Dr. Astrid Reuter, 4. Juni 2021

Boucher in Karlsruhe – Ein kurzer Rückblick

Die Laufzeit der Boucher-Ausstellung, die im November 2020 eröffnet werden sollte, fällt mitten in die vielen Wochen des Covid-bedingten Museumsshutdowns. Eine Bilanz eines außergewöhnlichen Ausstellungsverlaufs.

Am 30. Mai ist unsere Ausstellung François Boucher. Künstler des Rokoko zu Ende gegangen. Fast sieben Monate waren die Werke des Künstlers bei uns zu Gast, nur gut drei Wochen davon konnten wir sie öffentlich zeigen. Vorgestellt hatten wir es uns natürlich ganz anders: Die Ausstellung sollte ein Angebot sein für ein konzentriertes und vertieftes Wahrnehmen, für sinnliche Erfahrungen und anschauliches Lernen. Wir wollten zu einer „Reise“ ins 18. Jahrhundert einladen, um den Horizont der eigenen Kenntnisse und Erlebnisse zu erweitern, historische mit heutigen Vorstellungen abzugleichen und um sich zu erfreuen. Und wir hatten auf intensive Gespräche mit unseren Besucherinnen und Besuchern gehofft, die nun überwiegend online stattfanden.

Ein Künstler, der in seinen vielfach stilllebenartigen Kompositionen das genussvolle Erkunden zeichnerischer und malerischer Oberflächen, die Kontemplation des Augenblicks zum Thema machte, dessen Werk die Spannung zwischen Nähe und Distanz reflektiert und sich jenseits erlebbarer Realität als ideale Fiktion formuliert, hat in dieser ungewöhnlichen Zeit dennoch besondere Aktualität erlangt. Die Rundgänge durch ein geschlossenes Haus, der Anblick der ungesehenen Werke schmerzte, weil die Zeichnungen und Gemälde in den dunklen Räumen ihre Wirkung nicht entfalten konnten. Ihnen fehlte ein waches Gegenüber, das sie durch seine Blicke, Gedanken und Emotionen in ihrer Vielgestaltigkeit zu neuem Leben erweckt hätte.

Doch die Tage, an denen die Türen des Hauses geöffnet waren, haben uns gezeigt, wie befreiend die Begegnung mit Kunst erlebt werden kann. Die Einschränkungen der vergangenen Wochen und Monate haben auch eine neue Intensität der Wahrnehmung ermöglicht. Kunst wurde dabei keineswegs nur als zerstreuendes Vergnügen erfahren, sondern als eine lebensgestaltende Notwendigkeit.

Museen als kommunikative Orte der Begegnung und des Gesprächs, als unabhängige Orte der Reflexion, des Erlebens und auch der Irritation haben gefehlt. Und wir wissen nun umso besser, wie nötig sie für uns sind!

Gritta von Toll, 24. Mai 2021

Bürgerliche an der Macht: Von der Mätresse zur Monarchin

Die Königshäuser zogen schon immer ein großes Interesse auf sich. Die freie Redakteurin und Adelsexpertin Gritta von Toll geht der ungebrochenen Faszination auf den Grund und zeigt die Geschichte der Madame de Pompadour als die der ersten und einflussreichsten bürgerlichen Geliebten eines Monarchen.


Im vergangenen Monat verfolgten Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt, wie Philip, Duke of Edinburgh in Windsor zu Grabe getragen wurde. Königliche Ereignisse dieser Art, allen voran die Hochzeiten, belegen, wie sehr die Welt des entmachteten europäischen Adels noch immer fasziniert.

Trotz der etablierten Demokratien und der Anpassung an ein bürgerliches Leben, hat der Adel noch viel Anziehendes zu bieten und wird mit einem Lebensstil assoziiert, der wie ein Märchen erscheint. Und das Beste ist: Sogar waschechte Prinzen und Prinzessinnen sind heute tatsächlich auch für “Normalsterbliche” zu haben und Bürgerliche sind Teil jeder königlichen Familie und tragen die Krone oder werden dies eines Tages tun.Gerade die traditionsbewusste englische Krone hatte sich damit schwer getan und Anfang der 1980er Jahre noch ein letztes Mal versucht, ihrem Thronfolger mit Lady Diana Spencer eine standesgemäße Ehefrau an die Seite zu stellen. Wie das Ganze endete, ist allgemein bekannt.

Im Frankreich des 18. Jahrhunderts war es hingegen ein Ding der Unmöglichkeit, als Bürgerliche*r in die Königsfamilie einzuheiraten. Ehen auf dieser Ebene wurden ausschließlich zwischen ebenbürtigen Häusern geschlossen. Liebesheiraten waren nicht vorgesehen. Selbst die oberste Mätresse des Königs, eine offizielle Position am Hof von Versailles, hatte “gefälligst” aus Adelskreisen zu stammen und die noblen Familien rissen sich darum, ihre schönsten Töchter im Bett des Königs zu platzieren, wodurch sie sich lukrative Posten erhofften.

