Nackte junge Hexe und fischgestaltiger Drache
Kunsthalle x KUNST + Kaviar
0:00
0:00
Sind Sie bereit für eins der spannendsten und ungewöhnlichsten Werke der Sammlung? Dann kommen Sie näher und schauen Sie genau hin. Was fällt Ihnen zuerst auf? Die Jugend des Körpers? Die Nacktheit? Die Nähe zwischen Frau und Tier?
Vielleicht auch ein Moment des Befremdens, weil sich dieses Bild jeder eindeutigen Einordnung entzieht.
Weibermacht und Fantasie
Hans Baldung Griens drastische Hexendarstellungen gehören zu den charakteristischsten und zugleich umstrittensten Werken des Künstlers.
Die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Sigrid Schade hat darauf hingewiesen, dass diese Bilder nicht nur Angstbilder sind, sondern auch voyeuristische und pornografische Aspekte enthalten. Genau diese Ambivalenz ist hier zentral.
Um das zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Zeit. Die Wiederaufnahme des antiken Aktbildes gilt heute als eine der erfolgreichsten Strategien der Renaissance.
Südlich der Alpen wurden mythologische Figuren wie Venus oder Nymphen als Vorwand genutzt, um weibliche Nacktheit in scheinbar idealisierter Form darzustellen. Nördlich der Alpen entwickelte sich kein direkter Gegenentwurf, wohl aber ein anderer Umgang mit dem weiblichen Körper.
Künstler wie Albrecht Dürer und Albrecht Altdorfer lösten den Akt zunehmend aus rein biblisch-moralischen Erzählzusammenhängen und platzierten ihn in ambivalenten, oft naturhaften oder spannungsvollen Bildräumen.
Hans Baldung Grien griff diese Entwicklung auf und verband sie radikal mit dem Hexenmotiv, indem er weibliche Körperlichkeit, Angstbilder und erotische Projektionen untrennbar miteinander verschränkte. Das Hexenmotiv ermöglichte es, weibliche Nacktheit außerhalb moralischer und biblischer Legitimation darzustellen. Unter dem Deckmantel der Warnung entstanden so erstaunlich freizügige, sexuell aufgeladene Motive, die für den privaten Gebrauch und das heimliche Betrachten bestimmt waren.
Verkörperung der Magie
Schauen Sie auf den Körper der jungen Frau. Er entspricht keinem idealisierten Schönheitskanon. Er ist expressiv, provokant, herausfordernd. Die klassische Harmonie des Renaissance-Aktes wird bewusst unterlaufen. Der weibliche Körper selbst wird zum Attribut der Hexe, zur Verkörperung ihrer vermeintlichen Magie.
Die Verbindung mit dem fischgestaltigen Drachen verweist auf zeitgenössische Fantasien vom Hexensabbat. In diesen Imaginationen ging es um ausschweifende und deviante Sexualität, um Grenzüberschreitungen, um körperliche Autonomie der Frauen.
Abtreibung, Selbstbefriedigung oder sexuelle Kontakte mit Tieren und dem Teufel wurden als Bedrohung einer göttlichen Ordnung imaginiert. Diese Fantasien lieferten die Legitimation, weibliche Lust als gefährlich zu markieren.
Mit solchen Bildern verschiebt sich auch der Blick des Betrachters. Es geht weniger um das Wiedererkennen gelehrter Hexenvorstellungen als um das Sehen selbst.
Der Betrachter wird zum Voyeur. Baldung macht diesen Blick sichtbar, indem er Körper frontal zeigt und Blicke aus dem Bild heraus aufnimmt. Die Schaulust wird nicht nur bedient, sondern auch entlarvt.
Entlarvte Schaulust
Die entscheidende Frage bleibt offen. Entlarvt Baldung mit diesen Bildern die begehrlichen Fantasien der Verfolger oder befeuert er sie bewusst. Sicher ist jedoch, dass diese Darstellungen seinen Erfolg als Künstler maßgeblich begründeten.
