Künstlerische Fußball-WM: Landschaft von Joan Miró

In dieser Folge haben wir es mit einem der beliebtesten Wartezimmer-Künstler überhaupt zu tun. Wie oft saß ich schon beim Arzt und hab seine Bilder als Reproduktionen gesehen. Man sieht seine Kunst außerdem ständig auf T-Shirts, Tassen, Taschen und so weiter. Und falls jemand die Werke nicht mag, gibt’s davon auch Fußmatten, sodass man seine Kunst mit Füßen treten kann. Aber das würde mich wundern, denn eigentlich lieben ihn alle: die Rede ist von dem Spanier Joan Miró.

Und wie das nun mal bei großer Kunst so ist: Natürlich hat die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe ein Werk davon in ihrer Sammlung. In diesem Fall ist das ein Gemälde mit dem Titel „Landschaft“. 1926 hat Miró das gemalt. Dann schauen wir uns diesen Star der Kunst und sein spannendes Schaffen mal näher an. Er hat nämlich unglaublich viel geprägt, unter anderem hat er 1982 das offizielle Plakat für die Fußball-WM in Barcelona entworfen. Und als wäre das nicht genug, hat Miró quasi das Länderlogo für Spanien entwickelt. Das habt sicher schon mal gesehen auf Werbeplakaten – eine knuffig gemalte Sonne mit kleinem Stern und dem Schriftzug „ESPAÑA“. Das ist das Logo vom spanischen Fremdenverkehrsamt. Also, von Fußball bis Tourismus war Miró echt einflussreich. Wirklich groß – und jetzt geht’s los!

Intro

Wenn ihr Lust auf gute Laune habt, dann schaut euch das Bild dieser Folge unbedingt an, denn es ist echt farbenfroh. In den Shownotes ist ein Link zur Abbildung.

Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung

Direkt vorab: Die „Landschaft“ von Miró ist ziemlich abstrakt und vor allem äußerst rätselhaft. Eine Bildbeschreibung ist deshalb sehr schwierig, aber ich versuch’s mal. Das Bild ist gewissermaßen in der Mitte unterteilt in zwei Hälften: einen roten Hintergrund oben und einen schwarzen unten. Die Unterteilung wirkt wie ein Horizont. In der unteren Bildhälfte sind runde Farbflächen in blau, rot und lila. Darauf sind jeweils dunklere Formen, die an Segel oder Haifischflossen erinnern. In der oberen Bildhälfte ist eine große gelbe Fläche. Darauf ist ein Wesen, das an eine weiße Schlange erinnert und eine bräunliche Wolke. Zentral im Bild sind noch mit dünnen Linien ein Rad und eine Leiter eingezeichnet. Oder um das alles etwas herunterzubrechen: Das Gemälde ist die abstrakte Andeutung einer Landschaft mit runden, bunten Formen.

Ich finde, das ist genau das Spannende an abstrakter Kunst: Man kann sie nicht gut beschreiben. Abstrakte Kunst kann etwas darstellen, wofür einem vielleicht die Worte fehlen oder was man nicht in Worte fassen kann. Man muss sich einfach drauf einlassen, dass es bei diesem Werk keine eindeutige Lösung gibt, sondern dass das Bild eher eine Art Assoziationsraum ist. Was ist dargestellt? Eine Vulkanlandschaft? Der Blick auf Inseln? Ein Haifischbecken? Oder sieht man die Himmelsleiter in einer Traumszene? Dieses Bild wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Zumindest die Schlange taucht häufiger in Mirós Kunst auf und steht bei ihm für die Liebe. Klassische Kuschel-Kobra, wer kennt’s nicht?

Man muss sagen, dass Miró ein Künstler mit hohem Wiedererkennungswert ist. Typisch für Miró sind die bunten Farben und die klare Struktur des Bildes. Die Formen sind deutlich voneinander abgegrenzt und dennoch bekommt man das Motiv irgendwie nicht richtig gegriffen. Aber eines spürt man direkt: Dieses Bild ist beschwingend. Und das ist ja eine großartige Wirkung. Es ist Lebensfreude auf Leinwand! So ein Stimmungshoch kriege ich sonst nur bei Malvideos von Bob Ross. Aber was hat es mit der Rätselhaftigkeit von Miró auf sich? Das nehmen wir jetzt mal unter die Lupe!

