Große Gefühle und gestreifte Pullover: Landline Green Black von Sean Scully

„Ich bin überzeugt, dass die Abstraktion dazu da ist und war, tiefe Emotion zu verkörpern. Ich glaube, das ist ihre Aufgabe in der Geschichte der Kunst.“ Bäm, Micdrop. Was für ein starkes Zitat von dem Künstler Sean Scully. Ihr könnt euch denken: Heute geht es um abstrakte Kunst. Für alle die jetzt denken: „Oh nee, abstrakte Kunst, das ist mir zu… abstrakt.“ Wartet es ab, nach dieser Folge habt ihr Bock drauf.

Der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe mit dem Comedian und Kunsthistoriker Jakob Schwerdtfeger.

Das Bild, um das es heute geht, heißt Landline Green Black und ist von dem Maler Sean Scully. Es befindet sich in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Das Bild misst 2,15m x 1,90m, das ist wirklich groß – 2,15m x 1,90m, das ist eine Fläche von 56 Pizzakartons. 2020 ist das Werk entstanden. Und klar, an 2020 und Corona wollen wir nicht erinnert werden. Das war für uns alle ein richtig, richtig stressiges Jahr, aber ey, immerhin ist dieses großartige Bild daraus hervorgegangen. Man muss ja auch in allem das Gute sehen.

Wie sieht Landline Green Black denn nun eigentlich aus? Auf den ersten Blick recht simpel. Das Bild besteht aus mehreren breiten Querstreifen, die übereinanderliegen. Oben geht es los mit schwarz, dann kommen türkis, grau, dunkelgrün, schwarz und weiß. Ehrlich gesagt, könnte es von den Farben her das Muster eines H&M Pullovers sein. Und ich weiß, die Bildbeschreibung klingt richtig lahm, deshalb guckt euch das Bild bitte kurz an, das sieht nämlich wirklich deutlich besser aus, als ich es gerade beschrieben habe. In den Shownotes findet ihr einen Link zu dem Werk und ich warte jetzt so lange, bis ihr euch das angeguckt habt…

Ok, kein Bock, aber auf den zweiten Blick ist Landline Green Black echt deutlich vielschichtiger. Die Querstreifen sind nämlich nicht einfach einfarbig wie Stoffbahnen. Man kann die dicken Pinselstriche sehen, die Übermalungen, die leichte Vermischung mit anderen Farben. Scully betont hier das Malerische, seinen Ausdruck. Über den unteren weißen Streifen laufen dunkle Farbschlieren, als hätte man Graffiti im Regen gesprüht. Hier ist richtig was los.

Wie schon am Anfang betont: Für Scully verkörpert die abstrakte Kunst tiefe Emotion. Und genau dafür ist Abstraktion super: Denn wie malt man Gefühle? Wie malt man Freude, Wut, Enttäuschung? Wie malt man diese tiefe Verzweiflung, wenn man als Microsoft-User an einem Apple-Computer sitzt… und das verdammte @-Zeichen sucht? Es ist schon interessant: Wie drücken wir Gefühle aus? Liebe drücken wir zum Beispiel mit einem Herz aus. Das ist ja auch total abstrakt. Ein gemaltes Herz sieht ja null aus wie ein echtes Herz. Zum Glück, das wäre richtig eklig und gar nicht mehr romantisch.

Geht es Scully hier um Liebe? Worum geht’s ihm? Den Künstler interessieren vor allem die emotionalen Zwischentöne. Er selbst sagt: „In den meisten meiner Bilder gibt es einen Kampf zwischen Hell und Dunkel. Oder zwischen Fröhlichkeit und Traurigkeit. Und ich male für gewöhnlich kein Bild, das entweder das eine oder das andere ist.“ Wir alle kennen diese innere Zerrissenheit. Ich empfinde die sehr stark, wenn ich beim Serie-Gucken ’ne ganze Tüte Kesselchips in mich reinstopfe. Das macht mich richtig glücklich und gleichzeitig fühle ich auch mega schuldig. Das ist innere Zerrissenheit, das sind die großen Gefühle der Menschheit!

Aber noch mal zurück zu Scullys Bild. Wenn ich das etwas länger auf mich wirken lasse, erinnern mich die breiten Streifen ein bisschen an Natur und Landschaften. Es könnten hintereinander gestaffelte Felder sein oder noch eher übereinander geschichtete Horizonte. Das ist jetzt auch kein super origineller Gedanke von mir, denn der Titel Landline Green Black legt das ja schon nahe. Landline, also Landlinie – damit meint Scully die Horizontlinie zwischen Himmel und Meer. Wir alle haben schon mal am Strand gesessen und den Blick in die Ferne schweifen lassen: Wo fängt dann eigentlich der Himmel an? Und wo endet das Meer? Es ist schwer zu sagen. Die Landlinie ist irgendwie ein Dazwischen, ein Übergang, etwas schwer Greifbares. Und das ist ja genau das, was Scully reizt. Das Dazwischen der Gefühle. Der Künstler hat das mit ordentlich Pathos auf den Punkt gebracht: „Mein Leben ist eine Geschichte großen Kummers und großer Liebe. Landlinien stehen für Ränder.“ Abstrakte Kunst eignet sich super, um diesen Zustand auszudrücken.

Ich weiß, dass abstrakte Kunst viele Menschen überfordert, weil sie die Bilder verstehen wollen. Dabei kann man abstrakte Kunst nicht restlos verstehen und das Tolle ist: Muss man auch nicht. Wir verstehen ja Walgesang auch nicht, aber können ihn trotzdem schön finden. Bei Musik hinterfragen wir ja auch nicht: Was will uns die Melodie mitteilen? Nein, wir fühlen sie einfach und so kann man es mit Bildern auch machen.

Es gibt bei abstrakter Kunst nicht die eine richtige Lesweise nach dem Motto: Der Künstler hat das Bild blau gemalt, weil er traurig war. Ja, kann sein. Kann aber auch sein, dass er Käpt’n Blaubär Fan war. Abstrakte Kunst ist offener, unsere eigene Sichtweise ist hier gefragt. Also, was seht ihr in dem Bild von Scully? Dafür wäre es übrigens wirklich gut, wenn ihr euch endlich das Bild in den Shownotes anguckt. Danke.

Abstraktion umgibt uns eh mehr als wir denken: Zum Beispiel die deutsche Flagge. Schwarz, rot, gelb – wie bei Scully sind das auch nur ein paar Querstreifen übereinander, die aber für sehr viel mehr stehen. Übrigens kam Scully auf die Querstreifen unter anderem in New Castle. Hier hat er studiert und in der Stadt gibt es viele Brücken mit Eisenskeletten, die geometrische Muster bilden. Außerdem war der Künstler auf einer Reise in Marokko, wo ihn wohl auch die Stoffmuster zu den Streifenbildern inspiriert haben.

Ich hoffe, ich konnte euch das Werk von Sean Scully und die Abstraktion etwas näherbringen. Wenn euch der Podcast gefallen hat, empfehlt ihn gerne weiter. In zwei Wochen kommt wie immer die nächste Folge. Macht’s gut. Ciao.

Das war der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Mit Jakob Schwerdtfeger. Eine Produktion der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Abonniert unseren Podcast und folgt uns bei Instagram. Habt Ihr Themenwünsche, schreibt uns via Directmessage oder per Mail an digital@kunsthalle-karlsruhe.de.

Newsletter

Auch während der sanierungsbedingten Schließung informieren wir Sie hier über die Geschehnisse hinter den Kulissen der Kunsthalle.