1745 geschah dann aber das bis dato Unfassbare: Ludwig XV. verliebte sich in die Bürgerliche Jeanne-Antoinette Le Normant d’Etiolles, geborene Poisson, die der Welt der Bankiers und Steuerpächter entstammte, einer aufstrebenden Schicht des Bürgertums, die dem Adel und auch dem Staat regelmäßig finanziell unter die Arme griff. Die verheiratete junge Frau war durch ihren Charme, ihre Schönheit und Bildung und ihr schauspielerisches Talent bereits ein kleiner Star in den Salons von Paris.

Doch all das reichte ihr nicht. Jeanne-Antoinette strebte nach Höherem, nachdem ihr als kleines Mädchen prophezeit worden war, sie würde einmal die Geliebte des Königs werden. Und genau das wurde sie dank der ihr mitgegebenen und angeeigneten Tugenden. Jeanne-Antoinette trennte sich von ihrem verdattertem Ehemann und zog nach Versailles, um dort die Position der Maitresse-en-titre einzunehmen.

Das Leben, das die zur Marquise de Pompadour – und später auch zur Herzogin – aufgestiegene Jeanne-Antoinette in Versailles führte, war, nach ihrer eigenen Aussage, “schrecklich”: Jeden Tag musste sie um die Gunst des Königs kämpfen, Intrigen abwehren und Konkurrentinnen aus dem Feld schlagen.

Doch schaffte es die Marquise wie niemand sonst, den zu Melancholie neigenden König zu zerstreuen. Und das führte zu etwas noch Unglaublicherem, als ihr Aufstieg zur Mätresse an sich: Sie behielt ihre Position auch, nachdem die erotische Komponente ihrer Tätigkeit 1751 ad acta gelegt wurde und sie nur noch die beste Freundin Ludwigs XV. war, über dessen amouröse Abenteuer sie allerdings ein wachsames Auge behielt.

Um den lüsternen Ludwig bei Laune zu halten, wurde ein verschwiegenes Haus in Versailles gekauft, in dem regelmäßig neue junge Mädchen einquartiert wurden, mit denen sich der Monarch die Nächte um die Ohren schlagen konnte, die jedoch keine Gefahr für dessen offizielle Mätresse darstellten. Die berühmteste dieser Gespielinnen, Louise Murphy, wurde der Nachwelt von François Boucher als Ruhendes Mädchen überliefert.

Gemälde Bildnis der Madame de Pompadour von François Boucher, entstanden 1756.

Die Macht Madame de Pompadours wuchs indessen ins Unermessliche. Auch den Porträts, die die besten Maler jener Zeit von ihr schufen, ist diese Veränderung anzumerken: Hatte sich die Marquise zuvor noch als Jagdgöttin Diana oder Sultanin malen lassen, bevorzugte sie nun Porträts, die ihre – bereits verblassende – Schönheit zelebrierten oder die sie als die umfassend gebildete Frau zeigten, die sie tatsächlich war. Eines dieser Porträts, gemalt von François Boucher im Jahr 1756, zeigt sie auf dem Höhepunkt ihrer Macht, als sie in den Stand einer Herzogin erhoben wurde und bevor ihre unglückselige Einmischung in den Siebenjährigen Krieg ihre Reputation endgültig ruinieren sollte.

Allgemein gilt die Marquise de Pompadour als Inbegriff der verschwenderischen und machtbesessenen Mätresse. Tatsächlich gab sie hohe Summen für ihre Schlösser aus, sah sich selbst allerdings als Förderin der Künstler und der Philosophen, mit denen sie bereits in ihren Pariser Jahren verkehrt hatte und die ihre Lehrer gewesen waren. Auch dies wollte sie mit ihrem neuen Porträttypus unterstreichen. Doch forderte das anstrengende Leben in Versailles mit seinen ständigen Machtkämpfen seinen Tribut und die von jeher unter einer schwachen Konstitution leidende Marquise starb 1764 im Alter von nur 42 Jahren.

Im Zeitalter der Liebesheiraten in den Königshäusern ist das Vorhandensein einer neuen Madame de Pompadour eher unwahrscheinlich und das Auffliegen einer solchen Liaison – man denke nur an die Ménage-à-trois von Charles, Diana und Camilla – könnte zur ernsthaften Bedrohung einer Monarchie werden, die heute von der Gunst des Volkes abhängig ist. “Nach uns die Sintflut” ist da keine Option.

Außerdem sind es gerade die bürgerlichen Ehefrauen, die heute das Rückgrat der Königshäuser darstellen und oft beliebter sind, als so mancher Blaublüter, der mit seinen Eskapaden in die Schlagzeilen geraten ist. Sie gelten als bodenständig, sympathisch und im besten Fall als stilsicher.

Galten Bürgerliche wie eine Jeanne-Antoinette Poisson früher als Eindringlinge in eine vom Adel beherrschte Welt, sind die bürgerlichen Fürstinnen und Fürsten von heute ein wichtiger Garant für die Daseinsberechtigung und den Fortbestand einer modernen Monarchie.

