geordnet. Und doch lohnt es sich, sehr genau hinzusehen.
Kultivierter Reichtum
Willem Claesz. Heda gehört zu den zentralen Vertretern des holländischen Stilllebens im 17. Jahrhundert. Seine sogenannten Frühstücksstillleben zeigen keinen überbordenden Luxus, sondern kontrollierten Wohlstand. Alles ist vorhanden, aber nichts gerät außer Maß. Reichtum wird nicht ausgestellt, sondern kultiviert.
Oberfläche als Erkenntnisraum
Wo geht Ihr Blick als erstes hin? Vermutlich auf die umgestürzte Silbertazza. Italienisch für Schale wurde die Tazza als Präsentationsobjekt für Obst und kleine Kostbarkeiten zum Statussymbol der barocken Tischkultur. Ihr Glanz ist ungebrochen, auch wenn sie ihre aufrechte Ordnung verloren hat.
Silber steht hier nicht nur für materiellen Wert, sondern für globale Handelsbeziehungen, ökonomische Macht und koloniale Netzwerke, durch die solche Luxusgüter überhaupt erst verfügbar wurden. Der spiegelnde Becher reflektiert Licht und Umgebung und macht den Akt des Sehens selbst zum Thema.
Daneben steht ein gefüllter Römer. Glas, fein gearbeitet, transparent und zerbrechlich zugleich. Das Brot ist angeschnitten, die Zitrone bereits geschält. Das Mahl ist nicht vorbereitet, sondern hat stattgefunden oder ist gerade im Begriff zu enden. Genuss und Vergänglichkeit liegen eng beieinander.
Ob die raue Haut der kunstvoll geschälten Zitrone, oder das glänzende Perlmutt der geöffneten Austern – die niederländischen Maler dieser Zeit waren Meister der Oberfläche. Sie studierten Licht, Materialität und Textur mit beinahe wissenschaftlicher Präzision.
Glänzendes Metall, feines Glas, poröse Zitronenschale und stumpfes Brot werden nicht dekorativ eingesetzt, sondern analytisch untersucht. Oberfläche ist hier kein Beiwerk, sondern Erkenntnisraum.
Wo der Pfeffer wächst
Daneben wirkt die kleine Tüte am rechten Bildrand auf den ersten Blick beinahe unscheinbar. Und dabei ist sie von zentraler Bedeutung. Sie verweist auf Pfeffer, ein begehrtes Luxusgut, das aus Regionen wie Sansibar importiert wurde.
Der Spruch „geh dahin, wo der Pfeffer wächst“ verweist auf weite Handelswege, koloniale Ausbeutung und Sklavenhandel. Gewürze wie Pfeffer, Muskat oder Nelken waren eng mit Gewalt, Unterdrückung und globalen Machtverhältnissen verbunden. Ihre Präsenz im Stillleben macht diese Strukturen sichtbar, ohne sie offen zu benennen.
Dieses Stillleben erzählt nicht von Natur, sondern von Welt. Von Handelsrouten, Besitzverhältnissen und einem Wohlstand, der auf globalen Ungleichheiten basiert. Gleichzeitig bleibt alles ruhig, elegant und kontrolliert. Die Oberfläche glänzt. Die Hintergründe bleiben verborgen.
Doppelte Silbertazza
Auch die kunsthistorische Zuschreibung dieses Werkes verweist auf die Nähe und Konkurrenz innerhalb der Stilllebenmalerei. Lange wurde das Bild Pieter Claesz zugeschrieben. Erst spätere Forschungen sprachen sich für eine Autorschaft von Willem Claesz. Heda oder seiner Werkstatt aus.
Beide Künstler arbeiteten mit ähnlichen Motiven, teils sogar mit identischen Objekten. Die Silbertazza erscheint auf mehreren Gemälden beider Maler. Möglicherweise wechselte sogar das reale Objekt selbst den Besitzer.
Unter der Oberfläche
Fragen Sie sich beim Betrachten dieses Bildes, was hier eigentlich gezeigt wird. Der Überfluss selbst, oder die Fähigkeit, ihn zu kontrollieren. Für das zeitgenössische Publikum war das Werk ein Ausdruck des stillen Wohlstands und eines lauten nationalen Stolzes.
