Dr. Sebastian Borkhardt, 23. Juli 2021

Was uns blüht

Nach über einjähriger Wartezeit ist es endlich so weit: Die Kunsthalle eröffnet die infolge der Pandemie verschobene Ausstellung “Inventing Nature – Pflanzen in der Kunst”. Ein Aufatmen.

Eine idyllische Flusslandschaft, überwölbt von einer gigantischen Kuppelarchitektur. Eine faszinierende Vision, so schön wie verstörend. Nicht ohne Grund bildet die 2004 entstandene Fotomontage Kitka River des finnischen Künstlers Ilkka Halso das Titelmotiv der Ausstellung Inventing Nature – Pflanzen in der Kunst: Das Werk legt den Zwiespalt in unserem Verhältnis zur Natur offen, die wir existenziell benötigen, die uns mit ihren Wundern in Staunen versetzt – und die wir dennoch so stark gefährden, dass sie vielleicht einmal nur noch mithilfe solch schützender Konstruktionen zu überleben vermag.

Halsos Arbeit gibt aber auch Anlass, um über die Konstruiertheit des Naturbegriffes selbst nachzudenken. Beschleicht einen vor Kitka River deshalb so leicht ein Unbehagen, weil die Natur hier ihrer Natürlichkeit entledigt scheint? Aber wo hört Natur auf? Dort, wo menschliche Kultur beginnt? Steht Menschengemachtes außerhalb der Natur, ist es aus ihr hervorgegangen und über sie hinausgewachsen – oder doch immer Teil von ihr? Oder ist umgekehrt die Idee von „Natur“ am Ende eine Erfindung und damit Teil der Kultur?…

Abbildung des Werks "Kitka River" von Ilkka Halso

Inventing Nature lädt allerdings nicht bloß zu kritischer Hinterfragung ein. Die Schau vereint Werke aus der historischen Sammlung der Kunsthalle mit zeitgenössischen Positionen und erzählt Geschichten von Abhängigkeit und Aneignung, Herrschaft und Zerstörung, aber auch von Entdeckerlust und Fantasie, Ehrfurcht und Magie, von Abstraktion und Einfühlung. Die Ausstellung feiert die Diversität, den Ausdruck, die Sinnlichkeit und Erfindungskraft, die Kunst und Natur gemeinsam sind. Sie beleuchtet die mannigfaltigen Zugänge zu Pflanzen in der Kunst über fünf Jahrhunderte hinweg.

Bereits Ende Mai 2020 hätte Inventing Nature eröffnet werden sollen. Hätte. Die Präsentation der inhaltlich so gut wie abgeschlossenen Blütenlese wurde aufgrund der Coronakrise verschoben. Das Ausstellungsthema legte indessen noch an Bedeutungsgewicht zu: Nicht nur wurden Verbindungen zwischen dem ökologischen Versagen unserer Zeit und dem Auftauchen des Virus hergestellt. Auch flüchteten sich viele, die die Möglichkeit dazu hatten, in die tröstenden Arme von Mutter Natur. Ich gehörte zu ihnen – und folgte den Worten der Dichterin Hilde Domin: „Vertraue dich dem Obstbaum an.“

Die Beschäftigung mit Pflanzen in der Kunst ließ mich Landschaft und Vegetation in meiner Umgebung neu wahrnehmen. Mit der Kamera meines Handys versuchte ich das bizarre Linienspiel kahler Äste, die plastische Qualität schneebedeckter Nadelbäume und die sprießenden Farben des Frühlings festzuhalten. Näheres Hinsehen führte zur feineren Unterscheidung und zu Einsichten in botanische Zusammenhänge – Erfahrungen, die wiederum meinen Blick auf unsere Ausstellung formten. Hatte ich Hans Thomas Ölstudie Gräser zwischen Felsen von 1863 bislang kaum Beachtung geschenkt, so begann ich eine ungeahnte Sympathie für das Werk zu empfinden: unscheinbare Gewächse, die der Maler für wert befand, im Bild bewahrt zu werden. Gewiss werden auch manche Besucher*innen von Inventing Nature mit einer neuen Sensibilität an die Exponate herantreten und sie in einem anderen Licht betrachten als sie es noch vor einem Jahr getan hätten.

Landschaftsgemälde von Hans Thoma, das zwei Felsen zeigt, zwischen denen Gräser wachsen

Die Ausstellungsvorbereitungen gingen während der Monate der Planungsunsicherheit weiter. So wurden in regem Austausch mit dem Naturkundemuseum und dem Botanischen Garten dreizehn Hochbeete entwickelt, die seit diesem Juni das Bild der Karlsruher Innenstadt prägen: Als Botschafter für Inventing Nature und die Begleitausstellung Iss mich! Obst und Gemüse in der Kunst der Jungen Kunsthalle künden sie von dem engen Band zwischen Natur und Kunst. Endlich waren die ersten Früchte unserer Arbeit sichtbar!

Mitte Juli hielten wir dann den gedruckten Katalog in unseren Händen – und atmeten auf. Welche Erleichterung auch, als wir in den vergangenen Wochen beim Aufbau in den Galerieräumen das stetige Wachsen der Ausstellung erlebten. Dass sie nun der ursprünglichen Konzeption entsprechend stattfinden kann, ist nicht zuletzt den Künstler*innen und Leihgeber*innen zu verdanken, die unser Vorhaben trotz wiederholt angepasster Laufzeit weiterhin unterstützten.

Durch die Verlegung auf den Sommer 2021 wurde Inventing Nature zur Jubiläumsausstellung: Mit ihr begeht die Kunsthalle in diesem Jahr ihren 175. Geburtstag – bevor das Hauptgebäude wegen der anstehenden Sanierung für mehrere Jahre geschlossen wird. Wer auf dem Weg zur Ausstellung im repräsentativen Treppenhaus seinen Blick durch dieses Gesamtkunstwerk des Architekten Heinrich Hübsch schweifen lässt, wird vielleicht feststellen, dass Pflanzen bei der dekorativen Ausgestaltung des Baus reichlich Anregungen geliefert haben. Es empfiehlt sich, vor der Schließung auch hier den Spuren Floras einmal nachzuspüren.

Prof. Dr. Pia Müller-Tamm, 1. Juli 2021

Die Kunsthalle zwischen Tradition und Wandel

Museen sind unvergänglich. Im Allgemeinen verabschieden sich Museen nicht einfach aus der Öffentlichkeit. Sie sind äußerst langlebige Institutionen. Museen haben für viele Menschen etwas mit „Ewigkeit“ und „ewigen Werten“ zu tun; sie überstehen Kriege und überleben Krisen.

