Urwald-Utopien

Urwald-Utopien hinter Glas und Zimmerwänden

Naturlandschaften im Museum, ökologische Forschungslabore unter Glaskuppeln, urbane Dschungelgärten im eigenen Zuhause und Pflanzen-Hypes in sozialen Netzwerken: Visionen von geschützter Wildnis sind bis heute im Trend.

Finnische Wildnis unter gläsernen Kuppeln

Von einem Felsvorsprung blickt man hinab auf einen Fluss, der sich durch dichte Tannenwälder schlängelt. Grün leuchten die Uferwiesen, Nebel steigt auf, das Licht ist graublau. Menschenleere Wildnis bis zum Horizont – fast komplett überspannt mit gläsernen Kuppeln. Kräne schwenken Lasten hin und her, auf Stahlträgern befinden sich Plattformen mit Containern – bald wird die gesamte Natur unter Glas sein. Was Ilkka Halso in seiner Arbeit Kitka River inszeniert, mutet an wie eine Öko-Utopie: Fluss, Wälder und Uferwiesen im nordfinnischen Oulanka-Nationalpark erscheinen als Welt in der Welt, als abgeschirmte Biosphäre unter einer gigantischen Glas-und-Stahl-Kathedrale, Natur und Technologie verschmelzen symbiotisch.

Abbildung des Werks "Kitka River" von Ilkka Halso

Buckminster Fuller: eine Glasglocke für New York

Halso stülpt eine futuristische Architektur mit Hilfe eines computergenerierten 3D-Modells über eine Landschaftsaufnahme des Kitkajoki-Tals. Sie erinnert an die Zukunftsvisionen des US-amerikanischen Architekten, Erfinders und Ingenieurs Richard Buckminster Fuller, der schon vor der sogenannten „grünen Bewegung“ Antworten auf Klimawandel oder Übervölkerung suchte.

1960 entwarf er für New York einen Dome over Manhattan, einen Glas-Dom von drei Kilometern Durchmesser. Ziel war es, die Energie für das sommerliche Kühlen und winterliche Heizen der Gebäude einzusparen. Dazu sollte die Temperatur in der Glasglocke zentral gesteuert werden. Zudem sollten Menschen und Natur vor Luftverschmutzung geschützt werden. Durch die durchsichtige Hülle wäre das „natürliche“ Wetter erlebbar gewesen.

Öko-Utopie: Das Forschungslabor „Biosphäre 2“

Die überglaste finnische Wildnis in Kitka River lässt aber auch an das ökologische Forschungslabor Biosphäre 2 denken: Der US-Unternehmer Edward Bass ließ in der Wüste von Arizona einen Kuppelbau aus Stahl und Glas errichten. Dieser beherbergte eine zweite Erde im Miniaturformat: mit Ozean, Korallenriff, Mangrovensumpf, Regenwald, Savanne, Wüste oder landwirtschaftlichen Feldern. Hinzu kamen Wohnungen und Labore. 1991 begaben sich acht Menschen in das Riesentreibhaus und lebten dort zwei Jahre zusammen mit tausenden Pflanzen und Tieren – in einem autarken Ökosystem, abgeschottet von der Außenwelt.

Biosphäre 2 sollte als Blaupause für die menschliche Besiedelung von Mars und Mond dienen. Doch das Forschungsprojekt scheiterte, etwa weil Sauerstoff von außen zugeführt und Kohlendioxid abgesaugt werden musste. Bis heute simulieren Wissenschaftler*innen das Leben auf fernen Planeten – 2015 lebten sechs Forscher*innen ein Jahr lang in einer rund 100 Quadratmeter großen Kuppel am Fuße des Vulkans Mauna Loa auf Hawaii, momentan testen Polarforscher*innen in einem Gewächshaus-Container in der Antarktis, wie Gemüse bei minus 40 Grad gedeihen kann.

Düstere Zukunftsvision: die Natur im Museum

Aber Ilkka Halsos Ökosphäre unterm Glasdach wirkt auch wie eine Dystopie, also eine düstere Zukunftsvision. Nicht von ungefähr zählt das Foto zu einer Serie, die der finnische Fotokünstler Museum of Nature betitelt hat. Die Klimakatastrophe ist bereits so weit fortgeschritten, dass den Menschen nichts anderes mehr übrig bleibt, als die letzten heil gebliebenen Naturreste in einem Glasmuseum zu schützen und zu bewahren. Die finnische Wildnis mutiert zum Ausstellungsobjekt und zum touristischen Konsumgut, das vermutlich nur noch gegen Eintrittsgelder live bestaunt werden kann.

Social-Media-Trend „Urban Jungle“

Seit einigen Jahren halten behauste Biotope immer stärker Einzug ins Private. Vor allem junge Städter*innen verwandeln ihre Wohnungen in Miniatur-Dschungel. Auf Böden, in Regalen, an Wänden und von Decken rankt und wuchert es grün aus Terrakottatöpfen oder Makramee-Blumenampeln. Auch Pflanzenterrarien boomen: Mini-Gewächshäuser in Glaskästen, Weinballons oder Glühbirnen. Zu den floralen Top-Stars zählen Monstera, Ufopflanze, Calathea, Geigenfeige, Bogenhanf oder Grünlilie – tropische Topfpflanzen, die noch in den 1960er Jahren großelterliche Blumenfenster oder Amtsstuben schmückten und als spießig verschrien waren. Nun gelten Zimmerpflanzen vor allem bei Millenials als hip und modisch – dank Social Media. Sogenannte Plantstagrammer*innen oder Plantfluencer*innen posten Fotos von ihren grünen Gefährten, Selfies in ihren Indoor-Gärten, geben Tipps zur Pflanzenpflege oder erzählen von ihren Beziehungen zu botanischen Gewächsen. Auf Instagram, Facebook, Twitter, YouTube oder Blogs ist inzwischen eine reichweitenstarke Pflanzen-Community herangewachsen. „Urban Jungle“ – „städtischer Dschungel“ – nennt sich der Wohn-, Lifestyle- und Social-Media-Trend.