Barbara Bauer, 22. Mai 2021

Humor und Ironie bei Boucher

Nichts ist schöner, als in einer Ausstellung in die leuchtenden Augen schmunzelnder Besucher*innen zu schauen oder ganz unverhofft ein laut schallendes Lachen zu hören.

Die Begegnung mit Kunst ist eine Bereicherung und löst Emotionen aus. Besonders das Rokoko gilt als heitere Epoche, in der vor allem das Vergnügen im Vordergrund stand. Auch die Kunst dieser Zeit thematisiert das gemütliche Beisammensein in der Natur, ausschweifende Feste mit glanzvoller Mode oder moralische Freizügigkeit.

Bei François Bouchers steht Humor nicht vordergründig als Thema in seinen Werken, doch findet sich bei näherer Betrachtung in zahlreichen Details Bildwitz und Ironie.

Das Gemälde Der Zauber des ländlichen Lebens in der Ausstellung François Boucher.

In den Pastoralen, den Hirtenszenen, zeigt der Maler modisch gekleidete junge Schäferinnen und Schäfer, die es sich in einer Landschaft gemütlich gemacht haben. Die humorvoll-ironisch zugespitzten Darstellungen haben nur wenig mit der Realität der Landbevölkerung im 18. Jahrhundert gemein. Statt harter Arbeit sehen wir genügsame Langeweile und gezähmte Tiere, die sich am seidenen Band führen lassen. Zwei sich anblökende Schafe lenken von den Annäherungsversuchern eines Kavaliers ab und ironisieren das romantische Treffen im Grünen.

François Bouchers Zeichnung Vertumnus und Pomona in der Ausstellung François Boucher. Künstler des Rokoko.

In den mythologischen Darstellungen nutzt er Putten um spielerische Situationskomik hervorzurufen. Diese kindlichen Engelsfiguren zeigt er beim geschäftigen Agieren mit allerlei Gegenständen. Unwillkürlich distanzieren wir uns vom eigentlichen Bildthema und schenken diesen teils tollpatschigen Knaben unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.

Nur wenig ist über den Charakter des Malers oder dessen Begeisterung für humorvolle Volten überliefert. Dennoch können wir uns heute dem Eindruck nicht erwehren, dass er bei der Erschaffung seiner Gemälde und Zeichnungen mit Freude am Werk war. Mehr als 250 Jahre später empfinden auch wir noch Witz und Ironie beim Anblick seiner Werke. Es lohnt sich also genau hinzuschauen!

Barbara Bauer, 14. Mai 2021

Täuschend echte Nachahmung

Welche Möglichkeiten hatten Kunstliebhaber*innen im 18. Jahrhundert, wenn sie ihre Appartements zeitgemäß mit Werken François Bouchers einrichten wollten, die gewünschten Zeichnungen aber bereits vergriffen waren?

Boucher arbeitete seine gesamte Karriere hindurch eng mit Pariser Grafikwerkstätten zusammen. Diese Kooperationen trugen wesentlich zu seinem Erfolg bei, da seine Kompositionen das Interesse einer breiten Käuferschicht weckten. Welche Reproduktionsgrafiken waren beim Publikum besonders beliebt?

Mitte des 18. Jahrhunderts führten neue Erfindungen zu einem regelrechten Aufschwung von Reproduktionstechniken. Besonders beliebt war die Kreidemanier, eine Verfeinerung bereits existierender Tiefdruckverfahren. Anstelle einer Radiernadel, mit der feine Linien auf der zuvor vorbereiteten Radierplatte erzeugt werden, nutzten die Grafiker*innen ein kleines Rädchen mit Zähnen(„Roulette“), dessen Erhebungen zahlreiche punktartige Vertiefungen bewirken. Auf diese Weise entstehen unterbrochene Linien, die rot eingefärbt die breiten Striche einer Rötelkreide imitieren. Der Kunstkritiker Dennis Diderot zeigte sich 1765 begeistert von der Technik, die „dem Druck den Anschein gibt, der Kreidestift habe auf den feinen Erhöhungen des Papiers seine [pudrigen] Moleküle hinterlassen.“

Ansicht von Werken in der Boucher-Ausstellung

In der Werkstatt des Grafikers Gilles Demarteau wurden ab Beginn der 1760er-Jahre mehr als 300 Zeichnungen Bouchers in diesem aufwendigen Verfahren reproduziert. Die Kooperation war für beide Seiten profitabel: Boucher erreichte durch dieses künstlerisches Medium ein wesentlich größeres Publikum, als dies allein durch den Verkauf von Zeichnungen möglich gewesen wäre. Zugleich ließ die große Nachfrage nach Werken Bouchers erfolgversprechende Verkaufszahlen erwarten.

Durch eine Weiterentwicklung des Verfahrens konnten realitätsgetreue Darstellungen mehrfarbiger Pastellzeichnungen erreicht werden. In einem langwierigen Druckprozess, für den eigens entwickelte Farben verwendet wurden, gelang es, den Verlauf der Farbtöne übereinander gelegter Kreideschichten nahezu authentisch wiederzugeben.