Museen sind innovativ

Jede Generation stellt neue Aufgaben an die Institution; Künstler*innen formulieren mit ihren Werken neue Herausforderungen, auf die das Museum adäquate Antworten finden muss. Das Museum soll sich vor der Öffentlichkeit – dem eigentlichen Souverän – fortwährend legitimieren. Es muss „Relevanz“ und Zeitgenossenschaft unter Beweis stellen, ja, Museen sind in gewisser Weise Barometer für das Selbstverständnis der Zivilgesellschaft. Museen sind also gleichzeitig stabil und wandlungsfähig – ein Paradox?

Kunsthalle – 175 Jahre jung

Nein, denn mit Blick auf die Kunsthalle gilt beides: Sie befindet sich in einem umfassenden Transformationsprozess, sie stellt die Weichen für die institutionelle Zukunft, und sie gestaltet diesen Prozess im Wissen um ihr historisch gewachsenes Profil, um ihre bedeutende Sammlung und um ihren ideellen und materiellen Reichtum. 175 Jahre verpflichten! Die Kunsthalle steht vor dem Beginn einer mehrjährigen Schließzeit. Ende Oktober 2021 wird das Hauptgebäude seine Pforten schließen, um behutsam und dennoch umfassend saniert zu werden. Gerade am Ende eines Jahres mit diversen Öffnungs- und Schließungsszenarien, mit hygienetechnischen Einschränkungen und verordneter Distanz zu unseren Besucher*innen stehen uns die Gründe für die geplanten Maßnahmen deutlich vor Augen. In dieser Situation kann man von Glück sprechen, wenn das Museumsleben weiter geht – wenn auch unter verändertem Vorzeichen.

Zukunft im ZKM

Wir sind überaus dankbar, dass Peter Weibel der Kunsthalle im ZKM eine interimistische Bleibe angeboten hat – eine großartige Chance, die Sammlung öffentlich zugänglich zu halten und sie völlig neu zu präsentieren. Ab September 2022 proben wir den Kontextwechsel: die alte und die neue Kunst in den starken Hallen des ZKM – ein Experiment für uns, aber vor allem ein Gewinn für die Besucher*innen, die sich auf eine ihnen vertraute Sammlung mit einigen neuen Akzenten freuen dürfen.

Daniela Sistermanns im Gespräch mit Nina Setzler, 19. März 2021

Neustart im Aufbruch

Sie tritt ihren neuen Job mitten im Lockdown an und wechselt von einem zeitgenössischen Museum an ein Haus mit vielen alten Meistern – das bald wieder schließen muss. Warum die neue Kommunikationschefin Daniela Sistermanns trotzdem guter Dinge ist, verriet sie im Interview mit der Gründerin des Stadtmagazins Karlsruhepuls, Nina Setzler.

Wie starten Sie in diese neue Position in Karlsruhe?

In der Pandemie eine neue Stelle anzutreten ist besonders: Die neuen Kolleg*innen lerne ich überwiegend digital kennen, zudem war das Museum zu, als ich hier ankam. Zunächst beschäftigte mich deshalb die Frage, wie wir die exzellente Schau zum französischen Rokoko-Künstler François Boucher sichtbar machen können, die seit Mitte November in den Startlöchern stand. Durch die Lockerungen in der Corona-Verordnung konnten wir sie dann am 9. März erstmals öffnen – ohne Pressekonferenz und Eröffnungsfeier, aber mit vielen glücklichen Besucher*innen. Unsere Telefone und der Online-Shop glühen seither und die Tickets sind zwei Wochen im Voraus vergriffen. Offenbar haben sich alle auf Boucher gefreut, das ist ein tolles Gefühl!

Derweil stellen wir die Weichen für ein neues, spannendes Projekt: 2014 konnten in der Kunsthalle Karlsruhe zwei Alben mit knapp 300 Zeichnungen dem römischen Radierer, Architekten und Gelehrten Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) und seiner Werkstatt zugeordnet werden. Unter dem Titel Piranesi digital wollen wir diese Alben nun ins Digitale übersetzen und als Wissenschaftsdatenbank samt Vermittlungsplattform erstmals einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Erst der Lockdown, dann soll die Kunsthalle später in 2021 wegen Umbauarbeiten schließen. Wie arbeiten Sie, wenn es keine Ausstellungen gibt?

Glücklicherweise darf die Kunsthalle während ihrer Schließzeit im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien zu Gast sein und präsentiert dort einen Teil ihrer Sammlung. Das wird einen großen Stellenwert innerhalb der Kommunikation einnehmen. In einem Museum, das seinen Hauptstandort wegen Sanierungsarbeiten schließen muss, ist die Abteilung Kommunikation eines der wichtigsten Verbindungsstücke zu den Besucher*innen. Das weiß ich aus Erfahrung, denn ich habe bereits eine Schließzeit des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig kommunikativ begleitet.

Für die Kunsthalle Karlsruhe gilt: Es wird eine große und aufregende Herausforderung für das Team, ein geschlossenes Museum über Jahre hinweg präsent zu halten. Wir informieren unser Publikum über diesen Umbruchprozess und nehmen es mit hinter die Kulissen dieser besonderen Phase. Dabei wird die digitale Form sicher eine große Rolle spielen, aber es müssen auch andere innovative Wege gefunden werden, einen Museumsbesuch zu ermöglichen, obwohl der Ort vorerst nicht betretbar ist.

Sie waren zuvor im Marta Herford tätig. Inwiefern hat Sie der Sprung von einem zeitgenössischen Museum in ein Haus mit vielen alten Meistern gereizt? Oder macht das für die Kommunikationsarbeit gar keinen Unterschied?

Im Grunde gehört mein Herz den alten Meistern. Bereits während meines Studiums der Kunstgeschichte habe ich mich intensiv mit der italienischen Renaissance, dem Manierismus und mit altniederländischer Malerei beschäftigt. Nach einem Forschungsaufenthalt in Rom begleiteten mich diese Themen auch als Mitarbeiterin des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig, bevor ich die Leitung der Öffentlichkeitsarbeit im Marta Herford – Museum für zeitgenössische Kunst, Architektur und Design – übernahm.

Mein Start hier in Karlsruhe fühlt sich an, als würde ich zu meinen Wurzeln zurückkehren. Was die Kunsthalle für mich besonders macht, ist die Vielfalt ihrer Sammlung und dass sie innerhalb des Ausstellungsprogramms immer wieder Brücken zwischen alten Meistern und zeitgenössischen Interventionen schlägt. Die Ausstellung Inventing Nature. Pflanzen in der Kunst greift diesen Ansatz ab dem 17. Juli ebenfalls auf.

Hinsichtlich der Frage nach dem Unterschied: Eine Kommunikationsstrategie kann nie von einem Museum auf ein anderes übertragen werden, denn sie hängt von zu vielen Faktoren ab: Welches Zielpublikum fühlt sich von den Themen und Werken angesprochen? Hat das Haus eine Dauerausstellung? Befindet sich das Museum in einer touristischen Region, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen ist?

