Kristina Liedtke, 18. November 2022

Vorsicht Kunst – wenn die Kunst auf Reisen geht

Auch wenn die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe für die kommenden Jahre geschlossen ist – der Museumsalltag hat sich verändert, aber er geht weiter. Für das Referat Restaurierung bedeutet das nicht nur die Umzugsvorbereitungen voran zu treiben, sondern auch mit dafür zu sorgen, dass kleine Teile unserer Sammlung weiterhin an anderen Orten sichtbar sind.

Konkret bedeutet das Anfragen anderer Museen zu bearbeiten, die Werke der Kunsthalle ausleihen und für die Dauer einer Ausstellung in ihrem Haus präsentieren möchten. Wer eine Reise antritt muss sie zuvor planen, buchen, packen und sich überlegen, wie sie oder er sicher zu dem Ziel kommt. Übertragen auf wertvolle Kunstwerke bedeutet das u.a., sie aus dem Depot oder den Ausstellungssälen des Museums zu holen und für einen sachgerechten Transport in ein anderes Museum, gegebenenfalls in einer anderen Stadt oder einem anderen Land vorzubereiten.

Restaurator*innen sind für die fachgerechte Pflege der Museumsbestände zuständig: das beinhaltet neben einer umsichtigen Handhabung der Werke vor allem die materialabhängige, konservatorische (den Zustand stabilisierend) Aufbewahrung der Werke. Um sie im Rahmen von Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, durchleben sie das eine oder andere: Beispielsweise können sie während der Reise mechanischen Belastungen ausgesetzt sein, oder während der Präsentation in einer Ausstellung durch die Beleuchtung beansprucht werden.

Eine Aufgabe der Restaurator*innen ist es daher, Kenntnisse über die Zusammensetzung des Werkes und die unterschiedlichen Empfindlichkeiten der Materialien zu haben. So können die optimalen konservatorischen Bedingungen (Klima, Lichtschutz, Luftreinheit) vorgegeben und überprüft werden. Das kann auch bedeuten, dass Werke erst gar nicht gezeigt werden, da ihr Zustand zu instabil ist: Der Schutz der Werke steht an oberster Stelle.

Wie wird dabei vorgegangen? Der sogenannte Leihverkehr beinhaltet zunächst eine fachliche Begutachtung der Kunstwerke, die in einem anderen Museum gezeigt werden sollen. Es stellen sich unter anderem Fragen wie: Um welche künstlerische Technik handelt es sich und ist sie empfindlich? Müssen entsprechende konservatorische oder restauratorische Maßnahmen ergriffen werden? Wurde das Werk schon häufig ausgestellt? Wie soll das Werk in der Ausstellung präsentiert werden? Welche sachgerechten konservatorischen Bedingungen müssen am Ausstellungsort erfüllt sein?

Auch wenn das Werk in einem guten Zustand ist und noch nicht häufig ausgestellt wurde, müssen einige Arbeitsschritte durchgeführt werden. Diese könnten bei einer Druckgrafik auf Papier zum Beispiel so aussehen:

1. Die Oberfläche wird zunächst trockengereinigt.
Museumskartons in verschiedenen Farben
2. Ein farblich passender Museumskarton wird ausgesucht…
Eine Grafik wird auf Museumskarton platziert.
3. …und die Grafik anschließend darauf platziert.
Arbeitsprozess, in dem kleine Papierstreifen mit Kleister angeschmiert werden
4. Um sie auf dem Karton zu befestigen, werden kleine Papierstreifen (Japanpapier) mit Kleister angeschmiert.
Ein mit Kleister beschmierter Papierstreifen wird an der Rückseite einer Grafik angebracht, um diese auf Museumskarton zu fixieren.
5. Das sogenannte Fälzchen wird dann auf die Rückseite der Grafik montiert und verbindet es so mit dem Museumskarton.
Auf dem Papier liegen beschwerende Objekte, damit sich das Papier beim Trocknen nicht verformt.
6. Damit es zu keinen Verformungen im Papier kommt, beschwert man diese Bereiche und lässt sie trocknen.

Vor dem Transport wird ein sogenanntes Zustandsprotokoll erstellt. Dabei wird neben wesentlichen Angaben zu dem Werk und Hinweisen zu den Präsentationsbedingungen der Ist-Zustand des Werkes mit seinen ggf. vorhandenen Schäden schriftlich und fotografisch, z.B. Form einer s.g. Schadenskartierung, festgehalten. All das wird nach dem Transport bei dem Leihnehmer, nach Ausstellungsende und noch einmal nach der Rückkehr des Werkes in die Kunsthalle überprüft und ggf. auftretende Veränderungen dokumentiert.

Mit einer Taschenlampe wird auf Papier geleuchtet und dabei ein Zustandsprotokoll erstellt.
7. Der Zustand des Objekts wird genau geprüft und alle Schäden oder Besonderheiten dokumentiert.
Die Grafik mit Auflicht fotografiert
8. Je nach Beleuchtung erkennt man einzelne Schäden besser. Im Auflicht beispielsweise erscheint das Objekt so…
Die Grafik im Streiflich fotografiert. Schäden werden sichtbar.
9. …im Streiflicht jedoch sieht man mehr.

Eine konservatorische Einrahmung (UV-Schutz- oder Sicherheitsverglasung, luftdichtes Verschließen der Rahmenrückseite) schützt das Werk, eine sichere Verpackung und der Transport durch eine Kunstspedition gewährleisten das sichere Ankommen.

Eine Hand wischt über das Glas eines Rahmens
10. Bevor das montierte Objekt eingerahmt wird, muss das Glas gereinigt werden
Ansicht einer Grafik im verglasten Rahmen
11. Noch einmal wird überprüft, dass kein Staub oder andere Verunreinigungen zwischen Glas und Objekt liegen.
Klimakiste mit einzeln verpackten Objekten für den sicheren Transport
12. Einzeln verpackt sind die Objekte sicher in einer Klimakiste und bereit für den Transport.

Um Kunstwerke für eine eigene Ausstellung oder die in einem anderen Haus zu ermöglichen, bedarf es also einiger, häufig sehr zeitintensiver Vorbereitungen.

All diese Maßnahmen sind für die Besucher*innen im Museum nicht mehr sichtbar, aber essentiell, um die Kunstwerke zu bewahren und langfristig dem Publikum zugänglich zu machen.

In diesem Sinne – gute Reise!

Sarah Ball, 09. Oktober 2022

Kunsthallen-DIY: Makramee-Kerzenlicht

Inspiriert von einem Kupferstich aus dem 15. Jahrhundert, Martin Schongauers Weihrauchfass, zeigt dieses Kunsthallen-DIY eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für ein Makramee-Kerzenlicht.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts führte Martin Schongauer mit dieser Darstellung eines Weihrauchfasses die damals noch neuartige Technik des Kupferstichs zur Perfektion. Die schweren, verschlungenen Gliederketten erinnern dabei an den Trend der Makramee-DIYs. Das Makramee-Kerzenlicht ist dank weniger Knoten einfach umsetzbar und kann alternativ auch als Blumenampel verwendet werden.

Bild eines fertig gebastelten Makramee-Kerzenlichts

Was benötigt wird:

Ein Maßband, Baumwollgarn mit einem Durchmesser von ca. 3 mm (ideal wäre Makramee-Garn, normale Wolle reicht für dieses DIY jedoch auch aus), eine Schere, einen Holz- oder Metallring, eine Kerze in einem Gefäß und nach Bedarf Pappe für Pappschablonen.

Maßband, Makramee-Garn, Schere, Holzring und eine Kerze

Fäden zurechtschneiden:

Zuerst muss das Garn zurechtgeschnitten werden. Es werden vier Fäden mit einer Länge von jeweils 3,50 m, vier Fäden mit einer Länge von jeweils 2 m und zwei Fäden mit einer Länge von 60 cm benötigt.

Die acht langen Fäden werden durch einen Holzring gefädelt. Das wird die Aufhängung des späteren Makramee-Kerzenlichts. Darauf achten, dass die Fäden mittig über dem Holzring liegen und die Enden bündig miteinander abschließen.

Baumwollgarn, um einen Holzring gewickelt

Makramee-Wickelknoten:

Im nächsten Schritt wird einer der beiden kürzeren Fäden (Länge: 60cm) mehrmals um die Fäden gewickelt. Dabei sollte der Anfang des Fadens oben rausschauen und in Form einer Schlaufe über die Fäden gelegt werden. Dann den Faden mehrmals um die restlichen Fäden wickeln und das Ende des Fadens durch die Schlaufe ziehen. Mit dem oberen rausstehenden Faden wird dann alles festgezogen. Anschließend können die überstehenden Enden des Wickelknotens oben und unten abgeschnitten werden.

Verschiedene Schritte, wie ein Makramee-Wickelknoten geknotet wird.

Makramee-Fäden in Stränge abteilen:

Durch das Doppeltlegen wurden aus den acht Fäden 16 Stück. Diese werden in vier Stränge geteilt. Jeder Strang muss aus zwei langen Fäden (ursprünglich 3,50 m) und zwei kurzen Fäden (ursprünglich 2 m) bestehen.

Abgeteilte Stränge des Makramee-Garns

Makramee-Spiralknoten:

Die jeweils kürzeren Fäden liegen innen. Der linke äußere Faden wird in einem Bogen über die beiden innenliegenden Fäden gelegt. Anschließend wird der rechte äußere Faden über den linken Faden gelegt und unter den beiden innenliegenden Fäden durch die Schlaufe links durch- und festgezogen. Dieser Vorgang wird nun ca. 15 Mal wiederholt, wodurch das Spiralmuster entsteht.  

Vier Bilder, die die einzelnen Schritte zum Knüpfen eines Makramee-Spiralknotens zeigen.

Makramee-Spiralknoten wiederholen:

Die 15 Spiralknoten nun an jedem der vier Stränge knüpfen.

Knüpfen eines Makramee-Spiralknotens an vier Strängen

Zweite Reihe Makramee-Spiralknoten:

Anschließend werden ca. 10 cm abgemessen. Bei Bedarf kann auch eine Pappschablone gebastelt werden, die als Abstandshilfe dient. Am unteren Ende des Abstands bzw. der Schablone werden erneut Spiralknoten geknüpft. Diesmal 13 Stück hintereinander. Dieses Vorgehen an allen vier Strängen wiederholen.

Bild-Anleitung, wie man bei Makramee-Kreuzknoten Abstände integriert.

