König der Küste: Felsküste bei Etretat von Johann Wilhelm Schirmer

Vor Kurzem war ich in der Ausstellung „Monets Küste“ im Städel Museum in Frankfurt. Und an einem Bild bin ich direkt hängen geblieben. Darauf waren Felsen an einer Küste – mega gut gemalt. Mich interessiert in Ausstellungen immer, woher die Werke geliehen werden und in dem Fall war es: (taaadaaa) die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. Und kein Witz, ein paar Tage später schrieb mir dann das Team der Kunsthalle Karlsruhe, dass sie zufällig genau das Bild für diese Folge ausgewählt hatten. Hier kommt also alles zusammen! Herrlich! Wir haben es heute mit dem Endlevel der Landschaftsmalerei zu tun, mit der Crème de la Crème der Kunst. Das Werk trägt den Titel „Felsküste bei Etretat“ und stammt von dem deutschen Maler Johann Wilhelm Schirmer. Gemalt wurde es 1836, also vor knapp 200 Jahren. Und jetzt, schauen wir uns das Bild mal näher an. Let’s go!

Intro

Ich empfehle euch stark: Schaut euch das Bild dieser Folge selbst an. Vertraut mir, es lohnt sich. In den Shownotes findet ihr einen Link zur Abbildung, aber natürlich gibt’s wie immer auch eine kurze Bildbeschreibung.

Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung

Eine Steilküste am Meer – damit könnte ich die Bildbeschreibung auch beenden, das ist, was wir auf diesem Bild sehen. Aber das ist nicht irgendeine Steilküste, sondern eine ikonische – und daran hat der Maler Schirmer einen Anteil. Es ist die Küste bei dem französischen Ort Etretat in der Normandie. Wir sehen auf dem Bild hauptsächlich steil aufragende Felsen und zwar bis über den oberen Bildrand hinaus. Man kann die Streifen der verschiedenen Sedimentschichten gut erkennen. Im Vordergrund ist ein überhängender Fels – insgesamt wirkt diese Szenerie wie ein Paradies zum Bouldern.

Rechts im Bild ist dann noch ein bisschen Stand und Meer zu sehen. Es ist ziemlich wellig und der Himmel darüber sieht nach Regen aus. Es ist also kein typischer Strandtag, sondern eher ein Tag, um in der Unterkunft zu bleiben und zu kniffeln. Was dieses Felsenbild so besonders macht, ist die Qualität der Malerei. Alles ist gestochen scharf gemalt. Außerdem ist die Komposition ungewöhnlich, denn über die Hälfte des Bildes wird nur von einer riesigen Felsformation bestimmt. Der Betrachterstandpunkt ist recht niedrig gewählt, sodass uns die Klippen überragen und besonders beeindruckend wirken. Gemälde wie dieses machten Schirmer zu einem der wichtigsten Landschaftsmaler in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er war gewissermaßen der King der Küstenkunst, der Lord of the Landschaft und die Kunsthalle Karlsruhe hat dutzende dieser Werke in der Sammlung.

Wie wurde das Werk beeinflusst? Interessante Inspirationen

Die Küste bei Etretat ist heute sehr bekannt, weil sie unter anderem viel von Monet gemalt wurde. An den Klippen gibt es eine Art Felsentor, das ihr vielleicht schon mal gesehen habt. Es ist in jedem Fall eine Küste mit Wiedererkennungswert. Aber 1836, als Schirmer hier gemalt hat, war Etretat noch ein verschlafenes Fischerdörfchen. Die See war rough und die Klippe steil – kein klassischer Badeort. Aber Maler*innen entdeckten diese Küste Ende 18., Anfang 19. Jahrhundert für sich, weil sie spannende Motive hergab. Und tatsächlich machten die Malerei und Literatur Etretat immer berühmter, sodass immer mehr Tourismus entstand. Also im Prinzip funktionierte es wie heutzutage bei Influencer*innen – nur war das halt früher die Kunst. Egal im 19. Jahrhundert oder heute: Orte werden überrannt, weil die Bilder verlockend sind.

Etretat beeinflusste Schirmer stark. Immer wieder malte er hier auch Ausschnitte vom Meer. Und damit befeuerte er den Ruhm von Etretat. Man kann also sagen: Seine Meerbilder schlugen Wellen – im wahrsten Sinne.

Kurioses aus der Kunstwelt

Ich hatte ja schon die ungewöhnliche Komposition des Bildes „Felsküste bei Etretat“ erwähnt. Wie nah Schirmer die Felsen an uns heranholt, uns mitten in die Szenerie katapultiert, das ist schon echt besonders. Die Felsen ragen über das Bild hinaus, sie sind das Hauptmotiv, das Meer spielt eine Nebenrolle. Dass die Felsen so angeschnitten werden und die Malerei so krass präzise ist, lässt das Gemälde fast wie ein Foto wirken. Das Bild ist von 1836. Zwar gab es schon 1826 das erste Foto, also 10 Jahre vorher, das dauerhaft festgehalten werden konnte. Allerdings blieb die Erfindung der Fotografie zunächst unter dem Radar, Schirmer dürfte davon nichts mitgekriegt haben.

