Gemälde Waldlandschaft mit dem schlafenden, von Tauben behüteten Knaben Horaz von Jakob Philipp Hackert
Jakob Philipp Hackert: Waldlandschaft mit dem schlafenden, von Tauben behüteten Knaben Horaz, 1805
Friederich Christian Delius

Die Idylle, die keine ist

Sebastian Mirow liest Friedrich Christian Delius
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Wer einmal auf einer Waldwiese oder an einem Waldrand gelegen hat, wird an diesem Bild nicht achtlos vorbeilaufen, vermute ich, sondern innehalten. Wilder Wald und ein schlafendes Menschenkind, auf den ersten Blick ein eindeutiges Sujet. Als einer, der am Rande hessischer Wälder aufgewachsen ist, oft auf Waldwiesen gerastet und auf den Höhen sich in die Weite der Landschaft oder ins Dunkel der Wälder, die immer auch Grimmsche Wälder waren, hineinphantasiert hat, fühlte ich mich von diesem Hackert sofort angesprochen. Ich habe mich sogar, das sei zugegeben, spontan mit dem Kollegen Horaz identifiziert und mich selbst als Jungen, als Nochnicht-Dichter hier liegen und träumen sehen, ohne Leier und Pergament natürlich, und ohne flatternde Tauben erst recht.

Aber wir sind hier nicht im deutschen Wald. Mit Hackert sind wir in einem andern Jahrhundert und in italienischer Landschaft, mit Horaz in einem andern Jahrtausend. Wohin also lockt uns diese „Waldlandschaft mit dem schlafenden, von Tauben behüteten Horaz“?

Die Waldkulisse ist von seltener Wucht. Sie ist nicht lieblich, nicht gefällig, sie lädt nicht ein, sich in die Landschaft hineinzuversetzen und in ihr herumzuspazieren. Sie ist auch keine Naturabbildung, sondern eine Komposition, als arkadische Landschaft vom Maler inszeniert und arrangiert. Hier dominieren Sträucher und Bäume, Felsen und Wasser, Baumstümpfe und Steine, Stämme, Äste, Zweige, Blätter. Es finden sich außer in fernster Ferne am Horizont keine menschlichen Spuren, keine erkennbaren Wege und Pfade. Fast das ganze Bild füllend und auf zwei Drittel der Fläche drohend nah drei kräftige, krumm gewachsene Buchen und eine mächtige, schrundige Eiche. Man sieht den Bäumen das Alter an und ihre Widerstandskraft. Diese würdigen Stämme mit ihren Astlöchern und Narben haben schon viel Gewalt, Naturgewalt ausgehalten, aber der Mensch hat hier noch nicht eingegriffen, nicht gerodet, gehackt, getrampelt.

Und doch, das ist der erste der schönen Widersprüche dieses Bildes, bietet dieser dunkle, tiefe Wildwald, diese Wald- und Felsenmauer einem Schlafenden Schutz und Dach, ein fast geschlossenes, heiteres Idyll.

Der zweite Widerspruch liegt darin, dass dieser Wald zwischen den beiden mächtigen Bäumen auf der rechten Seite sich öffnet, aber nur ein kleines Stück, er bleibt verschlossen wie eine Festung, die Stämme posieren einschüchternd wie Wächter. Es führt kein Weg hinein, es führt kein Weg hinaus. Und davor liegt da ein Mensch, wie vom Himmel gefallen.

Eine dritte raffinierte Rätselhaftigkeit oder Widersprüchlichkeit, vielleicht auch eine Ungeschicklichkeit des Malers, fällt bei der Darstellung des Flusses auf. Wir sehen das Wasser aus den Felsen fallen und, im Vordergrund verbreitert, auf uns zufließen, als stünden wir nah am Ufer, während der Sog der Perspektive gleichzeitig nach oben in die Ferne zielt, die Schlucht entlang, aus dem Waldesdunkel heraus, an der schroffen, unzugänglichen Felswand vorbei und weiter nach oben zu einer städtischen Siedlung und einem Berg, in ein verheißungsvolles italienisches Licht.

Mit diesen Widersprüchen der leichteren und heiteren Sorte, diesen feinen Rätseln schafft es Hackert, dass die Blicke der Betrachter immer wieder auf den Raum vor dem Wald zurückstreben, auf die Figur im hellsten Licht. Man kann aus diesem Bild nicht so leicht hinauswandern. Das liegt nicht zuletzt an der Suggestivkraft der strotzenden Buchen und Eichen, an den Details der Stämme und Äste und dem fein ausgemalten Blattwerk.

Man muss nicht wissen, dass Hackert der größte Bäumemaler seiner Zeit gewesen ist und genaue Anleitungen dazu verfasst und ganze Serien von Baumporträts geschaffen hat. Jedes seiner Landschaftsbilder ist auf das sorgfältigste mit Bäumen oder Baumgruppen komponiert. An dieser Waldlandschaft lässt sich studieren, dass Hackert nicht nur ein großartiger Bäumemaler war, sondern ebenso ein trefflicher Blättermaler.