Gleichzeitig führten sie in späteren, prüderen Phasen der Kunstgeschichtsschreibung zu Irritation und Ablehnung. Die Hexe erscheint hier nicht mehr als Schadenzauberin, sondern als Körper. Weibliche Lust existiert nur noch als Fantasie. Als etwas Unwirkliches, Bedrohliches, das in eine dämonische Bildwelt verlagert wird.
Gerade darin liegt die Macht dieses Bildes. Es zeigt, wie weibliche Sexualität zur Projektion wird. Und wie sehr diese Projektionen bis heute nachwirken.
Am Ende dieser Betrachtung bleibt die Frage, wieso es gerade die Hexe war, die sich so einer Beliebtheit bei den Künstlern erfreute. Nun ja, das Hexenmotiv bot einen entscheidenden Vorteil. Es erlaubte, weibliche Nacktheit außerhalb des biblischen und moralischen Korsetts zu zeigen.
Unter dem Deckmantel von Verdammnis und Warnung konnten erotische Bilder entstehen, die von Kirche und Obrigkeit weitgehend unzensiert blieben.
Sie richteten sich an ein männliches Publikum und boten Raum für private Betrachtung und visuelles Vergnügen. Und seien wir mal ehrlich: Die junge Dame sieht ziemlich vergnügt aus. Mit wildem Haar und einem Schmunzeln auf den Lippen blickt sie herab auf den Drachen und wir stellen uns die Frage: Wer penetriert hier eigentlich wen?
Weitere digitale Angebote zu Hans Baldungs „Nackte junge Hexe und fischgestaltiger Drache“
Touren zu diesem Werk
Daten und Fakten
| Titel | Nackte junge Hexe und fischgestaltiger Drache |
|---|---|
| Künstler*in | Hans Baldung |
| Entstehungszeit | 1515 |
| Inventarnummer | VIII 1063-1 |
| Maße Blatt | H 29,3 cm B 20,7 cm |
| Material | Papier |
| Technik | Feder Lavierung Deckweißhöhung Grundierung |
| Genre | Historie |
| Gattung | Zeichnung |
| Abteilung | Kupferstichkabinett |
-
Dürer und Zeitgenossen
Badische Kunsthalle Karlsruhe (heute Staatliche Kunsthalle Karlsruhe) 1928
-
Hauptwerke der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
Kunstverein St. Gallen 1947
-
Meisterwerke altdeutscher Malerei
Kunsthalle Mannheim 1947/1948
-
Reuchlin und die Kunst seiner Zeit
Kunst- und Kunstgewerbeverein Pforzheim 01.10.1955 - 31.10.1955
-
Hans Baldung Grien
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 04.07.1959 - 27.09.1959
-
Altdeutsche Zeichnungen aus dem Besitz der Kunsthalle
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 26.09.1966 - 30.10.1966
-
Les Sorcières
Bibliothèque nationale de France 16.01.1973 - 20.04.1973
-
Albrecht Dürer und seine Zeit
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 01.09.1978 - 08.10.1978
-
Die Renaissance im deutschen Südwesten. Zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg
Badisches Landesmuseum Karlsruhe 21.06.1986 - 19.10.1986
-
Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten
Badisches Landesmuseum Karlsruhe 17.09.1994 - 11.12.1994
-
Hans Baldung Grien in Freiburg
Augustinermuseum Freiburg 19.10.2001 - 15.01.2002
-
Hexenlust und Sündenfall – Die seltsamen Phantasien des Hans Baldung Grien
Städel Museum 24.02.2007 - 13.05.2007
-
Weibsbilder. Eros, Macht, Moral und Tod um 1500
Kunstmuseum Basel 07.10.2017 - 07.01.2018
-
Hans Baldung Grien heilig / unheilig. Große Landesausstellung Baden-Württemberg
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 30.11.2019 - 08.03.2020
-
1895: Die Handzeichnungen des Hans Baldung gen. Grien
Gabriel von Térey
-
1941: Die Zeichnungen Hans Baldung Griens
Carl Koch
-
1959: Hans Baldung Grien
Jan Lauts u.a.