Für uns erinnert dieses Stillleben daran, dass die Schönheit der stillen Dinge einen hohen Preis forderte. Gerade mit unserem heutigen Wissen um koloniale Gewalt und Verbrechen an der Menschheit sind wir verpflichtet, unter die glänzende Oberfläche zu schauen und das sichtbar zu machen, was lange verdrängt wurde.
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Daten und Fakten
| Titel | Frühstücksstillleben mit Silbertazza |
|---|---|
| Künstler*in (zugeschrieben) | Willem Claesz. Heda |
| Künstler*in (zugeschrieben) | Willem Claesz. Heda - Werkstatt |
| Künstler*in (ehemalige Zuschreibung) | Pieter Claesz. |
| Entstehungszeit | 1630er Jahre (?) |
| Inventarnummer | 357 |
| Maße Bildträger | H 44,0 cm B 63,5 cm |
| Maße Rahmen | H 59,7 cm B 78,9 cm T 4,0 cm |
| Material | Eichenholz |
| Technik | Ölfarbe |
| Genre | Stillleben |
| Gattung | Gemälde |
| Abteilung | Alte Malerei (vor 1800) |
Martina Brunner-Bulst nahm die zuvor Pieter Claesz zugeschriebene Tafel nicht in den 2004 publizierten Oeuvrekatalog des Künstlers auf. Fred G. Meijer sprach sich für eine Zuschreibung an Willem Claesz. Heda (brieflich, 30.05.1986) oder seine Werkstatt aus (brieflich, 20.05.1996). Eine am 03.07.1991 bei Sotheby‘s London angebotene Fassung, die auf der Messerschneide „HEDA 1631“ bezeichnet und datiert ist, stufte er als „better version“ ein (Lot 75, Holz, 47 x 61 cm). Die Meinung, es handle sich bei Nr. 357 um eine Replik aus der Heda-Werkstatt, vertrat auch Bernd J. Schöppler (1999), der zudem auf die Provenienz verwies: das Gemälde war ursprünglich gemeinsam mit einer gleich großen und von Willem Claesz. Heda signierten Tafel (Inv. 356) von Markgräfin Karoline Luise von Baden erworben worden, zu diesem Zeitpunkt wurden beide Bilder als Pendants und Werke Hedas angesehen. Eine Autorschaft von Gerret Heda, dem Sohn von Willem Claesz., wäre im Fall einer Spätdatierung (um oder nach 1640) zu diskutieren.
Unbekannt ist der Verbleib sowohl des Londoner Bildes als auch des 1928 in Köln bei Lempertz angebotenen Gemäldes, welches auf der zusammengerollten Tüte rechts unten signiert, wohl aber undatiert ist. Bei dem von Jan Lauts genannten, 1636 datierten Stillleben von Pieter Claesz. handelt es sich vielleicht um das heute im Mauritshuis, Den Haag, aufbewahrte Werk, das sich ehemals in der Sammlung Baron van Dedem befunden hat (Inv. 1125).
Die Kombination der umgestürzten Silbertazza mit einem gefüllten Römer taucht in dieser oder variierter Form auf zahlreichen Gemälden auf, die sich in öffentlichen Sammlungen und im Kunsthandel befinden und die sowohl Pieter Claesz als auch Willem Claesz. Heda gegeben werden können. Insbesondere die Silbertazza, die identisch auf Bildern beider Künstler erscheint, beschäftigte die Forschung: so vermuteten sowohl Bernd J. Schöppler (1999) als auch Fred G. Meijer (2003), Heda könnte das Silbergefäß um 1634 an Pieter Claesz verkauft haben, da das Objekt zuletzt auf einem 1633 (bzw. 1634 nach Schöppler) datierten Gemälde Hedas erscheint, während es auf den Bildern von Claesz erst in der zweiten Hälfte der 1630ern auftaucht.
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2002: Dutch & Flemish Paintings
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2003: The Collection of Dutch and Flemish Still-Life Paintings Bequeathed by Daisy Linda Ward
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: Heda, Willem Claesz.: Frühstücksstillleben mit Silberpokal [o. D]
Jacob-Friesen, Holger (Hg.); Müller-Tamm, Pia (Hg.); Frank, Christoph; Zimmermann, Wolfgang