Ansicht der Boucher-Ausstellung

Die Technik der Pastellmanier wurde von Zeitgenoss*innen sehr geschätzt, da hier im Unterschied zum empfindlichen Pastell die Darstellungen vor Abrieb geschützt und leichter zu transportieren waren. Die gerahmten Druckgrafiken wurden neben Zeichnungen in den Appartements der Oberschicht präsentiert. Die Illusion war so überzeugend, dass aus der Distanz auch für Expert*innen kaum ein Unterschied festzustellen war. Diese Grafiken nach Boucher finden sich heute in Museen und Privatsammlungen weltweit und faszinieren als hochqualitative Werke des 18. Jahrhunderts.

Seitdem haben sich technische Möglichkeiten erheblich erweitert. Der Wunsch, die eigenen vier Wände mit Kunstwerken zu schmücken, bleibt bestehen. Faksimiles von Werken aus musealen Sammlungen sind in allen Preisklassen und Qualitätsstufen zu erwerben. Digitale Reproduktionstechniken und in großer Auflage maschinell gedruckte Grafiken bedürfen heute anderer technischer Voraussetzungen. Sind die Wiedergabe spezifischer Materialeigenschaften und exakte Farbtreue weiterhin die Kriterien für möglichst genaue Imitationen?

Barbara Bauer, 7. Mai 2021

Boucher und die Druckgrafik

Die Kunsthalle Karlsruhe besitzt eine der ältesten Grafiksammlungen Europas , die rund 90.000 Arbeiten auf Papier umfasst. Im Kupferstichkabinett werden auch zahlreiche Grafiken aus dem 18. Jahrhundert aufbewahrt – unter anderem solche, die nach Werken des Rokoko-Künstlers François Boucher entstanden.

In der Sammlung des Karlsruher Kupferstichkabinetts befinden sich über 80 Grafiken, die in Verbindung zu Boucher stehen. Einen Einblick in die Komplexität des Marktes für Druckgrafik bietet diese Entdeckungsreise in unsere Online-Sammlung:

Boucher als Grafiker

In den Anfangsjahren seiner Karriere verdiente er seinen Lebensunterhalt durch Radierungen nach Kompositionen anderer Künstler. Unter anderem reproduzierte er zahlreiche Zeichnungen des französischen Künstlers Antoine Watteaus aus der Sammlung Jean de Juliennes. Auch die niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts  diente ihm als Vorlage für Figurenstudien nach Abraham Bloemaert.

Ansicht der Boucher-Ausstellung
Direkte Auftragsvergabe

Boucher wurde von seinen Zeitgenoss*innen für seinen Erfindungsreichtum geschätzt und erhielt immer wieder direkte Aufträge durch die Werkstätten. Er fertigte Entwürfe für Frontispize, (die grafischen Illustrationen vor der Titelseite einer Publikation) oder Zeichnungen für Vorlagenbücher an. Diese Sammlungen dienten anderen Künstler*innen als Inspiration.

Gewissermaßen als Spezialgebiet Bouchers galten die Darstellungen von Putten – kindliche Kunstfiguren, die als schmückendes Beiwerk seine Kompositionen bevölkern. Der befreundete Grafiker Gabriel Huquier gab in den 1750er-Jahren sechs Folgen mit Kupferstichen von Pierre-Alexandre Aveline nach Kinderzeichnungen Bouchers heraus.

Nur einige Jahre nach ihrer Entstehung wurden drei der Bände für Karlsruhe erworben, die Kleinkinder mit lockigem Haar in variierenden Haltungen präsentieren. Fast schwerelos schweben sie zwischen den Wolken und hantieren in luftiger Höhe mit diversen Gegenständen. Durch unterschiedliche Blickwinkel und Perspektivwechsel ergeben sich reizvolle Darstellungen von humorvoller Leichtigkeit. Einer der Putten stürzt beinahe kopfüber in die Tiefe als er mit zwei Gehilfen versucht ein Tuch möglichst elegant zu drapieren. Ein anderes weiteres Blatt zeigt zwei Putten beim Spiel mit Schwert und Helm und an anderer Stelle sind liebliche Engel damit beschäftigt, Blüten zu sammeln.

Motivadaption

Die Grafik Venus und Amor von Gilles Demarteau entstand nach einer Zeichnung Bouchers, die in enger Verbindung zu einer Reihe von Gemälden steht, die eine liegende junge Frau in aufreizender Pose zeigen. Am stärksten ähnelt die Grafik dem Gemälde Ruhendes Mädchen aus München: Die Haltung der weiblichen Schönheit ist nahezu identisch, allerdings sind der Darstellung ein Köcher mit Pfeilen im Vordergrund sowie der kleine Amorknaben hinzugefügt. Durch diese Veränderungen erhält die aufreizende Pose der Liegenden eine mythologische Deutung.

