Florian Trott, 30. Dezember 2021

Ein Blick zurück nach vorne

Ein Jahresrückblick ist immer auch eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich erinnere mich, als ich vor bald 20 Jahren meinen ersten privaten Blog gestartet habe, an eine Art Fragebogen, der seinerzeit in Blogs beliebt war.

Es ging anhand von sehr konkreten Aspekten um einen Überblick, wie das zurückliegende Jahr denn so war, also ob man etwa ab- oder zugenommen hätte, welche Dinge man zum ersten Mal in den vergangenen zwölf Monaten gemacht hatte, bis hin zur Frage nach dem besten Buch, das man gelesen hatte.

Doch wie sieht ein Jahresrückblick aus, der für ein Museum verfasst wird? Vor allem, wenn man sich am Ende des zweiten Jahres einer Pandemie befindet, deren Ende wiederum noch nicht absehbar erscheint. Festhalten lässt sich, dass es allen Einschränkungen zum Trotz ein vielfältiges, herausforderndes und spannendes Jahr 2021 war. Die ersten Monate bargen Frustrationspotenzial, da wir mit François Boucher und Volle Kanne Kunst zwei fertig aufgebaute Ausstellungen im Haus hatten, die wir für einen analogen Besuch nicht öffnen konnten. Wir haben uns aber nicht entmutigen lassen und haben die Möglichkeiten, die das Digitale bietet, genutzt und neue Vermittlungsformate entwickelt.

2021 konnten wir aber auch das 175-jährige Bestehen der Kunsthalle feiern und haben unserem Publikum die Ausstellungen Inventing Nature und Iss Mich präsentiert. Im Oktober haben wir dann mit einer vielfältigen wie außergewöhnlichen Abschiedswoche ein vorerst letztes analoges Feuerwerk gezündet und unserem Publikum vorläufig Adieu gesagt. Die baubedingte Schließzeit des Hauses hat begonnen, die in den nächsten Monaten ganz im Zeichen des Umzugs stehen wird. Die Vorbereitungen für die Verlagerung unseres Arbeitsortes mit allen Sammlungen, Büros und Werkstätten vom Hauptstandort und den Nebengebäuden der Kunsthalle in ein Interim hat uns nicht erst in den letzten Wochen, seit der Schließung des Hauses aber besonders intensiv beschäftigt.

Zwei Personen im Gespräch vor einem Gemälde in einem prunkvollen goldenen Rahmen
Das vorerst letzte analoge Feuerwerk: Die Abschiedswoche.

Auch hinter den Kulissen der Kunsthalle ist darüber hinaus wahnsinnig viel passiert: neue Kolleg*innen sind ins Haus gekommen, wir konnten unsere Sammlung durch zahlreiche Werke erweitern und wir haben intensiv an neuen digitalen Angeboten gearbeitet, die im kommenden Jahr online gehen werden.

Auch ich persönlich habe 2021 eine Menge lernen dürfen. An erster Stelle sind die Pandemie und die damit verbundenen Unsicherheiten und Herausforderungen zu nennen. Ich denke hier nicht nur an die vielen Maßnahmen, die für einen reibungslosen und für alle Besucher*innen und Kolleg*innen gut organisierten Alltag im Museum geplant und umgesetzt werden müssen, sondern auch, was es bedeutet, in diesen Zeiten einen Museumsumzug vorzubereiten und dabei erleben zu müssen, wie der derzeit allgemein vorherrschende Material- und Ressourcenmangel alle Planungen über den Haufen wirft. Wir haben uns als Team weiterentwickelt: Es wird mobil gearbeitet, was wiederum die Notwendigkeit einer gut organisierten und funktionierenden internen Kommunikation noch einmal unterstreicht. Dies gilt vor allem mit Blick auf die vielen Veränderungen, vor denen die Kunsthalle steht; nicht alle können mit den damit verbundenen Herausforderungen und Unsicherheiten gleich gut umgehen. Es knirscht gelegentlich und Emotionen können hochkochen. Das ist allzu menschlich, aber mir ist in den zurückliegenden Monaten klargeworden, dass die Veränderungsprozesse gut begleitet und moderiert werden müssen.

Ein schrecklicher Anlass – die Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen – führte dazu, dass ich mich mit Fragen des Hochwasserschutzes am Interimsgebäude beschäftigen musste. Die Katastrophe hat auch die Solidarität, die zwischen Museen besteht, gezeigt. Ich bin dankbar, dass wir hier als Kunsthalle einen ganz kleinen Beitrag leisten konnten.

Das Ende des Jahres ist auch ein guter Zeitpunkt zum Innehalten und zum Dank – an unsere Besucher*innen, Partner*innen und Förder*innen, an das Land Baden-Württemberg und selbstverständlich an das gesamte Team der Kunsthalle. Das kommende Jahr wird herausfordernd und noch mehr Veränderungen bringen – gemeinsam werden wir das meistern und freuen uns schon sehr darauf Sie und Euch alle digital mitzunehmen! Wie ist Ihr und Euer Resümee des Kultur-Jahres 2021?

Florian Trott, 30. Dezember 2021

Ein Blick zurück nach vorne

Ein Jahresrückblick ist immer auch eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich erinnere mich, als ich vor bald 20 Jahren meinen ersten privaten Blog gestartet habe, an eine Art Fragebogen, der seinerzeit in Blogs beliebt war.

Es ging anhand von sehr konkreten Aspekten um einen Überblick, wie das zurückliegende Jahr denn so war, also ob man etwa ab- oder zugenommen hätte, welche Dinge man zum ersten Mal in den vergangenen zwölf Monaten gemacht hatte, bis hin zur Frage nach dem besten Buch, das man gelesen hatte.

