Kunsthalle x KUNST + kaviar (3/9) Nackte junge Hexe und fischgestaltiger Drache Details der Station
Hans Baldung - Nackte junge Hexe und fischgestaltiger Drache
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Nackte junge Hexe und fischgestaltiger Drache

Hans Baldung

Maße:
H 29,3 cm  B 20,7 cm  
Jahr:
1515
Ort:
nicht ausgestellt

Kunsthalle x KUNST + Kaviar

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Sind Sie bereit für eins der spannendsten und ungewöhnlichsten Werke der Sammlung? Dann kommen Sie näher und schauen Sie genau hin. Was fällt Ihnen zuerst auf? Die Jugend des Körpers? Die Nacktheit? Die Nähe zwischen Frau und Tier?

Vielleicht auch ein Moment des Befremdens, weil sich dieses Bild jeder eindeutigen Einordnung entzieht.

Weibermacht und Fantasie

Hans Baldung Griens drastische Hexendarstellungen gehören zu den charakteristischsten und zugleich umstrittensten Werken des Künstlers.

Die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Sigrid Schade hat darauf hingewiesen, dass diese Bilder nicht nur Angstbilder sind, sondern auch voyeuristische und pornografische Aspekte enthalten. Genau diese Ambivalenz ist hier zentral.

Abbildung von Hans Baldung Griens Werk Nackte junge Hexe und fischgestaltiger Drache

Um das zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Zeit. Die Wiederaufnahme des antiken Aktbildes gilt heute als eine der erfolgreichsten Strategien der Renaissance.

Südlich der Alpen wurden mythologische Figuren wie Venus oder Nymphen als Vorwand genutzt, um weibliche Nacktheit in scheinbar idealisierter Form darzustellen. Nördlich der Alpen entwickelte sich kein direkter Gegenentwurf, wohl aber ein anderer Umgang mit dem weiblichen Körper.

Künstler wie Albrecht Dürer und Albrecht Altdorfer lösten den Akt zunehmend aus rein biblisch-moralischen Erzählzusammenhängen und platzierten ihn in ambivalenten, oft naturhaften oder spannungsvollen Bildräumen.

Hans Baldung Grien griff diese Entwicklung auf und verband sie radikal mit dem Hexenmotiv, indem er weibliche Körperlichkeit, Angstbilder und erotische Projektionen untrennbar miteinander verschränkte. Das Hexenmotiv ermöglichte es, weibliche Nacktheit außerhalb moralischer und biblischer Legitimation darzustellen. Unter dem Deckmantel der Warnung entstanden so erstaunlich freizügige, sexuell aufgeladene Motive, die für den privaten Gebrauch und das heimliche Betrachten bestimmt waren.

Abbildung des Kupferstiches Die Hexe des Renaissance-Künstlers Albrecht Dürer um 1500. Zu sehen sind Kinder die eine Hexe tragen.

Verkörperung der Magie

Schauen Sie auf den Körper der jungen Frau. Er entspricht keinem idealisierten Schönheitskanon. Er ist expressiv, provokant, herausfordernd. Die klassische Harmonie des Renaissance-Aktes wird bewusst unterlaufen. Der weibliche Körper selbst wird zum Attribut der Hexe, zur Verkörperung ihrer vermeintlichen Magie.

 

Detail aus einer Helldunkel-Zeichnung von Hans Baldung Grien, die einen weibliche, nackte Person zeigt.

Die Verbindung mit dem fischgestaltigen Drachen verweist auf zeitgenössische Fantasien vom Hexensabbat. In diesen Imaginationen ging es um ausschweifende und deviante Sexualität, um Grenzüberschreitungen, um körperliche Autonomie der Frauen.

Abtreibung, Selbstbefriedigung oder sexuelle Kontakte mit Tieren und dem Teufel wurden als Bedrohung einer göttlichen Ordnung imaginiert. Diese Fantasien lieferten die Legitimation, weibliche Lust als gefährlich zu markieren.

Mit solchen Bildern verschiebt sich auch der Blick des Betrachters. Es geht weniger um das Wiedererkennen gelehrter Hexenvorstellungen als um das Sehen selbst.

Der Betrachter wird zum Voyeur. Baldung macht diesen Blick sichtbar, indem er Körper frontal zeigt und Blicke aus dem Bild heraus aufnimmt. Die Schaulust wird nicht nur bedient, sondern auch entlarvt.

Detail aus einer Helldunkel-Zeichnung von Hans Baldung Grien, die einen Drachen zeigt. Der Ausschnitt zeigt das Hinterteil einer Frau. Der Drache steckt ihr die Zunge in den Anus.

Entlarvte Schaulust

Die entscheidende Frage bleibt offen. Entlarvt Baldung mit diesen Bildern die begehrlichen Fantasien der Verfolger oder befeuert er sie bewusst. Sicher ist jedoch, dass diese Darstellungen seinen Erfolg als Künstler maßgeblich begründeten.

Gleichzeitig führten sie in späteren, prüderen Phasen der Kunstgeschichtsschreibung zu Irritation und Ablehnung. Die Hexe erscheint hier nicht mehr als Schadenzauberin, sondern als Körper. Weibliche Lust existiert nur noch als Fantasie. Als etwas Unwirkliches, Bedrohliches, das in eine dämonische Bildwelt verlagert wird.

Gerade darin liegt die Macht dieses Bildes. Es zeigt, wie weibliche Sexualität zur Projektion wird. Und wie sehr diese Projektionen bis heute nachwirken.

Abbildung von Hans Baldung Griens Werk Nackte junge Hexe und fischgestaltiger Drache

Am Ende dieser Betrachtung bleibt die Frage, wieso es gerade die Hexe war, die sich so einer Beliebtheit bei den Künstlern erfreute. Nun ja, das Hexenmotiv bot einen entscheidenden Vorteil. Es erlaubte, weibliche Nacktheit außerhalb des biblischen und moralischen Korsetts zu zeigen.

Unter dem Deckmantel von Verdammnis und Warnung konnten erotische Bilder entstehen, die von Kirche und Obrigkeit weitgehend unzensiert blieben.

Sie richteten sich an ein männliches Publikum und boten Raum für private Betrachtung und visuelles Vergnügen. Und seien wir mal ehrlich: Die junge Dame sieht ziemlich vergnügt aus. Mit wildem Haar und einem Schmunzeln auf den Lippen blickt sie herab auf den Drachen und wir stellen uns die Frage: Wer penetriert hier eigentlich wen?

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Touren zu diesem Werk

Detail des Holzschnittes Die Hexen von Hans Baldung Grien. Mehrere weibliche Personen sind zusammen um einen Kessel abgebildet
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kurzweilig
ca. 30 min
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Daten und Fakten

Titel Nackte junge Hexe und fischgestaltiger Drache
Künstler*in Hans Baldung
Entstehungszeit 1515
Inventarnummer VIII 1063-1
Maße Blatt H 29,3 cm  B 20,7 cm  
Material Papier
Technik Feder Lavierung Deckweißhöhung Grundierung
Genre Historie
Gattung Zeichnung
Abteilung Kupferstichkabinett
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