Ansicht von Werken in der Boucher-Ausstellung
Verbreitung künstlerischer Ideen

Reproduktionsgrafiken ermöglichten die weite Verbreitung der Bildfindungen Bouchers und trugen wesentlich zu dessen Bekanntheit bei. Ausgeführt nach Gemälden und Zeichnungen des Malers, geben sie die Kompositionen detailgenau wieder und beeindrucken in ihrer künstlerischen Qualität. Ihre Beschriftungen informieren über Titel, Erfinder der Darstellung mit „F. Boucher Pinxit“ („F. Boucher hat gemalt“) oder „ F. Boucher Delineat“ („F. Boucher hat gezeichnet“), ausführende Hand durch „Sculpsit“ („hat gestochen“), Eigentümer*innen der Werke und eröffnen mögliche Interpretationsebenen der Darstellung durch Gedichte oder Zitate. Sie sind für uns eine wichtige Quelle zum Sammlungswesen und zur Rezeptionsgeschichte des 18. Jahrhunderts.

Qualitätsstandards

Boucher galt als extrem arbeitsamer Künstler, der der Qualität seiner Werke einen hohen Stellenwert beimaß, da seine Kompositionen so bekannt wurden, dass sie das Bild des Künstlers prägten. Als Reproduktionsgrafiken nach seinen Kompositionen nicht seinen Erwartungen entsprachen, verkündete er dies auch öffentlich in der Zeitschrift „Mercure de France“.

Freudiges Stöbern

Die Online-Sammlung der Kunsthalle Karlsruhe wird stetig erweitert und bietet einen reichen Schatz an Werken, die zum Erkunden einladen und als Inspiration für die eigene Kreativität genutzt werden können – vielleicht in der Rubrik Art of Creating Stuff der Kunsthallen-Anwendung Art of?

Barbara Bauer, 23. April 2021

Eine Tasse Schokolade und einen Zeichenstift in der Hand

In der aktuellen Ausstellung präsentieren wir Werke aus allen Schaffensperioden François Bouchers. Teilweise weisen die Gemälde und Zeichnungen auf einzelne Charakterzüge des Malers hin. Welche Persönlichkeit versteckt sich hinter dem arbeitsamen, von der europäischen Elite geschätzten und doch zugleich auch kritisierten „Franz Fleischer“?

Wir wissen einiges über seine äußeren Lebensumstände: François Boucher wird am 29. September 1703 als Sohn des Malers Nicolas Boucher und Elisabeth Lemesle in einem Handwerkerviertel im Zentrum von Paris geboren. Nach ersten Lehrjahren im Atelier seines Vaters und bei Akademiemalern, setzt er seine Ausbildung in Italien fort. Zu Beginn seiner Karriere verdient er seinen Lebensunterhalt als Radierer. 1733 heiratet er Marie-Jeanne Buseau. Das Paar hat drei Kinder: Jeanne-Elisabeth-Victoire (*1735), Juste-Nathan (*1736) und Marie-Émilie (*1740). Etwa zur gleichen Zeit festigt sich seine offizielle Karriere: 1734 wird Boucher als Historienmaler in die Königliche Akademie aufgenommen, 1737 zum Professor gewählt und 1765 schließlich zum Königlichen Hofmaler ernannt. Fünf Jahre später, am 30. Mai 1770 verstirbt er in Paris. Seine gesamte Laufbahn hindurch führt er Aufträge für die europäische Elite aus, nimmt regelmäßig an Salonausstellungen teil und arbeitet eng mit den Manufakturen der angewandten Kunst zusammen.

Eine Besucherin steht vor den Werken Bouchers

Kunstgeschichtliche Forschung basiert auf Quellenarbeit. Besonders aufschlussreich kann der Umgang mit Archivmaterial sein. Briefe, Erinnerungen oder Notizen helfen uns Gedankengänge nachzuvollziehen und mehr über persönliche Wünsche oder Sorgen der Künstler*innen zu erfahren. Doch wie nähern wir uns einem Künstler an, von dessen Hand heute kaum schriftliche Zeugnisse überliefert sind?

Hier helfen Berichte aus dem sozialen Umfeld. Der deutsche Maler Christian von Mannlich lernte ab 1764 in der Werkstatt Bouchers und schreibt in seinen Lebenserinnerungen über Bouchers Morgenroutine: „Des Morgens, während er im Arbeitszimmer seine Schokolade trank, vergnügte er sich damit, Zeichnungen zu entwerfen oder zu verbessern.“ Diese sympathische Beschreibung zeichnet das Bild eines genussvollen Arbeiters mit dem wir uns leicht identifizieren können. Zugleich sind persönliche Anekdoten, die heute nicht mehr überprüft werden können, immer mit der nötigen wissenschaftlichen Distanz zu betrachten. Welche Intention hatte Mannlich bei der Schilderung dieser Szene?

Ansicht von Werken in der Boucher-Ausstellung

Boucher galt als extrem fleißiger Künstler, war vielseitig interessiert und nahm aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Er begeisterte sich für das Theater sowie die Musik seiner Zeit und besuchte häufig die Salons von Madame Geoffrin. Sie organisierte wöchentliche Treffen zum Austausch über Kunst und Literatur, bei denen auch zahlreiche Förder*innen des Malers verkehrten – wie beispielsweise die spätere Madame de Pompadour. Boucher war wohl ein gern gesehener Gast, da seine Neugierde vielen Bereichen galt. Seine Privatbibliothek umfasste knapp 7.000 Bände und zeugt von seinem literarischen Interesse. Gepaart mit einer ausgeprägten Einbildungskraft übertrug er dieses Wissen in anmutige Bilderzählungen. Zugleich präsentierte er in den Räumen neben seinem Atelier im Louvre seine umfangreiche Privatsammlung, die unter anderem Kunstwerke, Objekte aus fernen Ländern oder Schalenweichtiere umfasste. Diese Gegenstände nutze er als direkte Inspirationsquelle für seine Darstellungen.