Was die unterschiedlichen Epochen betrifft würde ich sagen, dass alle Werke gleichermaßen mit Herausforderungen zu kämpfen haben: Menschen, die keinen Zugang zur zeitgenössischen Kunst finden, weil sie ihnen kryptisch erscheint, schätzen vielleicht die malerische Präzision barocker Künstler*innen. Diese Werke setzen wiederum einen gewissen Kenntnisstand voraus. Sie wirken oft harmlos, stecken aber voller Symbole, die heute nicht mehr allseits bekannt sind.

Wenn etwa ein Künstler wie der Elsässer Sebastian Stoskopff ein Stillleben mit Gläsern und Pokalen komponiert, dann ging es ihm dabei nicht ausschließlich um eine Studie von Materialität, Transparenz und Lichtbrechung. Stillleben sind oft als Vanitas-Motive zu deuten, verweisen auf Krieg, Gefahr und Tod.

Porträt der Kommunikationsleiterin Daniela Sistermanns im Hauptgebäude der Kunsthalle Karlsruhe
Die Kunsthalle bietet eine Online-Ausstellung an, produziert YouTube-Clips, Instagram- und Facebook-Beiträge. Sind Sie auch auf Clubhouse unterwegs?

In der Tat hat die digitale Kommunikation bereits seit mehreren Jahren einen großen Stellenwert an der Kunsthalle Karlsruhe. Davon profitiert das Haus nicht nur während der Pandemie, sondern bestimmt auch in der bevorstehenden Schließzeit. Viele unserer digitalen Maßnahmen sind so angelegt, dass Besucher*innen sich intensiv mit den Werken einer Ausstellung auseinandersetzen können, ihnen aber auch auf ungewöhnliche Weise begegnen.

Unser Vermittlungsauftrag endet nicht nach Verlassen der Ausstellungsräume, sondern findet auch im Digitalen statt, um Barrieren abzubauen. Ins Clubhouse hat die Kunsthalle noch keinen Fuß gesetzt, denn wir prüfen jede neue Maßnahme unserer digitalen Strategie auf Nachhaltigkeit, Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit. Ob dieser audio-basierte Dienst ein geeignetes Format sein kann, finden wir bald heraus!

Welche Zielgruppe sprechen Sie mit der Öffentlichkeitsarbeit an? Macht sich durch die vielen Online-Aktivitäten ein Zugewinn an jungem Publikum bemerkbar?

Die Kommunikationsmaßnahmen eines Museums sollten breit aufgestellt und crossmedial gedacht werden, um unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen: Leute, die sich gern über Printmedien informieren ebenso wie die Digital Natives.

Mit kurzweiligen Kommunikationsmaßnahmen holen wir unsere Besucher*innen immer wieder ab. So erfahren sie bei Boucher in a nutshell, wie die Beauty-Routine im Rokoko aussah oder was Madame de Pompadour zur Mode-Ikone machte. Das interaktive Format Art of  will mit Psychotests, Collagen und Funfacts ganz bewusst ein nicht-museumsaffines Publikum ansprechen und zeigt, dass es verschiedene Wege gibt, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.

Klar, wenn man die Auswertungen einzelner Digitalmaßnahmen anschaut, tummelt sich hier eine jüngere Zielgruppe. Allerdings muss man innerhalb der Kanäle differenzieren, denn auf Facebook ist das Durchschnittsalter der Nutzer*innen in den letzten Jahren gestiegen, auf Instagram erreichen wir die vergleichsweise jüngste Zielgruppe.

Formate wie unser Blog, der Newsletter oder die Filme sprechen nicht nur ein primär junges Publikum an. Alle Maßnahmen sollten in eine sinnvolle Kommunikationsstrategie einbettetet sein, die so viele Besucher*innen wie möglich inkludiert.

Sie haben in Münster studiert, in Rom, Braunschweig und Herford gearbeitet. Wie ist ihr Verhältnis zu Karlsruhe?

Ich habe die Fächerstadt erst durch meinen Umzug hierher kennengelernt und bin begeistert. So viel Kunst und Kultur in einer Stadt mit 300.000 Einwohner*innen ist wirklich großartig und spricht für Karlsruhes Selbstverständnis. Ich freue mich darauf, meine neue Heimat Stück für Stück weiter kennenzulernen. Sobald die Corona-Beschränkungen es zulassen, möchte ich unbedingt das weitere Kulturangebot testen!

Dr. Sebastian Borkhardt, 12. Februar 2021

#MeinBlauerReiter

1911 riefen Wassily Kandinsky und sein Freund Franz Marc den Blauen Reiter ins Leben. Ein Meilenstein in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts. Ein Aufbruch – der inzwischen vielleicht zu sehr Gewohnheit geworden ist.

Ich beschäftige mich gern mit Kunst, die ihr Publikum herausfordert. Bei deren Anblick sich einem zuerst die Stirn in Falten legt, die weniger bestätigt als irritiert. Eine Zumutung im besten Sinne. Das Schaffen Wassily Kandinskys (1866–1944) und Franz Marcs (1880–1916) scheint nicht unbedingt in diese Kategorie zu gehören – nicht mehr. Marcs farbenfrohe Tiere wie die Drei Pferde am Waldwasser (1913) erfreuen sich in weiten Kreisen großer Beliebtheit. Sie sind gefällig. Zugegeben: Auch in meiner Wohnung weiden Pferde von Marc, freilich nur auf einem Poster.

Und Kandinsky? Wie alte Bekannte grüßen seine Motive von den Wänden so mancher guten Stube oder Zahnarztpraxis. Seine Improvisation 13 (1910) zählt zu den Highlights der Kunsthallen-Sammlung. Und doch macht das Gemälde seine Betrachter*innen sprachlos. Ein Bild, scheinbar ohne Gegenstand: Was soll man dazu sagen? Damit geht es den Menschen heute ähnlich wie denen vor über 100 Jahren. Aber die Reaktionen sind andere, weil sich auch die Sehgewohnheiten und Wertmaßstäbe verändert haben. Dass dem so ist, liegt nicht zuletzt an Kandinskys und Marcs Einsatz: Entschieden traten sie für ihre neuen Ideen ein. Mit Erfolg, trotz aller Widerstände.

Beim Schreiben meiner Doktorarbeit interessierte mich die Frage, wie man Kandinskys Abstraktion zu seiner Zeit in Deutschland begegnete. Als die Augen des Publikums noch nicht daran gewöhnt waren, als die meisten solche Kunst noch für befremdlich hielten. Die – neben Ignoranz – simpelste Form der Antwort fand ein Kritiker des Hamburger Fremdenblatts. 1913 ließ er sich über die „überlebensgroße Arroganz“ Kandinskys aus, dessen Bilder nichts weiter seien als „Pfuscherei“ und „Idiotismus“, ein „Farben- und Formenwahnsinn“. Auf diese Weise meinte der Autor, „diesen Russen Kandinsky rasch und ohne Aufregung erledigen [zu] können“ (hören Sie auch den nationalen Ton?). So klang Hate Speech im deutschen Kaiserreich.