Makramee-Kreuzknoten:

Nun werden zwei nebeneinanderliegende Stränge miteinander verknüpft, indem jeweils von zwei Strängen ein langer und ein kürzerer Faden genommen wird. Diese Fäden werden dann mit 10 cm Abstand zusammengeknotet. Dafür wird wie beim Spiralknoten begonnen.

Während beim Spiralknoten aber immer der linke Faden zuerst über die beiden innenliegenden Fäden gefädelt wird und der rechte Faden durch die linke Schlaufe gezogen wird, ist das Vorgehen nun spiegelverkehrt. Sobald ein Knoten von links gemacht wurde, wird der rechte Faden über die zwei innenliegenden Fäden gelegt, dann den linken Faden über den rechten und unter den innenliegenden durchfädeln und festziehen. So wird das Spiralmuster vermieden und ein Makramee-Kreuzknoten entsteht.

Bild-Anleitung, wie man einen Makramee-Kreuzknoten mit Abstand knüpft.

Makramee-Kreuzknoten an allen Strängen:

Mit diesen Kreuzknoten, also einen Knoten von links und den anschließenden von rechts beginnend, jeweils zwei nebeneinanderliegende Stränge zusammenknoten, sodass ein Netzmuster entsteht.

Weitere Kreuzknoten zum Verbinden der einzelnen Stränge

Zweite Reihe Makramee-Kreuzknoten:

Dieses Vorgehen wird nun erneut wiederholt. Wieder wird aus zwei Strängen ein neuer Strang (mit jeweils zwei langen und zwei kürzeren Fäden) und es werden wieder Kreuzknoten in einem Abstand von ca. 5 cm geknüpft. Wiederholen bis alle Stränge miteinander verknotet sind.

Knoten einer Netzstruktur mit Makramee-Kreuzknoten

Unterer Makramee-Wickelknoten:

Nun wird das Makramee-Geflecht testweise um die Kerze im Gefäß gelegt, um abzuschätzen, auf welcher Höhe die Fäden zusammengeführt werden müssen, damit die Kerze gut passt.

Dann wieder wie im ersten Schritt einen Wickelknoten machen, indem man den Beginn des 60-cm-Fadens über die restlichen Fäden legt, eine Schlaufe unten frei lässt und dann ein paar Mal um alle Fäden wickelt. Das Fadenende wird dann durch die Schlaufe gezogen und mit dem oben rausstehenden Anfang des Fadens alles festgezogen. Die Enden der Fäden können abgeschnitten werden.

Bildanleitung, wie ein unterer Makramee-Wickelknoten geknüpft wird.

Makramee-Kerzenlicht kürzen:

Die Fäden können unterhalb des Wickelknotens beliebig gekürzt werden. Es empfiehlt sich die Fäden ca. 5-10 cm lang zu lassen und bei Bedarf mit einem Kamm etwas aufzulockern.

Mit einer Schere wird das Makramee-Kerzenlicht gekürzt.

Fertiges Makramee-Kerzenlicht:

Fertig ist das Makramee-Kerzenlicht, inspiriert von Martin Schongauers Kupferstich eines Weihrauchfasses. Das Ergebnis kann alternativ auch als Makramee-Blumenampel verwendet werden, indem man die Kerze im Gefäß durch einen kleinen Blumentopf austauscht.

Wir sind gespannt auf Eure Kreationen! Teilt Eure Ergebnisse mit dem Hashtag #kunsthalleathome in den sozialen Medien.

Achtung: Die Kerze nur unter Aufsicht brennen lassen und niemals unbeaufsichtigt lassen!

Endergebnis des Makramee-Kerzenlichts vor grünem Hintergrund
Kristina Liedtke, 18. November 2022

Vorsicht Kunst – wenn die Kunst auf Reisen geht

Auch wenn die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe für die kommenden Jahre geschlossen ist – der Museumsalltag hat sich verändert, aber er geht weiter. Für das Referat Restaurierung bedeutet das nicht nur die Umzugsvorbereitungen voran zu treiben, sondern auch mit dafür zu sorgen, dass kleine Teile unserer Sammlung weiterhin an anderen Orten sichtbar sind.

Konkret bedeutet das Anfragen anderer Museen zu bearbeiten, die Werke der Kunsthalle ausleihen und für die Dauer einer Ausstellung in ihrem Haus präsentieren möchten. Wer eine Reise antritt muss sie zuvor planen, buchen, packen und sich überlegen, wie sie oder er sicher zu dem Ziel kommt. Übertragen auf wertvolle Kunstwerke bedeutet das u.a., sie aus dem Depot oder den Ausstellungssälen des Museums zu holen und für einen sachgerechten Transport in ein anderes Museum, gegebenenfalls in einer anderen Stadt oder einem anderen Land vorzubereiten.

Restaurator*innen sind für die fachgerechte Pflege der Museumsbestände zuständig: das beinhaltet neben einer umsichtigen Handhabung der Werke vor allem die materialabhängige, konservatorische (den Zustand stabilisierend) Aufbewahrung der Werke. Um sie im Rahmen von Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, durchleben sie das eine oder andere: Beispielsweise können sie während der Reise mechanischen Belastungen ausgesetzt sein, oder während der Präsentation in einer Ausstellung durch die Beleuchtung beansprucht werden.

Eine Aufgabe der Restaurator*innen ist es daher, Kenntnisse über die Zusammensetzung des Werkes und die unterschiedlichen Empfindlichkeiten der Materialien zu haben. So können die optimalen konservatorischen Bedingungen (Klima, Lichtschutz, Luftreinheit) vorgegeben und überprüft werden. Das kann auch bedeuten, dass Werke erst gar nicht gezeigt werden, da ihr Zustand zu instabil ist: Der Schutz der Werke steht an oberster Stelle.

Wie wird dabei vorgegangen? Der sogenannte Leihverkehr beinhaltet zunächst eine fachliche Begutachtung der Kunstwerke, die in einem anderen Museum gezeigt werden sollen. Es stellen sich unter anderem Fragen wie: Um welche künstlerische Technik handelt es sich und ist sie empfindlich? Müssen entsprechende konservatorische oder restauratorische Maßnahmen ergriffen werden? Wurde das Werk schon häufig ausgestellt? Wie soll das Werk in der Ausstellung präsentiert werden? Welche sachgerechten konservatorischen Bedingungen müssen am Ausstellungsort erfüllt sein?

Auch wenn das Werk in einem guten Zustand ist und noch nicht häufig ausgestellt wurde, müssen einige Arbeitsschritte durchgeführt werden. Diese könnten bei einer Druckgrafik auf Papier zum Beispiel so aussehen:

Was fehlt?

Kein Museum kann heute enzyklopädisch sammeln; bei Erwerbungen geht es nicht primär darum, „Sammlungslücken“ zu schließen. Museales Sammeln bedeutet immer Auswahl, Konzentration, Schwerpunktsetzung. Auf diese Weise entwickelt sich ein spezifisches Sammlungsprofil, das in sinnvoller Aufgabenteilung mit den Museen in der näheren Umgebung gepflegt werden sollte. Das über Jahrhunderte gewachsene Sammlungsprofil der Kunsthalle ist das Resultat vieler historischer Entscheidungen, die jedoch bis heute nachwirken. Wir können diese Entscheidungen in ihrem jeweiligen Kontext nachvollziehen, sehen aber von heute was, was fehlt. So ist die Sammlung der Kunsthalle europäisch geprägt, aber Europa ist hier gleichbedeutend mit Westeuropa; darin zeigt sich die Vernachlässigung der Kunst des europäischen Ostens – ein fast durchgängiges Defizit der Kunstmuseen in Deutschland. Auch in der Medienfrage wurden historische Vereinbarungen lange tradiert: Malerei und die grafischen Künste sind die Leitmedien der Sammlung; die Fotografie wurde wie in den allermeisten deutschen Kunstmuseen ignoriert. Zeitgenössische Kunst zählt seit der Gründung des Museums 1846 zum Sammelauftrag; sie lässt sich aber nicht mehr auf die „alten“ Medien Malerei, Skulptur und Grafik einschränken. Dies verlangt eine Reflexion und eine begründete Öffnung der Medienfrage. Schließlich das Defizit aller älteren Kunstmuseen: Es fehlen die Künstlerinnen. Etwa 95 Prozent der Werke des Museums wurden von männlichen Künstlern geschaffen, eine historisch begründete Einseitigkeit, die gerade mit Blick auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts nicht mehr zu rechtfertigen ist. Um die Sammlung als lebendigen Organismus zu erhalten und sie unter heutigen Gesichtspunkten weiterzuentwickeln, braucht es von Zeit zu Zeit neue „Mitspieler“ in der Sammlung. Durch sie lassen sich vertraute Konstellationen aufbrechen, durch sie wird die Sammlung neu erlebbar.

Zwei junge Frauen betrachten Paul Gauguins Gemälde Häuser in Le Pouldu

Museum und Markt

Mit dem Ankauf durch ein Museum wird ein Kunstwerk dauerhaft dem Markt entzogen; nur in seltenen Ausnahmen kommt es hierzulande zu Abgaben oder Verkäufen aus Museumssammlungen. Aber Museum und Markt sind deshalb keine getrennten Sphären, vielmehr stehen sie in einem dauerhaften Austausch miteinander. Die Sammlungskurator*innen beobachten den Markt, prüfen die Angebote des internationalen Kunsthandels, besuchen die großen Kunstmessen, und sie machen Atelierbesuche oder erhalten gezielt Offerten von Galerien, die die bestehende Sammlung sinnvoll ergänzen können. Die Museen sind also gefragte Marktteilnehmer, denen der Handel besondere Rabatte gewährt. Aber Ankaufsentscheidungen sind keine einsamen Entscheidungen von Expert*innen. Jedes für den Ankauf erwogene Werk wird zunächst einer intensiven hausinternen Prüfung unterzogen. Dabei ist die Expertise der Kurator*innen, der Restaurator*innen, der Provenienzforscher*innen gefragt. In den meisten Fällen kommt das erwogene Kunstwerk zur Ansicht ins Museum und wird in Kontext der bestehenden Sammlung erprobt. Wenn ein Werk oder eine Werkgruppe für den Ankauf interessant ist, dann gilt es, die mitentscheidenden Gremien zu überzeugen, sei es das Ministerium und die Ankaufskommission, die über die Mittel des Landes entscheidet, oder der Förderkreis der Kunsthalle. Schließlich ist es das kritische Urteil der Öffentlichkeit, dem sich jeder museale Ankauf, jede Neuerwerbung und jede Schenkung bewähren muss.

