Hexen

Hysterie und Erotik

Zu Baldungs Lebenszeit war der Glaube an Hexen in Europa weit verbreitet. Abbildungen von Hexen finden sich zunächst in Büchern zur Hexen-Verfolgung und werden unter anderem von Baldung aufgegriffen.

Abbildung des Werks "Hexen" von Hans Baldung Grien, entstanden 1510, aus der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha.

Darstellungs-Merkmale, die noch heute in Verbindung mit „Hexerei“ gebracht werden, wurden von Baldung bereits im 16. Jahrhundert mitgeprägt. In seinem Hexensabbat von 1510 versammelt Baldung eine ganze Reihe an Eigenschaften, Aktionen und Gegenständen, die auch aktuellen Klischees der Hexen-Figur entsprechen: Ein Hexenkessel, die Katze als Haustier, das Leben im Wald, das Fliegen.

Weniger gängig sind heute der Ritt auf dem Ziegenbock oder die Vorstellung, Hexen könnten Impotenz bewirken – auf die Baldung in dieser und weiteren Hexen-Darstellungen wohl mit den über einer Forke hängenden Würsten anspielte. Der damalige Aberglaube des Teufelspakts der besagt, dass eine Hexe erst durch die sexuelle Verbindung von Mensch und Teufel bzw. Dämon entstünde, ist heute ebenfalls nicht mehr geläufig.

Von Taten zu Posen

Abbildung einer Kopie nach Hans Baldung Grien von Hexensabbat aus dem Jahr 1517.

Im Vergleich zu Illustrationen in Büchern zur Hexen-Verfolgung, die den Fokus auf die sogenannten Schadenzauber legten, die gewöhnliche Bürgersfrauen, ermächtigt durch böse Kräfte, ausüben konnten, scheint das Magische bei Baldung vor allem in den dargestellten Frauen selbst, ihrer Verortung in der „wilden“ Natur und ihrer offenen Sexualität begründet.

Baldungs nackte Hexen mit ungeschönten Körpern in verdrehten Posen – manche erotisch, andere vulgär – waren völlig neuartig und aufsehenerregend. Seine Hexen-Darstellungen waren Kunstwerke, die nicht der Identifizierung und Verfolgung von Hexen, sondern mit ihren expliziten Motiven der Unterhaltung interessierter Betrachtender dienen sollte.

Witch hunt und weiße Magie

In den Medien wird bei Verdächtigungsfällen oder Shitstorms – meist gegenüber Männern – häufig von einer Hexenjagd gesprochen. US-Präsident Donald Trump beruft sich bei vermeintlichen Hetzkampagnen gegen seine Person auch häufig auf eine „Witch hunt“, die mittlerweile zu seinen am häufigsten getwitterten Wortlauten gehört. Diesem negativen Begriff um die Hexe steht ein neuer und positiver Trend „weißer Magie“ gegenüber, der die Figur der Hexe aufwertet.

Abbildung des Werks "Zwei Hexen" des Künstlers Hans Baldung Grien, das vom 30. November 2019 bis zum 8. März 2020 in der Ausstellung "Hans Baldung Grien - heilig | unheilig" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu sehen sein wird.

Den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit fielen vor allem Frauen zum Opfer, die aus der „Rolle fielen“, also nicht unter der Kontrolle eines Mannes, sondern selbstbestimmt lebten – etwa Witwen, alleinstehende oder Frauen mit besonderen Kenntnissen in Naturheilkunde beispielsweise zur Unterstützung anderer Frauen bei (ungewollten) Schwangerschaften.

Diese vormals negativ konnotierten Eigenschaften „unbändiger“ Frauen mit besonderen Fähigkeiten und ihrer Verortung in der Natur wurden bereits von Feministinnen in den 1970er Jahren aufgegriffen und umgedeutet. Die Hexe wurde als Sinnbild weiblicher Kraft und Naturverbundenheit verstanden.

Neuer Hype oder Spiritual Turn?

Influencer*innen identifizieren sich aktuell wieder mit diesen positiven Aspekten und der Spiritualität des Hexenwesens. Sie legen Tarot-Karten oder berichten über Naturheilverfahren. Musik-Streamingdienste bieten für jedes Sternzeichen eine passende Playlist und Dating-Apps geben Tipps zur Partnerwahl nach Horoskop. Von Hexe-Figuren inspirierte Mode wird auf den Laufstegen von Edel-Designern und in den Schaufenstern von Modeketten präsentiert. Auf der Bildfläche ist die Beliebtheit der Hexe seit Jahrzehnten ungebrochen – nur ein Beispiel ist aktuell das Reboot der Serie „Sabrina. The Teenage Witch“.

Der Hexen-Hype in Fashion, Lifestyle, Social Media, Film und Fernsehen kann auf den Wunsch einer „Rückkehr“ zur Natur oder als spirituelles Gegenbild unserer immer virtueller werdenden Umgebung zurückgeführt werden. Ein anderer Grund könnte auch eine neue Frauenbewegung sein, die sich wie bereits in den 1970er Jahren auf Hexen als marginalisierte Frauen bezieht.

Aufarbeitung

Die Anerkennung der Opfer und die Aufarbeitung der grausamen Hexenverfolgungen, von denen auch Männer betroffen waren, halten weiter an. Gedenktafeln und Mahnmale werden erst seit jüngster Zeit angebracht.

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