Doch wie sieht ein Jahresrückblick aus, der für ein Museum verfasst wird? Vor allem, wenn man sich am Ende des zweiten Jahres einer Pandemie befindet, deren Ende wiederum noch nicht absehbar erscheint. Festhalten lässt sich, dass es allen Einschränkungen zum Trotz ein vielfältiges, herausforderndes und spannendes Jahr 2021 war. Die ersten Monate bargen Frustrationspotenzial, da wir mit François Boucher und Volle Kanne Kunst zwei fertig aufgebaute Ausstellungen im Haus hatten, die wir für einen analogen Besuch nicht öffnen konnten. Wir haben uns aber nicht entmutigen lassen und haben die Möglichkeiten, die das Digitale bietet, genutzt und neue Vermittlungsformate entwickelt.

2021 konnten wir aber auch das 175-jährige Bestehen der Kunsthalle feiern und haben unserem Publikum die Ausstellungen Inventing Nature und Iss Mich präsentiert. Im Oktober haben wir dann mit einer vielfältigen wie außergewöhnlichen Abschiedswoche ein vorerst letztes analoges Feuerwerk gezündet und unserem Publikum vorläufig Adieu gesagt. Die baubedingte Schließzeit des Hauses hat begonnen, die in den nächsten Monaten ganz im Zeichen des Umzugs stehen wird. Die Vorbereitungen für die Verlagerung unseres Arbeitsortes mit allen Sammlungen, Büros und Werkstätten vom Hauptstandort und den Nebengebäuden der Kunsthalle in ein Interim hat uns nicht erst in den letzten Wochen, seit der Schließung des Hauses aber besonders intensiv beschäftigt.

Florian Trott, 30. Dezember 2021

Ein Blick zurück nach vorne

Ein Jahresrückblick ist immer auch eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich erinnere mich, als ich vor bald 20 Jahren meinen ersten privaten Blog gestartet habe, an eine Art Fragebogen, der seinerzeit in Blogs beliebt war.

Es ging anhand von sehr konkreten Aspekten um einen Überblick, wie das zurückliegende Jahr denn so war, also ob man etwa ab- oder zugenommen hätte, welche Dinge man zum ersten Mal in den vergangenen zwölf Monaten gemacht hatte, bis hin zur Frage nach dem besten Buch, das man gelesen hatte.

Doch wie sieht ein Jahresrückblick aus, der für ein Museum verfasst wird? Vor allem, wenn man sich am Ende des zweiten Jahres einer Pandemie befindet, deren Ende wiederum noch nicht absehbar erscheint. Festhalten lässt sich, dass es allen Einschränkungen zum Trotz ein vielfältiges, herausforderndes und spannendes Jahr 2021 war. Die ersten Monate bargen Frustrationspotenzial, da wir mit François Boucher und Volle Kanne Kunst zwei fertig aufgebaute Ausstellungen im Haus hatten, die wir für einen analogen Besuch nicht öffnen konnten. Wir haben uns aber nicht entmutigen lassen und haben die Möglichkeiten, die das Digitale bietet, genutzt und neue Vermittlungsformate entwickelt.

2021 konnten wir aber auch das 175-jährige Bestehen der Kunsthalle feiern und haben unserem Publikum die Ausstellungen Inventing Nature und Iss Mich präsentiert. Im Oktober haben wir dann mit einer vielfältigen wie außergewöhnlichen Abschiedswoche ein vorerst letztes analoges Feuerwerk gezündet und unserem Publikum vorläufig Adieu gesagt. Die baubedingte Schließzeit des Hauses hat begonnen, die in den nächsten Monaten ganz im Zeichen des Umzugs stehen wird. Die Vorbereitungen für die Verlagerung unseres Arbeitsortes mit allen Sammlungen, Büros und Werkstätten vom Hauptstandort und den Nebengebäuden der Kunsthalle in ein Interim hat uns nicht erst in den letzten Wochen, seit der Schließung des Hauses aber besonders intensiv beschäftigt.

Videostill mit Einblicken aus der Arbeit der Kunstvermittlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
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Dieses Video entstand 2019.

Denn diese Zukunft beginnt nicht erst, wenn sich der Vorhang wieder an anderer Stelle hebt, im ZKM, in der Jungen Kunsthalle, in der Orangerie – und in einigen Jahren natürlich auch wieder in den ehrwürdigen Räumlichkeiten des Hauptgebäudes. Sie beginnt hier und jetzt. Sie ist schon in vollem Gange. Sie entwickelt sich Tag für Tag aus dem, was man über viele Jahre und noch einmal in diesen intensiven Wochen wahrnehmen konnte an Gewohnheiten, Zugangsarten, Bedürfnissen. Die Besuchsströme der Abschiedswoche haben unter Beweis gestellt, wie notwendig bauliche Veränderungen sind. Nicht zuletzt die Pandemie hat gezeigt, welche Rolle klimatische, energetische, lüftungstechnische Voraussetzungen des Museumsbaus spielen. Diese Ereignisse verdeutlichen aber auch, welche Potenziale die unterschiedlichsten Vermittlungsarten haben, analoge wie digitale.

Für die Kunstvermittlung bieten die Beobachtungen und Erfahrungen Orientierungshilfen bei Fragen, die täglich die Arbeit begleiten, aber in einer Umbruchphase wie der in der Kunsthalle anstehenden noch drängender sind: Was hat sich über lange Zeit bewährt und muss fortgeführt werden? Welche Angebote werden schon jetzt schmerzlich vermisst? Wie können wir sie ersetzen, erweitern? Wo und wie können wir auf veränderte und sich weiter verändernde Wahrnehmung und Nachfrage bei welchen Besucherinnen und Besuchern reagieren? Wo müssen Stellschrauben im Angebot justiert, wo können zusätzliche Formate geschaffen werden? Welche Möglichkeiten, für unser Publikum da zu sein, gibt es in einer Zeit, in der ein komplettes Haus mit allen Mitarbeitenden, Kunstwerken und der gesamten Infrastruktur umzieht?