Sammeln kostet …

Museales Sammeln im Auftrag der Öffentlichkeit setzt den politischen Willen der Träger und engagierte Partner voraus. Für Erwerbungen stehen den staatlichen Museen des Landes Baden-Württemberg die Mittel der Museumsstiftung (Spielcasinoabgabe) und des Zentralfonds (Lotto-Mittel) zur Verfügung. Oft müssen Finanzierungsallianzen mit öffentlichen oder privaten Stiftungen wie der Kulturstiftung der Länder oder der Ernst von Siemens Kunststiftung geschlossen werden. Weitere Ankaufsmittel des Ministeriums kommen Künstler*innen und Galerien des Landes Baden-Württemberg zugute. Wichtiger Partner der Kunsthalle ist auch der Förderkreis, der seine Erwerbungen dem Museum als Dauerleihgaben zur Verfügung stellt. Immer wieder nimmt die Kunsthalle auch Schenkungen von Künstler*innen oder aus Privatbesitz in die Sammlung auf. Doch alle Sammlungszugänge müssen sich denselben kritischen Prüfungen der Qualität, des konservatorischen Zustands und der Provenienz stellen.

Oberlichtsaal der Kunsthalle Karlsruhe mit einem langen Gang an dessen Wänden Kunstwerke hängen.

Neues Sammeln

Museale Sammlungen sind nicht mehr unumstritten. So beansprucht die Öffentlichkeit heute zu Recht Aufklärung über die Herkunft der Kunstwerke. Provenienzforschung ist mittlerweile eine Kernaufgabe des Museums; verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke, insbesondere aus ehemals jüdischem Besitz, werden an die rechtmäßigen Eigentümer bzw. an deren Nachkommen restituiert. Daher wird jede Neuerwerbung auf ihre Herkunft hin geprüft. Museen sind öffentliche Einrichtungen, die die Bürger*innen mit ihren Steuermitteln finanzieren. Aber die Diversität der bundesrepublikanischen Gesellschaft bildet sich nicht in den künstlerischen Positionen der Sammlung ab. Neue Sammlungsstrategien sind erforderlich, damit das Museum seinem Auftrag als Einrichtung „für möglichst viele“ gerecht wird. Auch die Ankaufskonzeption der Kunsthalle Karlsruhe sollte sich in diesem Sinne kontinuierlich weiterentwickeln, denn die Sammlung wird zunehmend wichtiger: Museumsarbeit steht heute im Zeichen von Nachhaltigkeit. Die Sammlung ist eine wertvolle  Ressource, die dauerhaft zur Verfügung steht. Leihgabentransporte für Ausstellungen, so wichtig sie für die museale Forschung und das Kunstpublikum sind, gefährden das Kulturgut, sind kostspielig und mit hohen Emissionen verbunden. Die Sammlung ist die Batterie, die der Museumsarbeit dauerhaft und ressourcenschonend neue Energien zugeführt.

Kristina Liedtke, 18. November 2022

Vorsicht Kunst – wenn die Kunst auf Reisen geht

Auch wenn die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe für die kommenden Jahre geschlossen ist – der Museumsalltag hat sich verändert, aber er geht weiter. Für das Referat Restaurierung bedeutet das nicht nur die Umzugsvorbereitungen voran zu treiben, sondern auch mit dafür zu sorgen, dass kleine Teile unserer Sammlung weiterhin an anderen Orten sichtbar sind.

Konkret bedeutet das Anfragen anderer Museen zu bearbeiten, die Werke der Kunsthalle ausleihen und für die Dauer einer Ausstellung in ihrem Haus präsentieren möchten. Wer eine Reise antritt muss sie zuvor planen, buchen, packen und sich überlegen, wie sie oder er sicher zu dem Ziel kommt. Übertragen auf wertvolle Kunstwerke bedeutet das u.a., sie aus dem Depot oder den Ausstellungssälen des Museums zu holen und für einen sachgerechten Transport in ein anderes Museum, gegebenenfalls in einer anderen Stadt oder einem anderen Land vorzubereiten.

Restaurator*innen sind für die fachgerechte Pflege der Museumsbestände zuständig: das beinhaltet neben einer umsichtigen Handhabung der Werke vor allem die materialabhängige, konservatorische (den Zustand stabilisierend) Aufbewahrung der Werke. Um sie im Rahmen von Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, durchleben sie das eine oder andere: Beispielsweise können sie während der Reise mechanischen Belastungen ausgesetzt sein, oder während der Präsentation in einer Ausstellung durch die Beleuchtung beansprucht werden.

Eine Aufgabe der Restaurator*innen ist es daher, Kenntnisse über die Zusammensetzung des Werkes und die unterschiedlichen Empfindlichkeiten der Materialien zu haben. So können die optimalen konservatorischen Bedingungen (Klima, Lichtschutz, Luftreinheit) vorgegeben und überprüft werden. Das kann auch bedeuten, dass Werke erst gar nicht gezeigt werden, da ihr Zustand zu instabil ist: Der Schutz der Werke steht an oberster Stelle.

Wie wird dabei vorgegangen? Der sogenannte Leihverkehr beinhaltet zunächst eine fachliche Begutachtung der Kunstwerke, die in einem anderen Museum gezeigt werden sollen. Es stellen sich unter anderem Fragen wie: Um welche künstlerische Technik handelt es sich und ist sie empfindlich? Müssen entsprechende konservatorische oder restauratorische Maßnahmen ergriffen werden? Wurde das Werk schon häufig ausgestellt? Wie soll das Werk in der Ausstellung präsentiert werden? Welche sachgerechten konservatorischen Bedingungen müssen am Ausstellungsort erfüllt sein?

Auch wenn das Werk in einem guten Zustand ist und noch nicht häufig ausgestellt wurde, müssen einige Arbeitsschritte durchgeführt werden. Diese könnten bei einer Druckgrafik auf Papier zum Beispiel so aussehen:

Auf dem Foto sind teils leere, teils gefüllte Bibliotheksregale zu sehen.
Umzug der Bibliothek in die Hermann-Veit-Straße

Ende Juli hat die Kunsthalle die Interimsfläche tatsächlich übernommen, und der Umzug konnte starten. Als erste Einheit zieht die Bibliothek um: 180.000 Bücher und rund 1.000 Zeitschriftentitel werden verpackt, verladen und am neuen Standort wieder ausgepackt. Auch hier liegt natürlich eine detaillierte Planung zugrunde, die vom Bibliotheksteam langfristig erarbeitet wurde: Wie werden die Regale in der neuen Bibliothek aufgestellt? Wie werden die Signaturengruppen eingeordnet? Wie müssen der Umzug der Bücher und der Ab- und Aufbau der alten Regale, die im Interim weitergenutzt werden, miteinander kombiniert werden? All das wurde fein austariert, und doch wurden die Abläufe durch Aspekte, die nicht vorhergesehen werden konnten, aus dem Gleichgewicht gebracht: So etwa durch die in die Jahre gekommenen Fahrstühle in der Kunsthalle, die bei den permanent hohen Außentemperaturen zeitweilig den Betrieb einstellen. Aber auch in dieser Situation gibt es keine Alternative, als flexibel zu reagieren…

Allen bekannten und noch unbekannten Herausforderungen zum Trotz: Wir freuen uns auf das Interim in der Hermann-Veit-Straße. Das macht sich auch im Arbeitsalltag bemerkbar: Man spürt eine Art Aufbruchsstimmung. Es wird viel sortiert, auf- und ausgeräumt, Umzugskisten werden gepackt. Die anfänglich bestehende Umzugsskepsis ist weitgehend gewichen, bei zahlreichen Kolleg*innen ist sogar ein Hauch von Umzugseuphorie spürbar: Endlich kann es losgehen! Dazu mischen sich Neugierde und Vorfreude auf den neuen Standort. Das Interim wird auch die Arbeitszusammenhänge in der Kunsthalle verändern. Erstmals werden alle Kolleg*innen vereint unter einem Dach zusammenarbeiten können. Auch das nutzen wir als Chance, die interne Kommunikation und die Formen der Zusammenarbeit weiterzuentwickeln.

Litfaßsäule mit Kunsthallen-Plakaten am neuen Interimsstandort der Kunsthalle Karlsruhe
Die neuen Büroräumen am Interimsstandort in der Hermann-Veit-Straße

Der Umzug ins Interim ist auch ein Anlass, unsere Betriebsorganisation und die -abläufe kritisch zu beleuchten und – wo notwendig – anzupassen. So haben wir beispielsweise entschieden, zukünftig weitergehend auf die Installation von Druckern an den einzelnen Arbeitsplätzen zu verzichten, stattdessen wird es leistungsstarke Gemeinschaftsdrucker geben. Diese Entscheidung haben wir auch unter dem Gesichtspunkt von Nachhaltigkeit und einem sinnvollen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen getroffen. Das ist nur ein erster, sehr kleiner Schritt, der aber im Arbeitsalltag einen deutlich spürbaren Unterschied macht und sensibilisiert. Mit dem Stichwort „Green Culture“ wollen und müssen wir uns in den nächsten Monaten intensiv beschäftigen. Mit dem Abschluss des Umzugs freuen wir uns nicht nur auf die neuen Arbeitserfahrungen im Interim, sondern auch darauf, unsere Aufmerksamkeit und Kraft in all jene Themen zu investieren, die umzugsbedingt ruhen mussten.

Kristina Liedtke, 18. November 2022

Vorsicht Kunst – wenn die Kunst auf Reisen geht

Auch wenn die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe für die kommenden Jahre geschlossen ist – der Museumsalltag hat sich verändert, aber er geht weiter. Für das Referat Restaurierung bedeutet das nicht nur die Umzugsvorbereitungen voran zu treiben, sondern auch mit dafür zu sorgen, dass kleine Teile unserer Sammlung weiterhin an anderen Orten sichtbar sind.

Konkret bedeutet das Anfragen anderer Museen zu bearbeiten, die Werke der Kunsthalle ausleihen und für die Dauer einer Ausstellung in ihrem Haus präsentieren möchten. Wer eine Reise antritt muss sie zuvor planen, buchen, packen und sich überlegen, wie sie oder er sicher zu dem Ziel kommt. Übertragen auf wertvolle Kunstwerke bedeutet das u.a., sie aus dem Depot oder den Ausstellungssälen des Museums zu holen und für einen sachgerechten Transport in ein anderes Museum, gegebenenfalls in einer anderen Stadt oder einem anderen Land vorzubereiten.