Ausschnitt aus Franz Marcs Pferde am Waldwasser

Erledigt sind Kandinsky und Marc keineswegs, im Gegenteil. Ich möchte Werken wie der Improvisation 13 und den Drei Pferden am Waldwasser aber wünschen, dass man in ihnen zumindest ein Stück weit auch das sieht, was sie bei ihrer Entstehung waren: etwas Unerhörtes, ein radikaler Bruch mit gängigen Vorstellungen von einem Bild. Etwas, um das gerungen werden musste. Und schließlich: Etwas, das mehr sein will als Form und Dekoration, das eine tiefere Botschaft für uns hat. Marc selbst sprach von Symbolen, „die auf die Altäre der kommenden geistigen Religion gehören“. – Für die einen eine Offenbarung, für die anderen Betrug. Im Lichte dieser Auseinandersetzungen lässt sich die Bedeutung des Blauen Reiters erst ermessen.

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Blogparade #MeinBlauerReiter von Michael Stacheder entstanden.

Florian Trott, 29. Januar 2021

Ein Jahr der Ungewissheiten. Ein Jahr der Chancen!

Was für ein Jahr hätte es werden können bzw. sollen. Vor 175 Jahren wurde die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe eröffnet, für das Jubiläumsjahr waren viele Dinge in Planung: eine Jubiläumsausstellung, ein Symposium, natürlich auch ein großes Museumsfest und zahlreiche analoge wie digitale partizipative Projekte.

Das Jubiläum sollte gebührend gefeiert werden, schließlich sollte es auch eine Art Abschied auf Zeit werden. Ende 2021 stehen der Aus- und Umzug bevor, das Hauptgebäude der Kunsthalle wird grundlegend saniert und umstrukturiert.

Doch dann kam Corona – und alle Pläne wurden durcheinandergewirbelt. Zum Beginn des Jubiläumsjahres herrscht nach wie vor viel Ungewissheit. Wie alle anderen Museen und Kultureinrichtungen in Deutschland ist auch die Kunsthalle aktuell noch geschlossen. Wann der Shutdown endet, darüber lässt sich eigentlich nur spekulieren. Klar ist, der Museumsgeburtstag wird ganz anders gefeiert als gedacht und erhofft. Für ein Haus mit einer so langen Tradition ist das keine einfache Situation. In Museen wurde bisher ja sehr langfristig geplant. Große Ausstellungen haben oftmals eine mehrjährige Vorlaufzeit, die für wissenschaftlichen Vorarbeiten, die Objektrecherchen und die gesamten Planungen auch notwendig ist. Die Pandemie hat diese gewohnten Abläufe ins Wanken gebracht. Aber, die Kunsthalle hat diese Ausnahmesituation genutzt und ist dadurch auch ein Stück über sich selbst hinausgewachsen. Mit der Sonderpräsentation Systemrelevant? aus dem Sommer 2020 haben wir – wie nie zu vor – umgehend auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert und in Windeseile ein Projekt umgesetzt. Vielleicht sollte der Grundsatz „Einfach machen!“ auch in der musealen Arbeit öfter angewendet werden?

Die Pandemie wird in allen gesellschaftlichen Bereichen zum Teil gravierende Spuren hinterlassen, ich denke beispielsweise an Schulen und die Herausforderungen des Distanzunterrichts, an die wirtschaftlichen Folgen oder etwa an unser Miteinander allgemein. Auch für den Kulturbereich sind die Folgen noch nicht absehbar: Sparrunden werden anstehen, das Publikum will zurückgewonnen werden – und fundamentaler: über die Bedeutung und Relevanz von Kultur sollte grundsätzlich diskutiert werden. Welche Aufgaben kommen der Kultur unter den Bedingungen einer Pandemie, aber auch in einer sich verändernden Gesellschaft zu?

Die Pandemie hat aber auch Potenziale freigesetzt und Entwicklungen ermöglicht, die vorher nur schwer vorstellbar waren, auch in der Kunsthalle. Als Beispiele seien – so banal es klingen mag – digitale Workshops oder digitale Teammeetings genannt. „Vor Corona“ waren diese in der Kunsthalle keineswegs selbstverständlich. Diese erreichten Veränderungen müssen nicht nur beibehalten, sondern auch konsequent weiterentwickelt werden.

Die Kunsthalle wird – unabhängig davon, wie sich die Pandemie entwickelt – 2021 in die baubedingte Schließzeit gehen. Für das Haus ist das natürlich eine große Veränderung, aber noch mehr eine enorme Chance, die es zu nutzen gilt. In der Schließzeit werden wir uns als Team und im Austausch mit unterschiedlichsten Gruppen Gedanken darüber machen, wie wir uns die Kunsthalle der Zukunft vorstellen, wie wir uns neu positionieren und wie es gelingen kann, das Haus für neue Besucher*innen zu öffnen. Und wir werden uns noch stärken den digitalen Angeboten und Formaten zuwenden, um in der Bauphase unseren Bildungsauftrag in diesem Bereich gerecht werden zu können. Vorher gilt es aber, viele ganz praktische Fragen zu klären, die in dem Stichwort „Umzugslogistik“ gebündelt werden können. Es gibt viel zu tun!

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Blogparade #museumsforfuture von Jörn Brunotte entstanden. Er bildet zugleich den Auftakt für eine Blogreihe, in der wir regelmäßig vom aktuellen Planungsstand der Sanierung und Weiterentwicklung der Kunsthalle berichten und mit Ihnen und Euch in den Austausch treten wollen. Welche Themen und Fragestellungen interessieren Sie und Euch hierbei besonders?

Tabea Schwarze, 8. Dezember 2020

#femaleheritage – Die Markgräfin Karoline Luise von Baden

Die oftmals unzureichende Sichtbarkeit von Frauen in den unterschiedlichsten Bereichen von Kunst ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus getreten – einige Ausstellungen, Podiumsdiskussionen und Beiträge später hat sich Bewusstsein für diese Problematik erhöht – was als Beginn eines langen Prozesses gesehen werden kann.

Detail aus Liotards Pastellporträt der Markgräfin Karoline Luise, die an einer Staffelei sitzt.

Umso wichtiger, dass neben den politischen und gesellschaftlichen Debatten sich auch Museen und Kultureinrichtungen an dem Diskurs beteiligen und die Frauen aus ihren Häusern, ihrer Geschichte und ihren Sammlungen sichtbar machen – wie nun angeregt durch die Blogparade #femaleheritage der Monacensia.

Nicht nur im Bereich der produzierenden Künstlerinnen, auch im Feld der Kunstsammlerinnen ist einige Aufholarbeit zu leisten. Nicht zuletzt waren es häufig die Kunstsammlerinnen und Mäzeninnen, die Künstler*innen unterstützten und ihnen so deren Arbeit ermöglichten.

