Samuel van Hoogstraten - Augenbetrüger-Stillleben
Weitere Abbildungen

Augenbetrüger-Stillleben

Samuel van Hoogstraten

Maße:
H 63,0 cm  B 79,0 cm  
Jahr:
1666/1678
Ort:
Kunsthallenpräsentation im ZKM

Beschreibung

Handelt es sich bei dem gerahmten Brett mit den eingesteckten Dingen um ein wirkliches Objekt oder hängt es nur als gemaltes Abbild an der Wand? Der Maler, Autor und Kunsttheoretiker Samuel van Hoogstraten irritiert mit seinem „Augenbetrüger“-Stillleben. Solche auch „Quodlibet“ (lat. „Was beliebt“) oder Trompe-l'œil (frz. „Täusche das Auge“) genannten Darstellungen waren ab 1650 sehr beliebt. Sie galten bereits im Altertum als Maßstab für die meisterliche Nachahmung der Wirklichkeit in der Malerei.

Wie auf einem Steckbrett hat Hoogstraten 21 Gegenstände angeordnet. Sie werden von zwei quer verlaufenden schmalen Lederbändern gehalten, die mit Messingnägeln fixiert sind. Die unterschiedlichen Objekte sind farblich und stofflich überaus perfekt wiedergegeben, sie erscheinen täuschend echt. Bei der Mehrzahl von ihnen handelt es sich um Dinge, die mit dem Maler selbst in Verbindung stehen. Das Bild kann daher als ein verstecktes Selbstbildnis Hoogstratens gelten. Auf diesen porträtartigen Charakter der Darstellung mag auch die ovale Elfenbeinkapsel verweisen, die wohl eine Bildnisminiatur enthält. Offensichtliche Bezüge zu dem Künstler weisen das Buch mit dem Aufdruck „Dorothee/Treurspel“ und zwei Broschüren seiner „Roomsche Pauline“ auf, von deren Titel nur einige Buchstaben zu sehen sind. Sie nehmen Bezug auf seine schriftstellerische Tätigkeit. In diesen Zusammenhang gehören auch Federkiel, Federmesser, Siegellack, Schere und das gerollte Papier. Der große Kamm mag auf das Ordnen der Gedanken anspielen. Die Brille hingegen spielt auf den Gesichtssinn des Malers an. Sie ist einem handschriftlichen Schriftstück zugeordnet, das seine Malkunst und die Fähigkeit zur täuschenden Nachahmung rühmt. Auch die dem Maler 1653 von Kaiser Ferdinand III. verliehene Porträtmedaille mit Ehrenkette verweist auf die Anerkennung und den Wohlstand, den der Künstler durch seine Kunst erlangte.

Kunsthalle x KUNST + Kaviar

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Bevor Sie weitergehen, halten Sie kurz inne. Und vertrauen Sie Ihren Augen einen Moment lang nicht. Was sehen Sie hier eigentlich. Ein Brett. Papiere. Alltägliche Dinge, scheinbar achtlos abgelegt. Vielleicht haben Sie sogar den Impuls, danach zu greifen. Genau darauf zielt dieses Bild ab.

Schein oder sein?

Samuel van Hoogstratens Augenbetrüger-Stillleben gehört zu den sogenannten Trompe-l’œil-Gemälden. Bilder, die das Auge täuschen und die Grenze zwischen Kunst und Realität bewusst verwischen.

Van Hoogstraten, ein Zeitgenosse Rembrandts, war nicht nur Maler, sondern auch Theoretiker. Er beschäftigte sich intensiv mit Wahrnehmung, Illusion und der Frage, wie Bilder Wirklichkeit erzeugen.

Dieses Stillleben ist kein harmloses Spiel. Es ist ein intellektuelles Experiment. Das Bild fordert Sie auf, genau hinzusehen und gleichzeitig zu misstrauen. Was echt wirkt, ist gemalt. Was greifbar scheint, bleibt Illusion.

Stillleben mit Alltagsgegenständen wie einem Buch, einer Schreibfeder, eines Brieföffners, gerolltem Papier, Briefen, Siegelwachs, Kamm, Medaille, Schere. Alle Gegenstände sind von einem gemalten Holrahmen umgeben.

Welt im Wandel

Doch der Augenbetrug ist mehr als eine technische Meisterleistung. Er erzählt auch von einer Welt im Wandel. Im 17. Jahrhundert zirkulieren Waren, Wissen und Bilder in bislang ungekanntem Ausmaß. Papier, Briefe und Druckerzeugnisse stehen für Handel, Verwaltung und Kommunikation. Dinge werden zu Trägern von Macht und Ordnung.

Abschnitt des Werkes mit Blick auf ein Buch, eine Feder und Papier.