Ungeachtet der wenigen historischen Quellen zur Privatperson, erscheint uns Boucher als facettenreicher Künstler, der wesentliche Eigenschaften in sich trug, die wohl heute noch als Grundlage für Erfolg gelten: Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft und handwerkliches Können gepaart mit einer gehörigen Portion Humor und Lebensfreude.

Dr. Astrid Reuter, 9. April 2021

Gerühmt und geringgeschätzt

Woran liegt es, dass ein einst gefeierter Künstler in Vergessenheit gerät und erst Jahrzehnte nach seinem Tod wiederentdeckt wird? Welchen Einfluss haben Politik und Gesellschaft auf die Bewertung von Kunst? Welche Urteile bestimmen unseren Blick heute?

Beschäftigt man sich mit dem französischen Künstler François Boucher, so drängen sich solche Fragen geradezu auf. Der als Meister der Illusion gefeierte Maler wurde von der Elite seiner Zeit hoch geschätzt – für die Brillanz seiner Werke, ihren Erfindungsreichtum und ihre virtuose Ausführung. Die Ernennung zum Ersten Maler des Königs sollte 1765 seine Karriere krönen, doch zu dieser Zeit bröckelte sein Ruhm bereits. Gefragt waren nun eine strengere Formensprache und Themen, die zu moralischem Handeln ermunterten. Vom viel gelobten wird Boucher zum nachhaltig kritisierten und schließlich im Zuge der Französischen Revolution fast vergessenen Künstler. Seine Wiederentdeckung ist insbesondere Künstler*innen zu verdanken, unter ihnen Edouard Manet und Pierre-Auguste Renoir sowie Berthe Morisot.

Bouchers Leben erzählt von Aufstieg und Fall und so wurde der Künstler für den in Ostberlin tätigen Dramatiker Peter Hacks (1928–2003) zu einem Modell für die Wendezeit und zu seinem eigenen Alter Ego. In seiner Komödie Der Maler des Königs aus dem Jahr 1991 zeichnet er das Bild eines verkannten, vereinsamten, verbitterten und zugleich geistreich-ironischen Künstlers, der als scharfzüngigen Beobachter eine veränderte Zeit betrachtet.

Auch wir wollten genauer hinschauen! Unsere Ausstellung lädt zum Entdecken eines Künstlers ein, dessen Werk die Lust an der malerischen Verführung zeigt, der humorvoll, auch ironisch auf die Dinge blickt und malerisch seine eigene Welt entwirft.

Barbara Bauer, 26. März 2021

Interieur im Stile Bouchers

Wenn wir über das Werk des Rokoko-Künstlers François Bouchers sprechen, kommen uns wohl zuerst zahlreiche Zeichnungen und Gemälde in den Sinn, die der Maler im Laufe seiner Karriere geschaffen hat. Doch viele seiner Kompositionen dienten auch als Vorlage für die angewandte Kunst und fanden auf diese Weise zusätzlich Verbreitung.

An der angewandten Kunst begeistert mich vor allem das handwerkliche Geschick mit dem die gezeichneten oder gemalten künstlerischen Entwürfe in andere Medien übertragen werden. Es handelt sich vielfach um ein stark spezialisiertes Wissen, das im Zuge einer umfassenden Ausbildung erlernt wird. In unserer hoch technisierten Welt und im Hinblick einer immer weiter fortschreitenden Digitalisierung, sind die Kenntnisse über ursprüngliche Herstellungsverfahren und manuelle Tätigkeiten besonders faszinierend.

In der höfischen Repräsentationskultur des 18. Jahrhunderts hatten textile Wandbehänge einen besonderen Stellenwert. Zugleich waren sie für die beauftragten Künstler*innen wichtige Einnahmequelle und steigerten durch ihre Funktion als diplomatische Geschenke der Krone das Renommee der Schöpfer*innen entscheidend. Auch Boucher profitierte von diesem Phänomen.

Aus der engen Kollaboration mit den beiden bedeutendsten französischen Manufakturen für Wandbehänge in Paris und Beauvais entstanden großformatige Tapisserien, die bald Herrscherhäuser in ganz Europa schmückten und die Mode der Innenausstattung im 18. Jahrhundert entscheidend prägten. Das französische Wort Tapisserie (nach dem griechischen Wortursprung „tapis“ für „Teppich“) bezeichnet eine flächige textile Wandverkleidung.