Aber kurz zu dem ersten Foto, das ich eben erwähnt hatte, das ist nämlich ziemlich unspektakulär. Es zeigt einfach nur den Blick auf einen Hof. Damals war die Fotografie noch eine gemächliche Angelegenheit, die Belichtungszeit betrug entspannte acht Stunden. In der Zeit hätte so mancher Maler diesen „Schnappschuss“ einfach hingepinselt. Einer breiten Öffentlichkeit wurde die Fotografie schließlich 1839 mithilfe der Daguerreotypie zugänglich gemacht, die Louis Daguerre bescheidenerweise nach sich selbst benannte. Daguerres Verfahren ermöglichte enorm detailgenaue Bilder. Dank weiterer Entwicklungen konnten Fotos bald schon vervielfältigt werden und die Belichtungszeiten verkürzten sich drastisch. Mitte des 19. Jahrhunderts gewann die Fotografie dann immer mehr an Bedeutung.

Und hier noch ein kleiner Funfact: Von besagtem Daguerre stammt ein legendäres Foto aus dem Jahr 1838. Er hatte einen Boulevard 7 bis 15 Minuten lang belichtet, sodass keine Personen zu sehen waren. Nur ein Schuhputzer blieb die ganze Zeit über an seinem Platz sitzen und wurde dadurch zufällig der erste Mensch auf einem Foto. Aber zurück zur Malerei und Schirmer – denn der Künstler prägte einen Stil maßgeblich mit, wie ihr gleich erfahren werdet.

Der Epochen-Check

Schirmer war ein Vertreter der sogenannten Düsseldorfer Malerschule. Das war keine Epoche oder Gruppe, sondern eher eine Art Marke oder lose Verbindung. Zur Düsseldorfer Malerschule zählten nämlich alle, die irgendwie im Umfeld der Kunstakademie Düsseldorf standen – also alle die da ausgebildet wurden, die da lehrten oder irgendwie in Beziehung zur Akademie standen. Daher auch der Name Düsseldorfer Malerschule. Wir spielen mal kurz ein Spiel: Was schätzt ihr, wie viele Künstler*innen zur Düsseldorfer Malerschule zählten? Überlegt kurz… Hier die Antwort: über 4000. Hui. Die Düsseldorfer Malerschule dauerte etwas von 1819 bis 1918, also hundert Jahre. Dazu so viele Menschen. Es gab daher keinen einheitlichen Stil. Aber die Landschaftsbilder der Düsseldorfer Malerschule aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnen sich durch sehr präzise Malerei aus. Vor allem die Lichtsetzung ist oft super fein und alle Details sind sehr exakt gemalt – wie auf dem Bild dieser Folge.

Schirmer hatte großen Einfluss auf die Landschaftsmalerei der Düsseldorfer Malerschule. Ab 1832 war er Hilfslehrer für Landschaftsmalerei an der Düsseldorfer Akademie und wurde später dort auch Professor. Seine Klasse war die größte der Akademie – über 150 Schüler*innen. Das machte Schirmer also zu einem Trendsetter und Tastemaker, denn sein Stil prägte die Düsseldorfer Malerschule. Aber wer genau war Schirmer eigentlich? Gehen wir mal fix in seine Biografie rein.

Wer hat‘s gemacht? Künstler im Spotlight

1807 wird Johann Wilhelm Schirmer in Jülich geboren. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und macht zunächst eine Buchbinderlehre bei seinem Vater, der auch Buchbinder war. Danach studiert Schirmer dann an der Kunstakademie in Düsseldorf. Das Studium finanziert er anfangs mit der Buchbinderei. Von Schirmers anschließender Lehrtätigkeit an der Akademie hatte ich euch ja gerade erzählt. Sein Talent wird früh erkannt, er wird von der Kunstkritik bezeichnet als (ich zitiere) „Vater dieser ganzen Generation“. Schirmer reist viel durch Deutschland, die Niederlande, Frankreich und die Schweiz – später auch Italien. Überall malt er Landschaften und hält seine Eindrücke fest – und zwar unter freiem Himmel in der Natur. Das ist damals noch nicht Standard, aber Schirmer arbeitet viel mit Ölskizzen direkt vor seinen Motiven und nicht von Anfang an im Atelier. Wir müssen uns auch klarmachen: zu dieser Zeit, also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Landschaftsmalerei keinen allzu hohen Stellenwert in der Akademie. Aber Schirmer pushte dieses Sujet mit seinem Schaffen.

Sein Erfolg hält an, Schirmer erhält einige Auszeichnungen und wird 1854 zum Professor der neu gegründeten Kunstschule in Karlsruhe ernannt, wenige Monate später wird er auch der Gründungsdirektor. In Karlsruhe erhält Schirmer dann unter anderem das Ritterkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen und wird Vorstandsmitglied des neu gegründeten Kunstvereins von Karlsruhe. 1863 verstirbt er schließlich in dieser Stadt.

Schirmer hatte also einen engen Bezug zu Karlsruhe, umso schöner, dass heute so viele Werke von ihm in der Kunsthalle Karlsruhe sind – darunter eben auch seine „Felsküste bei Etretat“. Damit sind wir am Ende dieser Folge angelangt, danke fürs Zuhören, bis bald zur nächsten Folge. Ciao.

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