Die dargestellten Objekte berichten sehr viel über den Künstler: Ein Buch mit dem Titel Dorothee (Treurspel) und Broschüren der Roomsche Pauline verweisen auf Hoogstraten als Schriftsteller und Intellektuellen.

Ein Schriftstück erzählt von der Anekdote, nach der Kaiser Ferdinand III. selbst auf einen seiner Augenbetrügereien hereinfiel.

Darunter hängt eine Medaille mit dem Porträt des Herrschers , eine Auszeichnung, die Hoogstraten in Wien für seine Verdienste erhielt. Bildung, Anerkennung und künstlerische Virtuosität erscheinen hier nicht im Porträt, sondern über Dinge.

Lenkbare Wahrnehmung

Das Stillleben ersetzt somit den Körper. Identität wird über Auswahl, Besitz und Inszenierung konstruiert. Trompe-l’œil heißt nicht nur „Augenbetrug“, sondern zeigt auch, wie sehr Wahrnehmung lenkbar ist – und dass jedes Bild entscheidet, was sichtbar wird und was verborgen bleibt.

Stillleben wie dieses zeigen eine Welt ohne Menschen und sind dennoch hochpolitisch. Sie erzählen von Besitz und Kontrolle, von Bildung und Zugang, von dem, was sichtbar gemacht wird und dem, was verborgen bleibt. Die scheinbare Zufälligkeit der Dinge ist sorgfältig komponiert.

Detail des Gemäldes von Samuel van Hoogstrate mit vielen Objekten, die an einem Brett mit zwei parallelen Lederbändern gehalten werden.

Fragen Sie sich beim Betrachten dieses Bildes: Warum trauen wir Bildern, obwohl wir wissen, dass sie täuschen können. Und was sagt das über unseren Umgang mit Bildern heute.

Vielleicht denken Sie dabei auch an Ihren eigenen Blick auf Bilder im Alltag. An perfekt kuratierte Instagram-Feeds, an scheinbar zufällige Arrangements, an das Versprechen von Authentizität. Auch dort wirkt vieles mühelos, ungeplant und echt. Und ist doch sorgfältig inszeniert.

Neben den drastischen Hexenbildern wirkt dieses Stillleben ruhig und unspektakulär. Doch der Mechanismus ist ein ähnlicher. Auch hier geht es um Macht, um Blickregime und um die Frage, wer sieht und wer gesehen wird.

Die Schönheit der stillen Dinge liegt nicht in ihrer Harmlosigkeit. Sie liegt in ihrer Fähigkeit, uns zu täuschen. Und uns dabei etwas über uns selbst zu verraten.

Abbildung eines Details des Gemäldes "Augenbetrüger-Stillleben" mit zahlreichen abgebildeten Accessoires des Künstlers.

Weitere digitale Angebote zu Samuel van Hoogstratens "Augenbetrüger-Stillleben"

Abbildung des Gemäldes "Blumenstrauß" von Rachel Ruysch. Zu sehen sind viele bunte Blumen vor dunklem Hintergrund.

Das Werk im Kunsthallen-Blog

10 Gründe, Gemälde Alter Meister zu lieben

Jahrhunderte alt und doch oft erstaunlich aktuell und faszinierend: Sammlungsleiter Prof. Dr. Holger Jacob-Friesen über die Anziehungskraft Alter Meister.

Foto von Jakob Schwerdtfeger neben einem goldenen Rahmen, in dem eine Abbildung des Werks "Augenbetrüger-Stillleben" von Samuel van Hoogstraten zu sehen ist. Darüber steht der Schriftzug: "Kunstsnack"

Das Werk im Podcast Kunstsnack

Episode 26: Undercover Selbstporträt – Augenbetrüger-Stillleben von Samuel van Hoogstraten

In dieser Kunstsnack-Episode geht es um Samuel van Hoogstratens Augenbetrüger-Stillleben, das täuschend echt gemalt ist; Jakob Schwerdtfeger erklärt die Trompe-l’œil-Malerei, das versteckte Selbstporträt des Künstlers und die Verbindungen zu Rembrandt und 3D-Computerspielen.

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Zum Audiotranskript der Kunstsnackepisode zu Samuel van Hoogstraten.

Touren zu diesem Werk

Detail des Holzschnittes Die Hexen von Hans Baldung Grien. Mehrere weibliche Personen sind zusammen um einen Kessel abgebildet
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Kunsthalle x KUNST + kaviar


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Daten und Fakten

Titel Augenbetrüger-Stillleben
Künstler*in Samuel van Hoogstraten
Entstehungszeit 1666/1678
Inventarnummer 2620
Epoche Barock
Maße Bildträger H 63,0 cm  B 79,0 cm  
Maße Rahmen H 68,0 cm  B 83,5 cm  T 5,0 cm  
Material Leinwand
Technik Ölfarbe
Genre Stillleben
Gattung Gemälde
Abteilung Alte Malerei (vor 1800)
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