Restaurator*innen sind für die fachgerechte Pflege der Museumsbestände zuständig: das beinhaltet neben einer umsichtigen Handhabung der Werke vor allem die materialabhängige, konservatorische (den Zustand stabilisierend) Aufbewahrung der Werke. Um sie im Rahmen von Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, durchleben sie das eine oder andere: Beispielsweise können sie während der Reise mechanischen Belastungen ausgesetzt sein, oder während der Präsentation in einer Ausstellung durch die Beleuchtung beansprucht werden.

Eine Aufgabe der Restaurator*innen ist es daher, Kenntnisse über die Zusammensetzung des Werkes und die unterschiedlichen Empfindlichkeiten der Materialien zu haben. So können die optimalen konservatorischen Bedingungen (Klima, Lichtschutz, Luftreinheit) vorgegeben und überprüft werden. Das kann auch bedeuten, dass Werke erst gar nicht gezeigt werden, da ihr Zustand zu instabil ist: Der Schutz der Werke steht an oberster Stelle.

Wie wird dabei vorgegangen? Der sogenannte Leihverkehr beinhaltet zunächst eine fachliche Begutachtung der Kunstwerke, die in einem anderen Museum gezeigt werden sollen. Es stellen sich unter anderem Fragen wie: Um welche künstlerische Technik handelt es sich und ist sie empfindlich? Müssen entsprechende konservatorische oder restauratorische Maßnahmen ergriffen werden? Wurde das Werk schon häufig ausgestellt? Wie soll das Werk in der Ausstellung präsentiert werden? Welche sachgerechten konservatorischen Bedingungen müssen am Ausstellungsort erfüllt sein?

Auch wenn das Werk in einem guten Zustand ist und noch nicht häufig ausgestellt wurde, müssen einige Arbeitsschritte durchgeführt werden. Diese könnten bei einer Druckgrafik auf Papier zum Beispiel so aussehen:

Vermittlung – eine Standortsuche

Neben den Ordnern wollen hunderte Publikationen umgezogen werden. Denn über die Jahrzehnte ist eine eigene Vermittlungs-Bibliothek herangewachsen. Doch welche Vorstellungen verbinden sich mit der Signatur „MusPaed“, kurz für Museumspädagogik, die auf den Rücken dieser Bücher erscheint?

Auf dem Foto sind verschiedene Bücher zum Thema Kindermuseum und Kunstvermittlung zu sehen.

Versuch einer Standortbestimmung! Die Problematik, die eigene Aufgabe, ihren Namen und Platz zu definieren, zieht sich offensichtlich durch die Geschichte der Disziplin. Die wahllos herausgegriffenen Bände deuten auf einen der Gründe dafür. Denn sie zeigen, dass es sich gerade nicht um eine Disziplin, sondern um viele handelt, die bei uns aufeinandertreffen: künstlerische Praxis, (Kunst-)Pädagogik, Kunstgeschichte, Kunstwissenschaft, Museologie… Alle mit ihren berechtigten jeweiligen und gemeinsamen Zielen. Alle mit ihren eigenen Perspektiven und Methoden.

Unser Referat wird auch morgen noch der richtige Ort im Museum sein, all die erwähnten Felder aufeinandertreffen zu lassen. Aber auch der Ort, sich ihrer Unterschiede bewusst zu werden und ihre jeweiligen Potenziale sinnvoll zu nutzen: Malstube (in Zukunft vielleicht eher Atelier, Kreativraum oder Laboratorium?!) und Ausstellungssaal sind beides Räume der Kunstvermittlung, aber sie weisen den Besucher*innen genauso wie den Kunstwerken jeweils andere Rollen zu, aktivere und passivere. Hat man einmal selbst ausprobiert, mit einem Spachtel Ölfarben auf der Leinwand zu mischen, vermittelt sich Chardins Stillleben auf einer anderen Ebene als bei der Teilnahme an einer kunsthistorischen Führung.

Zielsetzungen, Methoden und Abläufe dürfen und müssen hinterfragt werden: Wie stehen die Auseinandersetzung mit einem Werk und das eigene kreative Tun im Verhältnis zueinander? Was nehmen Besucher*innen für sich mit, was suchen sie bei uns? Was wollen, was sollten wir als Museum mitgeben bei diesem oder jenem Angebot: kulturhistorisches Wissen, die Erinnerung an einen guten Moment, ein Gespür für verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten, das Erlebnis, beim Wiedergeben eigener Gedanken über den eigenen Schatten gesprungen zu sein?

Es wird weiter unsere Aufgabe sein, hier immer wieder selbstkritisch und hellhörig für die Reaktionen unseres Publikums an Stellschrauben zu drehen. Dazu werden uns gerade die kommenden Ausstellungen in neuen räumlichen Konstellationen und neuen Rahmenbedingungen Gelegenheit geben. Wir sind schon mehr als gespannt darauf, gemeinsam die Möglichkeiten auszuloten!

Vermittlung – Erziehung?!

Die Bücher mit der Signatur „MusPaed“ werden mit dem Umzug in die Kunstbibliothek der Kunsthalle eingegliedert. Mitarbeiter*innen des Hauses wie Besucher*innen werden sie als Teil des Kunst-Kosmos wahrnehmen können. Kunstvermittlung und Museumspädagogik werden als Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen, als Ideenschmieden, als Laboratorien, aber auch als Bereiche wissenschaftlicher Forschung sichtbarer!

Die Museumsaufgabe, die die Bücher nachzeichnen, heißt heute in der Kunsthalle Kunstvermittlung (kurz KV). Hervorgegangen ist das heutige Referat aus der Erziehungsabteilung. Welchen Wandel im Selbstverständnis allein die Begriffe nachzeichnen!  Nein, Erziehung kann und wird 2022 keine Überschrift für unsere Aufgabe sein. Es kann nicht darum gehen, zu „ziehen“, sondern Bewegungen aus dem Publikum aufzunehmen, ihnen mögliche Richtungen aufzuzeigen. Schon gar nicht soll es darum gehen, Relevanz zu postulieren, sondern darum, sie gemeinsam mit unserem Publikum herausbilden! Es ist nicht mehr die Zeit der Fragebögen, in der man im Ausstellungssaal wie auf der Schulbank möglichst viele richtige Antworten finden sollte. Viel mehr interessieren uns Ihre Fragen – auch auf die Gefahr hin, Antworten schuldig zu bleiben, aber immer in der Hoffnung, ein gutes Gespräch zu führen…

Vermittlung – Wahrnehmen von Bedürfnissen

Noch so ein Fund, in dem Erziehung als Vokabel vorkommt. Darüber hinaus regt die folgende Passage aber noch andere Gedanken an. Sie stammt aus dem Jahr 1973, als man im Rahmen des Weltkinderjahres bei dem Ausruf „Ganz Karlsruhe wird kinderfreundlich“ feststellte:

„Kinder sind Kinder, meinen viele, für manche sind Kinder jedoch nur ein Ballast. Wir meinen aber, sie sind die zukünftigen Bürger unserer Stadt. Als junge Bürger sollten sie betrachtet, behandelt und gefördert werden. […] Öffentliche Anlagen, Museen, Restaurants und vieles andere könnte für Kinder reizvoller gestaltet werden, wenn die Verantwortlichen sich öfters auch für kindliche Bedürfnisse interessierten. Viele Vorurteile müssen abgebaut werden. Wohl die meisten Erziehungsschäden entstehen, weil Erwachsene über die Bedürfnisse der Kinder nicht nachdenken.“

Ja, wir müssen uns ganz unbedingt weiterhin und immer mehr für spezifische Bedürfnisse interessieren! Aber spezifische Bedürfnisse beruhen nicht nur auf unterschiedlichen Generationen von Besucher*innen, sondern – vielleicht noch viel stärker – auf individuellen Interessen und Erfahrungen, auf kultureller Prägung, auf eigenen Neigungen… Auf sie mit den passenden Angeboten, Formaten, Tools, Workshops, Gesprächen, Aktionen… zu reagieren, ist und bleibt die Herausforderung und Motivation unserer Disziplin(en).

Vermittlung – Kindermuseum?

Ein Plakat für eine ehemalige Ausstellung im Kindermuseum. Der Titel lautet "Von 5 bis 105"

„Von 5 bis 105“, so hieß einmal eine Ausstellung im damaligen „KiMu“ (Kindermuseum). Aber eigentlich könnte so auch unser Referat heißen. Denn Kunstvermittlung ist nicht gleich Kinderprogramm! Genauso wenig, wie Lernen, Neugierde, Lust an der Entdeckung Privilegien der Kindheit sind.

Die Kunstvermittlung der Kunsthalle erhielt vor 50 Jahren in einem damals visionären Schritt eigene Ausstellungsflächen, die seither explizit für ein junges Publikum bespielt werden können. Es ist ein großes Glück, einen eigenen Ort zu haben, an dem die Freude am Spiel, an der Rolle, am Imaginieren ausgelebt werden. An dem jugendliche Skepsis und Kritik stattfinden, kindliche Lautstärke und Unbändigkeit nicht als Störung empfunden werden. An dem die Werke einen zusätzlichen Rahmen durch eigenes Tun bekommen.

Aber neben diesem durch vier Wände umfassten Ort gibt es einen nicht baulich definierten Raum der Kunstvermittlung. Er ist riesig, zieht sich durch das gesamte Museum, durch alle Abteilungen und ihre Tätigkeiten. Er wird sichtbar an der Wand einer Ausstellung, dem schnell skizzierten Mitschrieb bei einem Vortrag, dem Schmunzeln in der „Kachel“ einer Online-Veranstaltung, der mit Stolz nach Hause getragenen Eigenkreation aus einem Künstler*innen-Workshop…

Ver-Mittlung

„MusPaed“, „KiMu“, „KV“. Tatsächlich erscheint „Kunstvermittlung“ für unsere heutige und zukünftige Aufgabe als passender Name: Wir sind Zwischenglieder, wollen Menschen und Werke – unter dem Vorzeichen kultureller und gesellschaftlicher Herausforderungen – darin unterstützen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir sind fachkundige Impulsgeber*innen, Moderator*innen, Dolmetscher*innen, da jede*r Besucher*in, aber auch jedes Werk eine eigene Sprache spricht.