Der Epochen-Check

Miró ist ein Künstler aus dem Bereich des Surrealismus, wobei er sich auch immer eine Unabhängigkeit von dieser Kunstrichtung bewahren wollte. Damit es nicht so verwirrend ist, würde ich sagen: Ich erläutere euch erst mal den Surrealismus und danach Mirós Position in diesem Kontext.

Aaaalso, der Surrealismus entstand in den frühen 1920er-Jahren in Paris und dauerte etwa bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Das Wort „surreal“ bedeutet „jenseit der Realität“ und das beschreibt die Bildwelten dieser Kunstströmung ziemlich gut. Denn die sind oft „traunhaft“ und „unwirklich“. Der Surrealismus rebellierte gegen Logik, Vernunft und den traditionellen Kunstbegriff. Aus Sicht einiger Kunstschaffenden hatte die bürgerliche Gesellschaft das Leid des Ersten Weltkriegs zu verantworten, man forderte einen revolutionären Neuanfang.

Die Kunstschaffenden des Surrealismus wollten zu den natürlichen Sehnsüchten, Begierden und Trieben des Menschen vordringen. Ein wichtiger Einfluss war die Psychoanalyse von Sigmund Freud, der etliche Theorien über unbewusste psychische Vorgänge aufstellte. Aus seiner Sicht bildete das bewusste Denken nur die Spitze des Eisbergs, also kletterten die surrealistischen Künstler*innen in die seelischen Tiefen hinab und widmeten sich der Höhlenforschung des Unbewussten. Der Surrealismus bot also Raum für Traum!

Die Kunstschaffenden waren besessen davon, neue künstlerische Inspirationsquellen zu erschließen und zum Unbewussten vorzudringen. Traumprotokolle, Hypnose, Rauschzustände, Séancen, Halluzinationen – im Surrealismus war jedes Mittel recht, um die Vernunft und das Rationale auszuschalten. Man erfand sogar ein Kunstspiel, das wir alle schon mal in der Kindheit gespielt haben. Ihr kennt das. Eine Person malt den Kopf, faltet um, die nächste Person malt den Körper, faltet um, und so weiter. So entstehen völlig unvorhersehbare, weirde Gestalten. Und genau diesen Kontrollverlust und Zufall wollte man im Surrealismus – also hat man dieses Spiel erfunden, das es einfach bis heute im Alltag gibt.

Der surrealistische Filmemacher Luis Buñuel hat den Surrealismus mit einem Satz gut auf den Punkt gebracht (ich zitiere): „Zum Glück liegt irgendwo zwischen Zufall und Geheimnis die Fantasie – sie allein bewahrt uns unsere Freiheit.“ Einer der heutzutage bekanntesten Surrealisten war Salvador Dalí. Ihr kennt vermutlich sein Bild mit den fließenden Uhren, die übrigens von zerlaufendem Camembert inspiriert wurden. Da soll noch mal jemand sagen Ofenkäse wäre nicht gehaltvoll! 1929 war es Joan Miró, der Dalí zur Gruppe der Surrealist*innen brachte.

Heutzutage wird Miró oft einfach zum Surrealismus dazu gezählt und das liegt ja auch nah: Seine Werke sind spielerisch, fantasievoll, uneindeutig. Miró kreierte eine eigene Symbolwelt, mal gegenständlicher, mal abstrakter. Er bewegte sich im Umfeld des Surrealismus und hatte mit vielen wichtigen Kunstschaffenden dieser Bewegung zu tun. Der Surrealist André Breton bezeichnete Miró als „größten Surrealisten von uns allen“.