Ja, viele Fragen sind offen, der Vorhang ist zu. Aber hinter dem Vorhang tut sich etwas. Es wird ausgeräumt, gepackt, sortiert, es werden Materialien und Gedanken geordnet. Denn all die Herausforderungen bieten auch enorme Chancen: Dinge anzupacken, auszuprobieren, mutig und risikofreudig zu sein. Und selbst genauso neugierig wie unser Publikum.

Denn wie aufregend im positiven Sinn ist es, über unser zukünftiges Haus nachzudenken, das dann mehr denn je in verschiedenen Orten bestehen wird. Orte, die völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen besitzen, die zur konstruktiven Auseinandersetzung über Vermittlungsformate anregen: Das brodelnde, architektonisch, akustisch und visuell so gänzlich anders als unsere gewohnten Räume funktionierende ZKM; die Orangerie mit ihrer ganz eigenen Raumwirkung und eigenen Möglichkeiten der Begegnung; die Junge Kunsthalle mit ihren Ausstellungs- und vor allem den Werkräumen, in denen Kunst auch produktiv erfahren wird. Und bis sich Türen wieder physisch öffnen, gilt es, intensiv an alternativen Kontaktmöglichkeiten für Kunst und Menschen zu arbeiten: in virtuellen Räumen und an anderen Orten als den altbekannten.

Wir freuen uns auf die kommenden Begegnungen. Die der alten Freunde, die sich lange nicht gesehen haben: Besucherinnen und Besucher und „ihre“ Werke. Die mit den „Neuen“ der Abschiedswoche, die ihren Fuß hoffentlich auch in die zukünftigen Gebäude setzen. Wir freuen uns auf die Neugier aller Besucherinnen und Besucher im digitalen und analogen Raum. Wir freuen uns auf viele Gespräche, gemeinsames Erkunden, Fragen, Wünsche, Reaktionen.

Der Vorhang wird schon zurechtgerückt, um sich für den nächsten Akt zu lüften!

Jana Mandrys, 25. Oktober 2021

Die Kunstbibliothek in Zahlen

Jährlich werden zum Tag der Bibliotheken die Orte der Wissenssicherung und -vermittlung gefeiert. Eine Auswahl unterschiedlichster Fakten rund um die Kunstbibliothek der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe gibt Einblick in diesen wichtigen Bereich des Kunstmuseums.

  • Die Kunstbibliothek der Kunsthalle besitzt knapp 180.000 Bände und zählt damit zu den großen öffentlich zugänglichen Museumsbibliotheken in Deutschland.
  • Die Medienbestände der Kunstbibliothek nehmen aktuell insgesamt eine Länge von ca. 3.300 Metern ein.
  • Neben Monografien, Kleinschriften, Ausstellungs- und Auktionskatalogen besitzt die Kunstbibliothek über 1.185 Zeitschriften. Aktuell bezieht sie über 110 nationale und 112 internationale Zeitschriften im Abonnement, 38 davon online.
  • Zum Bibliotheksbestand gehören auch kostbare illustrierte Bücher, die teilweise noch auf die Sammeltätigkeit der Markgräfin Karoline Luise von Baden aus dem 18. Jahrhundert zurückgehen.
  • Das älteste Buch, das in der Bibliotheksdatenbank nachgewiesen ist, stammt von 1498 und ist eine deutsche Ausgabe von Albrecht Dürers Die heimliche Offenbarung Johannis.
  • Das kleinste Buch ist 7 cm hoch. Eines der größten Bücher ist 90 x 65 cm groß.
  • Die Bibliothek steht mit über 250 anderen Museen und Institutionen in aktiven Tauschbeziehungen. Für Kunstbibliotheken ist dies auch wichtig, um den eigenen Buchbestand relevanter Publikationen auszubauen.
  • Der Bucherwerb und auch digitale Zugänge sind kostenintensiv. Die Kunstbibliothek bietet ihren Nutzer*innen trotzdem kostenfrei Zugang zu fünf Datenbanken: Allgemeines Künstlerlexikon, International Bibliography of Art, Prometheus, Grove Art (Oxford Art online) und artprice.com
  • Im Jahr 2020 wurden von den vier Mitarbeiterinnen 2.970 Titel in den Katalog des Südwestdeutschen Bibliotheksverbunds ein­ge­ge­ben.
  • Es wurden 102 Kartonagen für graue Literatur und Kleinschriften angefertigt. Als graue Literatur bezeichnet man Veröffentlichungen, die nicht über einen Verlag verlegt wurden, sondern häufig direkt von Autor*innen oder von Institutionen bezogen werden. Häufig handelt es sich um dünne Hefte, die von Kartonagen geschützt werden und erst durch diese im Regal am Rückentitel gut gefunden werden können.
  • Die Bibliothek wird nach dem Umzug der Kunsthalle in das Interimsgebäude knapp 1.100 qm Fläche einnehmen und weiterhin für Nutzer*innen geöffnet sein.

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Dr. Sebastian Borkhardt, 23. Juli 2021

Was uns blüht

Nach über einjähriger Wartezeit ist es endlich so weit: Die Kunsthalle eröffnet die infolge der Pandemie verschobene Ausstellung “Inventing Nature – Pflanzen in der Kunst”. Ein Aufatmen.

Eine idyllische Flusslandschaft, überwölbt von einer gigantischen Kuppelarchitektur. Eine faszinierende Vision, so schön wie verstörend. Nicht ohne Grund bildet die 2004 entstandene Fotomontage Kitka River des finnischen Künstlers Ilkka Halso das Titelmotiv der Ausstellung Inventing Nature – Pflanzen in der Kunst: Das Werk legt den Zwiespalt in unserem Verhältnis zur Natur offen, die wir existenziell benötigen, die uns mit ihren Wundern in Staunen versetzt – und die wir dennoch so stark gefährden, dass sie vielleicht einmal nur noch mithilfe solch schützender Konstruktionen zu überleben vermag.

