Ilona Ewald im Gespräch mit Tabea Schwarze, 1. Juli 2019

1500 Stunden mit Baldung

Kunstwerke altern. Kunstwerke werden durch unterschiedlichste äußere Einflüsse in Mitleidenschaft gezogen. Kunstwerke tragen die Spuren der Zeit in sich.

Als Museum ist es eine unserer Kernaufgaben, die Werke der Sammlung zu bewahren, sie also zu erhalten und zu schützen.

Im Vorfeld der Großen Landesausstellung Hans Baldung Grien. heilig | unheilig wurde die Markgrafentafel als ein Hauptwerk des Künstlers Baldung Grien und ein zentrales Werk unserer Sammlung einer konservatorisch-restauratorischen Maßnahme unterzogen. Ziel war es, Firnisschichten, Übermalungen und gealterte Retuschen von der originalen Malschicht zu entfernen.

Die beeinträchtigte Ästhetik des Objektes war interessanter Weise vor allem durch frühere Restaurierungsmaßnahmen hervorgerufen worden: Alte Übermalungen waren selbst gealtert und hatten sich farblich verändert. Um das immerhin über 500 Jahre alte Gemälde für die Große Landesausstellung in einen Zustand zu versetzen, der dem ursprünglichen möglichst nahe kommt, widmete sich unsere Restauratorin Ilona Ewald zehn Monate ausschließlich diesem Werk. So kann den Besucher*innen ein Eindruck der Strahlkraft und Farbintensität vermittelt werden, die Baldung angestrebt hat.

Detailaufnahme der Restaurierungsmaßnahmen an Baldungs Markgrafentafel
Restauratorin Ilona Ewald bei der Abnahme der Übermalungen

Was bei einer Restaurierungsmaßnahme wirklich geschieht

Denkt man an Restaurator*innen, hat man vielleicht zunächst die Vorstellung, dass diese vor allem die Gemälde an notwendigen Stellen kitten und retuschieren. Die Realität sieht tatsächlich etwas anders aus. Nicht weniger als zwei Drittel der Projektzeit flossen in die so genannte Freilegung des Werkes. Das meint die Entfernung nicht originaler, späterer Zugaben, entstanden bei früheren restauratorischen Maßnahmen – beispielsweise verfärbte Übermalungen und Retuschen – oder dem Firnis. Der Firnis ist eine transparente Schutzschicht, die sich mit der Zeit gelblich verfärbt.

Hier sah sich Restauratorin Ilona Ewald verschiedenen Herausforderungen gegenübergestellt: Dieser zu entfernende Firnis wurde früher oftmals mit Öl angereichert. Wie aber soll eine ölhaltige Schicht von einem Ölgemälde entfernt werden? Intensive Untersuchungen mit einem optischen Mikroskop und einige Tests ermöglichten die Entwicklung einer geeigneten Methode für die Freilegung.

Foto der Markgrafentafelrestauratorin bei der Arbeit am Mikroskop
Restauratorin Ilona Ewald bei der Firnisabnahme

Was die Restaurierungsmaßnahme verrät

Während der Konservierung-Restaurierung wurde nicht nur die Lesbarkeit des Gemäldes verbessert, auch konnten verschiedene maltechnische Erkenntnisse zum Herstellungsprozess gewonnen werden. Beispielsweise suggeriert der Bildaufbau, dass sich Hans Baldung Grien während des Grundierungsprozesses dazu entschied, die Tafel zu vergrößern, um die gesamte Markgrafenfamilie abbilden zu können. Mit Hilfe von Infrarotaufnahmen konnten die Unterzeichnungen des Künstlers sichtbar gemacht werden. Da mit der Zeit einige Malschichtbereiche von Gemälden transparenter werden, können diese heute bei genauem Hinsehen teilweise auch mit bloßem Auge entdeckt werden.

Die Große Landesausstellung als Motivator

Jedoch wäre es falsch anzunehmen, dass sich das Gemälde nach der Restaurierung in dem Originalzustand von 1509 befindet. Etliche Alterungserscheinungen lassen sich nicht rückgängig machen, wie zum Beispiel das Ausbleichen von lichtempfindlichen Farblacken oder beriebene Malschichten. So ist auch der Zustand eines Gemäldes nach der Restaurierung nur eine Annäherung an das vom Künstler ursprünglich angestrebte Erscheinungsbild.

Was einen bei so vielen Stunden hochkonzentrierten, mikrometergenauen Arbeitens an einem Werk motiviert? Bei Ilona Ewald war es die Aussicht darauf, das Werk im alten neuen Glanz bei der Großen Landesausstellung Hans Baldung Grien – heilig | unheilig zu wissen.

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