Und auch unsere Ausstellungsräume wären ohne die Markgräfin Karoline Luise von Baden heute nicht die Gleichen: Mit ihrer erstklassigen Kunstsammlung legte sie den Grundstein für unsere heutige Sammlung. Mit Anfang 20 lernte die Prinzessin – damals noch Karoline Luise von Hessen-Darmstadt – den gefeierten Porträtisten Jean-Étienne Liotard kennen, der sie nicht nur porträtierte, sondern ihr fortan auch Zeichenunterricht in Darmstadt gab. Die Gemälde ihrer Vorbilder studierte sie intensiv und kopierte sie mit großer Begeisterung – einige dieser Kopien befinden sich bis heute noch in der Kunsthallen-Sammlung.

Nach der Hochzeit mit Karl Friedrich von Baden zog Markgräfin Karoline Luise in das erst 1715 gegründete Karlsruhe. Neben der Kunst galt ihr Interesse der Literatur, der Historie, den Naturwissenschaften und der Medizin: So richtete sie sich im Karlsruher Schloss neben ihrem Malereikabinett auch eine beeindruckende Naturaliensammlung ein. Daneben besaß sie u.a. auch eine Kerzenfabrik und eine Papiermühle. Sie widmete sich intensiv ihren vielseitigen Interessen und verstand es exzellent, einige der wichtigsten Zeitgenossen um sich zu versammeln und mit ihnen in den Austausch zu treten. Mit großen Namen wie Boucher, Goethe und Voltaire, die sie in Karlsruhe besuchten, vor allem aber mit ihrem Intellekt, ihrem Verstand und ihren vielseitigen Begabungen trug sie dazu bei, dass Karlsruhe sich nur 50 Jahre nach seiner Gründung europaweit zu einem Zentrum der Wissenschaft und Künste entwickeln konnte.

Als sie 1759 Besuch von dem Kunsthändler Jean-Henri Eberts erhielt, war das der Beginn ihrer eigenen Tätigkeit als Kunstsammlerin. Mit ihrem ästhetischen Gespür und analytischen Verstand beauftragte sie die bedeutendsten Künstler ihrer Zeit, erwarb vor allem niederländische Meisterwerke des 17. Jahrhunderts sowie bedeutende französische Gemälde des 18. Jahrhunderts und baute innerhalb von rund 20 Jahren eine beeindruckende Kunstsammlung von über 200 Gemälden auf. Von Rembrandts Selbstbildnis über die von ihr beauftragten Schäferszenen François Bouchers bis hin zu Stillleben Rachel Ruyschs schuf sie eine persönliche wie exquisite Sammlung, deren Werke heute noch zu den Highlights der Kunsthallensammlung gehören.

Beeindruckend aus heutiger Perspektive ist nicht nur das Geschick, mit dem die Markgräfin die Künstler*innen für ihr „Mahlerey-Cabinett“ auswählte, sondern auch ihre vielseitigen und tiefgreifenden Interessen sowie ihr Vermögen, die wichtigen Intellektuellen und Künstler*innen ihrer Zeit um sich zu versammeln, ausgiebig zu reisen und so Zeit ihres Lebens ihrem unersättlichen Wissensdurst gerecht zu werden. All das brachte ihr schon früh den Spitznamen der hessischen Minerva ein.

Jörn Brunotte im Gespräch mit Florian Trott, 9. Oktober 2020

Quo vadis Kunsthalle?

Seit September ist Florian Trott Kaufmännischer Geschäftsführer der Kunsthalle. Nach einem Monat im Amt spricht er mit dem Kunsthistoriker und Museumsberater Jörn Brunotte über Chancen, Herausforderungen und Veränderungen.

Florian Trott, Kultur- und Kommunikationsmanager, ist seit dem 1. September Kaufmännischer Geschäftsführer und Mitglied des Vorstands der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Zuvor war er seit 2017 Leiter der Abteilung Kommunikation des Museums.

Jörn Brunotte ist Kunsthistoriker und Museumsberater und seit mehr als 20 Jahren in und für Museen tätig (www.beramus.de/Blog).

Jörn Brunotte: Lieber Herr Trott, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu der neuen Aufgabe! Vom Leiter der Kommunikationsabteilung zum kaufmännischen Geschäftsführer ist ja ein nicht alltäglicher Karriereschritt. Was hat Sie gereizt, von den Medien und der Kommunikation zu den Zahlen und Finanzen zu wechseln?

Florian Trott: Der Aufgabenbereich der Kaufmännischen Geschäftsführung der Kunsthalle ist sehr vielfältig. Neben der Verantwortung für die Finanzen und das Personalwesen gehören vor allem strategische Aufgaben dazu. Diese beginnen bei der Akquise von Partnern und Sponsoren und reichen bis hin zur langfristigen Ausrichtung und Positionierung des Museums.

Ein Reiz, mich um diese Position zu bewerben, lag für mich darin, meinen Blick auf die Museumsarbeit zu erweitern, als Stichworte möchte ich das Gebäudemanagement und die Museumssicherheit nennen. Als Geschäftsführer muss man zudem kontinuierlich und vielfältig nach innen und außen kommunizieren; hier kann ich nahtlos an meine bisherige Aufgabe anknüpfen. Der Kommunikation als solcher bleibe ich auch in gewisser Weise verbunden, ist doch die Kommunikationsabteilung im Geschäftsbereich der Kaufmännischen Geschäftsführung angesiedelt.

Wir haben uns 2019 schon einmal gesprochen, da war die Digitalisierung der Kunsthalle eines Ihrer wichtigsten Projekte. Wie werden Sie in der neuen Funktion diesen wichtigen Umbauprozess begleiten?

Dem Thema der Digitalen Transformation und den damit verbundenen Herausforderungen bleibe ich weiter eng verbunden; den Prozess werde ich aus der neuen Position heraus weiter steuern. So leite ich auch die interne interdisziplinäre “Steuerungsgruppe digital” und bleibe so in die einzelnen und vielfältigen digitalen Projekte eingebunden. Ich finde dies auch ein sehr wichtiges Zeichen, dass in der Kunsthalle Karlsruhe die Digitalisierung auf der Vorstandsebene angesiedelt ist.

Museen gehören definitiv nicht zu den Vorreitern der digitalen Transformation. Viel mehr besteht ein enormer Nachholbedarf. Museen müssen der Herausforderung der Digitalisierung aktiv begegnen und die vielfältigen Chancen wahrnehmen, um zukunftsfähig und relevant zu bleiben. 

Abbildung des Architekturentwurfs der baulichen Weiterentwicklung der Kunsthalle Karlsruhe durch das Berliner Architekturbüro Staab Architekten

Worin sehen Sie neben der Digitalisierung die größten Herausforderungen der Zukunft für die Kunsthalle Karlsruhe?