Halsos Arbeit gibt aber auch Anlass, um über die Konstruiertheit des Naturbegriffes selbst nachzudenken. Beschleicht einen vor Kitka River deshalb so leicht ein Unbehagen, weil die Natur hier ihrer Natürlichkeit entledigt scheint? Aber wo hört Natur auf? Dort, wo menschliche Kultur beginnt? Steht Menschengemachtes außerhalb der Natur, ist es aus ihr hervorgegangen und über sie hinausgewachsen – oder doch immer Teil von ihr? Oder ist umgekehrt die Idee von „Natur“ am Ende eine Erfindung und damit Teil der Kultur?…

Abbildung des Werks "Kitka River" von Ilkka Halso

Inventing Nature lädt allerdings nicht bloß zu kritischer Hinterfragung ein. Die Schau vereint Werke aus der historischen Sammlung der Kunsthalle mit zeitgenössischen Positionen und erzählt Geschichten von Abhängigkeit und Aneignung, Herrschaft und Zerstörung, aber auch von Entdeckerlust und Fantasie, Ehrfurcht und Magie, von Abstraktion und Einfühlung. Die Ausstellung feiert die Diversität, den Ausdruck, die Sinnlichkeit und Erfindungskraft, die Kunst und Natur gemeinsam sind. Sie beleuchtet die mannigfaltigen Zugänge zu Pflanzen in der Kunst über fünf Jahrhunderte hinweg.

Bereits Ende Mai 2020 hätte Inventing Nature eröffnet werden sollen. Hätte. Die Präsentation der inhaltlich so gut wie abgeschlossenen Blütenlese wurde aufgrund der Coronakrise verschoben. Das Ausstellungsthema legte indessen noch an Bedeutungsgewicht zu: Nicht nur wurden Verbindungen zwischen dem ökologischen Versagen unserer Zeit und dem Auftauchen des Virus hergestellt. Auch flüchteten sich viele, die die Möglichkeit dazu hatten, in die tröstenden Arme von Mutter Natur. Ich gehörte zu ihnen – und folgte den Worten der Dichterin Hilde Domin: „Vertraue dich dem Obstbaum an.“

Die Beschäftigung mit Pflanzen in der Kunst ließ mich Landschaft und Vegetation in meiner Umgebung neu wahrnehmen. Mit der Kamera meines Handys versuchte ich das bizarre Linienspiel kahler Äste, die plastische Qualität schneebedeckter Nadelbäume und die sprießenden Farben des Frühlings festzuhalten. Näheres Hinsehen führte zur feineren Unterscheidung und zu Einsichten in botanische Zusammenhänge – Erfahrungen, die wiederum meinen Blick auf unsere Ausstellung formten. Hatte ich Hans Thomas Ölstudie Gräser zwischen Felsen von 1863 bislang kaum Beachtung geschenkt, so begann ich eine ungeahnte Sympathie für das Werk zu empfinden: unscheinbare Gewächse, die der Maler für wert befand, im Bild bewahrt zu werden. Gewiss werden auch manche Besucher*innen von Inventing Nature mit einer neuen Sensibilität an die Exponate herantreten und sie in einem anderen Licht betrachten als sie es noch vor einem Jahr getan hätten.

Landschaftsgemälde von Hans Thoma, das zwei Felsen zeigt, zwischen denen Gräser wachsen

Die Ausstellungsvorbereitungen gingen während der Monate der Planungsunsicherheit weiter. So wurden in regem Austausch mit dem Naturkundemuseum und dem Botanischen Garten dreizehn Hochbeete entwickelt, die seit diesem Juni das Bild der Karlsruher Innenstadt prägen: Als Botschafter für Inventing Nature und die Begleitausstellung Iss mich! Obst und Gemüse in der Kunst der Jungen Kunsthalle künden sie von dem engen Band zwischen Natur und Kunst. Endlich waren die ersten Früchte unserer Arbeit sichtbar!

Mitte Juli hielten wir dann den gedruckten Katalog in unseren Händen – und atmeten auf. Welche Erleichterung auch, als wir in den vergangenen Wochen beim Aufbau in den Galerieräumen das stetige Wachsen der Ausstellung erlebten. Dass sie nun der ursprünglichen Konzeption entsprechend stattfinden kann, ist nicht zuletzt den Künstler*innen und Leihgeber*innen zu verdanken, die unser Vorhaben trotz wiederholt angepasster Laufzeit weiterhin unterstützten.

Durch die Verlegung auf den Sommer 2021 wurde Inventing Nature zur Jubiläumsausstellung: Mit ihr begeht die Kunsthalle in diesem Jahr ihren 175. Geburtstag – bevor das Hauptgebäude wegen der anstehenden Sanierung für mehrere Jahre geschlossen wird. Wer auf dem Weg zur Ausstellung im repräsentativen Treppenhaus seinen Blick durch dieses Gesamtkunstwerk des Architekten Heinrich Hübsch schweifen lässt, wird vielleicht feststellen, dass Pflanzen bei der dekorativen Ausgestaltung des Baus reichlich Anregungen geliefert haben. Es empfiehlt sich, vor der Schließung auch hier den Spuren Floras einmal nachzuspüren.

Prof. Dr. Pia Müller-Tamm, 1. Juli 2021

Die Kunsthalle zwischen Tradition und Wandel

Museen sind unvergänglich. Im Allgemeinen verabschieden sich Museen nicht einfach aus der Öffentlichkeit. Sie sind äußerst langlebige Institutionen. Museen haben für viele Menschen etwas mit „Ewigkeit“ und „ewigen Werten“ zu tun; sie überstehen Kriege und überleben Krisen.

Museen sind innovativ

Jede Generation stellt neue Aufgaben an die Institution; Künstler*innen formulieren mit ihren Werken neue Herausforderungen, auf die das Museum adäquate Antworten finden muss. Das Museum soll sich vor der Öffentlichkeit – dem eigentlichen Souverän – fortwährend legitimieren. Es muss „Relevanz“ und Zeitgenossenschaft unter Beweis stellen, ja, Museen sind in gewisser Weise Barometer für das Selbstverständnis der Zivilgesellschaft. Museen sind also gleichzeitig stabil und wandlungsfähig – ein Paradox?