Dabei kommunizieren wir über verschiedene zeitlose und zeitgemäße Medien, aber auch wortlos – mit Düften, Klängen, Kleidern: sich in ein Korsett binden zu lassen vor Frans Pourbus‘ Damenportrait, ein nicht definierbares Rauschen zu hören vor Max Ernsts Wald, Sand durch die Hände rieseln lassen vor Eugen Brachts Wüste…

Verschiedene Schlüssel in einer Kiste

Die Zugänge sind so vielfältig wie die Menschen und Werke, und wir freuen uns unbändig darauf, wenn alles ausgemistet, umgezogen und wieder ausgeräumt ist, wenn Töpfchen und Kröpfchen versorgt sind, gemeinsam wieder Schlüssel zu erproben und zu sehen, ob und welche Türen sich öffnen!

Tabea Schwarze, 9. August 2022

Feedbackkultur leben, lieben, nutzen

Ob Onlineshopping, Servicehotline oder Ärzt*innenbesuch – die Bitte um Feedback ist allgegenwärtig. Auch für die (Weiter-)Entwicklung digitaler Angebote von Museen sollte dies Grundlage sein.

Um konstruktives Feedback tatsächlich erhalten, korrekt einordnen und zielführend einsetzen zu können, gilt es einige Punkte zu beachten – wir teilen unsere wichtigsten Learnings.

1. Ziele setzen und Zielgruppen definieren

Gerade in Museen steht oft das vermeintliche Ziel, alle erreichen zu wollen, im Fokus. Dass sich Angebote, die sich an eine zu große Zielgruppe – im schlimmsten Fall an „alle“ – richten, nicht zielführend konzipieren, geschweige denn umsetzen lassen, liegt auf der Hand. Dennoch müssen Kultureinrichtungen ihrem Bildungsauftrag nachkommen und Zugänge für die gesamte Breite der Gesellschaft entwickeln. Das bedeutet aber weniger, dass mit einem Angebot alle erreicht werden können, als vielmehr, dass es unterschiedlicher, zielgruppenspezifischer Wege bedarf.

2. Die Zielgruppe aktiv kennen und verstehen lernen

Damit zielgruppenspezifische Angebote das Zielpublikum auch erreichen können, ist es zunächst unabdingbar, sich dort aufzuhalten, wo die Mitglieder der Zielgruppe präsent sind. Eine perfekt auf die Bedürfnisse der Zielgruppe hin entwickelte Anwendung wird diese nicht erreichen, wenn sie lediglich auf der Museumswebsite kommuniziert wird.

Aber auch schon in der Konzeptionsphase sollte mit dem Zielpublikum in den Austausch getreten und intensiv zugehört werden, welches die Themen und Bedürfnisse sind, aber auch welche Angebote und Medien regelmäßig genutzt werden. Je mehr man versteht, wie die Zielgruppe diese verwendet und welche Aspekte hieran als reizvoll wahrgenommen werden, desto mehr kann dieses Verständnis in die Entwicklung der Museums-Anwendungen eingesetzt werden.

3. Vorbilder finden und adaptieren

Von der Zielgruppe gerne und vielgenutzte Medien können als quasi indirektes Feedback betrachtet und als Inspiration für eigene Angebote genutzt werden. Voraussetzung ist es auch hier, dass der Zielgruppe zugehört wird und verstanden wurde, warum sie eine bestimmte Anwendung so schätzt: Sind beispielsweise die Inhalte ausschlaggebend für die Nutzung, können das Design und die Usability folglich nicht automatisch auch als Vorbild dienen. Statt einer Eins-zu-eins-Übertragung sollten vielmehr die medienspezifischen Eigenheiten genutzt werden, um Inhalte zielgruppengerecht zu vermitteln. So geht es beispielsweise in den sozialen Medien weniger darum, dass Museen vermeintlich humorvolle Videos ihrer Mitarbeiter*innen veröffentlichen sollten, sondern die Sprache und Trends nutzen sollten, um mit den eigenen Inhalten einen Mehrwert für die User*innen zu schaffen. Die kunsthistorische Bedeutung eines Werkes kann und soll dabei in den allermeisten Fällen nicht vollumfänglich vermittelt werden – Ziel ist es, eine Brücke zu der Lebensrealität der User*innen zu schaffen und ein erste Antwortmöglichkeit auf die Frage „Was hat denn Kunst eigentlich mit mir zu tun?“ zu geben.

4. In den Austausch kommen

Austausch auf Augenhöhe sollte stets das A und O sein. Konstruktives und wertvolles Feedback kommt vor allem dann zustande, wenn die Mitglieder einer Zielgruppe wahr-, ernstgenommen und wertgeschätzt werden. Auch hierfür gilt es, einen langen Atem zu bewahren, nicht nur zu fordern, sondern auch zu geben. Immer wieder wird die Einbeziehung der Communities als kurzfristige Maßnahme einer Marketing-Strategie genutzt. So forderten auch Museen schon von User*innen einen relativ hohen Aufwand zu betreiben, um dann eine Freikarte für ein Museum zu erhalten, das sie ggf. aufgrund räumlicher Entfernung nicht besuchen können oder wollen. Warum sollten User*innen Feedback geben, wenn sich die Institution selbst nicht in Diskurse einbringt oder mit den Mitgliedern der Community interagiert?

Dazu zählt auch, dass die sozialen Medien nicht nur als Werbekanal für die eigenen Angebote genutzt, sondern auch hier bereits Mehrwerte generiert werden. Im Sinne des Community-Gedankens sollte es auch Museen in erster Linie darum gehen, wertvolle Inhalte zu vermitteln. Kommunikation auf Augenhöhe heißt hier auch, sich auf Plattformen einzulassen und Wissen für diejenigen bereitzustellen, die das gewählte Medium eben nicht verlassen wollen.

Drei junge Besucherinnen stehen vor einem Blumenstillleben und scheinen sich darüber auszutauschen. Im Vordergrund ist ein weiterer Besucher unscharf zu erkennen.

5. Wertschätzen

Feedback ist besonders dann wertvoll, wenn es nicht nur darum geht, verwertbare Zitate und Zahlen zu generieren, die Stakeholdern wie Förderern vorgelegt werden können, oder das Einholen von Feedback als Teil einer Marketing-Kampagne zu inszenieren,  sondern wenn die Institution wirklich daran interessiert ist, die Rückmeldungen zu verstehen, einzuordnen und zu nutzen.

6. Einordnen

Jedes Feedback sollte wertgeschätzt und gewürdigt, nicht jedes aber direkt umgesetzt werden. Zur Einordnung steht zuallererst die Frage, ob das Feedback zu einem Angebot auch aus der dafür anvisierten Zielgruppe kam: Dass beispielsweise ein Ü65-Publikum wenig mit der Meme-Kultur anzufangen weiß oder eine nicht kunstinteressierte Person nur schwer Zugang zu einem wissenschaftlichen Forschungsangebot findet, ist nachvollziehbar, macht ein Angebot für die dafür vorgesehene Zielgruppe nicht weniger gut. Ähnlich verhält es sich mit anekdotischem Wissen: Ob Bekannte das Design attraktiv finden, man niemanden kennt, der Do it Yourself-Anleitungen umsetzt, oder man selbst sich eine andere Art von Informationsaufbereitung wünschen würde, sollte die Umsetzung eines Angebots nicht beeinflussen. Wir alle wissen, wie stark unsere Meinung zum common knowledge von den Personen, mit denen wir den Großteil unserer Zeit verbringen, geprägt wird. Gerade deshalb gilt es, die Personas der Zielgruppe sehr genau im Blick zu haben.

7. Feedback verwenden – Deutungshoheit abgeben

Das Einlassen auf Feedback aus den jeweiligen Communities ist in den allermeisten Museen glücklicherweise schon Normalität geworden. Damit wird immer auch ein Stück der ehemals im Museum verankerten Deutungshoheit abgegeben, was den Prozess für manche Häuser etwas schmerzvoller werden lässt: Der Fokus verlagert sich von dem, was ein Museum vermitteln möchte, hin zu dem, was die Zielgruppen interessiert.

8. Qualität versus Quantität

Quantität hilft, Einzelmeinungen von allgemeinen Empfindungen zu unterscheiden. Sie hilft auch, Indizien für Erfolg zu identifizieren, allerdings werden die Daten der digitalen Besucher*innen erst dann aussagekräftig, wenn sie richtig interpretiert werden: Ist die Verweildauer eines Angebots hoch, weil die gewünschte Information nicht auf Anhieb auffindbar war oder weil eine Seite besonders interessante Inhalte enthielt? Ist die Absprungrate hoch, weil die gewünschte Information sofort gefunden wurde, weil die Seite zu wenig Anreize bot, sich mit anderen Themen zu beschäftigen, oder gar weil das Konsumieren von Inhalten hier nur unter Anstrengungen möglich ist? Und der Klassiker: Werden bestimmte Angebote nicht mobil genutzt, weil die Zielgruppe hierfür nicht besteht, oder weil die Seite nicht optimal auf eine mobile first / only Nutzung eingestellt ist? Da qualitative Methoden wie die Arbeit mit Fokusgruppen wiederum die quantitativen Aspekte zu stark vernachlässigt, sind wir hier auf der Suche nach zielführenden und datensparsamen neuen Wegen.

9. Erwartungsmanagement und transparente Kommunikation

Was geschieht mit nachvollziehbarem Feedback, das aber nicht umgesetzt werden kann? Seit mehreren Monaten arbeiten wir intensiv an einem Tool, das sich im Prozess der Programmierung sehr viel komplexer darstellte, als zuvor vermutet. Zeitgleich zeigten User*innen-Testings, dass die Erwartungen hoch sind. Erwartungen, die begründet und nachvollziehbar sind, aber derzeit technisch nicht umgesetzt werden können. Unser erster Impuls: Die Besucher*innen darüber informieren und offen kommunizieren, warum bestimmte Aspekte sind, wie sie sind. Aber müssen sich Besucher*innen mit den Herausforderungen von Museen auseinandersetzen oder sollten sie nicht einfach ihren digitalen Besuch genießen können?

10. Austausch jenseits des musealen Kontextes

Der Blick nach außen bleibt wichtig. Auch wenn die Ressourcen der Museen nicht mit denen der freien Wirtschaft mithalten können, erscheinen museale Angebote auf den verschiedenen Plattformen, Suchmaschinen und Kanälen neben kommerziellen Angeboten und müssen sich entsprechend an diesen messen lassen. Spätestens mit der Pandemie sind die Ansprüche der User*innen nochmals signifikant gestiegen: Von Suchen in Online-Sammlungen wird die gleiche Trefferqualität wie von Google erwartet und die übrigen Seiten sollten unbedingt so user*innenfreundlich wie die großer Konzerne sein. Und auch, wenn Museen das in den allermeisten Fällen nicht leisten können, ist es wichtig, diesen Anspruch zu verinnerlichen. Schließlich sind das die Angebote, mit denen Museen konkurrieren: Will Persona X lieber eine Serie streamen, sich mit einer App die Sprachkenntnisse vertiefen oder mit der Kunsthalle in die Tiefen der Geschichten ihrer Sammlung eintauchen?