Ausst. Kat. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe -
1961: Hans Baldung Grien
G. F. Hartlaub
Hexenbilder -
1973: Les sorcières
Préaud, Maxime
Bibliothèque Nationale de France, Paris, 1973 -
1981: Hans Baldung Grien und Albrecht Dürer
Linda Hults Boudreau
A Problem in Northern Mannerism -
1987: 66 Hexen. Kult und Verdammung
Halbey, Marianne
-
1988: 100 Zeichnungen und Drucke aus dem Kupferstichkabinett
Johann Eckart von Borries/Rudolf Theilmann
Ausgewählte Werke der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe -
1994: Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten
Siebenmorgen, Harald (Hg.)
Badisches Landesmuseum, Karlsruhe, 17.09.-11.12.1994 -
1997: Hans Baldung Griens Karlsruher Hexenzeichnung - Eine Neuinterpretation
Siefert, Katharina
-
1999: Het gevecht met de duivel
Vanhemelryck, Fernand
Heksen in Vlaanderen -
2001: Sexualia
Bishop, Clifford (Hg.); Osthelder, Xenia (Hg.)
From Prehistory to Cyberspace -
2001: Hans Baldung Grien in Freiburg
Durian-Ress, Saskia (Hg.)
Katalog der Ausstellung im Augustinermuseum, 19. Oktober 2001 bis 15. Januar 2002 -
2002: Religion und Kultur in Deutschland 1400-1800
Scribner, Robert W.
Herausgegeben von Lyndal Roper -
2003: Exorcising our demons
Zika, Charles
Magic, witchcraft and visual culture in early modern Europe -
2004: Metamorphosen
Wappenschmidt, Friederike
Antike Götter im Wandel von Glaube und Kunst -
2005: The Witch as Muse
Hults, Linda C.
Art, Gender and Power in Early Modern Europe -
2005: The kiss in history
Harvey, Karen (Hg.)
-
2005: Deutsche Gemälde im Städel 1500-1550
Bodo Brinkmann und Stephan Kemperdick
-
2007: Hexenlust und Sündenfall
Brinkmann, Bodo
Die seltsamen Phantasien des Hans Baldung Grien -
2008: Anatomie eines Zweikampfs
Hinz, Berthold
Hans Baldung Grien: Herkules & Antäus -
2008: Eine Hexe, die keine ist?
Pokorny, Erwin
Zu Hans Baldung Griens Hexen-Zeichnung in Karlsruhe -
2009: Zwischen Himmel und Hölle - Kunst des Mittelalters von der Gotik bis Baldung Grien
Philipp, Michael
eine Ausstellung des Bucerius Kunst Forums, 19. September 2009 bis 10. Januar 2010; [eine Ausstellung mit Werken aus dem Augustinermuseum Freiburg, Hamburg 2009; ... anlässlich der Ausstellung "Zwischen Himmel und Hölle. Kunst des Mittelalt -
2010: Hans Baldung Grien (1484/85 - 1545)
Söll-Tauchert, Sabine
Selbstbildnis und Selbstinszenierung -
2017: Weibsbilder
Mensger, Ariane
Eros, Macht, Moral und Tod um 1500 -
2019: Hans Baldung Grien
Holger Jacob-Friesen (Hg.)
heilig / unheilig -
2019: Marcel van Eeden
Dorit Schäfer
The Karlsruhe Sketchbook -
2019: Hans Baldung Grien
Muller, Frank
Entre christianisme et paganisme -
2019: Körper im Helldunkel
Bohde, Daniela; Schütz, Anna Christina; Brückle, Irene
Baldungs Imaginationen von Frauenleibern