Kunsthalle – 175 Jahre jung

Nein, denn mit Blick auf die Kunsthalle gilt beides: Sie befindet sich in einem umfassenden Transformationsprozess, sie stellt die Weichen für die institutionelle Zukunft, und sie gestaltet diesen Prozess im Wissen um ihr historisch gewachsenes Profil, um ihre bedeutende Sammlung und um ihren ideellen und materiellen Reichtum. 175 Jahre verpflichten! Die Kunsthalle steht vor dem Beginn einer mehrjährigen Schließzeit. Ende Oktober 2021 wird das Hauptgebäude seine Pforten schließen, um behutsam und dennoch umfassend saniert zu werden. Gerade am Ende eines Jahres mit diversen Öffnungs- und Schließungsszenarien, mit hygienetechnischen Einschränkungen und verordneter Distanz zu unseren Besucher*innen stehen uns die Gründe für die geplanten Maßnahmen deutlich vor Augen. In dieser Situation kann man von Glück sprechen, wenn das Museumsleben weiter geht – wenn auch unter verändertem Vorzeichen.

Zukunft im ZKM

Wir sind überaus dankbar, dass Peter Weibel der Kunsthalle im ZKM eine interimistische Bleibe angeboten hat – eine großartige Chance, die Sammlung öffentlich zugänglich zu halten und sie völlig neu zu präsentieren. Ab September 2022 proben wir den Kontextwechsel: die alte und die neue Kunst in den starken Hallen des ZKM – ein Experiment für uns, aber vor allem ein Gewinn für die Besucher*innen, die sich auf eine ihnen vertraute Sammlung mit einigen neuen Akzenten freuen dürfen.

Daniela Sistermanns im Gespräch mit Nina Setzler, 19. März 2021

Neustart im Aufbruch

Sie tritt ihren neuen Job mitten im Lockdown an und wechselt von einem zeitgenössischen Museum an ein Haus mit vielen alten Meistern – das bald wieder schließen muss. Warum die neue Kommunikationschefin Daniela Sistermanns trotzdem guter Dinge ist, verriet sie im Interview mit der Gründerin des Stadtmagazins Karlsruhepuls, Nina Setzler.

Wie starten Sie in diese neue Position in Karlsruhe?

In der Pandemie eine neue Stelle anzutreten ist besonders: Die neuen Kolleg*innen lerne ich überwiegend digital kennen, zudem war das Museum zu, als ich hier ankam. Zunächst beschäftigte mich deshalb die Frage, wie wir die exzellente Schau zum französischen Rokoko-Künstler François Boucher sichtbar machen können, die seit Mitte November in den Startlöchern stand. Durch die Lockerungen in der Corona-Verordnung konnten wir sie dann am 9. März erstmals öffnen – ohne Pressekonferenz und Eröffnungsfeier, aber mit vielen glücklichen Besucher*innen. Unsere Telefone und der Online-Shop glühen seither und die Tickets sind zwei Wochen im Voraus vergriffen. Offenbar haben sich alle auf Boucher gefreut, das ist ein tolles Gefühl!

Derweil stellen wir die Weichen für ein neues, spannendes Projekt: 2014 konnten in der Kunsthalle Karlsruhe zwei Alben mit knapp 300 Zeichnungen dem römischen Radierer, Architekten und Gelehrten Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) und seiner Werkstatt zugeordnet werden. Unter dem Titel Piranesi digital wollen wir diese Alben nun ins Digitale übersetzen und als Wissenschaftsdatenbank samt Vermittlungsplattform erstmals einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Erst der Lockdown, dann soll die Kunsthalle später in 2021 wegen Umbauarbeiten schließen. Wie arbeiten Sie, wenn es keine Ausstellungen gibt?

Glücklicherweise darf die Kunsthalle während ihrer Schließzeit im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien zu Gast sein und präsentiert dort einen Teil ihrer Sammlung. Das wird einen großen Stellenwert innerhalb der Kommunikation einnehmen. In einem Museum, das seinen Hauptstandort wegen Sanierungsarbeiten schließen muss, ist die Abteilung Kommunikation eines der wichtigsten Verbindungsstücke zu den Besucher*innen. Das weiß ich aus Erfahrung, denn ich habe bereits eine Schließzeit des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig kommunikativ begleitet.

Für die Kunsthalle Karlsruhe gilt: Es wird eine große und aufregende Herausforderung für das Team, ein geschlossenes Museum über Jahre hinweg präsent zu halten. Wir informieren unser Publikum über diesen Umbruchprozess und nehmen es mit hinter die Kulissen dieser besonderen Phase. Dabei wird die digitale Form sicher eine große Rolle spielen, aber es müssen auch andere innovative Wege gefunden werden, einen Museumsbesuch zu ermöglichen, obwohl der Ort vorerst nicht betretbar ist.

Sie waren zuvor im Marta Herford tätig. Inwiefern hat Sie der Sprung von einem zeitgenössischen Museum in ein Haus mit vielen alten Meistern gereizt? Oder macht das für die Kommunikationsarbeit gar keinen Unterschied?

Im Grunde gehört mein Herz den alten Meistern. Bereits während meines Studiums der Kunstgeschichte habe ich mich intensiv mit der italienischen Renaissance, dem Manierismus und mit altniederländischer Malerei beschäftigt. Nach einem Forschungsaufenthalt in Rom begleiteten mich diese Themen auch als Mitarbeiterin des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig, bevor ich die Leitung der Öffentlichkeitsarbeit im Marta Herford – Museum für zeitgenössische Kunst, Architektur und Design – übernahm.