11. Mit Feedback zur Nachhaltigkeit

Unerlässlich für die Planungen schon in der Konzeptionsphase: Das neue Angebot wird auch langfristig Ressourcen binden. Ohne das kontinuierliche Einholen, Auswerten und Arbeiten mit dem User*innenfeedback sind die Angebote schnell überholt und werden nicht mehr genutzt. Auch deshalb sollten sie von vornherein auf einen continuous relaunch ausgelegt sein.

In diesem Sinne: Wir werden nicht müde, zu fragen, was wir in unserer digitalen Kommunikation, in unseren digitalen Angeboten und auch insgesamt besser machen können. Hinter den Kulissen arbeiten wir an neuen Wegen, wie wir Feedback, Meinungen, Empfindungen, Wünsche und Bedürfnisse effektiver und zielführender einholen können. Für heute bleibt der Wunsch in den Kommentaren zu lesen, was Sie und Ihr denkt! Und wer es anonymer mag: Gerne auch per Mail an digital@kunsthalle-karlsruhe.de

Tabea Schwarze, 9. August 2022

Feedbackkultur leben, lieben, nutzen

Ob Onlineshopping, Servicehotline oder Ärzt*innenbesuch – die Bitte um Feedback ist allgegenwärtig. Auch für die (Weiter-)Entwicklung digitaler Angebote von Museen sollte dies Grundlage sein.

1. Ziele setzen und Zielgruppen definieren

Gerade in Museen steht oft das vermeintliche Ziel, alle erreichen zu wollen, im Fokus. Dass sich Angebote, die sich an eine zu große Zielgruppe – im schlimmsten Fall an „alle“ – richten, nicht zielführend konzipieren, geschweige denn umsetzen lassen, liegt auf der Hand. Dennoch müssen Kultureinrichtungen ihrem Bildungsauftrag nachkommen und Zugänge für die gesamte Breite der Gesellschaft entwickeln. Das bedeutet aber weniger, dass mit einem Angebot alle erreicht werden können, als vielmehr, dass es unterschiedlicher, zielgruppenspezifischer Wege bedarf.

2. Die Zielgruppe aktiv kennen und verstehen lernen

Damit zielgruppenspezifische Angebote das Zielpublikum auch erreichen können, ist es zunächst unabdingbar, sich dort aufzuhalten, wo die Mitglieder der Zielgruppe präsent sind. Eine perfekt auf die Bedürfnisse der Zielgruppe hin entwickelte Anwendung wird diese nicht erreichen, wenn sie lediglich auf der Museumswebsite kommuniziert wird.

Aber auch schon in der Konzeptionsphase sollte mit dem Zielpublikum in den Austausch getreten und intensiv zugehört werden, welches die Themen und Bedürfnisse sind, aber auch welche Angebote und Medien regelmäßig genutzt werden. Je mehr man versteht, wie die Zielgruppe diese verwendet und welche Aspekte hieran als reizvoll wahrgenommen werden, desto mehr kann dieses Verständnis in die Entwicklung der Museums-Anwendungen eingesetzt werden.

Das Bild zeigt eine Architekturzeichnung. Darüber steht der Schriftzug Architektur neu erleben und das Logo der Kunsthalle Karlsruhe

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Einen Einblick in die ausführlichen Daten gibt ein kurzes Video, das auf dem YouTube-Kanal von Coding Da Vinci angesehen werden kann.

3. Vorbilder finden und adaptieren

Von der Zielgruppe gerne und vielgenutzte Medien können als quasi indirektes Feedback betrachtet und als Inspiration für eigene Angebote genutzt werden. Voraussetzung ist es auch hier, dass der Zielgruppe zugehört wird und verstanden wurde, warum sie eine bestimmte Anwendung so schätzt: Sind beispielsweise die Inhalte ausschlaggebend für die Nutzung, können das Design und die Usability folglich nicht automatisch auch als Vorbild dienen. Statt einer Eins-zu-eins-Übertragung sollten vielmehr die medienspezifischen Eigenheiten genutzt werden, um Inhalte zielgruppengerecht zu vermitteln. So geht es beispielsweise in den sozialen Medien weniger darum, dass Museen vermeintlich humorvolle Videos ihrer Mitarbeiter*innen veröffentlichen sollten, sondern die Sprache und Trends nutzen sollten, um mit den eigenen Inhalten einen Mehrwert für die User*innen zu schaffen. Die kunsthistorische Bedeutung eines Werkes kann und soll dabei in den allermeisten Fällen nicht vollumfänglich vermittelt werden – Ziel ist es, eine Brücke zu der Lebensrealität der User*innen zu schaffen und ein erste Antwortmöglichkeit auf die Frage „Was hat denn Kunst eigentlich mit mir zu tun?“ zu geben.

Kunstwerke anders gedacht

Coding Da Vinci ist eine andere, eine neue Art der Kunstvermittlung. Während die klassische Kunstvermittlung vor allem durch die kunsthistorischen Interpretationen der Werke geprägt ist, geht es beim Kulturhackathon um das Gegenteil. Ähnlich wie beim Digital-Projekt Art of  der Kunsthalle werden die Teilnehmer*innen dazu eingeladen, die Daten bzw. Kunstwerke auf eine ganz neuartige Weise zu interpretieren und in neue Kontexte zu setzen.

Aufgrund dieser intensiven Auseinandersetzung kann sowohl Coding Da Vinci, als auch die Projektergebnisse als eine Form der Vermittlung angesehen werden – von der nicht nur die Teilnehmer*innen, sondern sicherlich auch die Institutionen in hohem Maße profitieren können.

Auch bei den Piranesi-Daten der Kunsthalle konnte eine große Diskrepanz des vorgestellten Inhaltes zu den später erarbeiteten Projekten festgestellt werden, die verdeutlicht, wie facettenreich und alles andere als trivial Perspektiven und Interpretationen sind. So entstand aus der ursprünglichen Kunsthallen-Idee aus den Daten eine Art Erkennungs-App für Architektur-Elemente zu entwickeln, u. a. der Gedanke, ein Spiel zu entwickeln, in dem der Geist Piranesis durch seine Werkstatt führt. Letztendlich eine hervorragende und niederschwellige Form der Vermittlung des Projekts.

Ein Mann zeichnet auf ein großes Plakat und verbildlicht somit die vorgestellten Ideen der Veranstaltung.

4. In den Austausch kommen

Austausch auf Augenhöhe sollte stets das A und O sein. Konstruktives und wertvolles Feedback kommt vor allem dann zustande, wenn die Mitglieder einer Zielgruppe wahr-, ernstgenommen und wertgeschätzt werden. Auch hierfür gilt es, einen langen Atem zu bewahren, nicht nur zu fordern, sondern auch zu geben. Immer wieder wird die Einbeziehung der Communities als kurzfristige Maßnahme einer Marketing-Strategie genutzt. So forderten auch Museen schon von User*innen einen relativ hohen Aufwand zu betreiben, um dann eine Freikarte für ein Museum zu erhalten, das sie ggf. aufgrund räumlicher Entfernung nicht besuchen können oder wollen. Warum sollten User*innen Feedback geben, wenn sich die Institution selbst nicht in Diskurse einbringt oder mit den Mitgliedern der Community interagiert?

Dazu zählt auch, dass die sozialen Medien nicht nur als Werbekanal für die eigenen Angebote genutzt, sondern auch hier bereits Mehrwerte generiert werden. Im Sinne des Community-Gedankens sollte es auch Museen in erster Linie darum gehen, wertvolle Inhalte zu vermitteln. Kommunikation auf Augenhöhe heißt hier auch, sich auf Plattformen einzulassen und Wissen für diejenigen bereitzustellen, die das gewählte Medium eben nicht verlassen wollen.

Tabea Schwarze, 9. August 2022

Feedbackkultur leben, lieben, nutzen

Ob Onlineshopping, Servicehotline oder Ärzt*innenbesuch – die Bitte um Feedback ist allgegenwärtig. Auch für die (Weiter-)Entwicklung digitaler Angebote von Museen sollte dies Grundlage sein.

1. Ziele setzen und Zielgruppen definieren

Gerade in Museen steht oft das vermeintliche Ziel, alle erreichen zu wollen, im Fokus. Dass sich Angebote, die sich an eine zu große Zielgruppe – im schlimmsten Fall an „alle“ – richten, nicht zielführend konzipieren, geschweige denn umsetzen lassen, liegt auf der Hand. Dennoch müssen Kultureinrichtungen ihrem Bildungsauftrag nachkommen und Zugänge für die gesamte Breite der Gesellschaft entwickeln. Das bedeutet aber weniger, dass mit einem Angebot alle erreicht werden können, als vielmehr, dass es unterschiedlicher, zielgruppenspezifischer Wege bedarf.

Ausschnitt des Gemäldes "Ungleiches Liebespaar" von Hans Baldung, auf dem ein älterer Mann und eine junge Frau zu sehen sind.
Ungleiches Liebespaar: Hans Baldung, 1528
Der Ausschnitt des Gemäldes zeigt einen lachenden Zecher mit Weinglas, der lächelt und zuprostet.
Lachender Zecher mit Weinglas: Gerard von Honthorst – Umkreis, um 1620

2. Die Zielgruppe aktiv kennen und verstehen lernen

Damit zielgruppenspezifische Angebote das Zielpublikum auch erreichen können, ist es zunächst unabdingbar, sich dort aufzuhalten, wo die Mitglieder der Zielgruppe präsent sind. Eine perfekt auf die Bedürfnisse der Zielgruppe hin entwickelte Anwendung wird diese nicht erreichen, wenn sie lediglich auf der Museumswebsite kommuniziert wird.

Aber auch schon in der Konzeptionsphase sollte mit dem Zielpublikum in den Austausch getreten und intensiv zugehört werden, welches die Themen und Bedürfnisse sind, aber auch welche Angebote und Medien regelmäßig genutzt werden. Je mehr man versteht, wie die Zielgruppe diese verwendet und welche Aspekte hieran als reizvoll wahrgenommen werden, desto mehr kann dieses Verständnis in die Entwicklung der Museums-Anwendungen eingesetzt werden.