Die Kunsthalle Karlsruhe wird Mitte 2021 in eine baubedingte Schließzeit gehen, das heißt, wir werden zunächst analog nicht mehr besuchbar sein. Umso wichtiger werden unsere digitalen Angebote werden. Die Bedeutung des Themas wurde ja insbesondere während des Lockdowns für jedermann sichtbar. Ich bin froh, dass wir in den vergangenen Jahren eine gute Basis geschaffen haben, auf die wir aufbauen konnten. Daran gilt es anzuknüpfen.

Zugleich müssen wir unsere internen Strukturen und unsere Arbeitskultur weiterentwickeln. Wie viel hier möglich ist, haben auch die besonderen Bedingungen während der Covid-19-bedingten Schließzeit gezeigt. Ich denke, es ist wichtig, hier gute Voraussetzungen zu schaffen, damit wir flexibel auf Bedarfe, aber auch auf Wünsche der Mitarbeiter*innen reagieren können. Ich bin mir sicher, dass die Möglichkeiten des mobilen Arbeitens zukünftig ein wichtiges Kriterium zur Gewinnung qualifizierter Arbeitskräfte sein wird.

Nur so können wir langfristig attraktive und zeitgemäße Angebote für die Besucher*innen und Noch-Nicht-Besucher*innen entwickeln. Die Publikumsstrukturen der Museen werden sich in den nächsten Jahren weiter verändern. Es gilt neue Zielgruppen zu erschließen, und hier wird das Digitale eine zentrale Rolle spielen 

Haben Sie in Ihrer beruflichen Karriere schon Erfahrungen mit Bauprojekten gesammelt?

Bevor ich nach Karlsruhe gekommen bin, war ich acht Jahre in der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt tätig. Während dieser Zeit konnte die Stiftung drei ihrer Museen sanieren und erweitern. Die Bauprojekte habe ich eng begleitet, vor allem mit Blick auf Kommunikationsaufgaben; ich konnte aber in zahlreichen Belangen auch konzeptionell mitdenken. In den vergangenen drei Jahren in der Kunsthalle war ich als Leiter der Abteilung Kommunikation bereits eng in die Planungen der Sanierung und Umstrukturierung des Hauptgebäudes eingebunden. So habe ich auch die entscheidenden Schritte von der Auslobung des Architektenwettbewerbs bis hin zu den konkreten Umzugsplanungen begleitet. 

Im Moment sind es, bedingt durch die Corona-Krise, schwierige Zeiten für Museen und Kultureinrichtungen. Können Sie schon, obwohl erst sehr kurz im Amt, eine erste Einschätzung geben, welches die größten Herausforderungen sind. Was wird sich durch die Krise langfristig ändern müssen?

Ich denke, mit einer recht großen Wahrscheinlichkeit kann man schon jetzt sagen, dass mit Kürzungen der Mittel zu rechnen ist, die die öffentliche Hand – also Bund, Länder und Kommunen – dauerhaft für die Kultur zur Verfügung stellen. Auch wird das Feld der Dittelmittelakquise – ob Sponsoring oder Fundraising – voraussichtlich nicht einfacher.

Zugleich muss man aber vor Augen führen, dass Kultureinrichtungen, die – wie die Kunsthalle – sich in öffentlicher Trägerschaft befinden, vergleichsweise sicher sind. Anders sieht es in der freien Kulturszene aus, ganz zu schweigen von manchen Bereichen in der Wirtschaft. Langfristig wird es darum gehen, die Relevanz der Kultur für unsere Gesellschaft neu herauszuarbeiten und zu unterstreichen. Dazu gehört auch, das Publikum zurückzugewinnen und neu für Kulturangebote zu begeistern. Die aktuellen Besucherzahlen in den Museen zeigen, dass dies eine harte Arbeit wird.

Langfristig stellt sich die Frage, ob und wie sich das Sonderausstellungsgeschäft verändert. Müssen es immer Sonderausstellungen mit von weither angereisten Leihgaben sein oder lohnt es sich, verstärkt die eigenen Sammlungen in den Blick zu nehmen? 

 

Porträt des Kaufmännischen Geschäftsführers Florian Trott

Was halten Sie von einer “agilen Verwaltung”, also davon, die Anspruchsberechtigten einzubeziehen, mit überschaubaren Änderungen und Teilergebnissen zu experimentieren und sich regelmäßiges Feedback von innen und außen zu verschaffen. Ist das auch für den kaufmännischen Bereich eine realistische und sinnvolle Herangehensweise?

In der Kunsthalle hatten wir in den vergangene zwei Jahren die Gelegenheit, bei der Umsetzung eines Digitalprojekts mit einer agileren Arbeitsweise ein Stück weit zu experimentieren. Ich habe dies als sehr gewinnbringend empfunden, beispielsweise auf kritisches Feedback von außen reagieren zu müssen und dadurch intern für gut befundene Ideen zu überdenken. Ich wäre sehr dafür, diese Arbeitsweise – wo möglich – auf andere Bereich und Prozesse zu übertragen. Ich denke, hier werden sich mehr Möglichkeiten bieten, als es auf den ersten Blick scheint – trotz aller Vorgaben, die das öffentliche Haushaltsrecht macht. 

Neben den Zwängen durch die Krise: Wo sehen Sie für die Zukunft die größten Gestaltungsmöglichkeiten als kaufmännischer Geschäftsführer?
Und was wünschen Sie sich als Lehre, wenn die Krise einmal überstanden ist. Was ist für Sie am wichtigsten für das Museum der Zukunft?

Als kaufmännischer Geschäftsführer schafft man den finanziellen und organisatorischen Rahmen für die Museumsarbeit. Hier geht es darum, gute Bedingungen für Ausstellungen und Projekte zu ermöglichen, aber natürlich auch, Schwerpunkte zu setzen und notwendige Veränderungsprozesse zu forcieren und zu begleiten. Gestaltungsmöglichkeiten sehe ich unter anderem auch im Schließen von Kooperationen, die für die museale Arbeit notwendiger denn je sein werden. Ich denke, hier sollten Museen auch vor ungewöhnlichen Allianzen nicht zurückschrecken.

Um Lehren aus der Pandemie zu ziehen, ist es meines Erachtens noch zu früh; zumal das Ende noch nicht absehbar ist. Für die Zukunft wünsche ich mir aber grundsätzlich, dass Museen sich weiter öffnen, nach innen wie nach außen. Eine Öffnung nach innen bedeutet für mich, in interdisziplinären Teams zu arbeiten. Stellenprofile müssen überdacht und für zukünftige Aufgaben weiterentwickelt werden. Eine Öffnung nach außen heißt für mich, Mut für Neues zu haben, das können ungewöhnliche Angebote sein. Wichtig scheint mir auch die Besucher*innen stärker einzubeziehen. Partizipation ist hier das zentrale Stichwort, das nicht nur eine Worthülse sein darf.

Lieber Herr Trott, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Ich danke Ihnen, lieber Herr Brunotte, für Ihre Zeit und Ihre interessanten Fragen.

