Hedi Schulitz

Ein Staubkorn in der Kunsthalle

An die Totenköpfe erinnere ich mich. Überall blickten sie von den aufgestellten Schildern auf mich herab. Mein Abenteuerspielplatz, das waren die Ruinen der Stadt. Auch im Gras und Gestrüpp lauerten Einsturzgefahren oder Minen. Intakte Gebäude flößten mir damals grundsätzlich  Respekt und Achtung ein. Die Kunsthalle war ein solches, aber sie zu betreten habe ich mich lange nicht getraut.

In einem der alten Handwerker-Häuschen in der Nähe des bis auf die Grundmauern zerstörten Schlosses hatten wir nach dem Krieg einen Unterschlupf gefunden, aber nicht etwa zur Straße hin, sondern im Hinterhof. Komfortabel war es dort weiß Gott  nicht, aber es war ein Dach über dem Kopf  und das war schon viel in der sonst so zerbombten Stadt. Damals waren wir – sicher nicht nur wir Kinder – hungrig nach Farben und Formen, vor allem in der tristen Winterzeit.

Es muss an einem Sommertag in den Vormittagsstunden gewesen sein. Die beiden Flügel des Haupteingangs der Kunsthalle  standen weit offen. Ich weiß noch, dass es mir immer seltsam vorgekommen war, die merkwürdigen Terrassenstufen bis zum Eingang hinaufzusteigen. An jenem Vormittag also, konnte ich nach dem Erreichen der letzten Stufe einen ungehinderten Blick in die riesige Halle werfen. Offenbar hatte ich einen Moment erwischt, in dem niemand zugegen war. Also konnte ich es wagen, tatsächlich auch ein paar Schritte hinein zu tun. So überwältigt war ich, dass ich mich noch kleiner fühlte als ich ohnehin nur war. Zu beiden Seiten gingen Treppen nach oben in den zweiten Stock, aber ebenso führten rechts und links von da, wo ich stand, ein paar Stufen in einen jeweils wiederrum offenstehenden schlauchartigen Raum. Auch dort konnte ich niemanden entdecken, der mich hätte zurückweisen können. Also schlich ich mich auf leisen Sohlen weiter hinein in das Innere. Vermutlich wurde gerade gelüftet. Ich war wie ein Staubkorn, das der Wind hereingeweht hatte, und so fühlte ich mich auch: unsichtbar nahezu. Unbehelligt huschte ich über das glänzende Parkett, vorbei an goldumrandeten Gemälden, manche meterhoch, manche kleiner, aber eigentlich alle zu weit oben für mich. Doch egal, eins wusste ich mit Bestimmtheit: Ich hatte etwas entdeckt, einen Schatz sozusagen, von dem ich niemandem etwas erzählen wollte. Insgeheim wusste ich, dass nur ich allein geduldet war, jedes dazukommende Kind wäre zu viel gewesen.

Von da an wagte ich des Öfteren meine Schritte dorthinein zu lenken; niemand wusste davon und ich war immer allein. Ich war wie das Eichhörnchen, das zurückkehrt zu den Plätzen, an denen es zuvor seine Nüsse versteckt hat. Hinzukam, dass es dort – im Winter war das besonders wichtig! – warm war. Und im Sommer war es gerade umgekehrt, also ideal. Ich erinnere mich, dass mich hin und wieder eine der  Aufsichtspersonen zu fragen schien: Was willst du denn hier? Vielleicht hatten sie es auch wirklich gefragt, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls bin ich nie aufgefordert worden, irgendein Eintrittsgeld zu bezahlen. Ich hätte sowieso keines gehabt. Man wusste, dass ich als Kind nicht zu belangen war; ich war eben nur ein winziges  Körnchen Staub in der Luft.

Von der Bildenden Kunst hatte ich keine Ahnung. In meiner Familie gab es niemanden, der mir eine Orientierung hätte geben können, vielleicht noch Ludwig Thoma oder Anselm Feuerbach, aber sonst… Obwohl auch in unserer Wohnung Bilder an den Wänden hingen, aber die waren bald langweilig für mich geworden. Viel lieber schwebte ich in den deckenhohen Räumen der Kunsthalle und bin aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Ein paar Lieblinge hatte ich mir ausgesucht, die ich dann mit besonderer Hingabe betrachtet habe.

Heute bin ich überzeugt davon, dass die Begegnung mit diesen Gemälden, sicher auch der ganzen Architektur, innen wie außen, bei mir, die ich damals noch kaum schreiben und lesen konnte, etwas bewirkt hatte. Ich glaube, es hat mir Augen und Ohren geöffnet für die vielen möglichen Geschichten, die ich in den Bildern gesehen hatte. Und es hat gewiss auch in mir das Interesse dafür geweckt, wie es möglich sein kann, diese wundervolle Welt der Farben und Formen nachzuahmen. Als ich etwas älter geworden war und wir schon weggezogen waren, bin ich hin und wieder zurückgekommen und habe mich wie damals als Kind vor die Bilder gestellt, aber diesmal mit Bleistift und Skizzenblock. Noch immer war die Welt voller Wunder für mich. Alles schien mir wert, irgendwie beachtet und festgehalten zu werden. Noch immer war ich eine Streunerin, oder soll ich sagen, ein Schmetterling?

Als Kind bin ich oft noch in den frühen Abendstunden, wenn die Mutter an ihrem Klavier saß und sich in ihre Stimmungen hineinwiegte, noch eben schnell zu „meinen“ Rosen gehuscht. Jeder einzelnen, jedenfalls von jenen, die weit geöffnet und für mich zu erreichen waren, jeder einzelnen habe ich in ihr Gesicht gesehen und ihr gesagt, wie schön sie sei. Wenn ich mich dann nachhause trollte – die Klänge von Mutters Musik schon vom Hof her kommend im Ohr, war ich vom Duft der Rosen wie berauscht.

In gewisser Weise waren die Kunsthalle und der sie umgebende Botanische Garten meine Kinderstube. Ich glaube, dass das Wichtigste, was ich dort gelernt habe, die Freude war am Geheimnis des Lebens, das hier seinen vielfältigen Ausdruck fand.

Nun wird „meine“ Kunsthalle demnächst saniert. Ich wünsche und hoffe, dass sie danach in neuem frischem alten Glanz erstrahlt, und dass sie es auch in der digitalen Welt schafft, das Geheimnisvolle, das uns in der Kunst begegnet, zu bewahren und weiterzugeben.

© Hedi Schulitz | www.hedischulitz.de

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