Ausschnitt eines Gemäldes von Hans Baldung, auf dem unter anderem Ritter in goldener Rüstung zu sehen sind.
Markgraf Christoph I. von Baden mit seiner Familie in Anbetung vor der Heiligen Anna Selbdritt: Hans Baldung, um 1510
Ausschnitt des Gemäldes "Elisabeth von Frankreich" von Frans Pourbus, auf dem man den Reifrock der Porträtierten sieht.
Elisabeth von Frankreich: Frans Pourbus, 1616
Ausschnitt des Gemüsestilllebens von Frans Synders, auf dem man im Hintergrund Bauern auf dem Feld erkennen kann.
Gemüsestillleben: Frans Snyders, um 1610

3. Vorbilder finden und adaptieren

Von der Zielgruppe gerne und vielgenutzte Medien können als quasi indirektes Feedback betrachtet und als Inspiration für eigene Angebote genutzt werden. Voraussetzung ist es auch hier, dass der Zielgruppe zugehört wird und verstanden wurde, warum sie eine bestimmte Anwendung so schätzt: Sind beispielsweise die Inhalte ausschlaggebend für die Nutzung, können das Design und die Usability folglich nicht automatisch auch als Vorbild dienen. Statt einer Eins-zu-eins-Übertragung sollten vielmehr die medienspezifischen Eigenheiten genutzt werden, um Inhalte zielgruppengerecht zu vermitteln. So geht es beispielsweise in den sozialen Medien weniger darum, dass Museen vermeintlich humorvolle Videos ihrer Mitarbeiter*innen veröffentlichen sollten, sondern die Sprache und Trends nutzen sollten, um mit den eigenen Inhalten einen Mehrwert für die User*innen zu schaffen. Die kunsthistorische Bedeutung eines Werkes kann und soll dabei in den allermeisten Fällen nicht vollumfänglich vermittelt werden – Ziel ist es, eine Brücke zu der Lebensrealität der User*innen zu schaffen und ein erste Antwortmöglichkeit auf die Frage „Was hat denn Kunst eigentlich mit mir zu tun?“ zu geben.

Ausschnitt des Gemäldes von Clara Peeters, auf dem man Blumen und Goldpokale erkennen kann.
Stilleben mit Blumen und Goldpokalen: Clara Peeters, 1612
Ausschnitt des Augenbetrüger-Stilllebens von Samuel van Hoogstraten mit vielerlei persönlicher Gegenstände.
Augenbetrüger-Stillleben: Samuel van Hoogstraten, 1666/78
Das Stillleben zeigt vor allem Jagdgeräte und ein totes Rebhuhn.
Stillleben mit Jagdgeräten und totem Rebhuhn: Willem van Aelst, 1668

4. In den Austausch kommen

Austausch auf Augenhöhe sollte stets das A und O sein. Konstruktives und wertvolles Feedback kommt vor allem dann zustande, wenn die Mitglieder einer Zielgruppe wahr-, ernstgenommen und wertgeschätzt werden. Auch hierfür gilt es, einen langen Atem zu bewahren, nicht nur zu fordern, sondern auch zu geben. Immer wieder wird die Einbeziehung der Communities als kurzfristige Maßnahme einer Marketing-Strategie genutzt. So forderten auch Museen schon von User*innen einen relativ hohen Aufwand zu betreiben, um dann eine Freikarte für ein Museum zu erhalten, das sie ggf. aufgrund räumlicher Entfernung nicht besuchen können oder wollen. Warum sollten User*innen Feedback geben, wenn sich die Institution selbst nicht in Diskurse einbringt oder mit den Mitgliedern der Community interagiert?

Dazu zählt auch, dass die sozialen Medien nicht nur als Werbekanal für die eigenen Angebote genutzt, sondern auch hier bereits Mehrwerte generiert werden. Im Sinne des Community-Gedankens sollte es auch Museen in erster Linie darum gehen, wertvolle Inhalte zu vermitteln. Kommunikation auf Augenhöhe heißt hier auch, sich auf Plattformen einzulassen und Wissen für diejenigen bereitzustellen, die das gewählte Medium eben nicht verlassen wollen.

Das Gemälde zeigt die schlichte Ansicht eines Stilllebens mit Pfirsichen und Schmetterling vor schwarzem Hintergrund.
Stillleben mit Pfirsichen und Schmetterling: Adriaen Coorte, um 1693/95
Abbildung eines Gemäldes von einer Waldlandschaft mit einem vom Blitz getroffenen Baum am Bildrand.
Waldlandschaft mit einer vom Blitz getroffenen Buche: Jan van Kessel, 1669

5. Wertschätzen

Feedback ist besonders dann wertvoll, wenn es nicht nur darum geht, verwertbare Zitate und Zahlen zu generieren, die Stakeholdern wie Förderern vorgelegt werden können, oder das Einholen von Feedback als Teil einer Marketing-Kampagne zu inszenieren,  sondern wenn die Institution wirklich daran interessiert ist, die Rückmeldungen zu verstehen, einzuordnen und zu nutzen.

Abbildung des Gemäldes "Blumenstrauß" von Rachel Ruysch. Zu sehen sind viele bunte Blumen vor dunklem Hintergrund.
Blumenstrauß: Rachel Ruysch, 1715
Ausschnitt aus einem Blumenstillleben.
Blumenstrauß: Jan van Huysum, 1714

6. Einordnen

Jedes Feedback sollte wertgeschätzt und gewürdigt, nicht jedes aber direkt umgesetzt werden. Zur Einordnung steht zuallererst die Frage, ob das Feedback zu einem Angebot auch aus der dafür anvisierten Zielgruppe kam: Dass beispielsweise ein Ü65-Publikum wenig mit der Meme-Kultur anzufangen weiß oder eine nicht kunstinteressierte Person nur schwer Zugang zu einem wissenschaftlichen Forschungsangebot findet, ist nachvollziehbar, macht ein Angebot für die dafür vorgesehene Zielgruppe nicht weniger gut. Ähnlich verhält es sich mit anekdotischem Wissen: Ob Bekannte das Design attraktiv finden, man niemanden kennt, der Do it Yourself-Anleitungen umsetzt, oder man selbst sich eine andere Art von Informationsaufbereitung wünschen würde, sollte die Umsetzung eines Angebots nicht beeinflussen. Wir alle wissen, wie stark unsere Meinung zum common knowledge von den Personen, mit denen wir den Großteil unserer Zeit verbringen, geprägt wird. Gerade deshalb gilt es, die Personas der Zielgruppe sehr genau im Blick zu haben.

Das Gemälde "Christus als Schmerzensmann" zeigt einen Mann mit nacktem und blutigem Oberkörper und Dornenkrone. Der Kopf wird von der Hand gestützt.
Christus als Schmerzensmann: Albrecht Dürer, um 1492/93
Abbildung des Gemäldes "Christus und Maria als Fürbitter der Menschheit vor Gottvater" von einem Oberschwäbischem Meister.
Christus und Maria als Fürbitter der Menschheit vor Gottvater: Oberschwäbischer Meister, 1519
Abbildung eines Flügelaltars, der die Auferstehung Christi und alttestamentarische Vorbilder zeigt.
Flügelaltar: Die Auferstehung Christi und alttestamentarische Vorbilder: Pieter Coecke van Aelst, um 1535

…, weil sie Geschichte vergegenwärtigen.

Sie machen uns mit Menschen der Vergangenheit bekannt, lassen uns zu Augenzeugen bedeutsamer Ereignisse werden und konfrontieren uns mit längst verschwundenen Landschaften und Bauwerken.

Zeichnung einer Schlacht auf dem Wasser, auf der man einige Segelschiffe während der Schlacht sieht.
Die Eroberung der Royal Prince während der viertägigen Schlacht 1666: Willem van de Velde, 1672
Gemälde einer historischen Ansicht des Antonispoort mit Menschen im Vordergrund und blauem Himmel
St. Anthonispoort, Amsterdam: Jan van der Heyden, um 1663

…, weil sie die Gegenwart als historisch entstanden zeigen.

Das, was heute ist, war nicht immer so und muss auch nicht so bleiben: Das gilt für moralische Ansichten ebenso wie für die Mode. Alte Bilder machen den ständigen Wandel der Zeiten sichtbar.

Abbildung des Gemäldes "Bildnis des Marschalls Charles-Auguste de Matignon". Er trägt eine Rüstung und hat einen Feldherrenstab in der Hand.
Bildnis des Marschalls Charles-Auguste de Matignon: Hyacinthe Rigaud, um 1708
Abbildung eines Bildnisses eines Herrn im Jagdkostüm. Seitlich ist ein Hund zu erkennen.
Bildnis eines Herrn im Jagdkostüm: Nicolas de Largillierre, um 1725–1727
Abbildung des Gemäldes "Madame de Vermenoux huldigt Apollo".
Madame de Vermenoux huldigt Apollo: Jean-Étienne Liotard, 1764

…, weil sie die ernsten Seiten des Lebens reflektieren.

Die Maler früherer Jahrhunderte haben nicht nur Schönheit, Anmut und Eleganz gefeiert. Sie haben auch Gewalt und Tod, Unterdrückung, Krieg und Katastrophen in den Blick genommen, oft auf drastische Weise.

Detailansicht des Überfalls auf einen Geleitzug. Man sieht Pferde und kämpfende Männer.
Überfall auf einen Geleitzug: Sebastian Vrancx, 1618
Abbildung des Gemäldes "Kampf zwischen Reitern und Fußvolk vor einer Befestigungsanlage", auf dem selbiges zu sehen ist.
Kampf zwischen Reitern und Fußvolk vor einer Befestigungsanlage: Philips Wouwerman, 1647

…, weil sie vergnüglich sind.

Das Spiegelei für die heilige Anna, die in den Messwein gefallene Spinne, der unglücklich verliebte Zyklop: Alte Bilder erzählen Geschichten, bisweilen grotesk und nicht selten amüsant.

Detailansicht des Lichtenthaler Altars, auf dem eine Küchenmagd bei der Zubereitung von Spiegelei zu sehen ist.
Geburt Mariens: Meister der Lichtenthaler Marienflügel, 1489
Detailausschnitt des Hohenlandenberger Altars, auf dem der Heilige Konrad mit einem Krug zu sehen ist, auf dem sich eine Spinne verirrt hat.
Hohenlandenberg Altar: Heiliger Konrad: Michael Haider (?), um 1500
Abbildung des Gemäldes "Polyphem und Galathea" mit Fokus auf dem unglücklich verliebten Zyklop.
Polyphem und Galathea: Joseph Werner, 1637
Tabea Schwarze, 9. August 2022

Feedbackkultur leben, lieben, nutzen

Ob Onlineshopping, Servicehotline oder Ärzt*innenbesuch – die Bitte um Feedback ist allgegenwärtig. Auch für die (Weiter-)Entwicklung digitaler Angebote von Museen sollte dies Grundlage sein.