Dr. Leonie Beiersdorf und Dr. Dorit Schäfer, 28. Juni 2020

„Kultur als Luxusgut“. Zur Wiederkehr eines Irrtums

Vor wenigen Wochen haben wir an der Kunsthalle entschieden, nach den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen nicht zum business as usual zurückzukehren.

Stattdessen werden wir die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Krise kritisch begleiten und insbesondere den Begriff der Systemrelevanz in den Mittelpunkt einer  spontanen Ausstellung stellen, die ab 30.6. zu sehen sein wird.

„Systemrelevanz“ erweist sich als Wertungskriterium mit erheblichem sozialem Spaltungspotenzial. Der Begriff droht nachhaltig in das öffentliche Bewusstsein einzusickern. Er bedeutet eine Ohrfeige für zahlreiche Branchen, in hohem Maße aber für alle Kulturschaffende, deren Leistungen reduziert werden auf den Wert eines Puddingteilchens. Schon schreibt Dirk Peitz in der ZEIT, „einer der großen Reize“ der Kultur läge in ihrer „totalen Überflüssigkeit […]. Die Schönheit eines Kunstwerks, ob es temporär ist wie ein Theaterabend und ein Konzert oder bleibend wie eine Fotografie, bringt einem mitunter absolut nichts bei, ethisch, moralisch, intellektuell.“

Solch ignorante Behauptungen befeuern die Verteilungskämpfe etwa um das gigantische Hilfspaket der Bundesregierung. Dabei nützen die 9000 Euro-Soforthilfen für Solo-Selbständige Kulturschaffenden kaum, denn die Gelder sind in den meisten Bundesländern vollumfänglich betriebsgebunden einzusetzen, beispielsweise für Mieten von Ladenlokalen. Der von zu Hause arbeitende Graphikdesigner, die Nachwuchs-Malerin im Wohnzimmer-Atelier oder der Opernsänger, dessen Bühnenauftritte ausfallen, haben keine solchen Belastungen, sehr wohl aber Krankenversicherungsbeiträge und Lebensmittel für die Familie zu bezahlen. Vielen wird nichts anderes übrigbleiben, als Grundsicherung zu beantragen. Diese strukturellen Mängel sind seit Wochen bekannt, Nachbesserungen schleppen sich hin. Soll das die „Neue Normalität“ darstellen?

Goyas Ein Mann trägt einen Toten

Der Gedanke, Kultur sei nur ein Luxusprodukt – nett, aber verzichtbar, wird auch nach 70 Jahren noch irrtümlich abgeleitet von Abraham Maslows Bedürfnispyramide. Vereinfacht ausgedrückt müssten dem sozialpsychologischen Modell zufolge zunächst physiologische und Sicherheitsbedürfnisse erfüllt sein, bevor Menschen auch soziale und individuelle Bedürfnisse und schließlich ihre Selbstverwirklichung anstrebten. Kunst und Kultur werden hierbei der obersten und somit letzten Bedürfnisstufe zugeordnet.

Maslow hatte als Wissenschaftler versucht, individuelle Handlungsmotivationen zu ergründen – keineswegs ging es ihm um normative Wertungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Er vernachlässigte jedoch die situative Abhängigkeit unserer Handlungen und Urteile von ihren Rahmenbedingungen. Gerade in Krisenzeiten versichern wir uns dessen, was uns ausmacht. Das geht weit über die rein physische Bedürfnisbefriedigung hinaus und bringt die Bedürfnisse von Seele und Geist in den Fokus.

Nicht jedes Kunstwerk muss sich einer Aufgabe unterwerfen, eine solche Erwartung wäre ein Zeichen von Unfreiheit. Doch ist es das Privileg der Kultur, gerade auch in Zeiten des Umbruchs die großen Menschheitsfragen zu reflektieren und künstlerisch zu transformieren – ethisch, moralisch und intellektuell. Die Ausstellung „Systemrelevant?“ vereint exemplarisch herausragende Kunstwerke, denen dies gelingt. Denn künstlerische Diskurse verhandeln nicht nur dass, sondern vor allem, wie wir leben.

Florian Trott, 5. Juni 2020

Wieder geöffnet

Unser Alltag ist ein anderer geworden, wie es derzeit überall sichtbar und spürbar ist. Die Pandemie hat Wörter in unseren aktiven Wortschatz überführt, die zuvor eher nicht zur Alltagssprache gehörten. Auch der Besuch in einem Museum hat sich durch die Pandemie verändert.

Seit dem 29. Mai 2020 ist die Kunsthalle wieder geöffnet. Während die Schließung Mitte März von jetzt auf gleich erfolgte, musste die Wiedereröffnung sorgfältig vorbereitet werden. Ein umfassendes Infektionsschutzkonzept wurde erarbeitet, aus dem sich die verschiedenen Maßnahmen ableiten.

Eine derart intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Infektionsschutz war für uns – wie für die meisten anderen Institutionen, Unternehmen und Einzelpersonen wohl auch – erst einmal Neuland. In Runden, in denen für gewöhnlich Ausstellungskonzepte und -budgets, Vermittlungsangebote und Museumsstrategien diskutiert werden, standen nun ganz andere Fragen im Zentrum:
Welche Bereiche der Kunsthalle können im ersten Schritt geöffnet werden? Wie viele Besucher*innen dürfen sich gleichzeitig in diesen Galerien aufhalten? Unter welchen Voraussetzungen kann die Kunstbibliothek wieder externe Gäste empfangen? Was ist mit dem Angebot der Gemäldeberatung, das sich großer Beliebtheit erfreut? Wie sieht ein Leitsystem aus, das nicht ein optimales Kunsterlebnis, sondern vor allem die Wahrung der gebotenen physischen Distanz fokussiert?

Informationsschilder, Plakate, Pfeile, Bodenmarkierungen, Desinfektionsmittelspender, Spuck- und Niesschutz an Museumskasse und Empfangstresen – diese Details sind Zeugen der veränderten Welt. Sie dienen der Sicherheit und dem Schutz der Gesundheit der Besucher*innen und der Kolleg*innen der Kunsthalle, was für uns oberste Priorität hat.

Unter diesen Eindrücken und vor dem Hintergrund der Auswirkungen und Diskussionen rund um die Covid-19-Pandemie entwickelte das kuratorische Team der Kunsthalle die Idee, kurzfristig eine Sonderpräsentation zu verwirklichen. Systemrelevant? wird ab Ende Juni Fragen nachgehen, die während der Pandemie einmal mehr drängend wurden. Die Werke werden dabei so vereinzelt präsentiert, wie es aktuell das Gebot für die Menschen ist, die sie betrachten werden.

Kunst kann nun endlich wieder vor Ort betrachtet werden, aber natürlich stehen unsere zahlreichen digitalen Angebote weiterhin zur Verfügung. Hinter den Kulissen stellen wir uns die Frage, wie es uns gelingen kann, das hohe Tempo, das wir während der Schließung einlegen konnten, zu halten. Der Museumsbetrieb in Zeiten von Covid-19 bindet mehr Kapazitäten als zuvor, zugleich wollen wir die Möglichkeiten des digitalen Museumsbesuchs weiter ausbauen.

