Dissonant Heritage: Die unsichtbare Geschichte der Straßburger Architektur während der Occupation (1940 – 1944)
In vielen seiner Arbeiten legt Nicolas Daubanes die verborgene Geschichte von Orten und Bauten frei. Erst durch seine künstlerischen Interventionen tritt hinter dem repräsentativen Dekor der Villa Medici in Rom eine dissonante Dimension hervor: der Blick des dort eingekerkerten Galileo Galilei. Wie lässt sich diese künstlerische Herangehensweise für eine kritische Architekturgeschichte fruchtbar machen?
Straßburg, die „wunderschöne Stadt“, zieht jedes Jahr Millionen Besucher an, die zum berühmten Münster und in die historische Altstadt strömen. Gerade deutsche Touristen schätzen ein Stadtbild, das den Eindruck erweckt, seit Jahrhunderten nahezu unverändert geblieben zu sein. Doch die Harmlosigkeit dieser elsässischen Postkartenidylle ist trügerisch. Große Teile der Innenstadt sind das Ergebnis einer städtebaulichen Inszenierung aus der Zeit der deutschen Annexion im Zweiten Weltkrieg (1940-1944), deren wichtigstes Ziel es war, das Münster als „Nationalheiligtum des deutschen Volkes“ in ein scheinbar zeitloses historisches Ensemble einzubetten. Nach 1945 wurde diese „traditionsorientierte Stadtplanung“ noch bis in die 1960er Jahre unhinterfragt fortgeführt.
Auch das bedeutendste Gebäude der Universität, das 1886 eröffnete Palais universitaire, führt zu einem vergleichbaren Befund. Seit 1999 beherbergt es einen Gedenkort für den im Zweiten Weltkrieg ermordeten Historiker und Résistance-Kämpfer Marc Bloch. Zugleich begegnet den Besucherinnen und Besuchern ein Gebäude, dessen Erscheinungsbild wesentlich für die von SS-Professoren geleitete „Reichsuniversität Straßburg“ gestaltet wurde. Dieses architektonische Dekor ist bis heute nahezu unverändert erhalten und steht seit dem Jahr 1990 unter Denkmalschutz.
Welche dissonanten Schichten der Straßburger Innenstadt lassen sich mit einem an Daubanes geschulten Blick freilegen? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für eine geschichtskritische Architekturgeschichte und einen reflexiven Denkmalschutz?
Gebäude: Orangerie, Hans-Thoma-Straße 6, 76133 Karlsruhe
Ausstellung: Nicolas Daubanes. Le feu intérieur
mit: Prof. Alexandre Kostka (Universität Straßburg)
Dauer: 60 Minuten
Sprache: Deutsch
Preis zzgl. Eintritt: 4,00 €