1. Ziele setzen und Zielgruppen definieren

Gerade in Museen steht oft das vermeintliche Ziel, alle erreichen zu wollen, im Fokus. Dass sich Angebote, die sich an eine zu große Zielgruppe – im schlimmsten Fall an „alle“ – richten, nicht zielführend konzipieren, geschweige denn umsetzen lassen, liegt auf der Hand. Dennoch müssen Kultureinrichtungen ihrem Bildungsauftrag nachkommen und Zugänge für die gesamte Breite der Gesellschaft entwickeln. Das bedeutet aber weniger, dass mit einem Angebot alle erreicht werden können, als vielmehr, dass es unterschiedlicher, zielgruppenspezifischer Wege bedarf.

2. Die Zielgruppe aktiv kennen und verstehen lernen

Damit zielgruppenspezifische Angebote das Zielpublikum auch erreichen können, ist es zunächst unabdingbar, sich dort aufzuhalten, wo die Mitglieder der Zielgruppe präsent sind. Eine perfekt auf die Bedürfnisse der Zielgruppe hin entwickelte Anwendung wird diese nicht erreichen, wenn sie lediglich auf der Museumswebsite kommuniziert wird.

Aber auch schon in der Konzeptionsphase sollte mit dem Zielpublikum in den Austausch getreten und intensiv zugehört werden, welches die Themen und Bedürfnisse sind, aber auch welche Angebote und Medien regelmäßig genutzt werden. Je mehr man versteht, wie die Zielgruppe diese verwendet und welche Aspekte hieran als reizvoll wahrgenommen werden, desto mehr kann dieses Verständnis in die Entwicklung der Museums-Anwendungen eingesetzt werden.

3. Vorbilder finden und adaptieren

Von der Zielgruppe gerne und vielgenutzte Medien können als quasi indirektes Feedback betrachtet und als Inspiration für eigene Angebote genutzt werden. Voraussetzung ist es auch hier, dass der Zielgruppe zugehört wird und verstanden wurde, warum sie eine bestimmte Anwendung so schätzt: Sind beispielsweise die Inhalte ausschlaggebend für die Nutzung, können das Design und die Usability folglich nicht automatisch auch als Vorbild dienen. Statt einer Eins-zu-eins-Übertragung sollten vielmehr die medienspezifischen Eigenheiten genutzt werden, um Inhalte zielgruppengerecht zu vermitteln. So geht es beispielsweise in den sozialen Medien weniger darum, dass Museen vermeintlich humorvolle Videos ihrer Mitarbeiter*innen veröffentlichen sollten, sondern die Sprache und Trends nutzen sollten, um mit den eigenen Inhalten einen Mehrwert für die User*innen zu schaffen. Die kunsthistorische Bedeutung eines Werkes kann und soll dabei in den allermeisten Fällen nicht vollumfänglich vermittelt werden – Ziel ist es, eine Brücke zu der Lebensrealität der User*innen zu schaffen und ein erste Antwortmöglichkeit auf die Frage „Was hat denn Kunst eigentlich mit mir zu tun?“ zu geben.

4. In den Austausch kommen

Austausch auf Augenhöhe sollte stets das A und O sein. Konstruktives und wertvolles Feedback kommt vor allem dann zustande, wenn die Mitglieder einer Zielgruppe wahr-, ernstgenommen und wertgeschätzt werden. Auch hierfür gilt es, einen langen Atem zu bewahren, nicht nur zu fordern, sondern auch zu geben. Immer wieder wird die Einbeziehung der Communities als kurzfristige Maßnahme einer Marketing-Strategie genutzt. So forderten auch Museen schon von User*innen einen relativ hohen Aufwand zu betreiben, um dann eine Freikarte für ein Museum zu erhalten, das sie ggf. aufgrund räumlicher Entfernung nicht besuchen können oder wollen. Warum sollten User*innen Feedback geben, wenn sich die Institution selbst nicht in Diskurse einbringt oder mit den Mitgliedern der Community interagiert?

Dazu zählt auch, dass die sozialen Medien nicht nur als Werbekanal für die eigenen Angebote genutzt, sondern auch hier bereits Mehrwerte generiert werden. Im Sinne des Community-Gedankens sollte es auch Museen in erster Linie darum gehen, wertvolle Inhalte zu vermitteln. Kommunikation auf Augenhöhe heißt hier auch, sich auf Plattformen einzulassen und Wissen für diejenigen bereitzustellen, die das gewählte Medium eben nicht verlassen wollen.

5. Wertschätzen

Feedback ist besonders dann wertvoll, wenn es nicht nur darum geht, verwertbare Zitate und Zahlen zu generieren, die Stakeholdern wie Förderern vorgelegt werden können, oder das Einholen von Feedback als Teil einer Marketing-Kampagne zu inszenieren,  sondern wenn die Institution wirklich daran interessiert ist, die Rückmeldungen zu verstehen, einzuordnen und zu nutzen.

6. Einordnen

Jedes Feedback sollte wertgeschätzt und gewürdigt, nicht jedes aber direkt umgesetzt werden. Zur Einordnung steht zuallererst die Frage, ob das Feedback zu einem Angebot auch aus der dafür anvisierten Zielgruppe kam: Dass beispielsweise ein Ü65-Publikum wenig mit der Meme-Kultur anzufangen weiß oder eine nicht kunstinteressierte Person nur schwer Zugang zu einem wissenschaftlichen Forschungsangebot findet, ist nachvollziehbar, macht ein Angebot für die dafür vorgesehene Zielgruppe nicht weniger gut. Ähnlich verhält es sich mit anekdotischem Wissen: Ob Bekannte das Design attraktiv finden, man niemanden kennt, der Do it Yourself-Anleitungen umsetzt, oder man selbst sich eine andere Art von Informationsaufbereitung wünschen würde, sollte die Umsetzung eines Angebots nicht beeinflussen. Wir alle wissen, wie stark unsere Meinung zum common knowledge von den Personen, mit denen wir den Großteil unserer Zeit verbringen, geprägt wird. Gerade deshalb gilt es, die Personas der Zielgruppe sehr genau im Blick zu haben.

Ein Mann zeichnet auf ein großes Plakat und verbildlicht somit die vorgestellten Ideen der Veranstaltung.

…, weil sie Geschichte vergegenwärtigen.

Sie machen uns mit Menschen der Vergangenheit bekannt, lassen uns zu Augenzeugen bedeutsamer Ereignisse werden und konfrontieren uns mit längst verschwundenen Landschaften und Bauwerken.

Tabea Schwarze, 9. August 2022

Feedbackkultur leben, lieben, nutzen

Ob Onlineshopping, Servicehotline oder Ärzt*innenbesuch – die Bitte um Feedback ist allgegenwärtig. Auch für die (Weiter-)Entwicklung digitaler Angebote von Museen sollte dies Grundlage sein.

1. Ziele setzen und Zielgruppen definieren

Gerade in Museen steht oft das vermeintliche Ziel, alle erreichen zu wollen, im Fokus. Dass sich Angebote, die sich an eine zu große Zielgruppe – im schlimmsten Fall an „alle“ – richten, nicht zielführend konzipieren, geschweige denn umsetzen lassen, liegt auf der Hand. Dennoch müssen Kultureinrichtungen ihrem Bildungsauftrag nachkommen und Zugänge für die gesamte Breite der Gesellschaft entwickeln. Das bedeutet aber weniger, dass mit einem Angebot alle erreicht werden können, als vielmehr, dass es unterschiedlicher, zielgruppenspezifischer Wege bedarf.

Die Rückseite eines Werkes, die Rückschlüsse zu dessen Provenienz zulässt

2. Die Zielgruppe aktiv kennen und verstehen lernen

Damit zielgruppenspezifische Angebote das Zielpublikum auch erreichen können, ist es zunächst unabdingbar, sich dort aufzuhalten, wo die Mitglieder der Zielgruppe präsent sind. Eine perfekt auf die Bedürfnisse der Zielgruppe hin entwickelte Anwendung wird diese nicht erreichen, wenn sie lediglich auf der Museumswebsite kommuniziert wird.

Aber auch schon in der Konzeptionsphase sollte mit dem Zielpublikum in den Austausch getreten und intensiv zugehört werden, welches die Themen und Bedürfnisse sind, aber auch welche Angebote und Medien regelmäßig genutzt werden. Je mehr man versteht, wie die Zielgruppe diese verwendet und welche Aspekte hieran als reizvoll wahrgenommen werden, desto mehr kann dieses Verständnis in die Entwicklung der Museums-Anwendungen eingesetzt werden.

Blick in die Säle der Sammlung der Kunsthalle Karlsruhe. Die Wände sind hellgrün und an den Wänden hängen Gemälde

3. Vorbilder finden und adaptieren

Von der Zielgruppe gerne und vielgenutzte Medien können als quasi indirektes Feedback betrachtet und als Inspiration für eigene Angebote genutzt werden. Voraussetzung ist es auch hier, dass der Zielgruppe zugehört wird und verstanden wurde, warum sie eine bestimmte Anwendung so schätzt: Sind beispielsweise die Inhalte ausschlaggebend für die Nutzung, können das Design und die Usability folglich nicht automatisch auch als Vorbild dienen. Statt einer Eins-zu-eins-Übertragung sollten vielmehr die medienspezifischen Eigenheiten genutzt werden, um Inhalte zielgruppengerecht zu vermitteln. So geht es beispielsweise in den sozialen Medien weniger darum, dass Museen vermeintlich humorvolle Videos ihrer Mitarbeiter*innen veröffentlichen sollten, sondern die Sprache und Trends nutzen sollten, um mit den eigenen Inhalten einen Mehrwert für die User*innen zu schaffen. Die kunsthistorische Bedeutung eines Werkes kann und soll dabei in den allermeisten Fällen nicht vollumfänglich vermittelt werden – Ziel ist es, eine Brücke zu der Lebensrealität der User*innen zu schaffen und ein erste Antwortmöglichkeit auf die Frage „Was hat denn Kunst eigentlich mit mir zu tun?“ zu geben.

Newsletter

Auch während der sanierungsbedingten Schließung informieren wir Sie hier über die Geschehnisse hinter den Kulissen der Kunsthalle.