Ausstellungsansicht des Gemäldes Die chinesische Jagd von 1742 des Künstlers François Boucher

Die Gestaltung der Tapisserien basiert auf den gleichen, zweidimensionalen Kompositionsprinzipien wie Gemälde. Boucher entwarf die Darstellungen in kleinformatigen, skizzenhaften Ölstudien, die er zumeist in Grau- oder Brauntönen ausführte. Anschließend wurden diese in farbige Gemälde überführt, die in den Manufakturen von den „cartoniers“ (auf diese Tätigkeit spezialisierte Maler*innen) auf die gewünschten Maße vergrößert wurden. Diese Kartons nutzten die Wirker*innen – so bezeichnete man die Berufsgruppe, die mit der Ausführung beauftragt war –  schließlich als Vorlage für die Tapisserien.

Bedingt durch das Material und den Herstellungsprozess unterscheiden sich die Wandbehänge in ihrer Wirkung stark von der Malerei. Anstelle eines individuellen Pinselduktus, der auf die Hand des Malers verweist, gibt die gleichmäßige Wirkstruktur keine direkten Hinweise auf die Gestaltenden. Teilweise arbeiteten mehrere Wirker*innen Monate oder Jahre an den aufwendigen Tapisserien.

Man unterscheidet im Herstellungsprozess zwischen vertikal und horizontal gewirkten Teppichen, die entsprechend am Hoch- bzw. Flachwebstuhl angefertigt werden. Die Manufaktur in Beauvais war auf die Produktion von basselisse-Tapisserie am horizontal ausgerichteten Flachwebstuhl spezialisiert. Das Resultat unterscheidet sich optisch nicht vom Produktionsverfahren der hautelisse (am Hochwebstuhl gewirkt), wie es in der königlichen Manufaktur der Gobelins praktiziert wurde. Grundsätzlich beruht die Technik auf dem Wechsel zwischen passiven und aktiven Fäden: Das passive Fadensystem wird als „Kette“ bezeichnet und ist gewissermaßen die Grundstruktur auf die im Webstuhl die aktiven Fäden (bezeichnet als „Schuss“) gewirkt werden, die die Motive bilden.

Im Unterschied zum Weben wird bei der Bildwirkerei der Faden nicht über die gesamte Breite durchgeschossen, sondern nur in dem Bereich hin- und zurückgewirkt, wo die Farbe auf dem Karton zu sehen ist. Diese aufwendige manuelle Arbeit ermöglicht feinste Farbabstufungen. Zusätzliche Effekte werden durch die abwechselnde Verwendung von matter Wolle und glänzender Seide erreicht.  Die Wirker*innen nutzten Seidenfäden, die zusammen mit Gold- und Silberfäden im Kerzenschein wohl besonders eindrucksvoll glänzten. Die Fäden wurden mit natürlichen Farbstoffen gefärbt, die Pflanzen, Tieren oder Mineralien entstammten. Heute sind die ehemals strahlenden Farben häufig verblast und goldene Akzente sind schwarz oxidiert.

Tapisserie Venus in der Schmiede des Vulkans in der Ausstellung François Boucher der Kunsthalle Karlsruhe

In der Ausstellung präsentieren wir einen Teppich aus der Manufaktur in Beauvais, der eine Szene aus Ovids Metamorphosen zeigt: Der Moment als Venus in der Schmiede des Vulkan die Waffen für ihren Sohn Äneas entgegen nimmt.

Wenn wir heute staunend vor einem dieser großformatigen Wandteppiche stehen, spüren wir trotz der verblichenen Farben noch immer die ungeheure Wirkung der monumentalen Komposition. Fast lockt der Wunsch nach einer Umgestaltung der eigenen vier Wände im Stil einer gesamtkompositorischen Innenausstattung. Zugleich bedarf es entsprechender Räumlichkeiten um eines dieser musealen Exponate zu präsentieren. Für die persönliche Sammler*innenleidenschaft im eigenen Zuhause empfehlen sich doch eher platzsparende Medien.

Boucher Online-Führung

Am 22.4.21 findet eine Online-Führung mit der Kuratorin Dr. Astrid Reuter zu diesem Thema statt. Alle Informationen erhalten Sie im Online-Kalender.

Dr. Astrid Reuter, 14. März 2021

Boucher hörend entdecken

Wie möchten wir Kunst betrachten? So verschieden wir sind, so unterschiedlich kann unsere Annäherung an Werke sein.

Dies gilt auch und im Besonderen für den Besuch von Ausstellungen. Allein, zu zweit oder in der Gruppe, selbst entdeckend, im Gespräch mit Spezialist*innen oder dem Katalog in der Hand. Seit Jahren gehören Audio- und Multimediaguides zu den beliebten Begleitern bei Museumsbesuch. Sie erlauben ein Höchstmaß an Unabhängigkeit, schirmen von der Umgebung ab, können hier ein- und dort ausgeschaltet werden. Und sie geben Impulse für die Betrachtung, bieten aber auch Reibungsflächen, an denen sich eigenen Gedanken schärfen können. Auch zu unserer Ausstellung „François Boucher. Künstler des Rokoko“ ist ein Audioguide entstanden, der Anregungen beim Schauen geben und eine Einladung zum Betrachten von zu Hause sein möchte.