Allerdings grenzte sich Miró, wie gesagt, auch vom Surrealismus ab. Er wollte nicht einer bestimmten Kunstrichtung angehören und unabhängig bleiben. So sagte Miró mal in einem Interview: „Die Surrealisten haben, wie man weiß, den Tod der Malerei verordnet. Ich will den Mord.“ Dafür wie locker-leicht seine Werke aussehen, klingt das Ganze hier erstaunlich brutal. Naja, im Gegensatz zu vielen surrealistischen Werken waren Mirós Bilder keine wirklichen Traumbilder, da er sie ausführlich in Skizzen vorbereitete. Er arbeitete auch nicht nach automatischen Verfahren, bei denen das Bewusstsein weitestgehend ausgeschaltet werden sollte. Man kann bei Miró von kontrolliertem Zufall sprechen.

Nichtsdestotrotz wurde Mirós Schaffen durch den Surrealismus stark beeinflusst. Es gab aber noch eine andere spannende Inspiration, wie ihr gleich hören werdet.

Wie wurde das Werk beeinflusst? Interessante Inspirationen

Ich hatte ja schon anfangs gesagt: Mirós „Landschaft“ entstand 1926. Das Bild malte er im Sommer und es war eine Erinnerung den Bauernhof seiner Familie in Mont-roig del Camp. Konkret sehen kann man den Bauernhof auf dem Bild nicht, aber mit diesem Ort verband Miró viel – dazu ein kurzer biografischer Abriss.

Miró wird 1893 in Barcelona geboren. Zuerst macht er eine Kaufmanns-Ausbildung und nimmt bald schon Zeichenunterricht. Er arbeitet dann zeitweise als Buchhalter in einer Drogerie. Ihn beschäftigt die Zerrissenheit zwischen Künstlertum und seinem Job. Er durchlebt eine physische und psychischee Krise. Dazu kommt eine Typhus-Erkrankung. Zur Erholung schicken ihn seine Eltern an den neu erworbenen Bauernhof in Mont-roig del Camp. Sie akzeptieren schließlich, dass ihr Sohn Maler werden möchte. Miró verbringt in der Folge fast jeden Sommer auf dem Bauernhof. Für ihn ist es ein Gegenpol zum wilden Künstlerleben in Paris. Der Bauernhof erdet ihn im wahrsten Sinne. 1930 zieht er mit seiner Frau und Tochter auch eine Zeitlang dorthin. Es folgen wechselnde Lebensstationen, bis Miró 1983 schließlich in Palma de Mallorca im Alter von 90 Jahren verstirbt.

Miró war es wichtig, Kunst zu schaffen, die in das Leben hineinwirkt. Und das hat er geschafft – man sieht seine Kunst nicht nur auf vielen Alltagsgegenständen, die spanische CaixaBank hat ein Logo, das auf einem -Werk von Miró beruht. Es ist ein blauer Seestern und dazu ein gelber und roter Punkt. Was das genau das mit den Geldgeschäften einer Bank zu tun haben soll, weiß ich nicht. Aber es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Miró mit seiner Kunst weit übers Museum hinaus gewirkt hat. Ein riesiger Wandteppich von ihm war sogar in einem der Tower des World Trade Centers. Dieser wurde bei dem Terroranschlag vom 11. September 2001 zerstört. Die große Beliebtheit Mirós schlägt sich auch im Preis nieder: 2012 wurde ein Gemälde von ihm für 29 Millionen Euro verkauft.

Man kann zusammenfassend sagen: dank Miró wehte in der Kunst ein neuer Wind. Und bis heute weht auch sein Duft durch die Gegend, denn es gibt den Parfumhersteller Miró, dessen Flakons an Miró-Werke angelehnt sind. Der Duft wird als frisch beschrieben und das passt zu Mirós Kunst auch wunderbar. Denn bis heute sind seine Bilder eine Erfrischung – sie strahlen nur vor Beschwingtheit und fantasievoller Spielerei. Die „Landschaft“ aus der Kunsthalle Karlsruhe ist ein Paradebeispiel dafür. Ich hoffe, ihr seid genauso beflügelt wie ich von Mirós Kunst und ich hoffe, ihr hattet Spaß mit dieser Folge. Bis zur nächsten Episode von Kunstsnack, macht’s gut. Ciao.

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