Mein Start hier in Karlsruhe fühlt sich an, als würde ich zu meinen Wurzeln zurückkehren. Was die Kunsthalle für mich besonders macht, ist die Vielfalt ihrer Sammlung und dass sie innerhalb des Ausstellungsprogramms immer wieder Brücken zwischen alten Meistern und zeitgenössischen Interventionen schlägt. Die Ausstellung Inventing Nature. Pflanzen in der Kunst greift diesen Ansatz ab dem 17. Juli ebenfalls auf.

Hinsichtlich der Frage nach dem Unterschied: Eine Kommunikationsstrategie kann nie von einem Museum auf ein anderes übertragen werden, denn sie hängt von zu vielen Faktoren ab: Welches Zielpublikum fühlt sich von den Themen und Werken angesprochen? Hat das Haus eine Dauerausstellung? Befindet sich das Museum in einer touristischen Region, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen ist?

Was die unterschiedlichen Epochen betrifft würde ich sagen, dass alle Werke gleichermaßen mit Herausforderungen zu kämpfen haben: Menschen, die keinen Zugang zur zeitgenössischen Kunst finden, weil sie ihnen kryptisch erscheint, schätzen vielleicht die malerische Präzision barocker Künstler*innen. Diese Werke setzen wiederum einen gewissen Kenntnisstand voraus. Sie wirken oft harmlos, stecken aber voller Symbole, die heute nicht mehr allseits bekannt sind.

Wenn etwa ein Künstler wie der Elsässer Sebastian Stoskopff ein Stillleben mit Gläsern und Pokalen komponiert, dann ging es ihm dabei nicht ausschließlich um eine Studie von Materialität, Transparenz und Lichtbrechung. Stillleben sind oft als Vanitas-Motive zu deuten, verweisen auf Krieg, Gefahr und Tod.

Porträt der Kommunikationsleiterin Daniela Sistermanns im Hauptgebäude der Kunsthalle Karlsruhe
Die Kunsthalle bietet eine Online-Ausstellung an, produziert YouTube-Clips, Instagram- und Facebook-Beiträge. Sind Sie auch auf Clubhouse unterwegs?

In der Tat hat die digitale Kommunikation bereits seit mehreren Jahren einen großen Stellenwert an der Kunsthalle Karlsruhe. Davon profitiert das Haus nicht nur während der Pandemie, sondern bestimmt auch in der bevorstehenden Schließzeit. Viele unserer digitalen Maßnahmen sind so angelegt, dass Besucher*innen sich intensiv mit den Werken einer Ausstellung auseinandersetzen können, ihnen aber auch auf ungewöhnliche Weise begegnen.

Unser Vermittlungsauftrag endet nicht nach Verlassen der Ausstellungsräume, sondern findet auch im Digitalen statt, um Barrieren abzubauen. Ins Clubhouse hat die Kunsthalle noch keinen Fuß gesetzt, denn wir prüfen jede neue Maßnahme unserer digitalen Strategie auf Nachhaltigkeit, Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit. Ob dieser audio-basierte Dienst ein geeignetes Format sein kann, finden wir bald heraus!

Welche Zielgruppe sprechen Sie mit der Öffentlichkeitsarbeit an? Macht sich durch die vielen Online-Aktivitäten ein Zugewinn an jungem Publikum bemerkbar?

Die Kommunikationsmaßnahmen eines Museums sollten breit aufgestellt und crossmedial gedacht werden, um unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen: Leute, die sich gern über Printmedien informieren ebenso wie die Digital Natives.

Mit kurzweiligen Kommunikationsmaßnahmen holen wir unsere Besucher*innen immer wieder ab. So erfahren sie bei Boucher in a nutshell, wie die Beauty-Routine im Rokoko aussah oder was Madame de Pompadour zur Mode-Ikone machte. Das interaktive Format Art of  will mit Psychotests, Collagen und Funfacts ganz bewusst ein nicht-museumsaffines Publikum ansprechen und zeigt, dass es verschiedene Wege gibt, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.

Klar, wenn man die Auswertungen einzelner Digitalmaßnahmen anschaut, tummelt sich hier eine jüngere Zielgruppe. Allerdings muss man innerhalb der Kanäle differenzieren, denn auf Facebook ist das Durchschnittsalter der Nutzer*innen in den letzten Jahren gestiegen, auf Instagram erreichen wir die vergleichsweise jüngste Zielgruppe.

Formate wie unser Blog, der Newsletter oder die Filme sprechen nicht nur ein primär junges Publikum an. Alle Maßnahmen sollten in eine sinnvolle Kommunikationsstrategie einbettetet sein, die so viele Besucher*innen wie möglich inkludiert.

Sie haben in Münster studiert, in Rom, Braunschweig und Herford gearbeitet. Wie ist ihr Verhältnis zu Karlsruhe?

Ich habe die Fächerstadt erst durch meinen Umzug hierher kennengelernt und bin begeistert. So viel Kunst und Kultur in einer Stadt mit 300.000 Einwohner*innen ist wirklich großartig und spricht für Karlsruhes Selbstverständnis. Ich freue mich darauf, meine neue Heimat Stück für Stück weiter kennenzulernen. Sobald die Corona-Beschränkungen es zulassen, möchte ich unbedingt das weitere Kulturangebot testen!

Dr. Sebastian Borkhardt, 12. Februar 2021

#MeinBlauerReiter

1911 riefen Wassily Kandinsky und sein Freund Franz Marc den Blauen Reiter ins Leben. Ein Meilenstein in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts. Ein Aufbruch – der inzwischen vielleicht zu sehr Gewohnheit geworden ist.

Ich beschäftige mich gern mit Kunst, die ihr Publikum herausfordert. Bei deren Anblick sich einem zuerst die Stirn in Falten legt, die weniger bestätigt als irritiert. Eine Zumutung im besten Sinne. Das Schaffen Wassily Kandinskys (1866–1944) und Franz Marcs (1880–1916) scheint nicht unbedingt in diese Kategorie zu gehören – nicht mehr. Marcs farbenfrohe Tiere wie die Drei Pferde am Waldwasser (1913) erfreuen sich in weiten Kreisen großer Beliebtheit. Sie sind gefällig. Zugegeben: Auch in meiner Wohnung weiden Pferde von Marc, freilich nur auf einem Poster.