Diana mit ihren Nymphen im Wald rastend

Zeichnung der Jagdgöttin Diana, die mit ihren Nymphen im Wald rastet
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Venus in der Schmiede des Vulkan

Tapisserie Venus in der Schmiede des Vulkans in der Ausstellung François Boucher der Kunsthalle Karlsruhe
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Die Traubenesser

Figurengruppe Die Traubenesser in der Ausstellung François Boucher in der Kunsthalle Karlsruhe.
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Die Morgentoilette

Gemälde Die Morgentoilette von François Boucher, entstanden 1742.
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Der Maler in seinem Atelier

Gemälde Der Maler in seinem Atelier in der Ausstellung François Boucher der Kunsthalle Karlsruhe
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Dr. Astrid Reuter, 5. März 2021

Boucher – Maler von | Maler für FRAUEN?

Kaum ein Künstler wird so sehr mit der sinnlichen Darstellung von Frauen verbunden wie Boucher. Seine Gemälde und Zeichnungen feiern die Schönheit schimmernder Oberflächen. Sie brachten ihm den Ruf eines „Malers der Grazien“ ein und riefen zugleich Kritiker*innen auf den Plan.

Von allen Seiten bieten die Frauen ihre meist entblößten Körper dem Blick der Betrachtenden dar. Obgleich sie aus unserem Alltag hinlänglich bekannt ist, irritiert diese offensive Präsenz nackter Weiblichkeit in der Kunst. Zeigt sich hier der bewundernde Blick eines Malers, der die körperliche Schönheit wieder und wieder feiert, oder die männliche Dominanz, die sich eine Verfügungsgewalt über den weiblichen Körper anmaßt?

Zeichnung der Jagdgöttin Diana, die mit ihren Nymphen im Wald rastet

Die Darstellungen weiblicher Akte, vielfach im Gewand der Mythologie als Venus oder Diana gezeigt, wurden im 18. Jahrhundert von Frauen wie Männern erworben. Bouchers Kunst galt lange Zeit als feminin, wurde im negativen Sinne als verweiblicht, als unheroisch oder auch geziert beschrieben und als Zeichen weiblicher Vorherrschaft in der Zeit des Rokoko betrachtet. Man kann berechtigte Zweifel an dieser Lesart anmelden. Doch steht außer Frage, dass Frauen von großem Einfluss in der gehobenen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts waren und mit ihrem Geschmack die Kunstproduktion ebenso prägten wie Männer.

Die viel drängendere Frage jedoch scheint, wer als Modelle für solche Bilder zur Verfügung stand. Die Arbeit nach männlichen Aktmodellen gehörte im 18. Jahrhundert zu den Erfordernissen des akademischen Curriculums. Das Studium des weiblichen Körpers hingegen lag in der Verantwortung jedes einzelnen Künstlers. Im Hinblick auf Boucher wurde vermutet, ihm habe seine Ehefrau Modell gestanden, deren Schönheit allgemein bekannt war. Doch war es für die bürgerliche Frau eines angesehenen Künstlers der königlichen Akademie wohl schlichtweg unvorstellbar, als Aktmodell zu posieren. Auch Madame de Pompadour, die wiederholt in diesem Zusammenhang genannt wurde, ist aufgrund ihrer offiziellen Position als „maitresse en titre“ auszuschließen.
Durch zeitgenössische Überlieferungen als Aktmodell belegt ist die irischstämmige Marie-Louise O’Murphy, die aus bescheidenen Verhältnissen stammte. Ihre Familie war aufgrund von kriminellen Machenschaften verschiedentlich im Fokus der Polizei – Spionage, Diebstähle und Prostitution wurden ihr vorgeworfen. Ungeachtet dessen wurde O‘Murphy Bouchers Modell, doch schweigen die Quellen über den Charakter der Beziehung zwischen Maler und Modell.

Wie differenziert Boucher Haltung und Rolle von Frauen wiederzugeben verstand, führt sein großformatiges Bildnis der Madame de Pompadour vor Augen. Ihre makellosen Züge und das kostbare Kleid führen zweifellos Schönheit und Eleganz vor Augen. Doch bleibt der Künstler nicht bei den Äußerlichkeiten stehen. Vielmehr knüpft er mit den rahmenden Vorhängen und dem im Spiegel reflektierten Raum, der den formellen Staatskabinetten gleicht, an Herrscherdarstellungen an. Er fügt Bücher, Schreibzeug und Hinweise auf die künstlerische Tätigkeit der Dargestellten hinzu und zeigt sie damit sowohl als machtvolle als auch überaus gelehrte Frau.

Die hier kurz angerissenen Aspekte können die Komplexität der Frage nach der Rolle der Frauen im und für das Werk von Boucher nur andeuten. Wie weit tragen unsere heutigen Vorstellungen, wie stellt sich die historische Perspektive dar? Wir stehen vor der schönen Herausforderung, im abwägenden Urteil unseren eigenen Blick zu schärfen – auf die Kunst wie auch auf unsere eigenen Maßstäbe.

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