Die Blätter, die sich so ähnlich sind, einzeln malerisch zu würdigen, hunderte, tausende von Blättern auf so einem Bild über- und neben- und gegen- und aneinander darzustellen, allein das ist eine bewundernswerte technische Leistung. Das hat fast etwas Penibles, etwas Naives, doch der Aufwand lohnt sich: diese Blätter wirken so nah und sind so detailkräftig gezeigt, dass sie sich an ihren Zweigen zu bewegen scheinen. So ist ein leichter, zarter Windhauch zu spüren, der durch die Bäume geht. Erst durch die Kunst, diese Blätter so belebt erscheinen zu lassen, können die Bäume ihre Schutzmacht gegenüber dem Schlafenden erfüllen.

Wie in einem Nest liegt er da, der Schlafende, der, wie uns der Titel verraten hat, der Knabe Horaz sein soll. Der Dichter, der noch keiner ist, aber schon die Insignien seiner Kunst mit sich führt, in der einen Hand die Leier, in der andern sein Pergament. Er liegt auf dem weichen Waldboden, in der Wärme des Halbschattens, nah den duftenden Blumen, umschmeichelt vom Blätterrauschen, sicher vor den Bären und Schlangen am anderen Ufer, bewacht von Tauben, die ihn mit Lorbeer und Myrte schmücken und krönen. Der Knabe Horaz, leicht bekleidet, wie nackt von weitem, lasziv hingestreckt, ganz dem Schlaf als Quelle der Inspiration hingegeben, die Sandalen geschnürt, nach dem Aufwachen bereit, weiter zu wandern und ein großer Dichter zu werden, der größte seiner Zeit.

Jakob Philipp Hackert, gebildeter als wir heutigen Betrachter, kannte natürlich seinen Horaz. Auf den Stein am unteren Bildrand malte er, für uns kaum sichtbar, den Namen Calliope, Muse der epischen Dichtkunst, die Horaz Im Anfang des 4. Liedes im III. Buch der Carmina anruft, „Wohlan, steige vom Himmel herab, Herrin Calliope, und lass auf der Flöte ein langes Lied erklingen…“ . Dann erzählt Horaz, wie er, noch in seiner Heimat Apulien, die er mit dreizehn Jahren verließ, nach dem Spielen im heiligen Hain ermüdet einschlief, wie er sich im Traum von Tauben geschützt wusste und das Wunder erlebte, „wie ich sicher vor schwarzen Schlangen und vor den Bären schlief, wie ich unter heiligem Lorbeer und und aufgehäufter Myrte ruhte, ein Kind, nicht ohne Hilfe der Götter vom Geist erfüllt.“

Gemälde Waldlandschaft mit dem schlafenden, von Tauben behüteten Knaben Horaz von Jakob Philipp Hackert
Jakob Philipp Hackert: Waldlandschaft mit dem schlafenden, von Tauben behüteten Knaben Horaz

Als Hackert dies Bild 1805 malte, war Horaz gerade in Deutschland groß in Mode, und der Maler selbst hatte dazu mit seinem Zyklus der „Zehn Aussichten von dem Landhause des Horaz“ in den Sabiner Bergen einiges beigetragen. Doch über den modischen, gefälligen Aspekt hinaus enthält diese Waldlandschaft eine Botschaft. Nicht die von der „Einheit von Mensch und Natur“, wie manche Interpreten behaupten, sondern, wenn schon, der Einheit von Kunst und Natur. Wir können diesem Bild förmlich ablesen, wie Wald, Fels, Landschaft, Fluss, Licht, Luft und so weiter der Speicher werden, aus dem der Künstler, der Dichter sein Leben lang schöpfen wird. Danach wird er in die Tiefe des Raums, in Richtung der fernen Stadt streben und irgendwann nach Rom gelangen, in die Zukunft. Nach diesem Mittagsschlaf wird die große Literatur der Carmina und der Satiren entstehen. Mit Lorbeer und Myrte, aber auch mit einer freundlichen, fast naiven Ironie künden die etwas täppisch gemalten Tauben von guter Zukunft und bringen die frohe Botschaft von der Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst.

So zeigt uns Hackert eine Idylle, die keine ist. Eine Idylle, die kein Endzustand ist, sondern eine Zwischenstation in einer keineswegs idyllischen Welt.

Über den Autor

Friedrich Christian Delius in der Ausstellung Unter freiem Himmel

Geboren wurde Friedrich Christian Delius 1943 in Rom. Aufgewachsen in Nordhessen, lebt er seit 1963 in Berlin. Unter anderem schrieb er Mogadischu Fensterplatz (1987), Die Birnen von Ribbeck (1991), Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1994), Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus (1995), Bildnis der Mutter als junge Frau (2006), Die linke Hand des Papstes (2013), zuletzt Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich. (2019). 2011 erhielt er den Georg-Büchner-Preis 2011, 2017 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

www.fcdelius.de

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