Und Kandinsky? Wie alte Bekannte grüßen seine Motive von den Wänden so mancher guten Stube oder Zahnarztpraxis. Seine Improvisation 13 (1910) zählt zu den Highlights der Kunsthallen-Sammlung. Und doch macht das Gemälde seine Betrachter*innen sprachlos. Ein Bild, scheinbar ohne Gegenstand: Was soll man dazu sagen? Damit geht es den Menschen heute ähnlich wie denen vor über 100 Jahren. Aber die Reaktionen sind andere, weil sich auch die Sehgewohnheiten und Wertmaßstäbe verändert haben. Dass dem so ist, liegt nicht zuletzt an Kandinskys und Marcs Einsatz: Entschieden traten sie für ihre neuen Ideen ein. Mit Erfolg, trotz aller Widerstände.

Beim Schreiben meiner Doktorarbeit interessierte mich die Frage, wie man Kandinskys Abstraktion zu seiner Zeit in Deutschland begegnete. Als die Augen des Publikums noch nicht daran gewöhnt waren, als die meisten solche Kunst noch für befremdlich hielten. Die – neben Ignoranz – simpelste Form der Antwort fand ein Kritiker des Hamburger Fremdenblatts. 1913 ließ er sich über die „überlebensgroße Arroganz“ Kandinskys aus, dessen Bilder nichts weiter seien als „Pfuscherei“ und „Idiotismus“, ein „Farben- und Formenwahnsinn“. Auf diese Weise meinte der Autor, „diesen Russen Kandinsky rasch und ohne Aufregung erledigen [zu] können“ (hören Sie auch den nationalen Ton?). So klang Hate Speech im deutschen Kaiserreich.

Ausschnitt aus Franz Marcs Pferde am Waldwasser

Erledigt sind Kandinsky und Marc keineswegs, im Gegenteil. Ich möchte Werken wie der Improvisation 13 und den Drei Pferden am Waldwasser aber wünschen, dass man in ihnen zumindest ein Stück weit auch das sieht, was sie bei ihrer Entstehung waren: etwas Unerhörtes, ein radikaler Bruch mit gängigen Vorstellungen von einem Bild. Etwas, um das gerungen werden musste. Und schließlich: Etwas, das mehr sein will als Form und Dekoration, das eine tiefere Botschaft für uns hat. Marc selbst sprach von Symbolen, „die auf die Altäre der kommenden geistigen Religion gehören“. – Für die einen eine Offenbarung, für die anderen Betrug. Im Lichte dieser Auseinandersetzungen lässt sich die Bedeutung des Blauen Reiters erst ermessen.

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Blogparade #MeinBlauerReiter von Michael Stacheder entstanden.

Florian Trott, 29. Januar 2021

Ein Jahr der Ungewissheiten. Ein Jahr der Chancen!

Was für ein Jahr hätte es werden können bzw. sollen. Vor 175 Jahren wurde die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe eröffnet, für das Jubiläumsjahr waren viele Dinge in Planung: eine Jubiläumsausstellung, ein Symposium, natürlich auch ein großes Museumsfest und zahlreiche analoge wie digitale partizipative Projekte.

Das Jubiläum sollte gebührend gefeiert werden, schließlich sollte es auch eine Art Abschied auf Zeit werden. Ende 2021 stehen der Aus- und Umzug bevor, das Hauptgebäude der Kunsthalle wird grundlegend saniert und umstrukturiert.

Doch dann kam Corona – und alle Pläne wurden durcheinandergewirbelt. Zum Beginn des Jubiläumsjahres herrscht nach wie vor viel Ungewissheit. Wie alle anderen Museen und Kultureinrichtungen in Deutschland ist auch die Kunsthalle aktuell noch geschlossen. Wann der Shutdown endet, darüber lässt sich eigentlich nur spekulieren. Klar ist, der Museumsgeburtstag wird ganz anders gefeiert als gedacht und erhofft. Für ein Haus mit einer so langen Tradition ist das keine einfache Situation. In Museen wurde bisher ja sehr langfristig geplant. Große Ausstellungen haben oftmals eine mehrjährige Vorlaufzeit, die für wissenschaftlichen Vorarbeiten, die Objektrecherchen und die gesamten Planungen auch notwendig ist. Die Pandemie hat diese gewohnten Abläufe ins Wanken gebracht. Aber, die Kunsthalle hat diese Ausnahmesituation genutzt und ist dadurch auch ein Stück über sich selbst hinausgewachsen. Mit der Sonderpräsentation Systemrelevant? aus dem Sommer 2020 haben wir – wie nie zu vor – umgehend auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert und in Windeseile ein Projekt umgesetzt. Vielleicht sollte der Grundsatz „Einfach machen!“ auch in der musealen Arbeit öfter angewendet werden?

Die Pandemie wird in allen gesellschaftlichen Bereichen zum Teil gravierende Spuren hinterlassen, ich denke beispielsweise an Schulen und die Herausforderungen des Distanzunterrichts, an die wirtschaftlichen Folgen oder etwa an unser Miteinander allgemein. Auch für den Kulturbereich sind die Folgen noch nicht absehbar: Sparrunden werden anstehen, das Publikum will zurückgewonnen werden – und fundamentaler: über die Bedeutung und Relevanz von Kultur sollte grundsätzlich diskutiert werden. Welche Aufgaben kommen der Kultur unter den Bedingungen einer Pandemie, aber auch in einer sich verändernden Gesellschaft zu?

Die Pandemie hat aber auch Potenziale freigesetzt und Entwicklungen ermöglicht, die vorher nur schwer vorstellbar waren, auch in der Kunsthalle. Als Beispiele seien – so banal es klingen mag – digitale Workshops oder digitale Teammeetings genannt. „Vor Corona“ waren diese in der Kunsthalle keineswegs selbstverständlich. Diese erreichten Veränderungen müssen nicht nur beibehalten, sondern auch konsequent weiterentwickelt werden.

