Wandbehänge: Von Luxus zu DIY

Boucher Branding

Kompositionen von Boucher fanden im 18. Jahrhundert so weite Verbreitung, dass sein Name und der damit verbundene Stil Markenstatus erreichte.

François Boucher arbeitete auf allen Gebieten der Kunstproduktion. Neben seiner Tätigkeit als Maler und Zeichner schuf er unter anderem Entwürfe für Textilien und Dekorationsobjekte. Wandbehänge, Porzellanfiguren und andere Gegenstände der Inneneinrichtung nach seinen Vorlagen waren so populär, dass der „goût Boucher“ (Stil Bouchers) eine ganze Epoche prägte und über die Lebenszeit des Künstlers hinaus wirkte.

Boucher als Designer

Foto des Tapisserieraums von Croome Court mit Tapisserien nach François Boucher.

Bouchers Designs fanden internationale Verbreitung, die dem Künstler ein beachtliches Vermögen und Imagezuwachs einbrachte. Für die Eliten, die sich auch über Statussymbole wie eine repräsentative Inneneinrichtung definierten, wurden Stücke nach Boucher zu It-Pieces. Davon profitierten auch die beiden bedeutenden französischen Tapisseriemanufakturen in Paris und Beauvais, für die Boucher Polsterbezüge für Möbel und Wandbehänge (Tapisserien) entwarf.

Die Tapisserien wurden gewirkt, eine dem Weben ähnliche Handarbeitstechnik, die die Umsetzung detailreicher Kompositionen in der Textilproduktion ermöglichte. Die aufwendig hergestellten und kostbaren Wandbehänge boten nicht nur eine standesgemäße und modische Dekoration, sondern eigneten sich in ihrer Motivvielfalt für besondere Botschaften oder als diplomatische Geschenke.

Room-Tour und Revival des Perser-Teppichs

Room- oder Housetouren erreichen auf Youtube und anderen Plattformen hohe Klickzahlen. Das beliebte Format bindet durch die Einblicke in den (vermeintlichen) Privathaushalt nicht nur das Publikum, sondern wird auch zum Instrument der Selbstinszenierung und Repräsentation. Neben der Größe des Anwesens, der Anzahl der Badezimmer, der technischen Ausstattung oder dem Fuhrpark, kommt dem Interior Design eine entscheidende Rolle zu. Möbel und Dekoration werden als Statussymbole zum Gradmesser des Erfolgs.

Jenseits von Social Media zeigt sich das Phänomen auch beispielhaft am Perser-Teppich. Einst ein teures, handgefertigtes Unikat, das man sich nur ein ausgewählter Kundenkreis leisten konnte, wurde er durch günstige Kopien ersetzt und „verramscht“. Der Perser-Teppich galt schließlich auch durch neue Trends als überholt. Mittlerweile feiern Teppiche in der Home Fashion ein Comeback, in dessen Zuge auch der Perser-Teppich als Luxusgut wieder in Mode kommt. Anders als beim allgemeinen Teppich-Trend, der auf das Bedürfnis nach einem gemütlichen Zuhause in unserer immer virtuelleren und arbeitsintensiven Umgebung zurückgeführt wird, gilt für Luxus- und Markenteppiche, die auch als Wertanlage dienen sollen: Bloß nicht anfassen!

Mehr als Deko

Auch im Low-Budget-Bereich sind Teppiche wieder gefragt. Insbesondere Wandbehänge, die lange Zeit als spießig galten, erleben ein Revival. Ganz im Gegenteil zu den luxuriösen Tapisserien des Rokoko können diese online und in Möbelhäusern zu erschwinglichen Preisen erworben oder ganz einfach selbst im DIY-Verfahren umgesetzt werden. An die Stelle des Wirkens oder Webens treten einfach zu erlernende Handarbeitsmethoden wie Makramee oder Stickerei. Hier stehen der individuelle Ausdruck und das kreative Hobby im Fokus, nicht das Bedürfnis, sich über Statussymbole der Inneneinrichtung zu beweisen.

Das Phänomen Craftivismus zeigt, dass ein Wandbehang dennoch mehr als Deko sein kann. Das Kofferwort aus „craft“ (Handwerkskunst) und „Aktivismus“ beschreibt eine Bewegung, die Gesellschaftskritik und politischen Aktivismus mit Handarbeit verbreitet – beispielsweise mit Textil-Bannern zum Weltfrauentag, die gestickte Parolen tragen.

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