Wohnaccessoires im Tropen-Style

Aquarellstudie einer Palme von Ferdinand Keller

Garten-, Mode-, Design- und Einrichtungsindustrie haben sich den „Urban Jungle“-Trend längst zu Nutze gemacht: Ob auf Bettwäsche, Kleidung, Geschirr, Tapeten, Lampen oder Vasen – es wimmelt von Tropen-Motiven. Die Vorlagen könnten vom Karlsruher Maler Ferdinand Keller stammen, der mehrere Jahre in Brasilien lebte, von der tropischen Landschaft überwältigt war und sie mit Bleistift oder Ölfarben einfing. In seinen Brasilianischen Naturstudien zeichnete er Palmen, Farne oder Blattgewächse – mit bewundernswerter Detailfreude.

Pflanzenglück

Unter Hashtags wie #plantsmakepeoplehappy, #planthappiness oder #plantlove erzählen User*innen, warum sie Pflanzen so lieben: Sie schaffen Wohlbefinden, mindern Stress, wirken sich positiv auf die menschliche Psyche aus – manche Plantstagrammer*innen berichten, wie sie gegen Depressionen helfen. Für viele Menschen der sogenannten Generation Y sind Pflanzen aber auch wie eine Familie – davon zeugen Hashtags wie #plantparenthood, #plantparents oder #pflanzenmuddi. Der Grund: Sie müssen beruflich und privat flexibel sein, werden erst später sesshaft. „Grüne Angehörige“ verlangen weniger Verantwortung als Kinder oder Haustiere. Nicht zuletzt arbeitet man beim Zimmergärtnern mit den eigenen Händen und schafft einen Ausgleich zur meist digitalen Arbeitswelt.

Zimmerreisen in die Tropen

Abbildung des Gemäldes "Brasilianischer Urwald" des Künstlers Adolf Schrödters zu sehen in der Ausstellung Inventing Nature

Doch die Dschungel im eigenen Zuhause sind auch Ausdruck der globalen Klima- und Umweltschutzbewegung, die eine drohende ökologische Katastrophe abwenden möchte. Die Bauwut in den Städten lässt grüne Rückzugsorte immer rarer werden, die Mieten sind immens, viele Millennials leben oft in kleinen Wohnungen ohne Garten oder Balkon. Dazu Lärm, Feinstaub, Hektik, Überreizung der Sinne. Mit Zimmergärten holen sich die Städter*innen die Natur ins Haus, schaffen sich grüne Oasen im urbanen Beton. Und frönen der Sehnsucht nach weiter Welt, Urwald, Tropen, Exotik. Mit dem pandemiebedingten Rückzug ins Häusliche verstärkte sich dieser Trend zum künstlichen Paradies im Privaten.

Ein Trend, den es schon im 19. Jahrhundert gab. In der Biedermeier-Zeit wandte sich das Bürgertum enttäuscht von der Politik ab und suchte das Glück im häuslichen Idyll: in behaglichen Wohnstuben und kleinen Gärten. Auch der Maler und Grafiker Adolf Schroedter liebte Gärten und Gewächshäuser, lebte mit ihnen – ob in Düsseldorf, Frankfurt am Main oder Karlsruhe – und setzte die exotische Botanik immer wieder künstlerisch in Szene. Im Aquarell Brasilianischer Urwald feiert er den tropischen Urwald aus Palmen, Lianen, Farnen, Orchideen und Aras als traumhaften Sehnsuchtsort – ohne jemals nach Südamerika gereist zu sein. Literat*innen unternahmen vor allem im 19. Jahrhundert auch Zimmerreisen durch ihre mit Pflanzen drapierten Interieurs: von Italienreisen über naturkundliche Expeditionen bis hin zu floralen Erkundungen des eigenen Hauses.

Schon im 17. Jahrhundert war es unter europäischen Adeligen en vogue, die hofeigenen Sammlungen von Orangen- und Zitrusbäumen in Orangerien zu präsentieren, zunächst in festen Gebäuden, dann in Glashäusern. Nachdem der englische Arzt Nathaniel Ward 1834 entdeckt hatte, dass Pflanzen in geschlossenen Glasbehältern problemlos gedeihen, kamen Gewächshäuser in Mode. Den sogenannten Wardschen Kasten, ein mobiles Minibiotop im Glas, nutzten europäische und amerikanische Pflanzenjäger auf ihren botanischen Forschungsreisen. Sie konnten damit ihre Trophäen auf mehrmonatigen Schiffsreisen unversehrt transportieren.

Der US-Künstler Mark Dion spürt in seinem Mappenwerk Herbarium – bestehend aus sieben Heliogravüren – einem fotografischen Edeldruckverfahren – von gepressten und getrockneten Meeresalgen – der Arbeit eines solchen Pflanzenjägers nach: des amerikanischen Arztes, Diplomaten und Botanikers Henry Perrine. Er half, in den USA exotische Früchte und Gemüse wie Ananas oder Avocado anzubauen. Auch heutige Plantfluencer*innen jagen und sammeln neueste Trendpflanzen – lassen sie gar für viel Geld aus Nachbarländern einfliegen.

Text: Thomas Frank
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