Die Kunsthalle wird – unabhängig davon, wie sich die Pandemie entwickelt – 2021 in die baubedingte Schließzeit gehen. Für das Haus ist das natürlich eine große Veränderung, aber noch mehr eine enorme Chance, die es zu nutzen gilt. In der Schließzeit werden wir uns als Team und im Austausch mit unterschiedlichsten Gruppen Gedanken darüber machen, wie wir uns die Kunsthalle der Zukunft vorstellen, wie wir uns neu positionieren und wie es gelingen kann, das Haus für neue Besucher*innen zu öffnen. Und wir werden uns noch stärken den digitalen Angeboten und Formaten zuwenden, um in der Bauphase unseren Bildungsauftrag in diesem Bereich gerecht werden zu können. Vorher gilt es aber, viele ganz praktische Fragen zu klären, die in dem Stichwort „Umzugslogistik“ gebündelt werden können. Es gibt viel zu tun!

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Blogparade #museumsforfuture von Jörn Brunotte entstanden. Er bildet zugleich den Auftakt für eine Blogreihe, in der wir regelmäßig vom aktuellen Planungsstand der Sanierung und Weiterentwicklung der Kunsthalle berichten und mit Ihnen und Euch in den Austausch treten wollen. Welche Themen und Fragestellungen interessieren Sie und Euch hierbei besonders?

Tabea Schwarze, 8. Dezember 2020

#femaleheritage – Die Markgräfin Karoline Luise von Baden

Die oftmals unzureichende Sichtbarkeit von Frauen in den unterschiedlichsten Bereichen von Kunst ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus getreten – einige Ausstellungen, Podiumsdiskussionen und Beiträge später hat sich Bewusstsein für diese Problematik erhöht – was als Beginn eines langen Prozesses gesehen werden kann.

Detail aus Liotards Pastellporträt der Markgräfin Karoline Luise, die an einer Staffelei sitzt.

Umso wichtiger, dass neben den politischen und gesellschaftlichen Debatten sich auch Museen und Kultureinrichtungen an dem Diskurs beteiligen und die Frauen aus ihren Häusern, ihrer Geschichte und ihren Sammlungen sichtbar machen – wie nun angeregt durch die Blogparade #femaleheritage der Monacensia.

Nicht nur im Bereich der produzierenden Künstlerinnen, auch im Feld der Kunstsammlerinnen ist einige Aufholarbeit zu leisten. Nicht zuletzt waren es häufig die Kunstsammlerinnen und Mäzeninnen, die Künstler*innen unterstützten und ihnen so deren Arbeit ermöglichten.

Und auch unsere Ausstellungsräume wären ohne die Markgräfin Karoline Luise von Baden heute nicht die Gleichen: Mit ihrer erstklassigen Kunstsammlung legte sie den Grundstein für unsere heutige Sammlung. Mit Anfang 20 lernte die Prinzessin – damals noch Karoline Luise von Hessen-Darmstadt – den gefeierten Porträtisten Jean-Étienne Liotard kennen, der sie nicht nur porträtierte, sondern ihr fortan auch Zeichenunterricht in Darmstadt gab. Die Gemälde ihrer Vorbilder studierte sie intensiv und kopierte sie mit großer Begeisterung – einige dieser Kopien befinden sich bis heute noch in der Kunsthallen-Sammlung.

Nach der Hochzeit mit Karl Friedrich von Baden zog Markgräfin Karoline Luise in das erst 1715 gegründete Karlsruhe. Neben der Kunst galt ihr Interesse der Literatur, der Historie, den Naturwissenschaften und der Medizin: So richtete sie sich im Karlsruher Schloss neben ihrem Malereikabinett auch eine beeindruckende Naturaliensammlung ein. Daneben besaß sie u.a. auch eine Kerzenfabrik und eine Papiermühle. Sie widmete sich intensiv ihren vielseitigen Interessen und verstand es exzellent, einige der wichtigsten Zeitgenossen um sich zu versammeln und mit ihnen in den Austausch zu treten. Mit großen Namen wie Boucher, Goethe und Voltaire, die sie in Karlsruhe besuchten, vor allem aber mit ihrem Intellekt, ihrem Verstand und ihren vielseitigen Begabungen trug sie dazu bei, dass Karlsruhe sich nur 50 Jahre nach seiner Gründung europaweit zu einem Zentrum der Wissenschaft und Künste entwickeln konnte.

Als sie 1759 Besuch von dem Kunsthändler Jean-Henri Eberts erhielt, war das der Beginn ihrer eigenen Tätigkeit als Kunstsammlerin. Mit ihrem ästhetischen Gespür und analytischen Verstand beauftragte sie die bedeutendsten Künstler ihrer Zeit, erwarb vor allem niederländische Meisterwerke des 17. Jahrhunderts sowie bedeutende französische Gemälde des 18. Jahrhunderts und baute innerhalb von rund 20 Jahren eine beeindruckende Kunstsammlung von über 200 Gemälden auf. Von Rembrandts Selbstbildnis über die von ihr beauftragten Schäferszenen François Bouchers bis hin zu Stillleben Rachel Ruyschs schuf sie eine persönliche wie exquisite Sammlung, deren Werke heute noch zu den Highlights der Kunsthallensammlung gehören.

Beeindruckend aus heutiger Perspektive ist nicht nur das Geschick, mit dem die Markgräfin die Künstler*innen für ihr „Mahlerey-Cabinett“ auswählte, sondern auch ihre vielseitigen und tiefgreifenden Interessen sowie ihr Vermögen, die wichtigen Intellektuellen und Künstler*innen ihrer Zeit um sich zu versammeln, ausgiebig zu reisen und so Zeit ihres Lebens ihrem unersättlichen Wissensdurst gerecht zu werden. All das brachte ihr schon früh den Spitznamen der hessischen Minerva ein.

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