Die Hexen
Kunsthalle x KUNST + Kaviar
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Treten Sie näher und lassen Sie Ihren Blick einen Moment auf dem Bild ruhen. Was fällt Ihnen zuerst ins Auge. Die nackten Körper. Die Bewegung. Die Dichte der Szene. Vielleicht auch eine gewisse Unruhe, die sich nur schwer ordnen lässt.
Steigerung der Spannung
Dieses Bild wirkt auf den ersten Blick laut und überladen. Mehrere Frauen drängen sich in einem engen Raum, sie stehen, sitzen, beugen sich, greifen nach etwas, das sich unserem Blick entzieht. Nichts hier erscheint ruhig oder kontrolliert. Und genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu früheren Darstellungen.
Hans Baldung Grien war Schüler von Albrecht Dürer. Er kannte dessen präzise Linienführung, die klare Komposition und das analytische Erfassen von Formen. Doch Baldung geht einen anderen Weg. Wo Dürer ordnet, steigert Baldung. Wo Dürer andeutet, zeigt Baldung. Aus der isolierten Figur wird hier eine Szene voller Körper, Nähe und Spannung. Den Stolz über die eigene Bilderfindung zeigt sich in der Signatur, die Sie am rechten Bildrand in einer Plakette an einem Baum hängend sehen.
Gemeinschaft der Frauen
Lassen Sie uns einen genaueren Blick auf die Frauen werfen. Ihre Nacktheit wirkt nicht schutzlos oder passiv. Diese Körper handeln. Sie nehmen Raum ein, sie wenden sich einander zu, sie bilden eine Gemeinschaft. Was löst dieser Anblick in Ihnen aus. Unbehagen. Neugier. Vielleicht auch Faszination?
Gerade diese Gemeinschaft ist zentral. Die Hexe erscheint hier nicht mehr als Einzelne, sondern als Teil eines Kollektivs. Frauen unter sich, ohne männliche Kontrolle, ohne erkennbare Hierarchie. In der Bildwelt des frühen 16. Jahrhunderts ist das hochgradig beunruhigend. Nicht die einzelne Frau wird zur Bedrohung, sondern ihr Zusammenschluss.
Umgeben werden die Frauen von den „typischen Attributen“. Treten Sie näher und schauen Sie genau hin. Schädel, Katzen und ein Topf, in dem die Hexen das nächste Unwetter brauen. Eine Naturkatastrophe, die dem armen Bauern die Lebensgrundlage raubt und die Frauen zum perfekten Sündenbock für ein sonst unerklärliches Naturphänomen macht.
Die Lust an der Angst
Auffällig ist die Spannung, die sich zwischen Verdammung und Begehren aufbaut. Baldungs Hexenbilder sind durchzogen von einer erotischen Aufladung, die sich nicht auflösen lässt. Der Blick der Betrachter wird hineingezogen und zugleich moralisch verunsichert. Darf man schauen? Soll man wegsehen? Und warum fällt es so schwer, sich diesem Bild zu entziehen.
Baldung zeigt hier nicht nur Angst vor Hexen. Er zeigt auch die Lust an dieser Angst. Die Lust am Überschreiten von Grenzen, an der Auflösung von Ordnung, an der Vorstellung weiblicher Macht, die sich nicht kontrollieren lässt. Die Hexe wird zur Projektionsfläche für alles, was als gefährlich galt. Sexualität, Körperlichkeit, Wissen und Autonomie. Sie bedienen sowohl unseren Voyeurismus als auch die Lust am Grauen.
Fragen Sie sich beim Betrachten dieses Bildes, wessen Angst hier eigentlich sichtbar wird. Und wovor man sich so sehr fürchtete, dass man diese Bilder immer wieder neu erfand.
Denn auch hier gilt. Die Hexe ist kein reales Gegenüber. Sie ist ein Bild. Ein Konstrukt. Ein Spiegel gesellschaftlicher Vorstellungen. Und gerade deshalb ist ihre Wirkung bis heute so stark.
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Daten und Fakten
| Titel | Die Hexen |
|---|---|
| Künstler*in | Hans Baldung |
| Entstehungszeit | 1510 |
| Inventarnummer | I 290 |
| Maße Blatt | H 38,3 cm B 26,5 cm |
| Material | Papier |
| Technik | Holzschnitt |
| Gattung | Holzschnitt |
| Abteilung | Kupferstichkabinett |
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