So oder so freuen wir uns aber, endlich wieder vor Ort Gäste willkommen zu heißen. Unsere Besucher*innen haben die Kunsthalle und ihre Sammlung so vermisst, wie uns unsere Besucher*innen gefehlt haben. Habt Ihr schon wieder eines Eurer Lieblingsmuseen besucht, seitdem es wieder geöffnet ist? Welche Variante des Museumsbesuchs bevorzugt Ihr aktuell?

Dr. Dorit Schäfer, 22. Mai 2020

Ein Silberstift auf Reisen

Wie Hans Baldung Griens Skizzenbuch die Flughafensecurity in Angst und Schrecken versetzte.

Einige Zeichnungen aus dem Karlsruher Skizzenbuch von Hans Baldung Grien sind auf seinen Reisen entstanden. Der Künstler trug derartige Reiseskizzenbücher bei sich, als er durch das Elsass und durch Schwaben wanderte – sie waren handlich und ausgesprochen praktisch, um unterwegs das zu zeichnen, was ihn interessierte: pittoreske Burgen, interessante Pflanzen oder attraktive Gesichter.

Die längste und spannendste Reise machte das Karlsruher Skizzenbuch jedoch fünfhundert Jahre später. Es war eingeladen worden zu einer Ausstellung nach London ins British Museum, in der die neuesten Forschungen zum Zeichnen mit Silberstiften präsentiert wurden. „Drawing in Silver and Gold: Leonardo to Jasper Johns“ war diese herausragende Schau betitelt. Im Kreis von Werken Leonardos, Dürers, Rembrandts und Jasper Johns‘ sollte das Karlsruher Werk genau das repräsentieren: Ein Reiseskizzenbuch mit einem historischen (wahrscheinlich sogar dem originalen) Silberstift der Renaissance.

Noch nie war dieses Kleinod des Karlsruher Kupferstichkabinetts so weit gereist, noch nie hatte es Deutschland jemals verlassen. Lange überlegten wir, ob wir der britischen Leihanfrage zustimmen und das fragile Stück aus dem Haus geben sollten. Doch war das wissenschaftliche Konzept der amerikanischen und englischen Kolleg*innen überzeugend, der Kontext für unser Kunstwerk gewinnbringend, das British Museum ein zweifellos vertrauenswürdiger und vertrauter Partner, und mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen wurde die Ausleihe geplant. Nur der ersten Ausstellungsstation in Washington stimmten wir nicht zu – die Strapaze schätzten wir als zu riskant ein.

Die Kunstspedition fertigte einen maßgeschneiderten Handkoffer an, mit dem eine Kurierin der Kunsthalle – in diesem Falle ich – das Buch nach London begleiten sollte. Keinen Augenblick durfte es aus den Augen gelassen werden. Der Koffer war gepolstert, stoß- und klimageschützt, so dass sich die Temperatur des Innenbereiches erst allmählich, innerhalb von 24 Stunden, der Außentemperatur anpasste – sofern man ihn nicht öffnete. Er sah aus wie ein überdimensionierter Kosmetikkoffer – ein Beautycase in Postgelb (äußerlich nicht unbedingt schmeichelhaft für mich…). Im Flieger war ein extra Sitz für das gute Stück gebucht – die Organisation schien perfekt. Konservatorisch sprach zudem nichts gegen das obligatorische Röntgen des Koffers, das bei der Security anstand. Doch spätestens da hatten wir alle einen wesentlichen Faktor übersehen: Den Silberstift! Denn seine Nadelform und seine über 20 cm messende Länge machen aus ihm eine potenziell tödliche Waffe, die sich auf dem Monitor gefährlich abzeichnete.

„Öffnen Sie bitte den Koffer!“ schnarrte es mir entsprechend streng und unerbittlich entgegen. Das jedoch hätte das Mikroklima meiner leuchtenden Kanarienkiste zerstört, und damit die notwendige Stabilität von Temperatur und Luftfeuchtigkeit für meinen Beauty-Baldung. „Ich bitte sehr um Entschuldigung – aber das geht leider nicht!“ verstärkte nur die misstrauischen Minen der Sicherheitsbeamten. „Was ist denn da drin?“

Nun, wie vermittelt man in einer solchen Situation, dass man ein Skizzenbuch der Renaissance mit einem historischen Silberstift bei sich trägt? Irgendwie gelang es mir nicht so recht, denn innerhalb von fünf Minuten scharten sich nacheinander fünf hochgewachsene männliche Sicherheitsbeamte um mich, jeder fünf Zentimeter größer als der vorherige und jeder mit einem Stern mehr auf der Schulterklappe. Ich bin eine große Frau und fühle mich selten klein – aber nun war es so weit, körperlich und auch sonst – klein mit Hut sozusagen.

„Ein Silberstift? Was ist denn das?“ „Das ist doch kein Stift!“ „Ein Skizzenbuch aus der Renä – was?“ „Der sieht gefährlich aus!“ „Wir können Sie so nicht durchlassen!“ „Was passiert denn, wenn Sie den Koffer aufmachen?“ Ich kam ins Schwitzen, und mein Gesicht leuchtete fast so stark wie mein Köfferchen – nur in Zinnoberrot. Ich rief in Karlsruhe an, um telefonische Verstärkung von unseren Restauratoren zu erhalten. Und dann kam ER – der George Clooney unter der Security. Jung, schön, und ausgesprochen souverän. Ein Ritter auf weißem Pferd mitten auf dem Frankfurter Flughafen – mit gefühlten 37 Sternen auf seiner Schulterklappe. Röter konnte ich ja nicht werden – also schilderte ich ihm ruhig und klar, was ich warum und wie transportierte, und mein Flehen wurde erhört. Mit einem charmanten Lächeln winkte er mich samt meinem gelben Handgepäck durch und wünschte Baldung und mir eine gute Reise.

Selten war ich so erleichtert – sowohl über die Tatsache, dass Baldungs Kleinod geschützt blieb als auch über diese Beamten, die mit großer Sorgfaltspflicht die Sicherheit der Fluggäste gewährleisteten. Und als der Flieger endlich nach London abhob, dachte ich darüber nach, was wohl Baldung dazu gesagt hätte? Dass ein riesiger Metallvogel sein Skizzenbuch in einer Höhe von 10.000 Metern nach England fliegt und dass sein Silberstift als Mordwaffe eingestuft wird? In seiner Kunst ist neben großer Ernsthaftigkeit auch immer ein Sinn für Humor ablesbar – ich denke, Baldung hätte geschmunzelt, wenn nicht gar schallend gelacht. Wie die Rückreise unseres Skizzenbuches verlief? Die wurde dann anders durchgeführt.

Newsletter

Unser Newsletter informiert Sie über das Geschehen hinter den Kulissen der Kunsthalle.